Das Patriarchat

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Das Patriarchat seine Herkunft und seine Folgen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I Welches Fenster?

a) Der „Rahmen“, die „Große Kette des Seins“

b) „Kreuzsprossen“, Holons

c) „Zur Klarheit“, Geistige Entwicklung         

d) Das „Gschmäckle“, Linien

e) Geschenke: Sprache, Erkenntnis und Wahrheit

f) Eine Handlungsanleitung, die vier Quadranten

II Vorläufer und Übergang zum Patriarchat

a) Das Matriarchat           

b) Periode des Übergangs

 III Glanz und Elend des Patriarchates

a) Folgen der Gewalt in der Erziehung

b) Macht und Gewalt

c) Religionen

d) Patriarchales Denken, Sprache, Philosophie, Wissenschaft u Technik

e) Vernichtung der „weisen Frauen“ Bevölkerungsexplosion, Kolonisation

f) Besitz, Eigentum, Geld, Zins und Markt

g) Kapitalismus und/oder Marktwirtschaft Neoliberalismus und Globalisierung abschließende Betrachtung


Vorwort

Unsere Lebens- und Gesellschaftsumstände sind heute so komplex und daher oft so un-durchsichtig, dass es kaum angemessen erscheint eine gründliche Analyse zu versuchen, denn aus dieser Komplexität heraus, kann es ja kaum einfache Zusammenhänge oder Begründungen geben, die ma´u (die im Folgenden erforderlichen Anmerkungen und besonderen Kennzeichnungen werden in der hier vorgestellten Weise kursiv eingefügt. Falls die LeserInnen die Anmerkungen nicht im fortlaufenden Text wahrnehmen wollen, können diese natürlich auch ignoriert werden. Das hier verwendete ma´u ist die Abkürzung für man/frau, und beabsichtigt das übliche man, für den Bezug auf unbestimmte Personen, das sich ja immer auch auf Frauen bezieht, diese damit ausdrücklich einschließend, in diesem Sinne zu benutzen) einfach so mir nichts dir nichts benennen könnte. Und doch gibt es einen Umstand, der in umfassender, ja geradezu fundamentaler Weise und Umfang unser Denken und Handeln bestimmt, ohne dass er bisher wirklich gründlich öffentlich diskutiert würde, nämlich das patriarchale Denken und dessen Folgen, insbesondere in dem daraus herkommenden privaten, wie öffentlichen Handeln. Da eine solche Einsicht noch wenig beachtet wird, weil sie ja die Grundmuster privater und staatlicher Zustände und Zusammenhänge in den Blick bekommen müsste, was dem weltweit herrschenden, eben patriarchalen Denken unerwünscht ist, steht eine umfassende und gründliche Diskussion um dessen Reichweite noch weitgehend am Beginn. Besondere Verdienste haben sich hier Frauen erworben, deren Beiträge aber häufig – manchmal nicht zu Unrecht -, als zu einseitig feministisch beschrieben und dadurch herabgewürdigt wurden und werden. Darüber hinaus fehlt allen bisherigen Beiträgen, – zumindest derjenigen, die dem Autor bekannt sind -, ein schlüssiges Konzept auf der Basis der allgemeinen menschlichen, vor allem aber speziell der geistigen Evolution der Menschen, die in der Lage wäre, sowohl die positiven, als auch negativen Folgen dieser Entwicklungen aufzuzeigen, von daher gerade auch den Zusammenhang und die Herkunft des patriarchalen Denkens zu begründen und damit letztlich zu verstehen und einer erforderlichen Änderung zugänglich zu machen.

 Die folgenden Gedanken versuchen diesen Mangel mit Hilfe der Erkenntnisse von Piaget – „Die geistige Entwicklung des Kindes“ -, und Clare Graves, bzw. dessen Schülern Beck und Cowan – „Spiral Dynamics“ -, aber auch Jean Gebser – „Ursprung und Gegenwart“ – zu beheben, indem sie unsere allgemeinen Einstellungen, aber eben auch die Entwicklung patriarchalen Denkens und Handelns von daher abgeleitet und begründet aufzeigen. Es sollen aber auch als Alternative die Einsichten von Zecharia Sitchin – „Der zwölfte Planet“ – in Bezug auf die alten Texte und Rollsiegel aus Sumer, die auf damalige außerirdische Herrscher hinweisen,, beachtet werden, denn auch von daher wäre das patriarchale Denken zu begründen und von daher zu verstehen. Auf diese Weise könnte es gelingen,  umfassendere Einblicke in diesen Zusammenhang, bzw. dessen Entwicklung zu ermöglichen, als auch begründete Schlussfolgerungen auf positive, wie negative Folgen desselben zu gewähren. Dieser Ansatz wird ergänzt, durch Erkenntnisse der Analyse – von Freud bis Grün –, im Hinblick auf die weitest gehenden, ja umfassend negativen Folgen der Gehorsamserziehung. Es ist gerade diese, die die angeblich „mündigen Bürger“ in Wirklichkeit immer noch zu Untertanen erzieht und es ist mehr als bestätigend für die allgemein nach wie vor in diesem Sinne erwünschte Wirkung, wird sie ja immer noch, wenn auch hier eher verdeckt, sozusagen „hintenherum“, durch die öffentlichen Bildungseinrichtungen praktiziert und damit zementiert. Aber gerade das Verständnis dieser öffentlich ja nie thematisierten Absicht, die, wenn geäußert, dann eher vehement bestritten würde, kann nur auf dem Hintergrund der Kenntnis patriarchalen Denkens und Handelns und dessen Folgen erlangt werden.


I  Welches Fenster?

Wenn jemand – also auch der Autor – aus seiner geistigen „Kammer“ auf die Welt blickt und dann anderen diesen seinen Blick beschreibt, ist es, um mögliche Fehl- oder gar Vorurteile seiner erhofften LeserInnen zu vermeiden, unbedingt erforderlich, diesen vorab sein „Fenster“, durch das er blickt, inklusive der „Bilder in seinem Kopf“, die er durch die Bedingungen dieses „Fensters“ hervorbrachte, zu beschreiben. Ist es ein großes oder kleines „Fenster“, hat es als etwas älteres, traditionelles Sprossen, oder keine. Ist es vielleicht sogar nur ein „Dachfenster“. Ist es geputzt oder behindern den Blick „Spinnweben“. Sind die Scheiben klar, oder vielleicht sogar farbig, z.B. rosa, so dass er/sie alles rosarot sieht? Aber da erhebt sich eine andere Frage: wie kann denn eine solche Beschreibung aussehen? Ist diese denn nicht immer nur rein subjektiv, gerade weil sie durch solche Bedingungen geprägt ist? Aber in unserer Welt werden doch immer nur objektive Blicke und Beschreibungen akzeptiert. Aber gibt es denn solche überhaupt? Aber Moment, diese Frage wäre ja schon ein Hinweis auf eine der Eigenschaften dieses Fensters. Eigentlich können ja nur die möglichen LeserInnen beurteilen, wie dieses Fenster aussieht. Um diesen aber eine möglichst deutliche, bzw. „bekannte“ Sicht auf dieses Fenster zu gewähren, kann ma´u sich ja auf schon bekannte Denk- und daher auch „Blick“-muster beziehen. Diese Absicht ist hier Gegenstand des folgenden ersten Kapitels. Einschränkend ist aber anzufügen, dass diese in aller Regel ja sehr „umfangreich“ sind – es handelt sich zum Teil um „Muster“, die schon seit Beginn des uns bekannten Denkens über uns diskutiert werden -, so dass solche Hinweise weder umfassend noch abgesichert sein können. Es sind eben meine eigenen „Muster“, die in einem lebenslangen Suchen und immer erneutem Überprüfen und Hinterfragen entstanden. Um Ihnen, verehrte LeserInnen Ihre möglichen Fragen, die über die folgenden Hinweise hinausgehen zu beantworten,  werden die wichtigsten dieser Quellen entweder direkt im Text, als auch in der Literaturliste am Ende benannt, so dass sich jederma´u (siehe obige Begründung) über diese Quellen unterrichten und diese damit mit seinem/ihrem Denken vergleichen kann.

Da nun aber sowohl die Blickrichtung, vor allem aber der gemeinte betrachtete „Gegenstand“ – siehe das Thema der Phänomenologie und die Sicht Heideggers – so fundamental ist, betrifft er natürlich unser Denken und unsere Auffassungen in umfassender Weise, auch und gerade in seiner Beziehung zu den Wissenschaften. Es ist heute, zumindest im allgemein bekannten und verbreiteten Wissenschaftsbetrieb, immer noch üblich, solche Fragen im Sinne einer materialistisch-mechanistisch-objektivistisch begründeten „Sicht“ zu beantworten. Dieses „Fenster“ ließe also nur Materiepartikel erkennen, die weitgehend „mechanistisch“, was immer das dann heißen mag, mit- und gegeneinander „agieren“. Danach wären wir Menschen das derzeitige Endprodukt einer Evolution, die sich alleine aus den durch den Urknall initiierten Atomen herleitet. M.a.W., wir werden damit in genau diesem Sinne beschrieben. Nach dieser Überzeugung lässt sich danach alles Existierende auf die derzeitigen Erkenntnisse der Physik und die auf diese aufbauende Chemie und Biologie – soweit sie noch so interpretiert werden – einschließlich gleich begründeter Humanwissenschaften beziehen und durch die Darwinsche Evolutionstheorie begründen. Und dies gilt in immer umfassenderer Weise auch für den Stand und Zustand unseres Denkens. Ich habe nicht nur den Eindruck, sondern auch die Überzeugung, dass dieses so definierte „Fenster“ viel zu eng ist. Danach ist dieses „Fenster“ nur ein „Flügel“. Der zweite ist durch einen „Fensterladen“ verschlossen.

Ich will nun von Beginn an deutlich machen, dass mein Fenster zwei „Flügel“ hat. Es wird also darauf ankommen, den geschlossenen „Laden“ nicht nur zu benennen, sondern ihn auch zu öffnen. Es wäre nun aber völlig abwegig, sich hier auf eine inhaltlich umfassende Diskussion über die Berechtigung dieses Grundentscheides, insbesondere auf dessen weitreichende Folgen in nahezu jeder Art von Betrachtung und Erklärung unseres Seins, einzulassen. Dazu wären wohl ganze Bibliotheken voller Bücher und Kommentare erforderlich. Es kann also im Folgenden nur die Beschreibung meines „Fensters“ geben, ohne umfassende Begründungen. Ich verlasse mich hier einfach auf das, was ja eigentliche jede/r LeserIn von welcher Literatur auch immer sowieso tut, nämlich sich dazu eine eigene Meinung zu bilden. Nun bin ich nicht blauäugig genug, um nicht zu wissen, dass es schon länger von unterschiedlichsten Menschen die Versuche gibt, den „Mainstream“ darauf hinzuweisen, dass sein „Fenster“ zu eng, zu klein, teils „abgedunkelt“ ist. Aber spätestens seit Th.S. Kuhn kann ma´u auch wissen, dass die AnhängerInnen eines derzeit existierenden Paradigmas erst aussterben müssen, bis sich das „neue“ durchsetzen kann. Da gibt es aber derzeit ein wirklich großes Problem. Natürlich gab es schon immer nach Meinung mancher Menschen mit eigener, manchmal auch eigen-artiger Sicht auf die Welt in dieser „große Probleme“. Geht ma´u aber weiter von der Erklärung der Welt des „Mainstream“ aus, also dessen „kleinem Fensterblick“, muss ma´u selbstverständlich auch dazu stehen, bzw. anerkennen, dass alle heute zu beobachtende Umstände und negativen Entwicklungen –  Umweltbelastung bis immer umfassendere Zerstörung der Natur und extreme Ausbeutung von Menschen, um nur zwei besonders gravierende zu nennen -, in diesem Denken begründet, bzw. durch dieses hervorgebracht wurden und werden. Gibt es aber, wie ja Anhänger dieser „engen Sicht“ immer auch überzeugt sind, nicht doch Lösungen für unsere derzeitigen Probleme? Eigenartigerweise sind zumindest bisher – außer eher vager Hoffnungen – keine wirklich überzeugenden genannt worden. Könnte denn gerade dieser Umstand nicht auch und vor allem ein Hinweise auf die „Enge“ dieses „Blickes“, bzw. der dadurch erzeugten „Bilder im Kopf“ und damit der erforderlichen Bemühungen diese/n zumindest mal doch infrage zu stellen, oder doch andere „Blicke“ in den Blick zu fassen, sein?

Die Absicht des folgenden Textes ist es diesen heute immer noch meist dominierenden „Fensterblick“ durch teils erheblich abweichende Sichtweisen auf all diese Umstände, bzw. neue Standpunkte zu verändern. Es geht dabei vor allem und zuerst darum zu erkennen und zu begründen, dass der blickeinschränkende „Fensterladen“ „hausgemacht“ ist und daher auch geöffnet werden kann. Er ist nach der hier vertretenen Meinung zuerst eine Folge patriarchalen Denkens und daraus herkommenden Handelns. Diese von daher begründeten, vom Mainstream teils erheblich abweichende Sichtweisen, werden sich aus der jeweiligen Darstellung der gemeinten Zusammenhänge Stück für Stück ergeben. Eine der ersten dieser hier vorausgesetzten Entscheide bezieht sich darauf in der folgenden Sicht die „Einheit des Wirklichen“ (C.F.v. Weizsäcker), also all das, was wir üblicherweise als „die Realität“ im umfassendsten Sinne bezeichnen, als Teil der „Großen Kette des Seins“ zu verstehen.


a) Der „Rahmen“, die „Große Kette des Seins“

Die wohl fundamentalste Voraussetzung des modernen wissenschaftlichen Denkens ist die Doktrin der Objektivität. M.a.W., ein „Fenster“, das einen Blick auf die Natur eröffnet, ist danach nur „klar“, wenn es einen objektiven Blick zulässt. Ma´u hat ihn auch als den „Blick von außen“ oder den „Standpunkt des Dritten“ verstanden. Dieses „Fenster“ geht letztlich auf René Descartes zurück, der diesen „Blick“ auf „Alles was ist“ zur Voraussetzung wissenschaftlichen Denkens überhaupt erhob. In seinen „Meditationen“ beschreibt er ihn sinngemäß als völlige Abschaltung oder Überwindung sowohl bisheriger Überzeugungen und Glaubensinhalte bei den Beobachtern, als auch jeglichen vorausgehenden Interesses an „der Sache“, da all diese bei allen Menschen existierende Vorbedingungen deren Blick „auf die Sache“, oder „den zu beobachtenden Umstand“ beeinflussen würden. Das „Fenster“ wäre sozusagen dreckig  und würde dadurch erst gereinigt.

Dieser Grundsatz wird immer noch als fast „sakraler“ von der überwiegenden Mehrheit der NaturwissenschaftlerInnen hochgehalten. Aber er erwies und erweist sich nach wie vor als Ideologie im ursprünglich Marxschen Sinne, nämlich als eine Form falschen Bewusstseins. Bedenken und/oder Kritik an dessen Gültigkeit gab es von Beginn an, von Spinoza, Leibnitz über Kant bis Nietzsche und Heidegger, um nur die wichtigsten zu nennen. Aber neuerdings wiesen dessen Unhaltbarkeit sowohl der Strukturalismus als auch der Poststrukturalismus überzeugend nach. Hier nur ein grundlegender Einwand; es gibt einfach niemanden, der/die in der Lage wäre, die Folgen seiner/ihrer Ontogenese auf sein/ihr Denken auszublenden, denn er/sie hönnte dann überhaupt nicht mehr denken. Aber all diese berechtigten Einwände und Nachweise der generellen Begrenztheit dieser Doktrin ficht nach wie vor die Mehrheit der WissenschaftlerInnen, vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich nicht an. Alle Wissenschaft hat „objektiv“ zu sein, Punkt. Jeder abweichende Denkansatz ist folgerichtig eben unwissenschaftlich, womit eine immer größer werdende Zahl an alternativen Vorschlägen schlicht ignoriert, bzw. deren Wissenschaftlichkeit bestritten wird. Zu welchen katastrophalen Folgen diese Einstellung insbesondere in den Humanwissenschaften führte und führt, aber selbstverständlich nicht nur da, wird im Folgenden noch mehrmals ausführlich Gegenstand sein.

Aber welche Alternative gibt es denn zu diesem Ansatz, oder anders ausgedrückt, gibt es wirklich überzeugende Argumente für ein „neues Denken“? Aber ja, die gibt es sogar in großer Zahl. Aber auf was beziehen sie sich, bzw. wie argumentieren ihre Verfechter und ist der bisherige Ansatz wirklich völlig falsch? Antwort: ja und nein. Ein besonders wichtiges Zeugnis sowohl über die Berechtigung dieses Ansatzes, aber eben auch seine Schwächen, bzw. negativen Folgen, vor allem aber auch der Alternativen, stammt von einem der bedeutendsten Denker des letzten Jahrhunderts, dem Inder Sri Aurobindo. Mit der Nennung gerade dieses Namens ist zu erwarten, dass für fast die komplette Fraktion wissenschaftlich Denkender diese und die folgenden Argumentationen „gestorben“ sind. Wie kann ma´u einen Mystiker als Zeuge in einer solchen Sache aufrufen? Aber was halten diese von folgendem Satz: „Grundsätzlich ist alles was erkennbar ist, auch der Erkenntnis des Menschen zugänglich“ (Sri Aurobindo „Das göttliche Leben“ Bd.1 S.26). Ist das nicht das immer betonte grundsätzliche Kredo aller wissenschaftlichen Sicht- und Denkweisen? Aber ja doch! Wie kann aber ein Mann, der doch nach Meinung vieler ganz andere Positionen vertritt, einen solchen Satz denken und schreiben? Eben weil gerade er eine Haltung einnahm, die einerseits genau dieser Einstellung entsprach, die aber andererseits auf Grund seiner grundsätzlichen Offenheit anderen Ansätzen gegenüber eben auch zu völlig von der schon angesprochenen Sicht abweichenden Ergebnissen führte. Er schaute durch ein ganz geöffnetes „Fenster“.

Sri Aurobindo war auf Grund sowohl kulturell bedingter, aber eben auch eigener Erfahrungen der absoluten Überzeugung, dass es grundsätzlich zwei mögliche Zugänge zur Erkenntnis, zwei Blickrichtungen durch „das Fenster“ gibt, einen über die Sinne nach Außen  gerichteten und einen nach Innen gerichteten. Diese Grundüberzeugung wird neuerdings von dem bekannten Analytiker Arno Grün erneut betont und begründet, siehe unten. Ma´u könne sich jederzeit für eine der beiden entscheiden. Aber der erstere „Blick“ „verführe“ uns Dank seiner immer existenten Präsenz und Offensichtlichkeit. Dieser Entscheidung aber folge meist eine Ablehnung, ja geradezu Bekämpfung des zweiten Weges, der Blickrichtung nach Innen. Die derzeitige Diskussion um, bzw. deutliche Bekämpfung des zweiten Weges durch die westliche Wissenschaft zeigt diesen Umstand deutlich. Aber dies gelte nicht nur für die Entscheidung „nach Außen“, sondern auch für und aus der Entscheidung für den zweiten Weg, die zweite Blickrichtung. Dies beweist die Geschichte Indiens. Aber beide münden in eine Katastrophe: der erste als Folge der totalen Ignoranz der grundlegenden „Wesenheit“ aller Existenz, der zweite in der völligen Vernachlässigung der materiellen, körperlichen Existenz. Diese sei als „Illusion“ eben weitgehend zu vernachlässigen. Aber gerade auch die jüngste Entwicklung belegt dieses schon lange existierende Dilemma erneut. Gerade diese wird aber weiter unten noch wesentlicher Gegenstand der Argumentation sein und wird dort erneut aufgenommen. Bleiben wir nochmals kurz bei unserer Metapher des Fensters, bzw. des Fensterladens. Dieser wäre demnach die Weigerung den jeweils anderen Blick überhaupt in Erwägung zu ziehen. In der indischen Geistesgeschichte wäre danach die rechte, „rationale“ Ladenhälfte zu, in der westlichen die linke, intuitive und/oder gefühlsmäßige.

Sri Aurobindo war zweifellos das, was ma´u als Mystiker bezeichnet. Aber er war kein abgehobener Fantast. Er war ganz im Gegenteil ernsthafter Erforscher beider Zugänge, galt ihm doch ein voll ausgebildeter, kritischer Verstand als die Basis jeder Erkenntnis. In diesem Sinne ist er sehr einem anderen Mystiker vergleichbar, der ähnlich dachte und argumentierte, Plotin nämlich. Beide sind aber durch mehr als anderthalb Jahrtausende und völlig verschiedene kulturelle Hintergründe getrennt. Es ist daher nicht nur mehr als erstaunlich, sondern unbedingt hinweisend und den gemeinten  Sachverhalt belegend, bis in welche Einzelheiten ihre Erkenntnisse aus ihren Erfahrungen des „zweiten Weges“ deckungsgleich sind. Es war Ken Wilber, der die wesentlichen Übereinstimmungen in dem folgenden Diagramm zusammenstellte:

Die große Holarchie (dieser Begriff wird im nächsten Kapitel erläutert) nach Plotin und Sri Aurobindo

            Plotin                                                 Aurobindo

Das absolute Eine (Gott)                Satchitananda/Supergeist (Gott)

Nous (subtil)                                    intuitiver Geist/Übergeist

Seele/Weltseele                              Erleuchteter Weltgeist

Schöpferische Vernunft               Höherer Geist/Netzwerkgeist

Logisches Vermögen                       Logischer Geist

Begriffe und Meinungen                 Konkreter Geist

Bilder                                                Niederer Geist

Lust/Schmerz (Emotionen)           Vital-emotional, Impuls

Wahrnehmung                                Wahrnehmung        

Empfindung                                     Empfindung

Vegetative Lebensfunktion            Vegetativ

Materie                                             Materie (physisch)

Nun betrachte ma´u darüber hinaus die Aussagen von Lao tse, Buddha, Platon, Jesus, Nagarjuna, Shankara, Meister Eckhart, Theresa von Avilar bis hin zu Graf Dürckheim und Willigis Jäger. Es ist dann mehr als erstaunlich, bis in welche Details sich oft auch deren Aussagen mit den eben zitierten von Sri Aurobindo und Plotin decken. Diese Genannten sind aber nur einige wenige einer ganzen Heerschar bedeutender Mystiker und Mystikerinnen. Dazu kommt noch, dass sich eh nur wenige je schriftlich äußerten. Auf diesem Hintergrund gehört schon eine fast bösartige Missachtung und grenzenlose Überheblichkeit dazu, all diesen Menschen halluzinoides Denken, oder gar Schlimmeres zu unterstellen, deren Erkenntnisse weiterhin zu bestreiten oder gar nach Möglichkeit lächerlich zu machen. Dass andererseits einige von ihnen in anderen Kontexten – zum Beispiel in den Weltreligionen – zu den überragendsten Menschen gezählt werden, zeigt erneut die Gespaltenheit unseres Denkens.

Im Folgenden geht die Argumentation davon aus, dass neben die bis heute anerkannten Erkenntnisse der Wissenschaften, die durch allgemeine Diskussion, bzw. Falsifikation (siehe Carl Popper „Objektive Erkenntnis“) als gesichert gelten können, die „Große Kette des Seins“ zu treten hat. Genauer: diese stellt eine umfassende „Klammer“ der Ergebnisse beider Wege dar. Oder noch anders, sie definiert den „Rahmen des Fensters“, durch den all unsere Blicke gehen könnten, ja sollten. Sie wäre demnach das umfassendste „Bild im Kopf“.

 Gemäß der obigen Darstellung der allgemeinen Holarchie gilt:

1.) Alle Phänomene der „Einheit des Wirklichen“ sind Manifestationen der umfassend potenten Leere (Quantenphysik), der Überfülle des Urgrundes allen Seins, des Tao oder Brahman, des Ein-Einen, oder der Fülle von GEIST (GEIST, so geschrieben, steht ab hier für all diese Begriffe, auch im Sinne von „spirit“). Ma´u könnte sicher hier auch Gott sagen. Aber gerade dieser Begriff ist in so vielfältiger Weise vor allem im Sinne von anthropomorphen Projektionen oder früher Außerirdischer vorbelastet, dass es sinnvoller erscheint, ihn nicht zu verwenden. Aber natürlich kann das jederma´u nach eigenem Ermessen für sich entscheiden, wenn dabei die hier immer gemeinte Umfassendheit inhaltlich weiter beachtet wird.

2. Die obige Darstellung ist aber nur die eine Hälfte der „Bewegung“. Sie ist das, was ma´u seit Platon den „Abstieg“ nennt. Oder m.a.W., sie ist, aus dem GEIST ausgehend, die schritt- oder stufenweise „Abwärtsbewegung“ aller Existenz bis zur Materie. Ab hier beginnt nun über die Evolution ein „Aufstieg“ der Materie zum Leben, dann zum Geist (mind) und zuletzt wieder zum GEIST. Wir erkennen hier einen kompletten „Durchgang“ durch alle uns bekannten und/oder zugänglichen Formen von Existenz. Es war J. Locke der diese umfassende Sicht eines Auf- und Abstiegs die „Große verkettete Ordnung“ nannte, Lovejoy die „Große Kette der Wesen“, andere die „Große Kette des Seins“, andere im Osten die zehn „Stierbilder“ des Zen. Aus dem EIN-EINEN geht alles hervor – Abstieg – und strebt dann alles wieder zurück – Aufstieg.

Um es nochmals deutlich hervorzuheben: es geht hier in überhaupt gar keinem Falle darum, die bisher in der Wissenschaft erarbeiteten und bestätigten Erkenntnisse, der Blick durch die rechte Fensterhälfte zu bestreiten, das Gegenteil ist der Fall. Ganz im Sinne v.Weizsäckers stellen sie nämlich weder eine „Leugnung noch eine Sprengung dieses Weltbildes“ dar, „sondern …. eine Voraussetzung seiner Möglichkeit“ (C.F.v.Weizsäcker „Aufbau der Physik“ S.638). M.a.W., die Ergebnisse der umfassenden Bemühungen ganzer Generationen von WissenschaftlerInnen sind die eine Hälfte des „Bildes“, dessen Endergebnis – sofern wir Menschen überhaupt in der Lage sind ein solches zu „erzeugen“ – eine umfassende, allerdings einseitige Kenntnis der „Einheit des Wirklichen“ sein könnte. Die zweite Hälfte aber, also die Forschungsergebnisse des „Weges“ nach Innen, der Blick durch die linke Hälfte des Fensters, existiert zwar schon in Umrissen seit es schriftliche Aufzeichnungen gibt, wie auch die obige Darstellung zeigt, aber muss dringend weiter verfolgt, erforscht und ausgebaut werden. Es wird dabei insbesondere darauf ankommen, seine weitgehende Spiegelbildlichkeit mit dem ersten Weg zu belegen, was sich ja gerade in der Diskussion quantenphysikalischer Phänomene im Hinblick auf diesen nach Innen gerichteten „Blick“ schon deutlich abzuzeichnen beginnt, ma´u vergleiche die Einlassungen zu diesem Thema von David Bohm und Hans-Peter Dürr, um nur zwei von vielen zu nennen.

Um es nochmals mit anderen Worten zu umschreiben: alles Existierende, alles was wir überhaupt unter den Begriff Existenz bringen können, ist an irgendeiner Stelle dieser „Kette“ aufzufinden, einschließlich des Ein-Einen selbst. Allerdings geht von diesem in dem Sinne Alles aus, dass dieses Alles seine je eigene Existenz dem Ein-Einen verdankt. Aber die Erfahrungen der Mystiker gehen noch weiter: gerade Plotin hat es in seinen Enneaden immer wieder mit unterschiedlichen Begriffen ausgedrückt. Von diesem geht nicht nur alles aus, es ist all dieses. Es gibt den alten Spruch: Gott ist alles was ist! Das was Plotin immer wieder in unterschiedlichen Begriffen ausdrückt, ist genau in diesem Sinne zu verstehen. So schreibt er: „Jenes (das Eine) selber aber ist Eines-Alles, denn es ist der große Urgrund, der Urgrund nämlich ist eigentlich und wahrhaft Eines, …. Alles, was am Einen teilhat, und auch jedes beliebige Stück von ihm (also Alles was ist) ist Alles und Eines“. Im Sinn einer solchen „Ein-Sicht“ kann Hans Peter Dürr eben auch die Grundlage aller Existenz als Liebe bezeichnen. Noch deutlicher kann ma´u das hier Gemeinte nicht ausdrücken.

Aber es ist die fehlende Akzeptanz und Anerkennung des „zweiten Weges“ im Hinblick auf diese Einheit als Folge des patriarchalen Denkens, die die entscheidenden Einschränkungen, den Fensterladen darstellt. Sie verstellen uns gerade auch den Blick auf die immer sichtbarer werdenden negativen Folgen dieser Entscheidung. Dieses heutige Denken im Banne der Paradigmen (Th.S. Kuhn „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“) bzw. der absolut und immer gültigen „Objektivität“ der Wissensgewinnung, aber auch des Neoliberalismus in der Wirtschaft, braucht zu einer dringend gebotenen Veränderung ein Denken, das zur Überwindung dieser Paradigmen gerade Erkenntnisse aus dem „Weg“ nach Innen umfassend beiträgt. Es zeigt sich nämlich bei offenem und unideologischem Blick auf die jüngsten Entwicklungen, insbesondere in den Folgen der Globalisierung, dass unser Überleben immer ernsthafter in Gefahr gerät.

Immer mehr Menschen wird deutlich, dass für diese Entwicklung gerade diese Einseitigkeit unserer Erkenntnisse verantwortlich ist. Dass aber diese beiden angesprochenen Paradigmen diese Dominanz erreichen konnten, hat vor allem zwei Ursachen: 1. Diese Sichtweise ist entschieden und entscheidend eine Folge patriarchalen Denkens, siehe unten. 2. aber entstammt sie den Auseinandersetzungen um den „rechten Weg“ seit Platon. Er war in unserer Denkkultur der erste, der den gesamten Kreislauf von Ab- und Aufstieg benannte (siehe Timeios und Politeia), aber es leider ablehnte die letzte Vereinigung mit dem Ein-Einen zu benennen. Dies hatte zur Folge, dass mit und seit Aristoteles ein permanenter Kampf zwischen Aufsteigern und Absteigern um die Vorherrschaft unseres Denkens entbrannte, der bis heute nicht entschieden ist. Waren es – um kurz die jüngere Geschichte zu erwähnen – zuerst die Aufsteiger, die durch die christliche Theologie mitbestimmt das Terrain beherrschten, wurden sie seit dem Aufkommen der Moderne (der Begriff wurde von Hegel geprägt) durch die Absteiger (Descartes), also diejenigen, die alles „objektiv“ betrachten und erklären, bekämpft und ersetzt. Aber da die nichtduale Einsicht aus der Erfahrung der Vereinigung mit dem Ein-Einen fehlt bzw. bis heute auch und gerade von der Kirche bekämpft bis in die Gegenwart verleugnet und missachtet wird, gibt es keinen „Grund“, kein Gesamtbild aus dem Blick durch ein völlig geöffnetes Fenster, auf dem eine einheitliche Schau beider Sichtweisen, ein einheitliches „Bild“ aufgebaut werden könnte. Genau hier liegen die wesentlichen Gründe, warum es so dringend erforderlich erscheint, diese Zusammenhänge aufzudecken und damit gravierende Hindernisse einer unbedingt erforderlichen Umorientierung des Denkens in dem eben genannten Sinne zu beseitigen. Aus einem solch umfassenderen Denken aber folgt für mich der zweite Grundentscheid im Hinblick auf uns selbst, bzw. auf die „Einheit des Wirklichen“, die Überzeugung nämlich, dass es zum umfassenderen Verständnis dieses Wirklichen sinnvoll ist, alle beobachtbaren Entitäten unter dem Begriff des Holons zu verstehen und zu beschreiben.


b) „Kreuzsprossen“, Holons

Mein „Fenster“ ist auch aus einem anderen Grund in seiner Konstruktion scheinbar etwas älter, es hat nämlich eine kreuzförmige „Sprosseneinteilung“. Seit Arthur Koestler nennt ma´u eine solche „Sprossensicht“ Holon. Ein Holon beschreibt eine Möglichkeit einer Ein- oder Zuordnung von allem was existiert. Es bezeichnet danach die Möglichkeit, nach Wilber sogar die Notwendigkeit, alles was ist, also eine Entität, einen Umstand, einen Sachverhalt, von dieser Sicht her sowohl als ein Einzelnes/r, Eigenes/r, als auch Teil einer größeren Einheit zu beschreiben. M.a.W., mit dem „Bild“ des Holon ist danach alles Existierende sowohl individuell, selbstbestimmt, ja immer selbsterhaltend, aber eben immer auch Bestandteil einer größeren, umfassenden und einheitlichen Menge. Aber nochmals, es ist wichtig zu beachten, dass ein Holon im Sinne des Begriffs selbst nicht „ist“. Die „Sprossen“ sind nur gedachte „Sprossen“. Sie ermöglichen einen bestimmten Blick, eine Sichtweise, eine Vorstellung, unter der ma´u alles was ist sehen, betrachten, beschreiben und verstehen kann. Es war meiner Kenntnis nach Ken Wilber der den Begriff des Holons als Erkenntnismöglichkeit aller Existenz in dem Sinne als Beschreibung vorschlug, als nach diesem eben alles was überhaupt existiert, dem ein Sein zukommt, das demnach „ist“, sinnvoll unter der „gekreuzten“ Sichtweise eines Holon betrachtet werden sollte. Danach ist ein Atom, ein Mensch, ein Wort und/oder eine Ideologie ein Holon. Er/sie/es ist individuell und sozial. Was aber hat eine solche Entscheidung für Folgen, warum erscheint es überhaupt sinnvoll so zu argumentieren?

Bisher ging und geht ma´u weitgehend davon aus, dass alles was ist, was ma´u durch welches „Fenster“ auch immer sehen kann, entweder unter dem Begriff, dem „Bild“, als „Ding“, oder Prozess am ehesten richtig beschrieben wird. Aber beide Begriffe sind in ihrem gemeinten Inhalt natürlich nicht identisch, meinen nicht das Selbe. Und so gab und gibt es folgerichtig schon immer den Grundsatzstreit zwischen VertreterInnen beider Richtungen. Noch dahinter liegt der alte Streit zwischen Materialisten und Idealisten. Aber gerade weil diese Sicht- und Argumentationsweise jeweils einen der Aspekte des damit Gemeinten betonen, – als Holon ist es ja immer beides -, gab und gibt es niemals auf dieser Ebene der Auseinandersetzung eine Einigung. Es wird ja immer auch ein Teil der Wirklichkeit richtig beschrieben. Wenn aber „Alles was ist“ unter dem Begriff des Holons beschrieben wird, dann könnte sich dieser Streit endlich erübrigen! Wilber drückt dies mit folgenden Sätzen sehr gut aus: „Mit diesem Ansatz unterlaufen wir den alten Streit zwischen Atomismus (alle Dinge sind im Grunde vereinzelte, individuelle Ganze, die nur zufällig in Wechselwirkung miteinander eintreten) und Holismus (alle Dinge sind nur Stränge oder Teile eines größeren Gewebes oder Ganzen). Beide Anschauungen sind unrichtig. Es gibt weder Ganze noch Teile, sondern nur Ganze/Teile. Wir unterlaufen aber auch den Streit zwischen Materialismus und Idealismus. Die Wirklichkeit besteht nicht aus Quarks oder <bootstrappenden> Hadronen oder subatomarem Austausch, aber sie besteht auch nicht aus Ideen, Symbolen oder Gedanken. Sie besteht aus Holons“ (Ken Wilber: „Eros, Kosmos, Logos“ S.59). Aber der Begriff des Holons enthält in seiner neuen erweiterten Form eine ganze Reihe weiterer, entscheidend wichtiger Implikationen, die weitere Bereiche des Wirklichen in den Blick rücken. Da Wilber diese Zusammenhänge aber in dem schon erwähnten Buch ab Seite 54ff umfassend beschrieb, sollen hier nur wenige Stichworte und Hinweise eingefügt werden.

Ausgehend von der Überzeugung, jedwedes Existierende ist ein Holon, zeigt sich die Unmöglichkeit ein fundamentales Konzept dieses Existierenden entweder auf den Begriff Ganzheit oder Teilheit aufzubauen. Weil nun aber beide Begriffe Ganzheit und Teilheit immer nur eine Hälfte des Realen beschreiben, können und konnten sie als vorausgesetzte Begründung von Ideen oder eben gerade auch Mythologien so gefährliche Wirkungen erzielen. Um ein Beispiel zu nennen: „<Letzte Ganzheit>, das ist die Essenz der Herrschaftsholarchien (bzw. Machthierarchien in den Patriarchaten), der pathologischen Holarchien. <Reine Ganzheit>, das ist die Totalisierungslüge“ (Wilber a.a.O. S.60). Es sei aber angefügt, dass hier und im Folgenden die eher „östliche“ – also aus dem hinduistischen Denken kommende – Begründung Wilbers nicht für den Begriff des Holons übernommen wird, sondern insonderheit für die vertikale „Sprosse“ als „Begründung“ die Evolution angesehen wird (siehe das direkt Folgende).

Aber ist damit ein Holon schon umfassend beschrieben? Keineswegs. Ich benutzte ja oben den Begriff der „Kreuzsprosse“. Also gibt es danach nicht nur horizontale Zuordnungen zwischen dem Einzelnen und den Vielen, sondern auch vertikale. Aus dieser Grundentscheidung folgt jetzt, dass es nirgendwo, weder „nach oben“ (reale oder geistige Dimension), noch „nach unten“ eine Grenze gibt, immer nur Holons in Holons ohne Ende, bis hin zum Beginn der “Schöpfung“, bzw. der damit einsetzenden Evolution.  Diese Sicht bezieht jetzt aber das Ein-Eine in dem Sinne ein, da es ja danach zwar „nur“ schöpferische „Leere“ – östliche Sicht -, oder schöpferischer Geist – westliche Sicht – ist, also ohne jede Begrenzung, aber aus diesem „fließt“ Alles aus, bzw. ist Alles in diesem enthalten, siehe den „Rahmen“ der Kette. Denn es ist nach dieser Erfahrung sowohl alles Sein (besser wäre es hier aber anstatt Sein den Begriff Sinn nach der Interpretation von Johannes Heinrichs zu benutzen, da der Begriff Sein nivellierend ist, siehe sein Buch „Integrale Philosophie“) als auch alles Nicht-Sein, bzw. Nicht-Sinn, also sowohl grenzenlos, als auch „umfassend“ und „einschließend“, unendlich eben. Geht ma´u aber nun von dieser Position aus, zeigt sich erneut die Unhaltbarkeit des Objektivitätspostulates, denn es gibt keine abgrenzbaren Objekte, also Ganze. Diese sind immer auch Teile. Dies gilt damit in umfassender Weise für die WissenschaftlerInnen selbst auch. Und es ist genau diese Einsicht, die seit Nietzsche und ganz besonders den Poststrukturalisten bis Derrida, Foucault u.a. den Ausgangspunkt derer Kritik an dem Objektivitätspostulat darstellt. Aber all das betrifft jetzt nur die allgemeine Positionierung dieses Begriffs im Denken. Ein Holon als allgemeine Sichtweise enthält natürlich noch eine Reihe anderer „vertikaler“ Schlussfolgerungen.

Wenn alles, was überhaupt existiert oder denkbar ist ein Holon ist, müssen ihm einige wesentliche „Vermögen“, im Sinne von eigenaktiven Möglichkeiten zukommen. Betrachtet ma´u sich insbesondere lebende Holons, sticht der Lebens- bzw. Überlebenswille besonders hervor. Von hier ausgehend ist das Vermögen (Macht) einer allgemeinen Selbsterhaltung offensichtlich. Aber in gleicher Weise zeigt vor allem die Selektion, noch mehr aber die Kooperation bis hin zur Symbiose ein umfassendes Vermögen der Anpassung, ja oft regelrechten Zusammenwirkens. Da diese aber zuerst das je einzelne Individuum leisten muss, ist dieser Umstand der Beleg von Selbstanpassung. Ma´u könnte diese beiden „Vermögen“ als eine Form horizontaler Sichtweise bezeichnen, da sie einerseits eher auf der Linie der Ganzheit liegt – Selbsterhaltung -, andererseits auf der der Teilheit – Selbstanpassung -, die horizontale „Sprosse“.

Nun liefert besonders die Evolution den eindeutigen Hinweis auch auf eine vertikale Entwicklung in dem Sinne, dass es immer wieder „Schübe“ gibt, durch die existierende Formen auf neue Formenebenen emergieren, die vertikale „Sprosse“. Manche ForscherInnen anerkennen und beschreiben den Umstand, einer schrittweisen oder stufenweisen „Aufwärtsentwicklung“ in der Evolution mit dem Begriff der Emergenz. Sie meinen damit, dass plötzlich eine neue Seinsweise zu beobachten ist, die eine Zusammenfassung – Zusammenschießen oder Fulguration (Konrad Lorenz „Gesammelte Abhandlungen“ u.a. Dieser Begriff bezeichnet deutlicher als der heute üblichere Begriff der Emergenz das plötzliche Hervorkommen eines völlig neuen Elementes) -, bisheriger Möglichkeiten darstellt, plus, zusätzlich einer neuen, bisher unbekannten Fähigkeit und Möglichkeit. Das Gemeinte wird besonders an dem Übergang aus komplexen Molekülen zu den ersten lebenden Formen deutlich. Die Moleküle, die diese ersten Lebensformen ermöglichen unterscheiden sich von schon vorher existierenden nur marginal. Aber „das Leben“, das diesen neuen lebenden Wesenheiten jetzt eignet, ist eine völlig neue, davor nie dagewesene Weise des Seins. Der Begriff der Emergenz ist aber nur die Beschreibung dieses Sachverhalts.

Sowohl ausgehend von der Annahme der „Großen Kette des Seins“, als auch anderer neuerer Vorschläge zur Beschreibung der Realität, wie z.B. die morphischen oder morphogenetischen Felder Sheldrakes (Rupert Sheldrake „Das schöpferische Universum“) wird im Folgenden der Vorschlag Wilbers u.a. einer Transzendenz als Ursache dieser „Fulgurationen“ zu verwenden übernommen. Auf dieser Grundlage kann ma´u daher das Vermögen einer Selbsttranszendenz der Holons erkennen und bezeichnen. Dem gegenüber muss es demnach dann aber auch ein entgegengesetztes Vermögen geben, das eines Rückschrittes nämlich, einer Regression, einer Selbstauflösung. Dieses Vermögen wurde auch vor allem im Bereich der Psyche immer wieder beobachtet. So beschrieb Freud einerseits den „Aufwärtstrend“ allen Psychischen mit dem Begriff des Eros und gegen Ende seiner Forschungen den entgegengesetzten Trend, den er immer wieder beobachtete, als Thanatos. Es sei hier aber ausdrücklich vermerkt, dass hier nicht die Vorstellung eines Triebes, wie z.B. die Libido übernommen wird, also den Begriff eines Todestriebes, der ja dann, wie schon viele Kritiker bemerkten, einen biologischen Trieb zur Selbstvernichtung unterstellte. Hier geht es „nur“ um ein Vermögen, das dann aber immer existiert und je nach Umständen zum Vorschein kommen kann, wie z.B. in Regressionen unter Stress bis hin zum Suizid. Es soll hier aber deutlich hervorgehoben werden, dass es sich hierbei eben um ein ganz allgemein existierendes Phänomen aller evolutiver Formen, bzw. Holons handelt. So schreibt Jantsch ganz deutlich: „Wird eine …. Struktur gezwungen, ihren Evolutionsweg zurückzukrebsen (etwa durch Änderung des Ungleichgewichts), so tut sie dies, solange keine wesentlichen Störungen auftreten, auf demselben Weg… Dies verweist auf ein primitives, ganzheitliches Systemgedächtnis, das schon auf dieser Ebene <chemischer Reaktionssysteme> auftritt“ (Jantsch „Selbstorganisation“ S.86).

Aus diesen Überlegungen folgt nun eine sozusagen „vierseitig“ gerichtete Sichtweise auf Holons, eben eine „Kreuzsprosse“, indem ma`u sich eine Art Achsenkreuz vorstellt, indem eine horizontale Skala existiert, auf der auf einer Seite, z.B. links „Ganzes“ einzutragen ist und rechts „Teil“. Diese horizontale Ebene wird durch eine vertikale „Skala“ durchkreuzt, auf der dann oben Selbsttranszendenz und unten Selbstauflösung eingetragen werden kann. Was diese Vorstellung nun leisten kann, zeigt ein Blick auf einen Menschen. Betrachtet ma´u ihn/sie auf dieser Skala, dann könnte diese/r z.B. auf der horizontalen Ebene immer dann weit „links“ stehen, wenn er/sie sich besonders egoisch, oder gar egozentrisch verhält. Umgekehrt stünde er/sie „rechts“, wenn seine/ihre Verhaltensweise eher als sozial einzustufen wäre. Es ist leicht zu erkennen, dass ma´u hier eine Art „Zuordnung“ der jeweiligen Verhaltensweisen gewinnen könnte, die einerseits diese Position in Bezug auf die Stellung zur Allgemeinheit gut darstellen könnte. Ja sie könnte sogar andererseits in extremen Fällen, also solcher, in denen sich die Person dem jeweiligen „Ende“ annäherte, anzeigen, dass solche Positionen eigentlich Anzeichen krankhafter Zustände wären. Das gilt dann deshalb, weil ja Gesundheit in allen lebenden Systemen immer ein Pendeln um den „Mittelwert“ ist. Dies würde natürlich ebenso für die vertikale Skala gelten. Natürlich gälte diese Sichtweise für alle Holons, also beispielsweise auch für eine Gesellschaft. An dem Beispiel der heutigen Industriegesellschaften kann ma´u bei dieser Sichtweise deutlich die Gefahren erkennen, welches diese insbesondere im Denken des Neoliberalismus heraufbeschwören, da doch gerade dieses Denken das Ganze, sprich vor allem Egoische auf Kosten des Sozialen so sehr in den Vordergrund rückt. Unter dieser Sichtweise kann ma´u dann klar und eindeutig erkennen, in welchem Maß und Ausmaß dieses Denken krankhaft ist. In dieser Sichtweise wird aber gerade auch deutlich, in welchem Umfang ein Mensch als Holon von seiner Ontogenese her geprägt ist, denn diese ist ja erstens eine Folge seiner „Teilheit“ in dieser Gesellschaft, zweitens aber grundlegende Voraussetzung seiner je geistigen und sozialen Umstände, also ganz konkret, seiner „Bilder im Kopf“.

Noch ein letzter wichtiger Aspekt dieser Sicht ist hier anzumerken. Da danach alles was überhaupt existiert ein Holon ist, kann ma´u dieses Alles-Eines eben auch eine Holarchie nennen. In genau diesem Sinne wurde dieser Begriff oben auch bereits benutzt.


c. „Klarheit“, Geistige Entwicklung

Bei der Einführung der Metapher des „Fensters“ bezog sich dieses ja auf den „Ort“, von dem aus „hinaus“-geschaut wird. Dies ist natürlich der jeweilige menschliche Geist. Es ist nun unschwer zu erkennen, dass die „Klarheit“ eines Blickes durch ein solches „Fenster“ nicht nur von der „Beschaffenheit“ dieses „Fensters“ abhängt, sondern auch von derjenigen des schauenden und das Gesehene interpretierenden Geistes. Wenn wir also ein Urteil über das gewinnen wollen, was und vor allem wie dieser unser Geist beschaffen ist und funktioniert, müssen wir uns diejenigen Erkenntnisse näher anschauen, die uns darüber Auskunft geben. Nach meiner absoluten Überzeugung kann uns aber der heute immer populärer werdende Blick „von außen“, – vor allem wegen der Vehemenz, mit der diese Sicht von ihren Protagonisten veröffentlicht wird, also durch bildgebende Verfahren -, keine wirkliche „Ein“-„Sicht“ verschaffen, weder in die Art unseres Denkens, noch erst recht nicht in deren Inhalte. Der Grund für diese meine Position wird sich deutlich aus dem folgenden Text ergeben.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war ma´u der Überzeugung, wir Menschen würden all unsere geistigen und sozialen Fähigkeiten weitgehend mit „zur Welt“ bringen. Diese würden sich dann während des Heranwachsens in einer Art Reifeprozess entwickeln und dadurch ihren späteren Endzustand erreichen. Die jeweiligen individuellen Unterschiede ergäben sich nach diesem Modell aus den je eigenen Erbanlagen. Diesen Umstand machen Portraitbilder noch im 18. und 19. Jahrhundert deutlich, in denen Kinder als kleine Erwachsene dargestellt werden. Insbesondere aber war, und ist ma´u auch immer noch, in völlig unverständlichem Maße – wenn ma´u nich sehen kann oder will, in welch umfassendem Maße dieser Umstand durchgestzt wird, siehe z.B. den umfassenden Einfluss der Rockefeller Foundation auf die Lehrerbildung in den USA – der Überzeugung, dass Wissen durch Memorieren erworben würde. Oder anders gewendet: ma´u brauche Menschen nur Bilder oder Worte in den Blickbereich ihres „Fensters“ zu stellen oder bringen, und schon wüssten sie darüber Bescheid, hätten es erfasst und/oder verstanden und könnten dann damit „etwas anfangen“. Genau aus dieser Fehlmeinung heraus entsteht immer weiter die Katastrophe unseres gesamten Bildungssystems. Es waren die Forschungen Jean Piagets seit Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die deutlich zeigten, in welchem Maße sowohl dieses Denken, als auch das fast zeitgleich entstehende Modell des Behaviorismus verfehlt waren und sind. Auf das letztere soll hier aber nicht näher eingegangen werden. Es sei nur kurz erwähnt, dass es diejenige Sicht auf die menschliche Psyche darstellt, die ma´u dann „erhält“, wenn ma´u uns Menschen nur von außen betrachtet. Dass es aber immer noch eine wesentliche Rolle in der Psychologie spielt, ist von daher nicht sehr erstaunlich – siehe das schon eingangs erwähnte Objektivitätspostulat. Das meint natürlich nicht, dass die Ergebnisse dieses Denkens und Forschens unnütz wären. Als ergänzende Informationen zu Ergebnissen der Forschung aus dem „Blick“ nach innen, sind die selbstverständlich sinnvoll. Da aber unsere Psyche vor allem und zuerst ein inneres Phänomen ist, ist diese daher auch nur durch solche Beobachtungen und Interpretationen zu erkennen und von daher zu erklären. Damit greifen dessen Erklärungen entweder immer zu kurz, oder führen völlig in die Irre (siehe unten). Um nun aber wieder das „Fenster“ zu bemühen. Spätestens nach den Erkenntnissen Piagets wird klar: unser „Fenster“ wird nicht durch die Geburt „mitgeliefert“, sondern entsteht erst durch die jeweilige Ontogenese und Sozialisation. Oder in der weiteren Metapher: unsere „Bilder im Kopf“ entstehen, werden durch unsere Ontogenese „gemalt“. M.a.W., es ist keineswegs gleichbleibend und immer bei allen Menschen gleich „vorgegeben“, sondern entsteht erst durch die jeweiligen Umstände unserer Kindheit, die aber – und das ist unbedingt wichtig zu beachten – immer nur und ausschließlich über unsere „Fenster“ zu uns „herein“kommen, wobei hier neben den Augen und den Ohren auch alle unsere sonstigen „Zugänge“ zur Außenwelt gemeint sind. Es ist entwicklungs- und lernbedingt, aber daher auch absolut offen. Der Satz : „Es gibt so viele Welten (oder mit meinen Worten „Bilder im Kopf“ jedes einzelnen Menschen), wie es Menschen gibt“, drückt diesen Umstand umfassend aus.

Die ursprüngliche Forschungsabsicht Jean Piagets war es zu erkennen, wie es eigentlich Kindern gelingen kann, mathematisch zu „denken“. Folgerichtig beobachtete er den Lernweg und Lernerfolg an und bei Kindern, insbesondere seinen eigenen direkt von der Geburt an. Dabei entdeckte er auch für ihn völlig überraschend eine sich stufen- oder stadienweise – seine Bezeichnung – darzustellende Entwicklung der geistigen Fähigkeiten dieser Kinder. Da er dies aber in den folgenden Jahren immer wieder bestätigen konnte, wurde ihm bewusst, dass wir Menschen allgemein unsere geistigen Fähigkeiten so erwerben. Nach seinen Beobachtungen, die seither im Grundsatz von allen Beobachtern bestätigt wurden, die einen vergleichbaren Ansatz wie Piaget selbst anwandten – Abweichungen gibt es bei psychischen Phänomenen immer -, kann ma´u immer folgende Stadien beobachten: sensomotorisch, von 0 – etwas mehr als 2 Jahren, prä-operational, auch prä-op genannt, bis ca. 7 Jahre, konkret-operational, oder kon-op, bis ca. 12 Jahre und daran anschließend als vorerst letzte formal-operational, oder form-op. Diese Stadien wurden zwar von ihm selbst und anderen oft noch weiter unterteilt, aber ganz grundsätzlich gibt es zwischen diesen Stadien ganz gravierende und daher diese genau bezeichnende Unterschiede, so dass es angemessen erscheint, hier diese grundsätzliche Unterscheidung anzugeben und sich im weiteren darauf zu beziehen. M.a.W., die „Helligkeit“ und Umfassendheit unserer Blicke durch unser „Fenster“ inklusive der „Größe“ dieses „Fensters“ ist weder gleich, noch entwickelt es sich kontinuierlich. Diese Prozesse verlaufen immer stufen- oder stadienweise, aber eben auch immer individuell.

Da es heute sowohl in jedem guten Fachbuch zu diesem Thema die entsprechenden Hinweise und meist auch Belege gibt, diese auch in seinem Werk, oder noch besser seiner eigenen Zusammenfassung (J. Piaget „Meine Theorie der geistigen Entwicklung“) leicht nachzulesen sind, wird hier auf weiteres Eingehen auf diese Umstände verzichtet. Aber natürlich wurden nun diese Ansätze, wie selbstverständlich alle neuen Entdeckungen, vor allem wenn sie so fundamental sind, von allen Seiten einerseits immer erneut untersucht, vor allem aber andererseits von unterschiedlicher Seite kritisiert und oft auch bestritten. Die wichtigsten Einwände einer vergleichenden Sicht, richteten sich gegen das Auftreten aller Stadien bei allen Kindern, zeigte es sich doch sehr bald, dass dies keineswegs zutraf. So fand ma´u vor allem in „bildungsfernen“ Schichten, in Randgruppen von Gesellschaften, oder gar „Naturvölkern“, die über das Stadium prä-op weiterführenden Stadien seltener, oder gar überhaupt nicht – siehe unten – hinauskommen. Dass natürlich vor allem aus dem Bereich „objektivierbarer“ Betrachtung und hier vor allem dem Behaviorismus diese ganze Stadientheorie direkt, oft auch indirekt bestritten wurde und wird, ist von dessen Sicht her – also der Blick von außen – völlig verständlich. Da aber jederma´u bei der aufmerksamen Beobachtung der Entwicklung von Kindern, die von Piaget beschriebenen typischen Merkmale jederzeit beobachten kann, soll hier auf diese Einwände nicht näher eingegangen werden. Diese Erkenntnisse sind aber in geradezu umfassender Weise ein Beleg dafür, dass unser „Fenster“ nicht von Beginn unseres Lebens an „klar“ ist, sondern erst stadienweise, oder Schritt für Schritt klarer wird. Leider wird es aber nicht nur „klarer“, sondern die jeweilige Ontogenese, aber auch die umgebende Kultur und übliche Schul-„Bildung“ „versorgt“ uns mit so vielen „Eigenheiten“, sozusagen eingebauten „Verzerrungen“, dass sich auch die so „erkannten“ Bilder nur durch kritische, eigenaktive vor allem aber selbstbestimmte Prozesse „klären“ lassen. Also auch hier ein Entwicklungsprozess, der erst durch unsere gezielte Aufmerksamkeit zu wirklich positiven Ergebnissen führen kann. Darauf ist nochmals zurückzukommen.

Der wohl bestätigendste Beleg der Stadientheorie Piagets kommt aber von ganz anderer Seite. Gemeint ist hier das Konzept mit dem Titel „Spiral Dynamics“. Dieses wurde von dem amerikanischen Psychologen Clare Graves begründet, aber weiterentwickelt und veröffentlicht wurde es erst von seinen Schülern Beck und Cowan. Bevor ich hier allerdings weiterfahre, sei darauf hingewiesen, dass auch schon Jean Gebsers Theorie der „Bewusstseinsstrukturen“ in die gleiche Richtung verweisen. Ich komme gleich mit einem Querverweis nochmals darauf zurück. Aber zurück zu Beck und Cowan.

Die Herausgeber des Buches nennen „Spiral Dynamics“ eine von insgesamt vielleicht drei großen Durchbrüchen, die im letzten Jahrhundert in Bezug auf den Umgang mit Komplexität gelungen sind – neben der System- und der Chaostheorie. (sinngemäß in D.E. Beck, Ch.C. Cowan „Spiral Dynamics“ S.9). In annähernd 40 jähriger Forschung wuchs während dieser Arbeit die Erkenntnis, dass innerhalb der Menschen und innerhalb aller Gesellschaften ganz unterschiedliche „Weltsichten“, von Beck und Cowan auch Wissens- oder w-Meme genannt, existieren. Wenn wir uns hier wieder an unsere Metapher des „Fensters“ erinnern, wären diese w-Meme einerseits so etwas Ähnliches wie ein „Gitter“, bzw. in das „Glas“ geschliffene „Figuren“ oder „Verzerrungen“, die natürlich die „Sicht“ in charakteristischer Weise verändern, andererseits wie ein „Guckloch“ wirken. Das „Guckloch“ würde von „Stufe“ zu Stufe der w-Meme immer größer und das jeweilige „Gitter“ hätte immer weniger „Maschen“, bzw. die „Figuren“ veränderten ihr Aussehen. Wir kommen auf diese neue Metapher nochmals zurück.

Es handelt sich aber bei dieser Erkenntnis, bei diesem Durchbruch, keineswegs um ein eher spekulatives System, wie das schon lange existierende Enneagramm, sondern ein durch harte Fakten und Daten unterlegtes Konzept. Eine solche Weltsichtebene, ein solcher Welterklärungsrahmen oder w-Mem „spiegelt eine Weltsicht, ein Wertesystem, eine Ebene der psychischen Existenz, ein Glaubenssystem, ein Organisationsprinzip, eine Denkweise oder eine Form der Anpassung“, ja ein je eigener Erklärungsrahmen, eine je mögliche Erkenntnisvorlage wieder. Es „stellt eine zentrale Intelligenz oder Kernintelligenz dar, das Systeme bildet (bringt z.B. auch gesellschaftliche Formen hervor, s.u.) und menschliches Verhalten steuert. …. als Entscheidungsrahmen hat es Einfluss auf alle Lebensentscheidungen. Jedes w-Mem kann sich in gesunden wie auch in ungesunden Formen manifestieren. … es ist eine für sich stehende Denkstruktur, nicht bloß (aber auch!!) ein Set von Ideen, Werten oder Gründen“, also eben ein ganz spezielles „Gitter“, eine spezielle „Erkenntnisfigur“ vor unserem je eigenen „Fenster“ (a.a.O. S.10), in unserem je eigenen „Bild“. Und diese je eigene „Erkenntnisfigur“, also eine durch diese Entwicklung hervorgebrachte Sichtweise, die die „Bilder“ die wir zu erkennen glauben in je eigener Weise verändert, wird uns von unserer sowohl privaten, als auch kulturellen Umwelt vorgegeben. Oder noch anders: die „Bilder“ in unserem Kopf sind keine Abbilder, wie manche philosophischen Richtungen unterstellten, sondern durch unsere private und kulturelle Ontogenese geprägte, „gemalte“. Mit diesen Sätzen ist das Objektivitätspostulat endgültig gestorben. Auch darauf ist nochmals zurückzukommen. Und noch etwas Ergänzendes ist hier aus der Sicht Gebsers einzufügen: dessen Einsicht nach – die übrigens in etwas anderer Formulierung durchaus auch von Graves bestätigt wird -, ist die „Evolution“ unseres Bewusstsein keineswegs kontinuierlich, sondern wie er es ausdrückt von Mutationen geprägt. Er verweist ähnlich wie Graves darauf hin, dass eine neue Struktur sich dann zu entwickeln beginnt, wenn die bisherige Struktur beginnt, immer umfangreicher schädliche Wirkungen hervorzubringen. Er nennt diese Entwicklung „die defiziente Phase“ einer Struktur. Die neue Struktur enthält dann völlig neue Möglichkeiten.

Liest ma´u sich nun die folgende Beschreibung der Ebenen nach Graves durch, kann ma´u sofort erkennen, welch umfassende, ja fundamentale Einsicht in unser Denken und die Gründe unseres Entscheidens und Verhaltens hier möglich ist, vor allem aber in welchem Umfang sie auch die letzte Bemerkung in Bezug auf Gebser bestätigt. Warum aber wurde dieses Konzept als ein Beleg für die Forschungen Piagets bezeichnet. Dies wird dann deutlich, wenn ma´u sich die Ebenen, Wellen, oder Stufen (alle diese Begriffen wurden benutzt, um das Folgende zu beschreiben) ansieht, die die unterschiedlichen Möglichkeiten, bzw. Ausprägungen des menschlichen Denkens im Licht dieser Forschungen benennen. Beck und Cowan erkannten eben auf Graves aufbauend, dass Menschen in ganz unterschiedlichen „Ebenen“ denken und sich in dessen Sinn verhalten. Es entwickelte sich im Laufe der Zeit ein Ebenen- oder Stufenmodell, das sie, um möglichen Diskriminierungen vorzubeugen, die aus diesen Stufen herkommen könnten – ich bin auf einer „höheren“ Stufe, also bin ich besser, usw. – mit Farben benannten. Um den Umfang und vor allem Tiefgang zu erkennen und zu zeigen, hier eine möglichst kurze und zentrierte Aufzählung der verschiedenen w-Meme nach Beck und Cowan:

 Beige: (Grundtenor) Tu, was Du für dein Überleben tun musst

  • benutzt seinen Instinkt und seine Gewohnheiten, um zu überleben
  • ein klar getrenntes Selbst ist noch kaum erwacht oder gar beständig
  • Nahrung, Wasser, Wärme, Sex und Sicherheit haben Priorität
  • bildet Überlebendverbände, um das Leben zu erhalten und weiterzugeben

 Zu finden: bei den ersten Menschen, Neugeborenen, senilen alten Menschen, Alzheimerkranken im letzten Stadium, geistesverwirrten Obdachlosen, verhungernden Massen.

 Purpur: Die Geister zufrieden stellen und das Nest des „Stammes“ warm und sicher halten.

  • den Anweisungen von Geistwesen und mystischen Zeichen Folge leisten (Strafen wie Krankheit oder gar Tod könnten folgen)
  • den Häuptlingen, Alten, Ahnen und dem Clan gegenüber treu ergeben sein (eigene Interessen sind gegenüber den Stammesinteressen weniger wichtig)
  • heilige Gegenstände, Orte, Vorkommnisse und Erinnerungen in Ehren halten
  • Übergangsriten, Jahreszeitenzyklen und Stammesbräuche erhalten

Zu finden: bei dem Glauben an Schutzengel und voodooähnlichen Flüchen, bei Blutschwüren und über Generationen weitergegebenen Rachegefühlen, religiösen Gesängen und Trancen, Glücksbringern, Familienritualen, magischen ethnischen Glaubensvorstellungen und Aberglauben, in Gangs, Sportmannschaften und Unternehmen, in „Clans“ stark verbreitet.

 Rot: Sei ohne Rücksicht, das was du bist, und tu, was du willst.

  • die Welt ist ein Dschungel voller Räuber und Gefahren (nur mein Eigeninteresse zählt)
  • reißt sich von jedweder Herrschaft und jedwedem Zwang los, um sich selbst zu gefallen (um aber auch eventuell durch Gewalt Zwang auszuüben)
  • steht groß da, erwartet Aufmerksamkeit, fordert Respekt und hat das Sagen
  • genießt sein Selbst mit vollstem Recht und ohne Gewissensbisse und Schuldgefühle (setzt sein „Recht“ mit Gewalt durch)
  • überwindet, täuscht und beherrscht andere aggressive Persönlichkeiten (Macht-über geht über alles)

Zu finden: bei Kindern in der „Trotzphase“, rebellischen Jugendlichen. Grenzlandmentalitäten und feudalen Königtümern, bei James-Bond-Bösewichten, epischen Helden, Glücksrittern, wilden Rockstars, Attila und „Herr der Fliegen“, Basis des patriarchalen Denkens.

Blau: Das Leben hat eine Bedeutung, eine Richtung und einen Zweck mit vorbestimmten Ergebnissen.

  • das Selbst, für das transzendente Ziel, „Die Wahrheit“ oder den rechten Weg opfern (z.B. auch durch Selbstmord, oder als Selbstmordattentäter)
  • die Ordnung erzwingt einen Verhaltenscode, der auf ewigen, absoluten Grundsätzen beruht (10 Gebote)
  • rechtschaffenes Leben schafft gegenwärtige Stabilität und sichert zukünftigen Lohn (eventuell erst im Jenseits)
  • Impulsivität wird von Schuldgefühlen kontrolliert, jeder hat seinen ihm gebührenden Platz (Über-Ich)
  • Gesetze, Vorschriften und Disziplin bilden den Charakter und den Grundstoff der Moral (oft durch Beichte, meist durch Strafe und/oder Buse abgesichert)

Zu finden: dem puritanischen Amerika, dem China des Konfuzius, dem Chassidismus, dem Dickens´schen England, singapurischer Disziplin, dem ritterlichen Ehrenkodex, wohltätigen, guten Taten, der Heilsarmee, bei islamischen Fundamentalisten, bei Pfadfindern und im Patriotismus, Basis der Großreligionen.

Orange: Handle im eigenen Interesse und spiele so, dass du gewinnst.

  • Veränderung und Fortschritt liegen in der Natur der Dinge (und im eigenen Interesse)
  • Fortschritt, indem wir die Geheimnisse der Natur in Erfahrung bringen, bzw. sie der Erde „entreißen“ und  die besten Lösungen für uns finden
  • Die Schätze der Erde so verarbeiten, dass ein Überfluss an gutem Leben geschaffen und verbreitet wird (Ausbeutung der Erde ist unwichtig)
  • Optimistische, risikofreudige Menschen, die sich auf sich selbst verlassen können, verdienen Erfolg (in manchen Fällen überdimensionalen Reichtum und Macht)
  • Gesellschaften gedeihen durch Strategien, Technologie und Konkurrenzdenken, das allerdings immer nur im eigenen Interesse liegt.

Zu finden: im Zeitalter der Aufklärung, „Erfolgs“-Ministerien, an der Wall Street, bei Motorrad und Autorennen, an der Riviera, in einer entstehenden Mittelklasse, der Kosmetikindustrie, Handelskammern, dem Kolonialismus, Werbefernsehen, dem Kalten Krieg, Debeers Diamantenkartell, Brustimplantaten, der Mode, der „Religion“ des Kapitalismus.

Grün: Suche nach Frieden im inneren Selbst und erkunde mit anderen die fürsorglichen Dimensionen von Gemeinschaft.

  • der menschliche Geist muss von Habgier, Dogma und Entzweiung befreit werden
  • Gefühle, Sensibilität und Fürsorge ersetzen kalte Rationalität
  • Die Schätze und Möglichkeiten der Erde gleichmäßig unter allen verteilen
  • Entscheidungen durch Versöhnung und Konsensprozesse erreichen, wobei oft uferlose Diskussionen in Kauf genommen werden
  • Spiritualität auffrischen, Harmonie bringen, die menschliche Entwicklung bereichern

Zu finden: in klientenzentrierten Therapien, der Theologie der Befreiung, bei Ärzte ohne Grenzen, im kanadischen Gesundheitssystem, in der amerikanischen Bürgerrechtsunion, dem Weltkirchenrat, Sensibilitätstraining, Greenpeace, der Tiefenökologie, der Tierrechtsbewegung.

Diese sechs w-Meme gelten als diejenigen der sog. ersten Ordnung. Ihre Problematik besteht darin, dass sie sich untereinander, – vor allem gegen das Vorgänger-w-Mem -, eher bekämpfen. Darauf folgen diejenigen der sog. zweiten Ordnung, bisher zwei bekannt.

Gelb: Lebe umfassend und verantwortlich, als der, der du bist und lerne zu werden.

  • das Leben ist ein Kaleidoskop natürlicher Hierarchien, Systeme und Formen
  • die Großartigkeit der Existenz wird höher geschätzt, als materielle Besitztümer
  • Flexibilität, Spontaneität und Funktionalität haben höchste Priorität
  • Wissen und Kompetenz, sollten Rang, Macht und Status ersetzen
  • Unterschiede können in interdependenten, natürlichen Fließprozessen reguliert werden

Zu finden: in Carl Sagans Astronomie, der Chaostheorie, angepasster Technologie, Ökoindustriegebiete (die den Abfluss des jeweils anderen als Rohmaterial verwenden), Fred Alan Wolfs „neuer Physik“, Deepak Chopras „Die Körperzeit“.

Türkis: Erfahre die Ganzheit der Existenz mit dem menschlichen Verstand und dem höheren Geist.

  • die Welt ist ein einziger dynamischer Organismus mit kollektiver Vernunft
  • das Selbst ist sowohl ein klar unterschiedener als auch ein mit einem größeren, mitfühlenden Ganzen verbundener Teil
  • alles verbindet sich in ökologischer Ausrichtung mit allem
  • Energie und Information durchdringen die gesamte terrestrische Umwelt
  • Holistisches, intuitives Denken und kooperatives Handeln sind zu erwarten 

Zu finden: in Theorien von David Bohm und Hans-Peter Dürr, McLuhans „globalem Dorf“, bei Rupert Sheldrake und den morphogenetischen Feldern, in Gandhis Ideen einer pluralistischen Harmonie, Ken Wilber „Eros, Kosmos, Logos“, James Lovelocks „Gaia-Hypothese, Pierre Teilhard de Chardins „Noosphäre“.

Inzwischen wird von anderen Autoren, die diese Zusammenhänge erforschen eine weitere Ebene, Koralle vorgeschlagen. Aber diese ist diesen beiden Autoren noch immer unklar (dieser Text wurde bis hierher weitgehend wörtlich, an manchen Stellen mit Ergänzungen,  zitiert a.a.O. S 71-76). Nach Ken Wilber, der sich sehr für die Verbreitung dieser neuen Erkenntnisse in seinen Büchern einsetzt, führt der Weg, den ma´u am Ende dieser Entwicklung einschlagen kann, in verschiedene Ebenen dessen, was üblicherweise Erleuchtung genannt wird. Ob das dann irgendwann „Koralle“ genannt wird, bleibt offen, vor allem deshalb, weil es dann wahrscheinlich nicht nur eine, sondern 4 weitere solcher Ebenen geben müsste. Aber das ist ein eigenes Thema, allerdings ein mehr als interessantes, verliefe es doch dann parallel zu den 12 Dimensionen der Wirklichkeit Burkhard Heims. Auch darauf ist nochmals zurück zu kommen.

Diese Aufzählung stellt zweifellos ein beeindruckendes Bild menschlicher Realitäten dar. Am Ende ist aber noch auf wenigstens drei grundlegende Umstände hinzuweisen, die bei der Beurteilung sowohl der Theorie selbst, als auch ihrer Reichweite und Erklärungskraft zu beachten sind:

  1. alle Menschen durchlaufen in ihrer je eigenen geistigen Entwicklung ab ihrer Geburt alle Stufen bis zu der Stufe, die sie aktuell leben können. Im Erreichen einer neuen Stufe, wird die vorherige „mitgenommen“ und eingeschlossen. Es kann keine Stufe ausgelassen oder übersprungen werden. Auch dieser Prozess verläuft damit emergent. Solche Stufen sind eben auch Holons. In diesem so dargestellten stufigen Prozess liegt auch der schon erwähnte Zusammenhang mit den Erkenntnissen Piagets und, etwas modifiziert, Gebsers.
  2. In dieser immer wieder bestätigten stufigen Entwicklung – allerdings mit umfassend fließenden Übergängen – zeigt sich ein weiterer wichtiger Umstand. Der jeweilige Schwerpunkt des geistigen Bezuges bewegt sich wie ein Pendel von der Seite des Individuums auf die Seite der Sozialität und wieder zurück zum Individuum. Allerdings erreicht dabei jeder „Pendelausschlag“ eine neue Umfassendheit des jetzt möglichen Blickes aus dem „Fenster“ und damit des möglichen Verständnisses von Welt. Die „Bewegungen“ von Beige – Überleben des Einzelnen, Ich – zu Purpur – Identifikation und Überleben des Stammes oder Clans, Wir – zu Rot – erneute Identifikation mit dem Individuellen, jetzt vor allem im Sinne von Herrschaft über die „Welt“ und andere, Ich – zu Blau – Identifikation mit dem Mythos, der Religion, der Partei usw., Wir – über Orange bis letztlich Koralle zeigen dies deutlich. Hier zeigt sich nebenbei die Erklärungskraft des Holon-Begriffs erneut, aber auch die der „eingeschliffenen Figuren“ im „Glas“ unseres „Fensters“ und unserer „Bilder“.
  3. Diese Stufen geistiger Präsenz, Sichtweisen und Erklärungsmöglichkeiten von Individuum und Welt beschreiben jetzt aber keineswegs ein System von Kammern oder Schubladen, in die ma´u Menschen „packen“ und dann „ablegen“ könnte. M.a.W., diese Theorie ist in gar keinem Sinne und keiner Richtung starr, ganz im Gegenteil, wie ja auch ihre Benennung durch Beck und Cowan anzeigen. Erstens ist eine Person höchst selten bis nie eindeutig einer dieser Stufen zuzuordnen. Er/sie hat ja immer alle vorigen Stufen durchlaufen und kann sehr wohl bei entsprechendem „Bedarf“, also besonderen Anforderungen jeweiliger Umstände, auf das Denken und die Verhaltensweisen früherer Stufen „zurückgreifen“. In den Stufen des ersten Ranges geschieht dies wohl eher unbewusst, aber ab den Stufen des zweiten Ranges können diese Möglichkeiten von solchen Menschen ganz bewusst eingesetzt werden, was ja in der Praxis bereits von einer neuen Art von „Spiralberatern“ geschieht.

Damit ist natürlich weder die Spirale selbst noch die Möglichkeiten ihrer Anwendungen umfassend oder gar eindeutig beschrieben. Dies würde den hier beabsichtigten Rahmen auch weit überschreiten. Aber bevor diese Umstände verlassen werden, gilt es noch auf einige Zusammenhänge hinzuweisen, die unbedingt bei einem Blick darauf zu beachten sind. Wie geschieht eine solche Entwicklung geistiger Fähigkeiten überhaupt und gelingt diese immer und überall? Oder anders gefragt: wie gelingt der Zugang zu den weiteren, umfassenderen Stufen? In Spiral Dynamic behaupten Beck und Cowan, dass Menschen unter drängendsten Umständen fähig sind, ihre Umwelt durch neue konzeptionelle Modelle – also neue Weltsichtebenen – so zu gestalten, dass alle diese neu entstandenen Probleme, damit bewältigt werden können. Anders formuliert könnte ma´u sagen, die neuen Ebenen, seien Lösungen für solche Probleme. Im Hintergrund dieser Überzeugung kann ma´u das bisherige Evolutionsdenken erkennen, also in etwas gewandelter Form Mutation und Selektion, wobei allerdings die Ursache des „Fortschritts“ hier kein „Fehler“ – also Mutation – ist, sondern ein problematisch gewordener Umstand. Dieser Meinung wird hier entschieden widersprochen. Nach allem, was wir bisher über die geistige Entwicklung wissen – siehe Piaget -, erfolgt diese gerade nicht aufgrund solcher Bedingungen, sondern emergent (ma´u vergleiche auch das obige Konzept der Holons). Das wird noch deutlicher, wenn ma´u die ja auch von Beck und Cowan behauptete Unfähigkeit beachtet, dass innerhalb der jeweiligen Ebene die dort existierenden Probleme gar nicht erkannt werden können. Bedenkt ma´u darüber hinaus den weiteren Umstand, dass weder die geistige Evolution, noch die des Gehirns evolutiv zu erklären ist – ma´u beachte den Sachverhalt, dass wir nur ca. 20% unseres Gehirns nutzen, wie aber konnte sich etwas „durchsetzen“, das nicht genutzt wird? -, dann ist für diese Entwicklung eine evolutive Erklärung nicht akzeptabel. Noch deutlicher wird dieses Problem aber, wenn ma´u sich die individuelle Entwicklung anschaut. Die hierzu versuchte Antwort bezieht sich jetzt nur auf die Entwicklung einzelner Menschen und nicht auf die historischen Umstände. Um diese Frage zu beantworten, muss kurz eine Bedingung erwähnt werden, die hier eine wichtige Rolle spielt, die aber eigentlich erst später genauer zur Sprache kommen soll, nämlich die Folgen patriarchaler Erziehung. Diese behindert, ja blockiert in manchen Fällen geradezu solche Entwicklungen. Daher hier nur kurz: solche Übergänge bleiben wohl ein Leben lang möglich, setzten aber immer geistige Unabhängigkeit von jeweiligen Autoritäten, insbesondere jeweiliger Eltern voraus, s.u. Bei Kenntnis der Theorie und von da herkommender Beobachtung von Menschen, kann ma´u in manchen Familien deutliche Begrenzungen beobachten, die von den Eltern auf deren Kinder „übergehen“, die direkt mit solchen Umständen in Verbindung gebracht werden können. An dieser Stelle sei noch kurz erwähnt, dass auch unser derzeitiges allgemeines Bildungssystem und dessen Ausrichtung an der Gehorsamserziehung, einer solchen Entwicklung nicht besonders „förderlich“ ist. Auch darauf muss nochmals näher eingegangen werden.

Bei Gefallen des Textes und der Lust weiterzulesen, müssten Sie sich das Buch entsprechend der obigen Hinweise kaufen. Vielen Dank.

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