Das Böse, normal banal und alltäglich

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Das Böse, normal banal und alltäglich.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort                                                                                            S   3

Kapitel I Das Böse                                                                           S   4

a)     Klassische Theorien des Bösen                                    

b)     Aufklärung und Moderne                                             

Kapitel II Das Böse in der Zivilisation                                            S 28

a)     Grundlegende Vorüberlegungen                                 

b)     Neue Gewichtung des Bösen                                                                                                                                              

Kapitel III  Wir Menschen                                                              S 47

a)Von Stadien, Bewusstseinsstrukturen und

Weltsichtebenen                                                     

                        a1) Piagets Stadien                                                 

                        a2) Gebsers Bewusstseinsstrukturen                    

                        a3) Graves´ Weltsichtebenen                                

Kapitel IV Die Zivilisation und ihre Folgen                                    S 64

a1) Machthierarchien, Klassen und Kasten           

a2) Entfremdung                                                     

a3) Der Verlust des Mitgefühls                              

a4) Macht und Eigentum als Ersatz für Liebe      

a5) Neue Sprache, neues Denken                          

a6) Resume I

a7) Resüme II                                                                      

Kapitel V Die Zivilisation und ihre Bedingungen als

        Voraussetzung des normalen, banalen und

         alltäglichen Bösen                                                       S106

Anhang                                                                                  S116

Anmerkungen                                                                       S117

Bücherliste                                                                            S120

Ist die Müdigkeit, die mich plötzlich überfällt, der Mantel über alle Tränen meiner Kindheit?

Ist diese Gleichgültigkeit, die ich spüre, wenn andere leiden, die Angst, zu ihnen zu gehören?

Ich halte mich mit aller Gewalt gegen mich selbst aufrecht.

Als Jugendlicher stemmte ich manchmal einen Sessel mit den Zähnen hoch, in der Hoffnung, dass meine Schwächen von so viel Stärke wiederlegt werden.

Heute stemme ich mangels guter Zähne keine Sessel mehr. Die Art aber, Stärke zu zeigen, damit die Schwäche übersehen wird, ist geblieben.

Wie lange noch werde ich alles hinunterschlucken und so tun, als sei nichts gewesen?

Wie lange noch werde ich auf alle eingehen und mich selbst mit freundlicher Miene vergessen?

Wie lange kann ein Mensch sich selber nicht lieben?

Es ist so schwer die Wahrheit zusagen, wenn man gelernt hat, mit der Freundlichkeit zu überleben.

Peter Turrini 1998

Vorwort

Es mag sehr verwunderlich erscheinen, dass sich heute jemand die Mühe macht ein  Buch über „das Böse“ zu schreiben. Dies gilt insbesondere dann, wenn derjenige dies auch noch mit einem Anspruch unternimmt zu zeigen, dass dieses Böse so allgemein, so banal, so alltäglich, so selbstverständlich ist und daher immer häufiger schlicht übersehen, ja fast schon als selbstverständlich akzeptiert wird.  Diesen Anspruch soll der über mehrere Spezialwissenschaften hinausgehende Ansatz auf eine solche Sicht in einem umfassenderen Sinne erfüllen. Die Beurteilung der gegenwärtigen Auseinandersetzungen mit diesem Thema zeigt, dass die Mehrzahl der Bücher der jüngeren Vergangenheit, die sich damit beschäftigten gerade von FachwissenschaftlerInnen – z.B. BiologInnen, PsychologInnen, AnalytikerInnen, SoziologInnen oder Kriminalisten – geschrieben wurden, interessanterweise aber weniger von PhilosophInnen, wo doch diese über mehr als 2000 Jahre dieses Thema weitgehend beherrschten. So besteht auch hier die zugrundeliegende Absicht darin eher auf allgemeine, gesellschaftliche Zusammenhänge hinzuweisen, in denen sich das Böse zeigt, ja aus diesem her begründen lässt, insbesondere aber solche näher zu benennen und durchaus bekannte „Selbstverständlichkeiten“ auf diesem Hintergrund zu betrachten. So werden auch die wesentlichsten Bezüge und Begründungen der Argumentationsstränge aus solchen allgemein zugänglichen Wissenschaften hergeholt. Es erscheint aber gerade wegen der zunehmenden Normalität von politischen und wirtschaftlichen Handlungen – die üblichen kriegerischen und kriminellen werden weniger beachtet, weil doch eher bekannt -, die sowohl Menschen physische und noch mehr psychische Schmerzen bereiten, als auch ihre allgemein akzeptierten, ja garantierten Menschenrechte und ihrer daher kommenden Menschenwürde mit Füßen treten, geboten, sich erneut nachdrücklich mit diesem Thema zu beschäftigen

Wer sich heute zu diesem Thema zu äußern beabsichtigt, vor allem wenn sein eigentliches Thema die dem Bösen oft mit-gehende Banalität, heute noch öfter die immer deutlicher erkennbare Normalität und Alltäglichkeit ist, muss sich in besonderer Weise um unsere derzeitige gesellschaftliche Realität bemühen, denn diese liefert ja die Gründe und Voraussetzungen für diese Umstände. Dies gilt heute in weit größerem Umfange als selbst noch in einer nicht weit zurückliegenden Vergangenheit. Aber wenn ma´u (Abkürzung für man/frau) diese Umstände von diesem Blickwinkel her darstellen will, muss ma´u sich „warm anziehen“, wie schon Hannah Arendt in ihrem Buch über Eichmann erfahren musste. Dies hat damit zu tun, dass hier gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten in den Blick geraten, die in aller Regel nie mit dem Bösen in Zusammenhang gebracht, bzw. unter diesem Aspekt gesehen werden, vor allem nicht so gesehen werden sollen und daher mit allen Mitteln verleugnet und meist auch bekämpft und daher umfassend verdrängt werden. Wir werden noch sehen, in welchem Ausmaß dies gerade hier gilt. Es handelt sich nämlich hierbei insbesondere um die meist übersehenen Ursachen, ebenso wie deren Folgen, wie sie sich von gesellschaftlich vorgegebenen und daher erwünschten Entscheidungen und eben dann durch diese motivierten Handlungen ableiten, wie sie sich im gleichen Sinne als Auslöser und daher kommenden umfassenden Folgen schon exemplarisch bei Eichmann gezeigt haben. Und es ist daher schon von Beginn an im Titel angezeigt, dass solche Verhältnisse sich keineswegs vermindert, sondern im Gegenteil umfassend vermehrt, ja geradezu normalisiert haben. Scheinbar haben wir uns von der krassen Ausnahmesituation der KZs und Gulags so blenden lassen, dass wir die eher „normalen“ Formen des alltäglichen Bösen gar nicht mehr wahrnehmen, obwohl deren Folgen sehr wohl Formen angenommen haben, die zwar nicht in ihrer konkreten Handlung und daherkommenden Folgen zu vergleichen sind, in ihrer Zahl aber weit darüber hinaus gehen. Es gilt daher mehr denn je genauer hinzuschauen.

Kapitel I Das Böse

„…. es ist wie ein automatisch laufender Betrieb, wie eine Mühle, in der Getreide zu Mehl zermahlen wird und die mit einer Bäckerei gekoppelt ist. Auf der einen Seite kommt der Jude herein, der noch etwas besitzt, einen Laden oder eine Fabrik oder ein Bankkonto. Nun geht er durch das ganze Gebäude, von Schalter zu Schalter, von Büro zu Büro, und wenn er auf der anderen Seite herauskommt, ist er aller Rechte beraubt, besitzt keinen Pfennig, dafür aber einen Pass, auf dem steht: <Sie haben binnen 14 Tagen das Land zu verlassen, sonst kommen Sie ins Konzentrationslager>“1 (Hannah Arendt „Eichmann in Jerusalem“ S.121). Mit diesen absolut nüchternen, ohne jede Emotion vorgetragenen Sätzen, beschreibt Eichmann die Organisation, die er in Wien nach dem „Anschluss“ Österreichs eingerichtet hatte, um gemäß seines Auftrages die Juden schnellstmöglich – natürlich nicht bevor ma´u Sie Ihres Vermögens beraubt hatte – aus Österreich zu vertreiben. Dies war die Zeit, in der es noch keine „Endlösung“, also die systematische Vernichtung der Juden, gab. Und an anderer Stelle folgt seine Beschreibung der in diesem Amt tätigen Beamten: „Sie hatten keinen Kontakt, keinen inneren Kontakt zur Sache (also nur „zur Sache“, nicht zu den Menschen, mit denen Sie es hier zu tun hatten). Sie waren bloße Büromenschen. Der Paragraph entschied, der Befehl entschied, das andere (also die Folgen Ihrer Handlungen) interessierte nicht“2.

Warum beginne ich dieses Buch und damit dieses Kapitel ausgerechnet mit diesen Sätzen, die doch vordergründig eine fast alltägliche Situation von Bürokratien – zumindest wenn sie gut, sprich zweckmäßig, also dem erwünschten Verwaltungszweck nach, organisiert sind – beschreiben? Ma´u könnte diese Sätze eben auf alltägliche Verwaltungsakte anwenden, wenn ma´u mal den speziellen Sachverhalt der damaligen Umstände etwas beiseitelässt. Aber ganz konkret gefragt: was ist an den obigen Sätzen dran, was sagen sie, wenn ma´u damit etwas typisch Böses und gar in ihm die unterstellte Banalität erkennen soll? Das Wichtigste, was dabei ganz deutlich auffällt, ist der Umstand der Normalität, ja geradezu Selbstverständlichkeit solcher Verhaltensweisen in Bürokratien und hierbei ist es völlig unerheblich, ob staatlicher oder von Großkonzernen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Sie verehrte LeserInnen über das bisher Gesagte eher den Kopf schütteln, eben weil diese Umstände so alltäglich sind. Aber ist es denn dann überhaupt gerechtfertigt, von hier ausgehend die Banalität, ja Normalität des Bösen aufzeigen und belegen zu wollen? Um dies zu können müssen wir uns zunächst anschauen, was eigentlich solches ist, das wir allgemein als etwas Böses verstehen. Erst dann können wir beurteilen, ob dieser erste Hinweis gerechtfertigt war, um dieses „Böse“ zu charakterisieren, oder nicht. Vor allem aber, ob es dann gelingt seine Banalität und heutige alltägliche Normalität zu belegen. Dieses Böse wird ab jetzt unser Thema sein, wobei wir zunächst bei den herkömmlichen Theorien zum Thema „Böses“ beginnen wollen. Zuvor muss ich aber noch eine Bemerkung vorwegschicken; da über dieses Thema schon unzählige Bücher verfasst wurden, wäre es einfach unsinnig eine weitere „allgemeine“ Ausführung anzufügen. Daher werde ich mich auf wenige wesentliche Hinweise beschränken, und diese dann meist mit einem der wichtigsten Vertreter dieser Ansicht in Verbindung bringen. Dies wird aber immer nur in der kürzest möglichen Form geschehen, also nur selten mit näheren Ausführungen. Der Zweck dieses Vorgehens liegt darin, dass ich dann im dritten Abschnitt weitgehend eigene Sichtweisen auf dieses Thema anfügen werde, wobei ich mich aber häufig auf die hier folgenden beziehe. In den anhängenden Literaturhinweisen sind aber eine ganze Zahl von Büchern aufgeführt, in denen ma´u bei Interesse nähere Ausführungen zu den kurzen Querverweisen finden könnte.

a) Klassische Theorien des Bösen

Vorab ist hier festzuhalten, dass sich Gedanken, die sich Menschen überhaupt über welchen Gegenstand oder Umstand auch immer machen – zumindest in diesem Zusammenhang gemeint -, auf real existierende Umstände und Verhältnisse des Lebens beziehen. In Bezug auf das Böse ist damit gemeint, dass es schon immer Sachverhalte und Handlungen gab, die Umstände und Verhältnisse hervorbrachten, die sich schädigend auf die von solchen Handlungen betroffenen Menschen auswirkten. Ob dies dann Krankheiten, Unfälle, Unglücke allgemeiner Art, oder schädigende Umstände, die aus der Natur herkommen – also schädliche Wirkungen durch das Wetter oder Erdbewegungen (Steinschlag, Muren usw.) bis Erdbeben – können, oder schädigende Handlungen von Personen anderen gegenüber ist einerlei, denn diese existierten schon immer, da wir Menschen erstens Teil der Natur sind, und zweitens eben als Menschen „zwiespältige“ Wesen sind. Aber wie ma´u dazu stand, war immer, und ist es bis heute, eine Frage der Interpretation der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, oder – um den Begriff von Castoriadis aufzunehmen – deren imaginären Sicht. Allerdings war es in der vor den Griechen liegenden Vergangenheit völlig selbstverständlich, solches an den Handlungen von Menschen selbst festzumachen. M.a.W., das Böse in einem abstrakten Sinne, wie ihn die Griechen zu denken begannen, (s.u.), kannte ma´u zuvor überhaupt nicht. Wie wir noch sehen werden hat diese entschieden mit dem heraufkommenden mentalen Denken und dessen Folgen zu tun3. Wir werden aber noch sehen, was das für weitere Folgen haben wird. Um dieses „frühere“ – also vor dem griechischen Denken -, eher persönliche, sprich an den jeweils Handelnden festgemachte Böse zu verstehen, bzw. sich zu erklären, spielten zunächst die Mythen und später Gedanken über „gute“ oder „böse“ Absichten und Reaktionen der Götter eine immer wichtigere Rolle, noch davor waren es schon die bösen Absichten der Ahnen oder der Geister. Allerdings muss ma´u hier deutlich betonen, dass die Vorstellungen über Götter und Geister für die frühen Menschen Teil ihres Verständnisses von Leben und Natur überhaupt waren. Oder anders ausgedrückt; beide „Wesenheiten“, die eben ihrerseits vom Stand des jeweiligen Denkens und damit der daher bedingten möglichen Welterklärens abhingen, sind und waren damit schon immer vom jeweiligen Entwicklungsstand der geistigen Evolution der Menschen (s.u.) abhängig.

Spätestens aber, als wir durch die Veränderung der Sprache in der defizienten Phase des magischen, wie mythischen (s. erneut u.) und des heraufkommenden mentalen Denkens uns Gedanken und dann Theorien über Gut und Böse – was immer ma´u dann auch darunter verstand, was sich ja immer wieder in wesentlichen Bereichen und Sichtweisen änderte – machten, wurden diese jetzt „theoretisch“ eher als Abstraktum gedacht. M.a.W., dies ist dem Umstand geschuldet, dass sich zwar schon davor erst dann Gedanken „über“ etwas machbar waren, als ma´u sich davon – also neben der umgebenden Natur auch von sich selbst als dem/derjenigen, der/die sich über „sich selbst“ Gedanken machen kann – distanzieren konnte. Der/die Denkende muss sich selbst „gegenüber“-treten können, sich sozusagen im Wasser oder Spiegel als zu Befragende/n sehen und verstehen können, was ja erst mit der Heraufkunft des mythischen und dann insbesondere des egoischen Denkens möglich wurde. Bei den Griechen kommt aber aus dem legein (s.u.) die Fähigkeit zur abstrakten Be-Nennung hinzu, die eigentlich erst durch die griechischen Philosophen hervorgebracht wurde, die eben mit Hilfe des sich entwickelnden mentalen Denkens begannen das „Wesen“ von etwas von dem real existierenden Umstand oder der konkreten Erfahrung zu trennen. Also konkret, das persönlich „erfahrene“ Böse einer Krankheit z.B.  ist gedanklich, insbesondere dann aber sprachlich etwas völlig anderes, als der Begriff eines Bösen „an sich“. Um dies aber zu können, setzt das Denken einen „räumlichen“ Sinn, eine dreidimensionale Sichtweise voraus, der dann dieses Gedachte räumlich „abgehoben“ und zeitlich ge-richtet verstehen kann. Was meint das? Wie eben erwähnt, begannen diese Gedanken zuerst in Griechenland mit den ersten „Philosophen“, also Männern, die sich „über sich und die Welt“ anfingen genau in diesem Sinne Gedanken zu machen, denn hier und in dieser Zeit begann das Denken „räumlich“ zu werden. Ma´u vergleiche hierzu einen der ersten Sätze, der dies zum Ausdruck bringt. So sagte Parmenides: „Denken und Sein ist dasselbe“. Hier sprach sich zuerst die umfassende Sicht – sehen ist ja immer räumlich zu verstehen – des Denkens auf das Sein aus. Wir sind hier am Beginn einer Entwicklungsphase des Denkens einer ahnenhaften perspektivischen – im Sinne der dritten räumlichen und daher auch zeitoffenen Perspektive – Denkweise, wie sie sich dann aber erst seit etwa dem 13. Jh. in Europa umfassend und endgültig als rationale ausbreitete. Neben dem Verdinglichen dieses Prozesses ist der Begriff des „zeitoffenen“ hier entscheidend, da die Begriffe Gut und Böse vor allem zukünftige Folgen „im Auge“ haben, also ein Denken, das im vorausgehenden zyklischen Denken der mythischen Zeit noch nicht möglich war (s.u.). Im Zusammenhang mit Überlegungen zu einem gelingenden Leben formulierten dann vor allem Sokrates und insbesondere sein Schüler Platon und dessen Schüler Aristoteles solche Gedanken, die sie unter dem Begriff des „Guten“, oder gar des „absolut Guten“ darstellten, die im letzteren Falle eben verdinglicht in Richtung einer göttlichen Vorstellung verwiesen. Eines ist aber unbedingt zu beachten; diese Abstraktion von Gut und Böse hatte zur Folge, dass der frühere Bezug zu der handelnden Person im Laufe der Zeit Stück für Stück verloren ging. Ab jetzt streiten sich zunächst die Philosophen und dann bald auch die Theologen nur noch über diesen abstrakten Sachverhalt und seine nähere Definition – z.B. dann insonderheit in Bezug auf das Thema Sünde -. Der Bezug zu der eigentliche Handlung und dem Handelnden selbst, vor allem aber den Betroffenen, gerät dadurch immer mehr aus dem Blick und spielt erst wieder in jüngerer Zeit eine zunehmende Rolle. Und noch eine letzte Bemerkung ist nicht unwichtig um diese folgenden Diskussionen zu diesem Thema besser einordnen zu können; es ist unbedingt wichtig zu beachten, dass mit ganz wenigen Ausnahmen alle diese Männer entweder direkt aus den gesellschaftlichen Eliten kamen, zumindest aber aus begünstigten, da nur diese überhaupt lesen, schreiben und studieren – wie immer dies zunächst vor sich ging ist dabei nicht entscheidend – konnten. Da die jeweiligen „Bilder im Kopf“ neben den Einflüssen der Gesellschaft allgemein, immer auch und vor allem eine Folge der je persönlichen Ontogenese sind, ist dieser Umstand zum besseren Verständnis der folgenden Diskussionen grundlegend entscheidend. Um das Gemeinte etwas flapsig auszudrücken: ein Blick „von unten“ ist immer anders als der „von oben“.

Es kann nun erneut keinesfalls hier die Absicht sein diese ganzen weiteren Entwicklungen näher aufzuzeigen, da es hierzu ja eine große Zahl von Büchern gibt. Aber es erscheint doch erforderlich einige Hinweise zu den Begriffen gut und das Gute zu machen, da diese erstens durchaus Unterschiedliches bedeuten, vor allem zweitens aber als die Gegenpole der dualen Sichtweise des mentalen Denkens über das Leben zum bösen und dem Bösen zu betrachten sind. Oder anders formuliert; als ma´u sich immer klarer darüber zu werde begann, was gut oder gar das Gute ist – im Sinne der jetzt entwickelten Definition und daherkommender Meinung darüber natürlich -, entstand selbstverständlich auch eine Vorstellung ihres Gegenteils, das ja immer auch existiert. Unter anderer Blickrichtung kann ma´u auch sagen, dass es zur Charakterisierung des Guten einer Rückbesinnung auf dessen Gegenteil bedurfte, um es eben deutlicher werden zu lassen. Was also meinen zunächst die Begriffe gut und das Gute?

Etymologisch betrachtet ist das Adjektiv „gut“ in der Form guot im Althochdeutschen erst im 8. Jahrhundert bezeugt, also über 1000 Jahre später, als seine ersten Beschreibungen in Griechenland auftauchten. Auch dieser Umstand hat mit der schon angedeuteten Entwicklung des Denkens zu tun, die ja weltweit zeitlich sehr unterschiedlich verlief. Seine Bedeutungsentwicklung führte von der ursprünglichen Grundbedeutung „passend“, „geeignet“, zu „tauglich“, „wertvoll“, „hochwertig“ und auf Personen bezogen „tüchtig“, „geschickt“, auch den sozialen Rang anzeigend „angesehen“, „vornehm“. In ethischer Verwendung bedeutete es schon im Althochdeutschen „rechtschaffen“ und/oder „anständig“ (teils Wik.). Es hat sich als ein Wort, das für Alles und Jedes in einem positiven Sinne zu Beschreibende in ein sog. Schwammwort entwickelt, das zwar einerseits solch positiv Gemeintes ausdrückt, aber eben in der Regel in seiner Bedeutung so allgemein ist, dass ma´u hinterher oft nicht wirklich weiß, was eigentlich ausgedrückt werden sollte. In einem Deutschseminar einer Hochschule sollen bei einem Versuch präzisere Begriffe zu finden, mehr als 800 solcher von den StudentInnen „gefunden“ worden sein. Während also das Adjektiv „gut“ eine Vielzahl von Bedeutungen hat, stammt das Substantiv „das Gute“ als das Abstraktum zu gut, wie eben schon angesprochen, zunächst aus der philosophischen Sprache, wobei sich dann insbesondere die sich im Mittelalter entwickelnde Theologie des gleichen Wortes in Sinngebungen, die sich auf Gott beziehen, bediente. Danach war eben Gott das „absolut Gute“ und wer sich an seinen Geboten orientierte, war damit automatisch gut. Wie wir noch sehen werden war und ist eine solche Sichtweise nicht nur Lehrmeinung, die natürlich als Dogma umfassende gesellschaftliche Wirkungen im Denken der Menschen entfaltete, bedeutet aber vor allem in Bezug auf das wirkliche Verhalten der Menschen darüber hinaus eher Hoffnung als Wirklichkeit. M.a.W., da dieses „Gute“ Gegenstand der abstrakten Diskussionen der Theologen war, hatte er weder viel mit ihrem eigenen Verhalten, aber schon gar nichts mit dem der Menschen allgemein zu tun. Dieser Hinweis ist wichtig, weil sich ja schon seit einiger Zeit zunehmend heftige Kritik an der Theologie und dann besonders der Philosophie aus genau diesem Grunde zu regen beginnt. Ma´u wirft darin sowohl der Theologie, dann vor allem aber der Philosophie vor, durch diese abgehobenen Wortgefechte, die ja über Jahrhunderte geführt wurden, das eigentlich gesellschaftlich so reale Problem des Bösen regelrecht zum Verschwinden gebracht zu haben. An diesem Vorwurf ist einiges dran, wie sich noch zeigen wird.

Das Gute kommt inzwischen natürlich auch im allgemeinen Sprachgebrauch vor. Auch hier ist er zwar immer noch ein eher philosophischer Begriff, ist aber in dieser allgemeinen Benutzung gewöhnlich eine meist ziemlich unscharfe Bezeichnung für den Inbegriff oder die Gesamtheit dessen, was zustimmend beurteilt wird und als erstrebenswert gilt. Es steht noch am ersten für ein höchstrangiges Ziel eines Menschen; z.B. für das in einer Gesellschaft unbedingt Wünschenswerte und als richtig Erachtete, das durch entsprechende Handlungen verwirklicht werden soll. Dass solches „wünschenswerte“ Verhalten je nach gesellschaftlich gültigen Vorstellungen und insbesondere Ideologien oft das genaue Gegenteil bewirkt – also eher „das Böse“ -, dies zu zeigen ist ein Ziel dieses Buches. Betrachtet ma´u sich aber diese Umstände mit etwas größerer Distanz, kann ma´u auch sagen, dass diese Begriffe in direktem Zusammenhang mit dem zu sehen sind, was wir üblicherweise als Ethik und/oder Moral verstehen. M.a.W., die Begriffe gut und das Gute bezogen sich in der Vergangenheit mehr noch als heute auf diese gesellschaftlich erwünschten ethischen und/oder moralischen Verhaltensweisen, haben aber diese dominante Position in diesem Zusammenhang heute weitgehend verloren.

Ab hier müssten Sie bei Gefallen des Textes auf den Kauf des Buches zurückgreifen. Vielen Dank.

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