Der „real existierende“ Kapitalismus

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Der „real existierende“ Kapitalismus,

die Despotie der Holons Technik, Markt, Geld, Zins und Eigentum.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort                                                                                                                 

Einleitende Gedanken    

I.       Kapitel, der Schein                                                                                   

II.      Kapitel  Begriffsklärungen                                                                

   a)      Holon                                                                                              

   b)     Die Wirtschaft                                                                               

   c)      Technik als Ent-bergen von Wahrheit                                        

   d)     Technik als Ge-Stell                                                                      

   e.1.)      Der „erwünschte“ Markt     

   e.2.)     Wie entstehen Wertvorstellungen und wie werden sie ausgedrückt?                                                      

   f)      Geld und Eigentum                                                                                               g)      Schlussbemerkung.                                                                      

III.      Kapitel  Die Evolution des menschlichen Denkens                           

   a)      Kurze Darstellung der Weltsichtebenen                                     

   b)     Neues Denken und neue Sprache, neue „Bilder im Kopf“       

   c)      Die Idee der Freiheit, ihre Herkunft und Entwicklung             

   d)     Der Staat, welche „Bilder im Kopf“  verkörpern ihn

IV.     Kapitel,  der „real existierende“ Kapitalismus

   a)      Vorläufe                                                                                         

   b)     Der holondominierte Kapitalismus                                              

     b.1. Die konkreten Folgen der Weltsichtebene Orange             

     b.2. Die Folgen patriarchaler Weltsicht und Verhaltens           

     b.3. Der Kapitalismus und seine besondere Beziehung zu

            Geld, Zins und dem Markt                                                    

        b.3.1. Ökonomisches Geld

        b.3.2. Zins und Zinseszins                                                  

        b.3.3. Der Markt                                                                

   b.4. Die Basis des Kapitalismus, Eigentum und Arbeit              

        b.4.1. Das Eigentum                                                           

        b.4.2. Die Arbeit                                                                 

     b.5. Die Rolle von Wissenschaft und Technik im Kapitalismus

        b.5.1. Die Wissenschaft                                                      

        b.5.2. Die Technik als besonders kapitalistisch bedingte

     c) Der „real existierende“ Kapitalismus                                       

        c.1. Erste Phase der kapitalistischen Entwicklung          

        c.2. Die Entwicklung zum Neoliberalismus

 V.     Kapitel, welche alternative Ansätze sind denkbar     

Literaturliste                 

Vorwort

                                Es gibt keine größere Sünde als viele Wünsche.

                                Es gibt kein größeres Übel als kein Genügen kennen.

                                Es gibt keinen größeren Fehler als haben wollen.

                                         46. Vers des Tao te king

                                               „Gewinn ist unersättlich!“

                                                Pittakos

„Jedem Vorschlag zu einem neuen Gesetz oder einer neuen Regelung über den Handel, der von Kaufleuten kommt, sollte man immer mit großer Vorsicht begegnen. Man sollte ihn auch niemals übernehmen, ohne ihn vorher gründlich und sorgfältig, ja sogar misstrauisch und argwöhnisch geprüft zu haben, denn er stammt von einer Gruppe von Menschen, deren Interessen niemals dem öffentlichen Wohl genau entspricht, und in der Regel vielmehr daran interessiert sind, die Allgemeinheit zu täuschen, ja sogar zu missbrauchen“.

                                      Adam Smith „Der Wohlstand der Nationen“ S.213

Wettlauf.

Hat man viel, so wird man bald noch viel mehr dazu bekommen.

Wer nur wenig hat, dem wird auch noch das Wenige genommen.

Wenn Du aber gar nichts hast, ah, so lasse Dich begraben.

Denn ein Recht zu leben Lump, haben nur die, die etwas haben.

                                                      Heinrich Heine 19.Jh.

„Das Kapital ist für sich selbst da und für sonst nichts mehr“.

Carl Amery „Global Exit“ S.77

Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.

                                              Prophezeiung der Cree-Indianer

Der Kapitalismus ist die derzeit weltweit herrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Darüber ist ma´u (ab hier für man/frau) sich allgemein einig. Es ist daher nur konsequent, wenn die von uns gewählten PolitikerInnen durch die derzeitig verhandelten Freihandelsabkommen – insbesondere wenn die darin vorgesehenen geheimen Schiedsgerichte Wirklichkeit werden sollten -, ihre gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsmöglichkeiten, die wir ihnen durch die Verfassungen oder GG übertragen haben, an die Konzerne, bzw. an diejenigen, die über das Kapital verfügen, abtreten. Da wir als Volk einem solchen Umstand wohl niemals zustimmen würden, werden wir gar nicht erst gefragt. Eigentlich müsste ma´u alle Regierungschefs der beteiligten Regierungen, die ja alle bei ihrem Amtsantritt geschworen haben „ von dem Volke Schaden abzuhalten“, verklagen, denn es ist ja allzu offensichtlich, dass Organisationen, die alleine dem Profit verpflichtet sind, einen solchen nur erwirtschaften können, wenn sie sowohl „dem Volk“, als auch der Natur Schaden zufügen werden, ja letztlich müssen. Carl Amery hat dies in seinem Buch mit dem sehr bezeichnenden Titel „Global Exit“ deutlich beschrieben. Nun ist es ja nicht so, dass dieser Sachverhalt sonst niemandem auffiele und keine Sorgen bereitete. Was kann ma´u also tun? Einfach resignieren und „Gott einen guten Mann“ (wenn er dies überhaupt wäre) sein lassen? So etwas hat noch niemals etwas gebracht. Also sollte ma´u im Sinne möglicherweise besserer Lebensumstände für uns und die Natur immer erneut auf diesen Sachverhalt aufmerksam machen und ihn deutlich benennen. Aber geschieht dies denn bisher nicht schon? Hat dies z.B. Amery und viele andere nicht getan? Oder anders gefragt: sind die bisher angebotenen Beschreibungen und Analysen denn überhaupt so deutlich, dass sie unsere derzeitige Wirklichkeit „richtig“ beschreiben würden? Liegt es vielleicht daran? Und wären sie dann geeignet ein Umdenken in Bewegung zu setzen? Nach allem was mir bisher an Belegen begegnete, muss ich feststellen, dass es nur wenige gibt, die wirklich die „Oberfläche“ des Sichtbaren, bzw. uns Dargebotenen durchbrechen und die tatsächlichen Wirkmechanismen und dahinter stehenden Absichten benennen und aufzeigen. Es gibt sehr wohl gute Analysen in Bezug auf bestimmte Lebensumstände und gesellschaftliche Zusammenhänge. Aber diese sind in der Regel durch zuvor festgelegte „Blickrichtungen“ beengt, genauer gesagt, durch bestimmte Sichtweisen der vertretenen Wissenschaft oder der/s jeweiligen Autors/in. Nach der im Folgenden vertretenen Überzeugung kann eine wirklich zutreffende Analyse der derzeit erlebbaren Verhältnisse nur durch einen umfassenderen Blick sowohl historischer, als auch fachbereichsüberschreitender Art auch nur annähernd die diese Verhältnisse hervorrufenden Zusammenhänge in den Blick bekommen. Dabei ist es natürlich immer wichtig die eigenen „Bilder im Kopf“ – also die Umstände meiner derzeitigen Sichtweise auf die Welt, die durch meine gesamte Ontogenese entstanden (in der modernen Philosophie benutzt ma´u hier eher den Begriff Qualia = phänomenalem Bewusstsein, wobei wir aber nicht erst seit Heidegger um die Probleme der modernen Phänomenologie wissen) – nicht nur zu kennen, sondern auch Ihnen, verehrte LeserInnen an den wichtigsten Stellen mitzuteilen. Dies ist deshalb wichtig, damit Sie ein entsprechendes Argument, oder eine bestimmte Bezeichnung nachvollziehen und verstehen und dann möglicherweise auch akzeptieren können. Um es auf den Punkt zu bringen; diese Absicht besteht klar und deutlich darin zu zeigen, dass dieser Kapitalismus aufgrund seiner eigenen Bedingungen dringend überwunden werden muss – das Thema der Holons also -, aber auch dass dies in einer nicht eindeutig zu bestimmenden Zukunft auf jeden Fall geschieht – das Thema Weltsichtebenen (s.u.). Ich kann nur hoffen, dass dies so gelingt, damit Sie auch die angekündigte Absicht verfolgen können und diese Ihnen neue Einblicke und Verständnisse ermöglicht. Allerdings ist von Beginn an auf einen wichtigen Sachverhalt zu verweisen. Alle KritikerInnen, die in der jeweiligen geschichtlichen Situation die darin herrschenden Vorstellungen oder gar Ideologien kritisierten oder gar angriffen, wurden entweder schlicht ignoriert, oder durch umfassendes Verschweigen mundtot gemacht, manchmal in früheren Zeiten sogar im doppelten Wortsinne. Gerade im Zusammenhang mit dem derzeit herrschenden kapitalistischen und oder markt- (siehe hierzu Bachinger/Matis) und technikeuphorischen Denken kann ma´u dies sehr gut beobachten. Von Marx über Gesell, dann in bestimmten Zeiten Keynes und seine Anhänger, oder auch Polanyi, um nur wenige zu nennen, belegen dies deutlich. Alle zuzeiten dominierenden Ideologien waren sich in solchen Reaktionen schon immer gleich und dies gilt insonderheit für die derzeit herrschende markteuphorisch-kapitalistische. Da deren Auswirkungen aber immer bedrohlicher werden – die umfassende Begründung für diese Aussage erfolgt im folgenden Text -, ist es dringend erforderlich, diese so deutlich, aber auch so begründet wie möglich zu benennen. Da aber die wesentlichen Begründungslinien mit bisher wenig bekannten – siehe das Thema der Holons – oder teils übersehenen Erkenntnissen – siehe das Thema Weltsichtebenen (Graves) oder Bewusstseinsstrukturen (Gebser), eventuell auch der digitalen Revolution – erfolgt, könnte es umso leichter fallen, diese erneut schlicht zu ignorieren oder gar lächerlich zu machen. Es wird sich zeigen, was geschieht.

Einleitende Gedanken

Was sind die Umstände, die uns selbst und unser Überleben bestimmen und in manchen geschichtlichen Phasen auch bedrohen? Es waren immer die in den bestimmten Epochen existierenden grundlegenden Denkmöglichkeiten und dadurch hervorgebrachten Überzeugungen -auch die nicht öffentlich bekannten, aölso geheimen -, die das allgemeine Handeln begründeten und bestimmten, aber nie wirklich erklären konnten. Aber was heißt hier Denkmöglichkeiten? Und kann ma´u diese heute so deutlich erkennen, um die allgemeinen gesellschaftlichen Umstände von daher begründet zu verstehen? Bis vor kurzem wäre eine Antwort schwierig bis unmöglich gewesen, wie ja die historisch ungezählten Versuche belegen. Aber mit den Erforschungen der geistigen Entwicklung  der Kinder durch Piaget und dann insbesondere denen Claire Graves´ und Jean Gebsers unserer geistigen Zustände und Möglichkeiten, bieten sich endlich Ansätze, solches mit Aussicht auf Erfolg angehen zu können. Schon Piaget erkannte, dass sich unsere geistige Entwicklung in Stadien oder Stufen vollzieht. Aber solche Begriffe rufen bei uns bestimmte Vorstellungen hervor, die oft falsche Meinungen über diese Erkenntnisse provozieren. Anders formuliert kann ma´u auch sagen; ma´u darf solche Begriffe nicht zu „wörtlich“ verstehen, da sie sonst falsche Vorstellungen bedingen, denn sie stellen ja nur vergleichende Bilder dar, benennen aber nicht den Sachverhalt selbst. Es ist eben keineswegs so, dass es hier so etwas wie „Stufen“ oder „Stadien“ gäbe, die wir auf dem Weg unserer geistigen Evolution „erklimmen“ würden. Die Übergänge von einer Stadie zur nächsten sind erstens sehr individuell und zweitens sehr fließend.

Diese möglichen Missverständnisse entstammen unserer Sprache. Alle unsere Erfahrungen, daher kommende Gedanken und folgende Erkenntnisse können wir nur mit Hilfe unserer Sprache verstehen und weitergeben, wobei hier die Mathematik mit eingeschlossen gedacht wird. Da aber Sprache immer in ihren Bedeutungen auf persönliche „Bilder im Kopf“ bezogen ist, bzw. sich damit verbindet – ma´u vergleiche hierzu die Erkenntnisse von de Saussure, bezeichnet als Signifikant und Signifikat -, würde zu wörtliches Verstehen solcher Begriffe das Gemeinte verzerren bis verfälschen. Da wir aber anders nicht kommunizieren können, bleibt gar keine andere Wahl, als Begriffe zu benutzen, die in anderen Zusammenhängen eine oft andere Bedeutung haben. Hier ist insbesondere gemeint, dass die Begriffe Stadien oder Stufen Abgrenzungen beinhalten, die in den hier erkannten Abläufen eben schlicht unzutreffend wären. Dies gilt in noch weiterem Umfang für die W-Meme oder Weltsichtebenen nach Graves. Das nach seinem Tode von seinen Schülern Beck und Cowan veröffentlichte Buch, das diese Erkenntnisse der Öffentlichkeit vorstellt, heißt daher nicht umsonst „Spiral Dynamics“. Was aber sagt uns dieses Buch? Nach seinen Forschungsergebnissen, die weltweit durchgeführt wurden, erkannte Graves, dass alle Menschen auf einer ihn/sie bezeichnenden Weltsichtebene denken und die Welt „von daher“ interpretieren. Er konnte acht solcher Ebenen nachweisen. Eine neunte wird jüngst angedacht, ist aber noch wenig belegbar. Anders formuliert kann ma´u auch sagen: wir Menschen sind keine Träger, kein Objekt mehr der biologischen Evolution, sondern des Geistes (allerdings im Sinne von mind gemeint). Interessant ist, dass der russische Forscher Konstantin Korotkov aufgrund ganz andere Überlegungen und Forschungen zum gleichen Ergebnis kommt. Diese Ergebnisse werden aber für mich noch dadurch gesichert, da sie erstens dir Forschungen Piagets bestätigen, aber auch weitgehend deckungsgleich mit den etwas früheren Ergebnissen Jean Gebsers in Bezug auf dessen Überlegungen in Richtung der Entwicklung unserer Bewusstseinsstrukturen gehen.

Bezieht ma´u nun diese neuen Erkenntnisse auf die eingangs gestellten Fragen, kann ma´u ganz neue und vor allem andere Antworten als bisher anbieten. Historisch gesehen dachten Menschen während der Zeit der Stammeskulturen – hier sind im Folgenden immer die in der jeweiligen Gesellschaft existierenden dominierenden Denkformen der üblichen Erklärungen gemeint – auf der des Stammesdenkens, oder auch als animistisch bezeichnet. Beck und Cowan machten hier den Vorschlag, diese Ebenen mit Farben zu benennen, um mögliche „Abhebungen“ oder „Abgrenzungen“ von Menschen gegenüber anderen zu vermeiden, was allerdings wohl auch damit nur mäßig gelingt. Nach diesem Vorschlag wäre diese Ebene auch mit Purpur zu bezeichnen. Vor ca. 10000 Jahren begann sich dann Rot durchzusetzen, oder auch als egoisches Denken bezeichnet. Dann folgte vor ca. 2500-2400 Jahren Blau oder mythologisch, vor ca. 500 Orange oder rational, vor ca. 150 Grün oder mitfühlend und dann vor ca. 70 und dann 50 Jahren die Ebenen des 2. Ranges (die Erklärung dieses Begriffs würde hier etwas zu weit abführen) Gelb und Türkis, auch als integral und holistisch bezeichnet, wobei diese Begriffe in das Gemeinte verweisen. Zum auch nur annähernden Verständnis der Reichweite dieser Erkenntnis, ist darauf hinzuweisen, dass alle diese Weltsichtebenen, sowohl eine eigene gesellschaftliche Lebens- und Wirtschaftsform begründeten, als auch eine eigene Religion. Zum Beleg hier kurz: Purpur gleich Stämme, Animismus oder Totemismus, Leben in der Natur mit gemeinschaftlicher Aufteilung der Ergebnisse von Jagd und Sammlung. Rot gleich Feudalreiche und Götterhimmel, erste Großverwaltungen, erste Märkte und „Erfindung“ des ökonomischen Geldes (Lyder) und des Eigentums. Blau gleich Großreiche und Großreligionen, also z.B. der Eingottglaube, teilweise Rückkehr zum Warentausch und Orange Regierungsformen des Rechts und der Schein-Demokratien und als Religion die Wissenschaft, insbesondere aber den Kapitalismus (ma´u vergleiche Max Weber, Ernst Bloch oder Walter Benjamin), als Wirtschaftsform den Kapitalismus. Entscheidend ist aber, dass es nach wie vor viele Menschen gibt, die immer noch auf früheren Ebenen denken. Unsere derzeitigen Lebensumstände sind aber grundlegend durch das rationale Denken zu begründen und von daher zu verstehen. Auf dieser Ebene denken momentan ca. 30% der Menschen, die allerdings die gesellschaftliche Macht haben. Um dies zu belegen hier ein längeres Zitat aus „Spiral Dynamics“, das dieses Denken näher beschreibt. Dort heißt es unter anderem:

Orange: Handle im eigenen Interesse als Individuum, das Du bist und spiele so, dass du gewinnst.

  • Veränderung und Fortschritt liegen in der Natur der Dinge (und im eigenen Interesse)
  • Fortschritt, indem wir die Geheimnisse der Natur in Erfahrung bringen, bzw. sie der Erde „entreißen“ und  die besten Lösungen für uns finden
  • Die Schätze der Erde so verarbeiten, dass ein Überfluss an gutem Leben geschaffen und verbreitet wird (Ausbeutung der Erde ist unwichtig)
  • Optimistische, risikofreudige Menschen, die sich auf sich selbst verlassen können, verdienen Erfolg (in manchen Fällen überdimensionalen Reichtum und Macht)
  • Gesellschaften gedeihen durch Strategien, Technologie und Konkurrenzdenken, das immer nur im eigenen Interesse liegt.

 Liest ma´u sich diese „Liste“ möglicher Verhaltensweisen von Menschen durch, kann ma´u einige wichtige Schwerpunkte erkennen. Vorab geht es immer um die Wünsche und Bedürfnisse des Ich, noch deutlicher muss ma´u eigentlich Ego sagen, da erst dessen extreme Selbstbehauptungs- und Bestätigungsbedürfnisse solches Verhalten hervorbringt. Wie das dann konkret aussieht haben Beck und Cowan klar und deutlich wie folgt beschrieben: „<Ich will etwas leisten und gewinnen und etwas in meinem Leben erreichen. Die Welt ist voller Möglichkeiten für den, der sie ergreift und dabei bereit ist, mit Überlegung auch etwas zu riskieren. Nichts ist sicher, aber wenn du gut bist, versuchst du das Beste aus deinen Chancen zu machen, und findest unter vielen Möglichkeiten die besten. Zuerst musst du an dich selbst glauben, dann klappt auch alles andere. Du darfst dich nicht in Strukturen oder Regeln verheddern, wenn sie den Fortschritt hemmen. Stattdessen kannst du die Lage für dich selbst ständig verbessern, wenn du Versuche unternimmst und aus deinen Erfahrungen lernst. Ich habe Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten und beabsichtige, etwas in der Welt zu verändern>. Von Rot erhält es das Verlangen, den Wünschen des eigenen Selbst zu folgen“. Auch in Orange sucht ma´u oft jemanden, „dem sie im Falle des Scheiterns die Schuld geben können, denn die liegt <wie in Rot> ganz sicher nicht bei ihnen. In derartigen Systemen bedenken Vorständler einander ausnahmslos mit üppigen Zulagen, selbst wenn sich das Unternehmen insgesamt auf dem absteigenden Ast befindet. Das Elitedenken schafft zwischenmenschliche Distanz. Freude beschert dir Jagd, nicht der Fang. Andere Menschen müssen der besten und angemessensten Vorgehensweise – nämlich der eigenen – zustimmen“. Das aus diesem Denken entstehende „moderne Leben ist das Resultat arbeitskraftsparender Maschinen, das den Geist für bessere Dinge freisetzt: eine überlegene Gesundheitsvorsorge und bessere Medikamente, <verbesserte> Tiere und Pflanzen sowie den Glauben, dass wir Gewalt über alles haben. Der Glaube an Dogmen ist verschwunden und von Versuchsergebnissen <der wissenschaftlichen Methode> und ständigen Auswertung, was gerade am besten funktioniert, abgelöst worden. Erfolgreiches Handeln bestimmt, was richtig ist. Es kann gelegentlich Sympathie, aber keine Empathie geben. Es handelt sich um Männer, welche die Verantwortung übernehmen, und Frauen, die wissen was sie wollen und wie sie es bekommen können. Beide Geschlechter wollen es ganz und sie wollen es jetzt. Außerdem begrüßen Menschen in Orange Werte und Glaubensvorstellungen, die dem Materialismus gegenüber dem Spiritualismus, dem Pragmatismus gegenüber Prinzipien und Siegen gegenüber langfristigen Garantien den Vorzug geben. Vielgestaltiges Denken ist vergleichend, das Leben ist wettbewerbsorientiert. Man tut das, was funktioniert und sagt das, was die anderen hören wollen. Wenn Orange aktiv ist, zählt das Äußere oft mehr als das Wesen. Der erstklassige Lebensstil, den man in Orange ersehnt, ist ausgestattet mit einem psychoanalysierenden Verstand und teuren Anzügen, Trophäenfrauen oder –Männern, mit denen man sich in Cannes zeigen kann. Orange und Mobilität gehören zusammen. Loyalität gründet auf Nützlichkeit, nicht auf Verpflichtung. Menschen in Orange kann es an Gewissen fehlen, insbesondere, wenn es um gewichtige Ergebnisse geht. Entscheidungen basieren auf kalten, quantitativen Berechnungen und der Beurteilung der Möglichkeiten – <Fakten, nichts als Fakten> – sagt man in Orange. Man kann andere nicht um Unterstützung oder Rat bitten, da dies ein Anzeichen von Schwäche wäre und die Selbsttäuschung vollständiger Autonomie untergraben würde. Ein Charakteristikum des gesamten orangen Bereichs ist das Gefühl eines unbegrenzten Selbst und grenzenloser Möglichkeiten. Warmherzigkeit zu zeigen, ist immer noch eine Frage des kalkulierenden Nutzens. Das große Verdienst dieses w-Mems liegt darin, dass es die Mutter der Moderne ist. Dem Einzelnen hat es Befreiung, Technologie und die Bereitschaft, Ideen zu erforschen gebracht. Allerdings ist es auch die Quelle der problematischen Lebensbedingungen, die zu den Fragen führen, ob Regierungen funktionieren, wie Milliarden von Menschen mit einer vernünftigen Lebensqualität koexistieren können und wie die Erde ein Konsumniveau, wie es derzeit herrscht, verkraften kann“.

Diese Beschreibung ist klar und eindeutig eine Charakterisierung solcher Menschen, die ma´u heute in besonderer Weise als erfolgreich versteht und die uns permanent als dringend nachahmenswert vorgesetzt werden, allerdings auch solcher, die wir nicht kennen, die aber gleichwohl über fast unbegrenzte Macht verfügen. Es sind diejenigen, die uns in der Wirtschaft und von daher bestimmter Politik „beherrschen“ (s.u.). Betrachtet ma´u sich aber die jüngste Geschichte etwas genauer, kann ma´u erkennen, dass sich das rationale Denken in aller Regel auf Prämissen bezieht, die ihrerseits puren Behauptungen oder Wunschvorstellungen entspringen. Als Beleg hier der Hinweis auf den sog. „Freien Markt“, der von Beginn an nie wirklich frei war, (s.u.), oder den etwas später entstandenen „real existierende Sozialismus“, der ebenfalls keiner war, zumindest nicht im Sinne der Theorien von Marx, obwohl er auch danach – es gab allerdings nur spärliche Hinweise – nicht funktioniert hätte. Aber beide funktionierten und funktionieren teilweise noch immer, als die Begründung der Einstellungen ganzer Gesellschaften. Oder anders formuliert; rationales Denken ist zwar als Instrument sehr brauchbar und nützlich, wenn ma´u aber seine Voraussetzungen keiner gründlichen kritischen Analyse unterzieht und diese nicht in ihren Folgen umfassend bedenkt, dann führt dies zu dem, was wir in der Moderne so umfassend erleben, nämlich zu Ideologien und zwar ganz im Sinne von Marx als falsches Bewusstsein gemeint. Oder m.a.W., Jeremy Rifkin (siehe sein Buch „Die empathische Gesellschaft“) ist der Überzeugung, dass das moderne Denken nicht rational genannt werden muss, sondern ideologisch. Ich ziehe es jedoch vor dieses Denken immer noch rational zu benennen, aber keineswegs seine ideologische Ausrichtung zu übersehen. Bezieht ma´u nun diese Darstellung auf unsere Ausgangsfrage, kann ma´u anders formuliert sagen: Unsere derzeitige weltweite Wirklichkeit wird nach den folgenden Darstellungen und diesen zugrundeliegenden Überzeugungen von einem Denken und daher begründeten Wirtschaftssystem geprägt, das ma´u nur mit dem Begriff des Kapitalismus richtig beschreiben kann. Dieser Kapitalismus ist die umfassend ideologisch begründete Wirtschaftsform, die aus dem oben näher beschriebenen Denken entstand, und aus diesem herkommend gleichzeitig die Funktion einer Religion innerhalb dieser Weltsichtebene erfüllt.

In ihm sind aber mehrere ideologische Verfremdungen enthalten, nämlich die Markttheorie, das Geldsystem und eine sehr einseitige, ja eigentlich völlig falsche Sicht der Arbeit (siehe zu allen drei Aussagen die späteren Ausführungen). Da es aber beide Funktionen erfüllt – also scheinbar unsere äußeren wie inneren Bedürfnisse befriedigt -, hat es eine umfassend beherrschende Position. Diese entwickelt sich ununterbrochen in einer immer bedrohlicheren Weise weiter – im Sinne einer Bedrohung unserer wirklichen menschlichen Werte gemeint, nämlich Freiheit, Gleichheit, Empathie und Liebe -, vor allem aber einer allgemeinen Bedrohung unserer Überlebensmöglichkeiten. Dabei nähert sich unsere allgemeine gesellschaftliche Wirklichkeit immer umfassender der einer Despotie, also einer absoluten Fremdbestimmung. Aber warum beschreibt ma´u denn dieses System dann üblicherweise mit dem Begriff der „Freien Marktwirtschaft“? Der Grund warum ma´u diesen „neuen“ ideologisch bestimmten Begriff brauchte, ist ganz offensichtlich der, wie auch schon J.K. Galbraith vermutete, dass der Begriff Kapitalismus insbesondere in den USA seit der Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts in Misskredit geraten war. Daraufhin suchte ma´u nach einem Ersatzbegriff, der dieses Wirtschaftssystem bezeichnen sollte, aber so, dass er von der weltweiten Öffentlichkeit akzeptiert wurde, wobei aber letztlich alle beide ideologische sind. Er hatte aber noch eine weitere wichtige Funktion zu erfüllen, er sollte die gesellschaftsprägende, ja absolut dominierende Wirklichkeit dieses Systems möglichst „verschleiern“ und unkenntlich machen, was sie als Ideologien hervorragend tun. In dem Begriff der „Freien Marktwirtschaft“ hatte ma´u das Idealwort gefunden. Es verband den Begriff der Freiheit, der ja in der Moderne, insbesondere im Zusammenhang mit dem Liberalismus seit langem ein Schlüsselbegriff mit positiver Besetzung ist, mit dem des Marktes. Dieser erscheint vordergründig genau so harmlos, wird er doch schon lange für den allgemeinen Handelsplatz benutzt, an dem sich die Menschen mit den Gütern versorgen können, die ihnen fehlen. Daneben behauptet seine gelehrte Theorie, dass er ein in allen gesellschaftlichen Bereichen zutreffendes Gleichgewicht herstellen würde. Ma´u beachte die berühmte „unsichtbare Hand Gottes“ nach Adam Smith, eine umfassend unbelegbare, eben ideologische Behauptung. Allerdings hat ma´u den Marktbegriff im Kapitalismus auf Bereiche ausgedehnt, die keineswegs unter den mit einem üblichen Markt verbundenen Aktivitäten zusammenfallen, siehe z.B. den sog. Kapitalmarkt, aber auch noch andere, wie sich noch zeigen wird. Alle diese deutlichen Widersprüche belegen durch diesen jetzt kurz dargestellten Hintergrund, dass, wie schon oben behauptet, unsere derzeitige „Realität“ nur dann zu verstehen und in wesentlichen Bereichen zu erklären ist, wenn ma´u einen weiten Bereich unserer verschiedenen gesellschaftswissenschaftlichen Ansätze in eine Erklärung mit einbezieht und diese miteinander verbindet. Es sei aber nicht verschwiegen, dass dies manchmal in einer Weise geschieht, die von FachvertreterInnen wohl kaum immer vorbehaltlos akzeptiert wird. Dies hat dann manchmal auch damit zu tun, dass diese Wissenschaftsbereiche ihrerseits sehr „unterschiedlich“ – vorsichtig ausgedrückt – aufgestellt sind und argumentieren. Ich kann daher nur hoffen, dass der angestrebte Ertrag dieser Bemühungen so ausfallen wird, dass dies für alle LeserInnen akzeptabel, zumindest aber nachvollziehbar ist.

Aber natürlich sind neben den Umständen unseres Denkens noch weitere uns umfassend betreffende Voraussetzungen zu beachten, nämlich unsere patriarchale, machthierarchisch geprägte gesellschaftliche Realität, die neben den Denkprozessen auch unsere seelisch-psychischen Umstände mitbestimmen. Also einerseits das, was wir seit Freud unser Unbewusstes, das Ich, bzw. Ego und das Über-Ich nennen, aber teils von daher mit zu verstehen die Ausprägung dessen, was in manchen Bereichen der Psychologie Linien genannt wird. Oder m.a.W., alle die persönlich-psychischen Bereiche, die die Psychologie erforscht. Darüber hinaus machte Ken Wilber darauf aufmerksam, dass unsere übliche objektive, positivistische Sicht auf uns selbst und die Wirklichkeit eindeutig zu einseitig ist. Er schlägt daher das Modell der sog. vier Quadranten vor, dass jede Beobachtung sowohl von Subjekten, als auch Objekten, sowohl subjektiv, oder „von Innen“, als auch objektiv, also von „Außen“ erfolgen müsse. Da solches nun auch in der Einzahl als auch Mehrzahl erfolgen kann, ergeben sich eben vier Bereiche des Sehens, Ich und Wir als die, oder auf die subjektive Seite, und Es und Sie als die, oder auf die objektive.

Aber zu einem wirklichen Verständnis unserer Wirklichkeit gibt es noch einen weiteren Zusammenhang, der wenig bekannt ist, bzw. trotz existierender Hinweise bisher strikt ignoriert wird, nämlich die grundlegende Selbständigkeit allen Existierenden. Was meint dieser Satz? Eigentlich ist ja alles Existierende keineswegs selbständig, abgegrenzt, wie uns der Begriff des Objekts nahelegt, ganz im Gegenteil hängt Alles mit Allem zusammen. Aber diese objektive „Selbständigkeit“ ist hier nicht gemeint, sondern eine solche, die einer hervorgekommenen Existenz – ob dies durch natürliche Prozesse, oder von uns Menschen hervorgebracht ist, ist einerlei – in umfassender und insbesondere eigendynamischer Weise zukommt. Konkret bedeutet dies, dass ein solches neu Hervorgekommenes nicht nur seine Eigenexistenz mit allen Mitteln zu behaupten versucht, sondern sich auch in seinen Möglichkeiten zu seinen eigenen Seinsumständen weiterentwickelt. Bezogen auf das Leben nennen wir diesen Prozess Evolution. Dies gilt aber auch für andere Seinsbereiche, wie z.B. die Wirtschaft und die Technik. Der alles entscheidende Punkt ist der Umstand, dass die jeweils eigene Entwicklung solcher Seinsbereiche auch die eigene „Umwelt“ in eigenbezogener Weise verändert. M.a.W., sie verändern ihre Umwelt in einer Weise, die ihren eigenen Bedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten entspricht. Dies gilt vor allem und gerade in Beziehung auf uns Menschen. Daher lautet eine der entscheidenden Thesen dieses Buches: Wesentliche unserer menschlichen Entwicklungen erfolgten nicht nur in unserem zuerst menschlichen Interesse und unseren zuerst menschlichen Bedürfnisse, sondern auch und vor allem denen dieser neu hervorgekommenen Entitäten oder Ideen, wie z.B. der Wirtschaft und der Technik.

Aber Moment, was soll denn nun diese völlig abstruse Behauptung, unsere Entwicklung verliefe nicht in unserem Interesse, sondern auch der von Wirtschaft und Technik? Das ist doch völlig absurd. Wir sind es doch, die uns ganz im biblischen Auftrag „die Erde untertan gemacht haben“. Es ist gerade diese unsere allzu menschliche Überheblichkeit, die uns die wirklichen Verhältnisse, die auch uns in immer umfassenderer Weise fremdbestimmen, völlig übersehen lässt. Schon Martin Heidegger hat auf diesen Umstand in einem Vortrag in Bezug auf die Technik aufmerksam gemacht, der in seinem Büchlein „Die Technik und die Kehre“ veröffentlicht wurde. Er machte diese Eigendynamik am Sein und am Wesen der Technik fest. Denn alles was ist, also Sein hat, west auch an, hat ein eigenes Wesen. Dieses „Wesen“ der Technik ist das Gestell. Wie begründet er diesen eigenartigen Ausdruck? Die Technik ist dasjenige Sein, in dessen Anwesen der Natur nach-gestellt wird, um sie fest-zu-stellen, damit sie sich heraus-stellt bzw. wir uns etwas vor-stellen können, um damit und daraus etwas herzu-stellen, das ma´u dann zu-stellen, hin-stellen, auf-stellen kann. Und so ist eben die Technik bezogen auf dieses vielfältige Stellen ein Gestell, wie viele Berge ein Gebirge sind. Oder mit seinen Worten: „Das Wesen des Gestells ist (daher) das in sich (also der Technik) gesammelte Stellen, das seiner eigenen Wesenswahrheit (also seinem so zu beschreibenden und verstehenden Sein, Anwesenheit) mit der (menschlichen) Vergessenheit nachstellt, welches Nachstellen sich dadurch (nämlich die menschliche Vergessenheit) verstellt (für uns unsichtbar wird), dass es sich in das Bestellen (Zurechtbiegen, zur Verfügung halten) alles Anwesenden (also auch der Menschen) als den (seinen) Bestand (also seine Wirklichkeit) entfaltet, sich in diesem einrichtet und als dieser herrscht“ (!!!) (a.a.O. S.37 Hervorh. PS). Und er fährt unter dieser Voraussetzung mit Recht fort: „Das Gestell west als die Gefahr“. Oder m.a.W., das Sein der Technik, des Gestells ist für uns Menschen gefährlich. Und warum ist sie das? „Aber bekundet sich damit (mit dem herkömmlichen Anschauen der Technik, als diese Technik) schon die Gefahr als die Gefahr? Nein.“ Und warum nicht? „Fährnisse und Nöte bedrängen zwar allerorten die Menschen übermäßig zu jeder Stunde. Aber die Gefahr, nämlich das in der Wahrheit seines (des Gestells) Wesens sich gefährdende Sein (nämlich die Gefahr für uns Menschen) selbst, bleibt verhüllt und verstellt (für uns durch unsere Unkenntnis unsichtbar). Diese Verstellung (unsere Unkenntnis) ist das Gefährlichste der Gefahr. Gemäß dieser Verstellung der Gefahr durch das Bestellen des Gestells (es stellt scheinbar alles her, was wir wollen), sieht es immer noch und immer wieder so aus, als sei die Technik ein Mittel in der Hand des Menschen. In Wirklichkeit aber ist jetzt das Wesen des Menschen (und damit sein Sein, seine Wirklichkeit) dahin bestellt (er ist dazu verurteilt), dem Wesen der Technik an die Hand zu gehen“ (a.a.O.), sich ihr unterzuordnen und ihr einzufügen. Ma´u beachte zu dieser Aussage die Umstände von ArbeiterInnen an Fließbändern, vor allem in noch nicht weit zurückliegender Vergangenheit, in Entwicklungsländern aber auch noch gegenwärtig.

Dieser Ansatz eines enorm wichtigen „Weckrufes“ von Heidegger blieb leider fast völlig ungehört. Wo kämen wir denn da hin, anerkennen zu sollen oder gar zu müssen, dass wir, die „Krone der Schöpfung“, in Wirklichkeit gar nicht diese Krone sind, sondern nur „Bestand des Gestells“? Das geht natürlich gar nicht. Aber vielleicht verhinderte auch die Wortwahl – Sein und Wesen – Heideggers eine weitere Verbreitung dieser Gedanken, werden doch diese erstens auch für andere Bezüge genutzt, vor allem aber bringen sie nicht die umfassendere Wirklichkeit solcher Umstände zum Vorschein. Dies leistet aber der von Arthur Koestler vorgeschlagene Begriff des Holon, wie sich noch zeigen wird.

I.    Kapitel, Kapitalismus, der Schein

Es wurde im Eingang darauf verwiesen, wie wichtig es ist deutlich zu machen, von woher der Autor denkt. Hier die Erklärung; die folgenden Gedanken gründen umfassend auf diesen Überzeugungen:

  1. Alle Menschen sind als Teil der Spezies Mensch gleich. Dieser Umstand wurde jetzt endgültig durch die Genforschung bestätigt. Alle haben daher das Recht auf ein aus ihrer Kultur begründetes „gutes Leben“, also ausreichende Nahrung, zuträgliche Lebensbedingungen, selbstbestimmte Lebensumstände und umfassende Bildung.
  2. Alle Menschen sind aber auch je eigene Individuen. Daher sind sie alle unterschiedlich in Bezug auf diese ihre individuelle Realität. Dies ist eine Folge der unterschiedlichen Ausstattung ihrer Herkunft, sozialen Rahmenbedingungen und der je eigenen Ontogenese. Jeder Mensch trägt damit in seinem Kopf seine je eigene Welt, seine eigenen „Bilder im Kopf“ – Qualia – mit sich. Alles was ihm/ihr begegnet, wird mit Hilfe dieser „Bilder“ interpretiert und beurteilt. Sie begründen die aus diesen Urteilen entstehenden je eigenen Lebensumstände und Handlungen. Jeder Mensch trägt daher dafür auch die Verantwortung, ob er will oder nicht. Dies gilt auch dann, wenn er/sie diese ablehnt, oder auch nicht wahr- und/oder annehmen will.

Es ist unumgänglich, dass eine von daher begründeten Sicht auf uns Menschen eine ganz spezielle Vorstellung über diese unsere derzeitige gesellschaftliche Wirklichkeit folgt. Wie aber sieht eine solche aus?

Wenn wir uns mit anderen Menschen unterhalten, sind wir oft erstaunt, wie unterschiedlich unsere jeweiligen Ansichten über uns selbst und die uns umgebende Welt sind. Auf dem Hintergrund der in den einleitenden Gedanken dargestellten Erkenntnisse über die Weltsichtebenen und den eben begründeten je eigenen „Bilder im Kopf“ ist das auch nicht verwunderlich. Jede/r hat eben seine/ihre je eigene Welt in seinem/ihrem Kopf. Dass diese nach persönlicher Entwicklung erstens sehr unterschiedlich ausfallen, vor allem aber zweitens von daher kommend umfassend vor-bestimmten Vormeinungen unterliegen – das, was wir oft als Vor-Urteile erleben -, ist unumgänglich. Leider ist dieser Umstand den wenigsten Menschen bewusst, so dass sie fast immer davon ausgehen, dass das von ihnen Ausgesagte immer bei dem/der Gesprächspartner/in so „ankommt“, wie sie es gemeint hatten. Das ist aber in aller Regel nicht so. Woher kommt das? Geistig (im Sinne von mind) sind wir bei unserer Geburt eine tabula rasa. Alles uns Menschen Ausmachende müssen wir erst auf der Grundlage und mit Hilfe eigener genetischer Ausstattung – die allerdings im Unterschied zu unseren tierischen Vorfahren ziemlich begrenzt ist – erlernen. Das beginnt beim gezielten Bewegen, die Gefühle (siehe das Konzept der Linien), über die Sprache bis zum Denken. Aber – und das ist besonders wichtig – alles was jetzt das Ergebnis dieses Prozesses ist, ist ganz persönlich, individuell (s.o.). Jede/r hat damit und daher seine/ihre je eigenen „Bilder im Kopf“.

Alle patriarchal denkenden und daher machthierarchisch organisierten Gesellschaften versuchten nun aber seit ihrer Existenz in den heraufziehenden Feudalherrschaften und den folgenden – und tun dies heute umfassender als je zuvor -, einerseits direkt in den Familien, andererseits über die öffentlichen Bildungseinrichtungen und dann die heute folgende alles überschwemmende ideologisch bestimmte Propaganda diese „Bilder“ so einheitlich, vor allem aber „gesteuert“ wie möglich zu machen. Hier ist nicht der Ort, sich ausführlicher damit auseinanderzusetzen, aber jederma´u kann dies bei kritischem Blick auf unsere Gesellschaft beobachten. Aber führt dies zu einer unkritischen Einstellung gegenüber sich selbst oder gar der Gesellschaft –  was ja machthierarchische Gesellschaften, wie die unseren gerne hätten und daher mit allen Mitteln anstreben -, dann ist das selbstverständlich absolut negativ. Die Begriffe Untertanentum als eine Bezeichnung des überwiegenden Teils solcher Gesellschaften (siehe z.B. Jean Piaget), aber auch „gouvernementale Republik“ – und nicht mehr parlamentarische, weil sich die Parlamente immer mehr darauf beschränken lassen, die von der Exekutive erlassenen Verordnungen einfach zu ratifizieren und damit sich selbst zunehmend überflüssig zu machen (siehe zu dieser Aussage z.B. Giorgio Agamben „Ausnahmezustand“, Agnoli J./ Brückner „Die Transformation der Demokratie“, Arnim v. Hans Helmut „Staat ohne Diener“ oder „Die Deutschlandakte“, aber noch viele mehr) – bringen dies sehr gut auf den Punkt. Untertanen sind von ihren zunächst vorgegebenen – in der Regel zunächst die Eltern – und danach gewählten Autoritäten – z.B. führenden PolitikerInnen und/oder Parteivorsitzenden – immer abhängiger, auch als gewählte VertreterInnen des Volkes. Dies gilt nicht nur in ihrem Verhalten, mehr noch in ihrem Denken und den daher kommenden Urteilen. Da sich all dies sowohl in der Politik, mehr aber noch in der Wissenschaft und der Wirtschaft auswirkt, entstehen daraus gravierende öffentliche Probleme. Th. S. Kuhn hat diese Folgen mit dem Begriff des Paradigmas (siehe sein Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“) – heute allgemein gesellschaftlich gesehen eher die Begriffe Mainstream, oder „in sein“, wobei diese Begriffe nicht deckungsgleich mit Paradigma sind – und dessen spezielle Wirkungen deutlich auf den Punkt gebracht. Unsere Gesellschaft, als unser hier gemeintes Bezugsobjekt, versucht mit allen Mitteln die noch gar nicht so lange entstandene Individualität – ma´u vergleiche die obige Definition der Weltsichtebene Orange – und die dadurch entstandene Selbständigkeit aller Menschen, wieder zum Verschwinden zu bringen, bzw. diese auf jeden Fall auf den Privatbereich zu beschränken. Das Tragische daran ist, dass Menschen, die diese Entwicklung einst begrüßten und dazu gesellschaftliche Erklärungstheorien entwickelten und versuchten als Liberalismus durchzusetzen, dieser reaktionären Entwicklung durch zu einseitige Doktrinen, die sich zu Ideologien entwickelten (s.o. und u.), in großem Umfang Vorschub leisteten und weiterhin leisten. Die wirkungsvollste dieser Ideologien ist der sog. Neoliberalismus. Wir werden uns damit noch ausführlich beschäftigen.

Was also sind die eigentlichen Umstände, die die oben genannten allgemeinen Bedrohungen hervorbringen? Wir bekommen diese zwar ständig als sog. „Freie Marktwirtschaft“ aufgeredet, aber der zutreffendere Begriff für die Abläufe, die diesen Vorgang bewirken ist nach wie vor Kapitalismus. Wir werden uns noch darüber unterhalten müssen, warum ma´u diese ständige „undeutliche“ – die betreffenden gesellschaftlichen Umstände gemeint – Kennzeichnung des derzeit herrschenden Gesellschaftssystems betreibt, oder anders formuliert; einen Schein erzeugt, hinter dem die Wirklichkeit verschwindet. Versucht ma`u aber ein zutreffendes Verständnis des Kapitalismus, um diese Dynamik zu verstehen, machen sich all die eben erwähnten Voraussetzungen unseres jeweiligen persönlichen Denkens absolut umfassend bemerkbar, womit schon eine ihrer wichtigsten „Aufgaben“ beschrieben ist. Das hat neben den schon dargestellten Bedingungen auch noch den Hintergrund, dass hier die Interessen der derzeit herrschenden Eliten in besonderer Weise betroffen sind und von diesen daher mit allen Mitteln geschützt und verteidigt werden. Aus der Geschichte kann ma´u wissen – wenn ma´u es denn wissen will -, dass ein solcher Umstand ganz besonders negative Wirkungen auf eine möglichst „wahre“ (?? s.u.) Darstellung solcher Verhältnisse hatte und heute mehr denn je hat. Alle diese Vorbemerkungen treffen absolut auf die derzeit existierenden Definitionen und daher kommenden Sichtweisen des Kapitalismus zu. Ma´u hat um diesen mit Hilfe existenter Denkmuster, aber auch einseitiger Interpretationen erkennbarer Umstände, aber auch ausgeprägter ideologischer Darstellungen einen alles überstrahlenden und daher unkenntlich machenden Schein erzeugt. Um dies zu zeigen, wollen wir uns zunächst verschiedene solcher Definitionen anschauen. Dabei kann ma´u von Beginn an die Absicht erkennen, dass diese häufig bewusste, aber wohl eher meist unbewusste Verzerrungen oder gar umfassendes „Übersehen“ und Verschweigen besonders wichtiger Umstände darstellen. Daher lautet die Überschrift dieses Kapitels „der Schein“. Gemeint ist, dass diese Definitionen in aller Regel nicht die Wirklichkeit dieses Systems beschreiben, sondern in erheblichem Umfang Wunschvorstellungen oder schlichte Behauptungen sind, die meist wenig bis gar nichts mit den wirklichen Zuständen zu tun haben. Dies ist natürlich eine ungeheure Behauptung. Aber die folgenden Gedanken sollen dies belegen, wobei dieses natürlich nur auf dem Hintergrund meiner „Bilder im Kopf“ geschehen kann, wobei allerdings diese dann umfassend durch Daten und Literaturhinweise belegt werden sollen. Meine hier vorausgesetzte Absicht ist es, so deutlich wie möglich die daher kommenden schädlichen Wirkungen – auf Mensch und Natur gemeint – dieser Verhältnisse zu bezeichnen. Dies ist dann Inhalt der folgenden Kapitel. Ob dies für Sie nachvollziehbar gelingt, können nur Sie selbst auf dem Hintergrund Ihrer „Bilder im Kopf“ beurteilen, bzw. diese eventuell infrage stellen lassen.

Sucht ma´u heute die Definition oder nähere Beschreibung von etwas, schaut ma´u in aller Regel zunächst bei Wikipedia nach. Dort können wir lesen: (da diese Darstellung mehrere Seiten ausmacht, will ich nur einige wenige, aber besonders bezeichnende zitieren) „Allgemein bezeichnet Kapitalismus eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht. Daneben ist das <Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb> entscheidend“. Und was meint das speziell heute? „Kapitalismus ist heute ein grundlegender Zustand unserer Gesellschaft, wird aber sehr unterschiedlich wahrgenommen. Bachinger/Matis unterscheiden in ihrem Buch „Entwicklungsdimensionen des Kapitalismus“ drei verschiedene Wahrnehmungen des Kapitalismus, eine sog. markteuphorische, eine mentalitätskritische und eine sozialkritische. In der markteuphorischen Wahrnehmung – die ja heute bei den meisten ÖkonomInnen üblich ist und die letztlich auch den behaupteten „Schein“ hervorbringt – werden Kapitalismus und Marktwirtschaft de facto gleichgesetzt. Kapitalismus wird (demnach) als entbehrlicher Begriff gesehen, der aus der <sozialistischen Mottenkiste> kommt“. Die „mentalitätskritische und sozialkritische“ Wahrnehmung wollen wir uns in späteren Kapiteln näher anschauen. Also nochmals ganz konkret; der Kapitalismus ist danach der „grundlegende Zustand unserer Gesellschaft“. Will ma´u also diese verstehen, muss ma´u den Kapitalismus verstehen. Oder anders formuliert; wenn es zutrifft, dass unsere Gesellschaft gefährdet ist, kommt dies zuvörderst aus den Wirkmechanismen des Kapitalismus, da dieser ja der „grundlegende Zustand“ dieser Gesellschaft ist. Daher nochmals nachdrücklich gefragt; was ist der Kapitalismus?

In einem markteuphorischen Sinne besonders wichtige und bezeichnende Beispiele von Antworten auf diese Frage liefert die Ende des 19. Jahrhunderts sich in Wien um Carl Menger bildende „Österreichische Schule“. Diese wird hier deshalb besonders angesprochen, weil sie erstens sehr deutlich bestimmte Sichtweisen betont, um die es hier geht, vor allem aber durch von Hayek überaus einflussreich in Richtung des heute dominanten Neoliberalismus wurde (s.u.). Diese Schule lehnte auf besondere Geschichtsepochen bezogene, oder gar durch angeblich unbekannte Geschichtsbedingungen – im Sinne von historizistisch als Gesetze wirkende Umstände, wie z.B. Platons Überzeugung die geschichtlichen Verhältnisse würden immer „schlechter“ – vorgegebene Kapitalismustheorien ab, also natürlich auch das Marx´sche „Gesetz“ der immer existierenden Klassenkämpfe. Ökonomische Gesetze gelten für sie (ihre Interpreten und Anhänger) immer und überall und ergeben sich aus der Knappheit der Güter und der subjektiven Beziehung der Menschen zu jenen (s.u.). Aus solchen Überlegungen ist also zu entnehmen, dass der Kapitalismus aus immer und überall, also zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften, geltenden ökonomischen Gesetzen abgeleitet ist. Hier haben wir eine der schon angesprochenen puren Behauptung, die historisch klar zu widerlegen ist. Und welche sind dies? Da es in dieser Aussage zuerst um die Bewältigung der Knappheit der Güter im Interesse aller geht, bestimmt diese die ökonomischen Gesetze. Nach dieser Überzeugung ist danach der Kapitalismus die beste Wirtschaftsform, die sich Menschen jemals haben einfallen lassen, um dieses Ziel zu erreichen. Wir werden noch sehen, dass eine solche Sichtweise auf den Kapitalismus eine erste, aber besonders wirksame „Nebelkerze“, oder eben pure Ideologie, zum Verständnis dieses Systems ist. Diese Schule lehnt aber auch den „Homooeconomicus“ der Klassischen Nationalökonomie als unrealistisch ab und bezieht auch außerwirtschaftliche Ziele in ihre Theorie ein. Auch hier werden wir noch sehen, was das konkret meint und welche Folgen das hat. Vor allem aber wird hier jeglicher Staatsinterventionismus in das Wirtschaftssystem generell abgelehnt (Ölflecktheorem). Für die Anhänger dieser Schule ist das Gewinnstreben der kapitalistischen Gesellschaft kein charakteristisches Merkmal, da auch für die Produktion zur Bedürfnisbefriedigung eine Wertsteigerung der entsprechenden Güter angestrebt werden muss, d. h. zwischen der „kapitalistischen“ Produktion für Profit und der „sozialistischen“ Produktion für Bedürfnisse gibt es keinen Unterschied. Der Unterschied bestehe nur darin, dass im Kapitalismus „Gewinn“ durch sinnvolle Kostenrechnung erst rational erzielbar wird. In welchem Maße und insbesondere in welche Richtung diese Position einfach die wirklichen Verhältnisse regelrecht „auf den Kopf“ stellt, wird sich in den nächsten Kapiteln zeigen.

Ein gutes Beispiel einer solchen „markteuphorisch“ positiven Bewertung des Kapitalismus ist die eines der wichtigsten Mitglieder dieser Schule Ludwig von Mises. Seiner Überzeugung nach ist der Kapitalismus das einzig logisch mögliche Wirtschaftssystem (!!), was ja bezogen auf die obigen Positionen verständlich ist. Mises schreibt: „Die Wirtschaftsforschung hat den Beweis erbracht (??), dass keine andere denkbare Wirtschaftsordnung den gleichen Grad von Prosperität erreichen könnte wie der Kapitalismus. Sie hat alle zugunsten von Sozialismus und Interventionismus vorgebrachten Beweisgründe völlig zu entkräften gewusst(??)“. Nach Mises ergibt sich der Gewinn des Unternehmers daraus, dass er die zukünftigen Bedürfnisse der Verbraucher besser vorhersieht als seine Konkurrenten und sein Kapital dementsprechend einsetzt. Zur Monopolbildung vertrat Mises die Ansicht, dass Monopole in einer freien Marktwirtschaft gar nicht entstehen könnten bzw. nicht von Dauer seien. Monopole entstünden immer nur durch staatliche Intervention (??). Dass ein sog. Fachmann auf dem Hintergrund eines schon damals insbesondere in den USA zu beobachtenden wirtschaftlichen Ablaufs, der ja eindeutig diese Aussage widerlegt, überhaupt zu einem solchen „Urteil“ kommt, ist nicht nur sehr interessant, sondern für die weitere Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft grundlegend (s.u.). Ein weiteres Beispiel einer wichtigen Kapitalismusdefinition aus dieser Schule ist Joseph Schumpeter. Er definierte einen funktionierenden Kapitalismus als das „liberale Modell einer interventionsfreien Wirtschaft, in der nur die Gesetze des freien Marktes gelten und in der keine monopolistischen Strukturen bestehen, denen es möglich ist, mithilfe der Staatsmacht partielle Interessen auf Kosten der Allgemeinheit durchzusetzen.“ Interessant ist, dass auch er Monopolbildung auf Eingriffe von Seiten eines Staates rückbezog, wobei er sich wohl auf das Beispiel des Merkantilismus bezog. Er schrieb weiter, die „Maschine Kapitalismus“ funktioniere nicht schlecht. Ihr Antrieb sei das freie Unternehmertum insbesondere im Sinne des Einsatzes neuer Kenntnisse; gerade der Erfolg, der sich auch in Monopolen zeige (??, also doch), bringe es jedoch mit sich, dass der Kapitalismus seine eigene soziale Struktur, die ihn schützt und stützt, immer wieder zerstört (??). Schumpeter sah zwar die Möglichkeit zur ständigen Erneuerung, ging aber in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (1942) davon aus, dass der Kapitalismus letztendlich an seinen Erfolgen zugrunde ginge. Er sah ihn zunächst als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung. Jedoch produziere er zunehmend einen Wasserkopf bürokratischer Strukturen und eine „Krise des Steuerstaats“ (indem er den Staat zu schwächen unternehme (!!)). Die Automatisierung des technischen Fortschritts führe zu immer größerer Kapitalkonzentration und diese schließlich zur Aushöhlung der Vertragsfreiheit durch kollektive Absprachen (siehe die derzeitige Entwicklung im Neoliberalismus). Gilt auch hier ein ähnlicher Einwand wie oben schon bei Mises, ist es aber doch nicht unwichtig, dass Schumpeter durchaus sowohl real existierende negative Entwicklungen erkennt, als auch zukünftige solcher Möglichkeiten voraussagt, die sich allerdings nur bedingt und schon gar nicht in dem von ihm gemeinten Sinne entwickeln (s.u.). Dass diese Meinung in der zeitnahen Ökonomie weitgehend übersehen wurden und werden ist im Mainstreamdenken dieser Wissenschaft nicht verwunderlich.

Der nächste und absolut wichtigste Vertreter dieser Schule ist Friedrich August von Hayek. Er war ein österreichischer Ökonom und Sozialphilosoph. Neben den schon vorgestellten von Mises und Schumpeter war er der bedeutendste Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und zusammen mit diesen – neben anderen natürlich – einer der Initiatoren der 1947 gegründeten Geheimorganisation der MPS (Mont Pelerin Society), die sich die Durchsetzung des Neoliberalismus auf die Fahne schrieb, was ihr inzwischen ja weitgehend gelungen ist. Hayek zählt zu den wichtigsten Denkern des Liberalismus im 20. Jahrhundert und gilt manchen Interpreten als wichtigster Vertreter des Neoliberalismus, auch wenn er sich selbst nie so bezeichnete. Einem Mann mit solch umfassendem Denken kann ma´u nicht einfach in wenigen Sätzen gerecht werden. Es sollen daher nur einige wenige wichtige Grundpositionen erwähnt werden, die später mit die entscheidenden Ansatzpunkte einer grundlegenden kritischen Bewertung derselben abgeben, wobei er aber diese nicht alleine vertrat. Er hat sie aber in besonderer Weise hervorgehoben. Sie wurden dann, gerade mit Rückbezug auf ihn, Grundlagen des sich entwickelnden Neoliberalismus. In seinen wirtschaftlichen Analysen berief er sich dabei grundsätzlich auf die traditionelle Gleichgewichtstheorie. Hierbei schloss er sich der Meinung der liberalen Klassiker Adam Smith und John Locke an, wonach wirtschaftliche Ordnung das unangestrebte Resultat menschlichen Handelns ist (Prinzip der „unsichtbaren Hand“). Nur der freie Markt bilde im Preissystem alle relevanten Informationen ab und führe zu sinnvollen Allokationen (Güterverteilung). Besonders wichtig wurde sein Blick auf die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Hayeks Konjunkturtheorie zufolge war die Weltwirtschaftskrise nicht, wie Keynes – J.M. Keynes ist ein bedeutender Ökonom des 20. Jh., einer der Begründer sozialer Handlungsoptionen des Staates – behauptete, Folge von geringer Nachfrage, sondern von Fehlinvestitionen der Unternehmen und Banken, die wiederum Folge verfehlter staatlicher Geld- und Wirtschaftspolitik gewesen seien. Dass diese Krise von der privaten FED mit voller Absicht herbeigeführt wurde (siehe hierzu Gary Allen „Die Insider“), ist auch ihm entgangen. Staatliche Interventionen auf dem freien Markt, wie Keynes sie forderte, seien also nicht die Lösung, sondern die Ursache der Wirtschaftskrise. Die Inflationspolitik vor 1929 habe den Zusammenbruch erst heraufbeschworen. Es sei nur kurz erwähnt, dass diese Position heute von keinem kritisch denkenden Ökonomen akzeptiert wird. Nach Hayek sind Konjunkturzyklen – vor allem die immer wieder gegen jede Vorhersage der klassischen Theorie auftretenden Krisen (siehe hierzu erneut Allen) – die Folge von Abweichungen des Geldzinssatzes vom „natürlichen Zinssatz“, d.h. dem Zinssatz, bei dem Ersparnis und Investition sich ausgleichen. Auch hier wieder der Bezug auf das vorausgesetzte Gleichgewicht, eine pure Behauptung, die realiter noch nie existierte. Und natürlich sind für ihn bei allen wirtschaftlichen Problemen nicht die Wirtschaft selbst schuld, denn diese ist ja, wenn ma´u sie „in Ruhe“ lässt immer im Gleichgewicht – also keine staatlichen Eingriffe erfolgen –, sondern immer nur der Staat. Der späte Hayek macht daher konsequent für Abweichungen des Zinssatzes vor allem die Zentralbanken verantwortlich, denen es aus politischen Gründen nicht gelingen kann, den Geldwert in einem Maß stabil zu halten, mit dem sich Krisen vermeiden lassen. Aus diesem Grund befürwortet er, die Produktion von Zahlungsmitteln in private Hände zu legen (was nebenbei bemerkt in den USA eh der Fall ist, was aber Hayek –  wohl aus ideologischen Gründen – entgangen zu sein scheint). Hayek war, auf dem Hintergrund dieses Denkens verständlich, ein besonderer Gegner der sozialen Marktwirtschaft. So schreibt er: „Was es (das Wort sozial) eigentlich heißt, weiß niemand. Wahr ist nur, dass eine soziale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit – und ich fürchte auch, soziale Demokratie keine Demokratie ist.“ Wir werden noch sehen, dass hier das Menschenbild – allerdings in extremen Positionen – existiert, wie es zwar nach dem oben dargestellten Denken aus Orange verständlich ist, das aber uns Menschen katastrophal falsch versteht, das aber gerade daher die Voraussetzung für die Fehlentwicklungen im Kapitalismus und besonders im Neoliberalismus bildet.

Seiner Bedeutung wegen müssen wir uns noch kurz Milton Friedman zuwenden, der, wie sich gleich zeigen wird, in seinem Denken Hayek sehr nahe stand, da er mit diesem in Chicago zeitweise zusammenarbeitete. Er hob, wie Hayek, besonders die Vorteile eines freien Marktes und die Nachteile staatlicher Eingriffe hervor. Seine Grundhaltung kommt in seinem Bestseller „Kapitalismus und Freiheit“ (1962) zum Ausdruck. Darin forderte er die Minimierung der Rolle des Staates, um somit politische und gesellschaftliche Freiheit zu fördern. Für ihn stand, wie für Hayek, die Freiheit des Einzelnen im Zentrum der Argumentation. Er hielt die freie Wahl des Einzelnen für nutzbringender als staatliche Regelungen. Daher unterstützte er eine Reduktion der Staatsquote, freie Wechselkurse, den Wegfall staatlicher Handelsbeschränkungen, die Aufhebung der Zugangsbeschränkungen zu bestimmten Berufsgruppen und eine Reduktion staatlicher Fürsorge. Allerdings war er durchaus in seiner Position in Bezug auf die Freiheit konsequent. So setzte er sich stets für die Abschaffung der Wehrpflicht in Friedenszeiten ein, plädierte für die Legalisierung von Marihuana und kämpfte für ein Bildungsgutscheinmodell. Aber auch in anderen Bereichen folgte er Hayek selbst in Extrempositionen. So bezeichnete er den Wohlfahrtsstaat als den größten Feind der Wirtschaft. Für Friedman ist der Wohlfahrtsstaat ein Betrug an den Leuten, die noch arbeiten und Steuern zahlen. Hier einige wörtliche Zitate aus seinem eben erwähnten Buch. Beginnen wir mit einigen grundsätzlichen Äußerungen zum Markt. So schreibt er Seite 37 in Bezug auf eine umfassende wirtschaftliche Koordination der Menschen selbst schon in einer „einfachen“ Gesellschaft – ma´u könnte sich hier eine Stammeskultur vorstellen -, dass diese „bereits in dem einfachen Modell der Tauschwirtschaft, die weder Unternehmen noch Geld kennt, vollzählig enthalten“ ist, die typische Behauptung der klassischen Ökonomie, die historisch schlicht falsch ist. Und jetzt kommt der entscheidende Gedanke: „Wie in dem einfachen Modell bleibt auch in der komplexen Unternehmens- und Geldwirtschaft die Kooperation (auf einem Markt) vollkommen privat und freiwillig, vorausgesetzt a) die Unternehmen sind privat, sodass die letztlich vertragsschließenden Parteien Individuen bleiben, und b) die Individuen sind tatsächlich frei, einen bestimmtem Austausch zu betreiben oder nicht zu betreiben, sodass jeder Tauschvorgang strikt freiwillig bleibt“. Der Grund, warum aber überhaupt solche Transaktionen ablaufen wird S.36 verdeutlicht: „Voraussetzung (ist), dass beide Parteien einer wirtschaftlichen Transaktion von ihr profitieren, vorausgesetzt die Transaktion geschieht auf beiden Seiten freiwillig und in vollem Wissen darüber, was geschieht. Der Austausch kann daher Koordination ohne Zwang herbeiführen. Das funktionierende Modell einer Gesellschaft, die durch das Mittel des freiwilligen Austausches organisiert wird, ist die freie, auf privatem Unternehmertum basierende Marktwirtschaft – was wir den Wettbewerbs-Kapitalismus genannt haben“ (Hervorhebung M.F.). Und welches ist dann letztlich das Ziel all diese Aktivitäten? „Sich gegenseitig mit dem täglichen Brot zu versorgen“ (also die allgemeine Lebensvoraussetzung zu gewährleisten) und „mit dem jährlichen (!!!) Automobil“. Ja, Sie lesen richtig; mit dem jährlichen Automobil. Wir werden darauf nochmals zurückkommen.

Aber dieser Markt kann noch mehr als nur Waren zu bestmöglichen Bedingungen für alle zu verteilen. So heißt es auf S.47: „ Die weitverbreitete Wirksamkeit des Marktes verringert die Belastung der sozialen Struktur, indem er Konformität (wörtlich; Übereinstimmung mit der Einstellung anderer, hier wohl eher im Sinne von Ausgleich der Verhältnisse zwischen den Menschen gemeint) im Hinblick auf alle damit im Zusammenhang stehenden Aktivitäten (z.B. des Staates) überflüssig macht. Je mehr Aktivitäten durch den Markt erfasst werden, umso geringer ist die Zahl der Probleme, die eine eindeutige politische Entscheidung und Einigung erfordern“. Diesen etwas geschwurbelten Satz auf den Punkt gebracht; da der Markt alles zum Besten aller regelt, regelt er auch die sozialen Probleme einer Gesellschaft zum Besten aller. Und wie erreicht er ein solches Wunder? Auf der Seite 201 wird uns dies deutlich erklärt: „Das große Verdienst des Kapitalismus liegt nicht in der Anhäufung von Besitz (in den USA verfügen die oberen 1% über mehr als 60% des Vermögens), sondern in der Vielfalt von Möglichkeiten, die er den Menschen zur Ausweitung, Entwicklung und Verbesserung ihrer Fähigkeiten verschafft“(??). Deswegen müssen ja auch immer mehr US-AmerikanerInnen 2 bis 3 Jobs betreiben, um überleben zu können. Kennen Sie ein Land auf dieser Erde, auf das sich eine solche Aussagen beziehen ließe? Ich nicht. Der bekannte Ökonom Hans Christoph Binswanger hat ein Buch mit dem sehr interessanten Titel „Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“ geschrieben. Mit solchen Aussagen, wie die eben vorgetragenen, wird eine solche Benennung für ÖkonomInnen verständlich. Was hier ausgesagt wird, hat mit unserer täglich erlebbaren Wirklichkeit wenig bis gar nichts zu tun. Das Problem ist nur, dass dieser Mann, der solches von sich gegeben hat, einer der entscheidenden Theoretiker des Neoliberalismus ist, der unsere derzeitige wirtschaftliche Situation bestimmt und mit hervorgebracht hat. Und was noch schlimmer ist, ma´u hat ihm dafür auch noch den Nobelpreis für Wirtschaft verliehen. Nun ist das zwar kein „richtiger“ Nobelpreis, sondern einer den die schwedische Reichsbank gestiftet hat (und wessen Interessen hier vertreten werden, ist damit klar, zumal seine Einführung auf die Initiativen der MPS zurückgehen) – angeblich ist die Nobelstiftung am überlegen, diesem Preis seine Bezeichnung Nobel zu entziehen, da hier Standpunkte vertreten werden, die Alfred Nobel nie vertreten hätte -, aber da das kaum jemand weiß, hat er natürlich seine entsprechende Wirkung in der Öffentlichkeit. Aber glauben Sie nicht, dass es keine weitere solcher völlig unzutreffender, die wirtschaftliche Wirklichkeit verschleiernder oder schlicht falscher Aussagen in diesem Buch gäbe. Hier noch zwei weitere Themenbereiche.

Sie erinnern sich sicher, dass Hayek und andere Vertreter der Österreichischen Schule behaupteten, dass das eigentliche Ziel des Kapitalismus keineswegs das Erzielen von Gewinn sei. Hier die Meinung von Friedman. So schreibt er auf Seite 164: „Sie (die Natur eines freien Wirtschaftssystems) besagt, dass die verfügbaren Mittel (in diesem System) möglichst Gewinn bringend eingesetzt und Unternehmungen unter dem Gesichtspunkt der größtmöglichen Profitabilität geführt werden müssen“, allerdings unter „Beachtung der Regeln des offenen und freien Wettbewerbs und ohne Betrugs und Täuschungsmanöver“. Wir werden noch sehen, wie gerade diese Verhältnisse heute wirklich aussehen. Und eine Seite weiter lesen wir: „Es gibt wenig Entwicklungstendenzen, die so gründlich das Fundament unserer freien Gesellschaft untergraben können, wie die Annahme einer anderen sozialen (??) Verantwortung durch Unternehmer als die, für die Aktionäre ihrer Gesellschaften so viel Gewinn wie möglich zu erwirtschaften“ (Hervorh. PS). M.a.W., das Fundament einer freien Gesellschaft, ist der höchstmögliche Gewinn von Aktionären. Es ist einerseits ganz entscheidend, dass jemand mal die Wirklichkeit des kapitalistischen Denkens so deutlich auf den Punkt bringt. Es ist aber andererseits ebenso bezeichnend, dass gerade diese Position öffentlich mit allen Mitteln verschleiert (s.o.) bis bestritten wird, teils mit den oben genannten Aussagen von Mises` u.a., aber auch entweder durch schlichtes Verschweigen, oder durch umfassende Propaganda, die sich dann wieder auf andere Aussagen von Friedman u.a. beziehen, wie solche die ich schon oben zitierte. Und es ist ebenso sehr bezeichnend, dass nicht selten AutorInnen solcher Texte gar nicht merken, wie sehr sie sich selbst widersprechen.

Sehr interessant und wichtig ist auch seine Sicht gesellschaftlicher Macht. So lesen wir S.24f: „Unser Verstand sagt uns, und die Geschichte bestätigt es, dass die große Gefahr für die Freiheit in der Konzentration von Macht beschlossen liegt. Regierungen sind notwendig, um unsere Freiheit zu schützen. Sie sind das Instrument, mit dessen Hilfe wir unsere Freiheit ausüben können, doch bei der Konzentration von Macht in der Hand der Politiker beginnt die Gefahr für die Freiheit“. Und warum werden Menschen überhaupt Politiker? „Es ist die Macht, die sie anzieht und andere Männer aus ihnen macht“. Ja wie, wo? Und die Männer der Wirtschaft? Gibt es da denn kein Problem mit der Macht? Keineswegs. Auf der Seite 32 lesen wir die Begründung: „Die wirtschaftliche Organisationsform, die unmittelbar für wirtschaftliche Freiheit sorgt, nämlich der Wettbewerbs-Kapitalismus, sorgt auch für politische Freiheit, da sie die wirtschaftliche Macht (also doch auch Macht??) von der politischen Macht trennt und es dabei beiden Mächten ermöglicht sich gegenseitig zu neutralisieren“ (!!!). Na jetzt sehen Sie es: Kapitalismus ist nicht nur die heile Welt, er sorgt auch noch dafür. Und wie kann er das? Natürlich ist das der allkönnende Markt. So heißt es S.38f: „Der Markt sichert die wirtschaftliche Freiheit“ und damit natürlich auch die politische, denn „wirtschaftliche Macht kann immer wieder weithin zerstreut werden“ (??). Es wäre ja schön, wenn dies irgendwo auf der Welt Realität wäre. Aber diese Welt, in der wir leben, ist eine ganz andere. Und das Schöne ist, dass dies Friedman an anderer Stelle wieder zugibt. So schreibt er auf S.55 „Es ist kaum vorstellbar, dass private Unternehmen, die Dienstleistungen gegen Bezahlung erbringen (und das gilt natürlich auch für die Güterwelt), nicht ein beherrschendes Privatmonopol anstreben“ (Hervorh. PS), was natürlich auch enorme Macht bedeutet, wie ma´u ja jederzeit beobachten kann, wenn ma´u denn ohne ideologische Scheuklappen hinschaut. Es ist eigentlich kaum zu erklären, dass intelligente Menschen so widersprüchliche Äußerungen machen, ohne dass ihnen dies selbst, aber auch anderen, vor allen ihren Nach-Betern auffiele. Dies ist nur mit Hilfe der obigen Erklärungen in Richtung unserer ideologische bestimmter „falscher“ „Bilder im Kopf“ nachzuvollziehen. Ein großes Problem wird dies aber, wenn sich solche Meinungen als Ideologien gesellschaftlich durchsetzen und die Wirklichkeit der Gesellschaft bestimmen. Die Absicht der folgenden Überlegungen ist es, diese Umstände so weit wie möglich aufzuzeigen und Möglichkeiten anderer Wahrnehmung vorzustellen.

Der besonderen Bedeutung halber, soll hier noch ein letztes Zitat von Friedman folgen, da dieses in besonderer Weise diese hier schon gezeigte Einäugigkeit, um nicht zu sagen ideologische Blindheit bestätigt. So lesen wir auf S.17 in dem speziellen Vorwort zur deutschen Neuauflage von 2002 folgendes: „In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte die Doktrin (der damaligen Politik) noch gelautet, dass die Entwicklung der Dritten Welt eine zentrale Planung sowie massive Auslandshilfen erfordere. Aus dem Versagen dieses Rezeptes auf der ganzen Linie … und den beeindruckenden Erfolgen der marktorientierten Politik der ostasiatischen Tigerstaaten – Honkong, Singapur, Taiwan, Südkorea – ist eine völlig andere Entwicklungsdoktrin hervorgegangen. Bisher haben viele Länder in Lateinamerika und Asien, und sogar einige in Afrika, die marktorientierte Richtung eingeschlagen und dem Staat nur eine relativ kleine Rolle eingeräumt. Viele ehemalige sowjetische Satellitenstaaten haben dasselbe getan. In all diesen Fällen hat – so wie auch die These dieses Buches lautet – eine Steigerung der wirtschaftlichen Freiheit zu Steigerungen der bürgerlichen und politischen Freiheiten sowie einem höheren Wachstum geführt. Wettbewerbsorientierter Kapitalismus und Freiheit haben sich als untrennbar verbunden miteinander erwiesen“. Diese Sätze sind auf dem Hintergrund der wirklichen Umstände – mit Ausnahme der tatsächlich nicht zuletzt auf Drängen von Friedman geänderten Politik der jüngeren Zeit – fast alle schlicht falsch und daher geradezu unglaublich. In den genannten Fällen kann ma´u fast generell das genaue Gegenteil dessen feststellen, was Friedman hier behauptet. Als seine Vision oder gar Hoffnung konnte er solches beim Ersterscheinen dieses Buches 1962 noch schreiben. Aber im Jahre 2002 hatte sich längst für unideologische oder gar  kritische Beobachter gezeigt – wir werden uns weiter unten umfassend mit Zahlen und Fakten befassen müssen, die dies deutlich belegen -, dass so gut wie keine dieser Vorhersagen eingetroffen waren. Ganz im Gegenteil erwiesen sich diese Rezepte für die meisten der hier erwähnten Länder entweder schlicht falsch, aber in den meisten Fällen als schlicht katastrophal, siehe hierzu eines der wichtigsten Beispiele Chile, in denen die sog. Chicago-Boys – durchweg Schüler Friedmans – dafür sorgten, dass schon nach einem Jahr mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben musste (die Belege dieser Aussage finden sie in Chossudovsky Michael „Global brutal“). Dieser Sachverhalt wird auch dadurch nicht besser, dass nicht nur Friedman, sondern auch nach wie vor die weitaus meisten ÖkonomInnen und unsere fast schon „gleichgeschaltete“ Presse die selben unglaublichen und in vielen Fällen zynischen – in Bezug auf die da beschriebenen Umstände gemeint – Scheinwahrheiten wiederholen, um uns ja nicht merken zu lassen, wie bedrohlich unsere Umstände wirklich sind. Alle diese Aussagen bestätigen immer erneut den Titel eines Buches des Cambridger Ökonomieprofessors Ha-Joon Chang „23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen“ – hier insbesondere die wirklichen Gründe der positiven wirtschaftlichen Entwicklung Südkoreas z.B., die dieser Aussage Friedmans absolut widersprechen. Und mit dem obigen Text erweist sich Friedman als einer der wichtigsten, vor allem aber einflussreichsten dieser Lügenerzähler.

Korrekterweise muss ma´u aber hinzufügen, dass die ökonomische Wissenschaft von Beginn ihrer Entstehung an dadurch umfassend einseitig war, dass sie meist immer nur bestimmte, eben einseitige, in manchen Fällen (siehe Adam Smith) schlicht erfundene, besser gesagt konstruierte Sichtweisen zu ihren Fundamenten erkor und viele dieser Sichtweisen auch dann mit Klauen und Zähnen als Ideologie verteidigte, wenn sie die realen gesellschaftlichen Verhältnisse erkennbar falsch beurteilte und die falschen „Rezepte“ empfahl. Friedman ist daher keine Ausnahme, aber die Folgen dieser von ihm geglaubten und gelehrten Ideologie betreffen heute praktisch weltweit alle Lebensbereiche und zwar in immer umfassenderer negativer bis allgemein bedrohlicher Weise. Es gilt dringend diese Zusammenhänge zu verstehen und eventuell möglichst bald zu beseitigen, da wir uns sonst im schlimmsten Falle selbst „das Licht abdrehen“. Aber am Ende dieses Kapitels nochmals deutlich betont: alles dies, was ma´u uns in der Öffentlichkeit sowohl vom Mainstream der ökonomischen Wissenschaft, der davon beeinflussten Politik und der ebenso beeinflussten Presse ständig über den Kapitalismus, oder allgemeiner über unsere durch die alles regelnde Marktwirtschaft erzählt, erzeugt einen puren Glorienschein um diesen, der uns davon abhalten soll, die wirklichen Umstände in unseren Gesellschaften zu verstehen. Und wenn ma´u etwas nicht versteht, kann ma´u es auch nicht verändern. M.a.W., der derzeitige Zustand soll mit allen Mitteln erhalten werden. Aber dieser letzte Satz ist eigentlich viel zu optimistisch. Dieser Zustand soll mit allen Mitteln zementiert werden, damit sich die derzeitigen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse nicht ändern. Wie dies gelingt – natürlich trägt das Erzeugen dieses Scheins dazu erheblich bei –, wird noch ausführlich Gegenstand sein.

II.  Kapitel, Begriffsklärungen

a. Holon

Der Titel dieses Buches lautet „Der „real existierende“ Kapitalismus, die tödliche Despotie der Holons Technik, Markt, Geld, Zins und Eigentum“. Damit bezieht sich alles auf den Begriff des Holons. Seine Bedeutung ist der Dreh- und Angelpunkt der folgenden Argumentation. Daher ist hier zu fragen; was ist ein Holon? Wie schon erwähnt war es Arthur Koestler, der diesen Begriff in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts vorschlug. Es ist übrigens nicht uninteressant darauf zu verweisen, dass Richard Dawkins in etwa zeitgleich in seinem Buch „Das egoistische Gen“ den nahe verwandten Begriff des Mems vorschlug, der sich eigentlich nur dadurch von dem des Holons unterscheidet, indem er sich ausschließlich auf rein geistige Konstrukte bezieht. Ein Holon aber beschreibt nach seiner Definition eine Möglichkeit einer Ein- oder Zuordnung von allem was überhaupt existiert zu diesem Begriff. Die Begriffe Wesen oder Sein, die Heidegger vorgeschlagen hatte, verweisen zwar in diese Richtung, sind aber nicht so umfassend, wie der Begriff Holon. Er bezeichnet eine Möglichkeit, nach Ken Wilber (siehe „Eros, Kosmos, Logos“) sogar die Notwendigkeit, alles was ist, also eine Entität, einen Umstand, einen Sachverhalt, dem Wesenheit und Sein zukommt, von dieser Sicht her jetzt sowohl als ein Einzelnes/r, Eigenes/r, als auch Teil einer größeren Einheit zu beschreiben. M.a.W., unter dem Begriff des Holon ist danach alles Existierende sowohl individuell, selbstbestimmt, ja immer selbsterhaltend zu verstehen, aber eben immer auch als Bestandteil einer größeren, umfassenden und einheitlichen Seinsweise. Aber nochmals, es ist wichtig zu beachten, dass ein Holon nur ein Begriff ist, selbst keine eigene Existenz hat. Dieser Begriff ermöglicht einen bestimmten Blick, eine Sichtweise, eine Vorstellung, unter der ma´u alles was ist sehen, betrachten, beschreiben und verstehen kann. Es war meiner Kenntnis nach Ken Wilber der den Begriff des Holons aufgriff und als allgemeine, alles umfassende Erkenntnismöglichkeit aller Existenz in diesem Sinne als Beschreibung vorschlug, als nach diesem eben alles was überhaupt existiert, dem ein Sein zukommt, das demnach „ist“, sinnvoll unter der Sichtweise eines Holon betrachtet werden sollte. Danach sind ein Atom, ein Mensch, ein Wort und/oder eine Ideologie ein Holon. Er/sie/es ist „sich selbst“ und immer auch zugleich Teil einer größeren Einheit dieses gleichen Seienden. Was aber hat eine solche Begriffsentscheidung für Folgen, warum erscheint es überhaupt sinnvoll so zu argumentieren?

Bisher ging und geht ma´u auch immer noch weitgehend davon aus, dass alles was ist, entweder unter dem Begriff Ding, oder Prozess am ehesten richtig beschrieben wird. Aber beide Begriffe sind in ihrem gemeinten Inhalt natürlich nicht identisch, meinen nicht das selbe Seiende. Und so gab und gibt es folgerichtig schon immer den Grundsatzstreit zwischen VertreterInnen beider Richtungen. Noch dahinter liegt der alte Streit zwischen Materialisten und Idealisten. Aber gerade weil diese Sicht- und Argumentationsweise jeweils einen der Aspekte des damit Gemeinten betont, – als Holon ist es ja immer beides -, gab und gibt es niemals auf dieser Ebene der Auseinandersetzung eine Einigung. Es wird eben immer ein Teil der Wirklichkeit richtig beschrieben. Wenn aber „Alles was ist“ unter dem Begriff des Holons beschrieben wird, dann kann sich dieser Streit endlich erübrigen! Wilber drückt dies mit folgenden Sätzen sehr gut aus: „Mit diesem Ansatz unterlaufen wir den alten Streit zwischen Atomismus (alle Dinge sind im Grunde vereinzelte, individuelle Ganze, die nur zufällig in Wechselwirkung miteinander eintreten) und Holismus (alle Dinge sind nur Stränge oder Teile eines größeren Gewebes oder Ganzen). Beide Anschauungen sind unrichtig. Es gibt weder Ganze noch Teile, sondern nur Ganze/Teile.

Wir unterlaufen aber auch den Streit zwischen Materialismus und Idealismus. Die Wirklichkeit besteht nicht aus Quarks oder <bootstrappenden> Hadronen oder subatomarem Austausch, aber sie besteht auch nicht aus Ideen, Symbolen oder Gedanken. Sie besteht aus Holons“ (Ken Wilber: „Eros, Kosmos, Logos“ S.59). Aber der Begriff des Holons enthält in seiner neuen, durch Wilber erweiterten Form eine ganze Reihe weiterer, entscheidend wichtiger Implikationen, die weitere Bereiche des Wirklichen in den Blick rücken. Da Wilber diese Zusammenhänge aber in dem schon erwähnten Buch ab Seite 54ff umfassend beschrieb, sollen hier nur wenige Stichworte und Hinweise eingefügt werden. Ausgehend von der Überzeugung, jedwedes Existierende ist ein Holon, zeigt sich die Unmöglichkeit ein fundamentales Konzept dieses Existierenden entweder auf den Begriff Ganzheit oder Teilheit aufzubauen. Weil nun aber beide Begriffe Ganzheit und Teilheit immer nur eine Hälfte des Wirklichen beschreiben, können und konnten sie als vorausgesetzte Begründung von Ideen oder eben gerade auch Mythologien so gefährliche Wirkungen erzielen. Um ein Beispiel zu nennen: „<Letzte Ganzheit>, das ist die Essenz der Herrschaftsholarchien (bzw. Machthierarchien seit den Patriarchaten), der pathologischen Holarchien. <Reine Ganzheit>, das ist die Totalisierungslüge“ (Wilber a.a.O. S.60).

Aber ist damit ein Holon schon umfassend beschrieben? Keineswegs. Ma´u kann einen Gegenstand oder Sachverhalt unter dem Holon-Begriff  auch so betrachten, als stünde er in einer horizontalen „Ebene“ zwischen seiner Ganzheit (diese wäre auf einer Seite angeordnet) und seiner Teilheit (auf der anderen Seite). Ein Blick auf uns Menschen kann das Gemeinte verdeutlichen. Auch ein Mensch ist ja danach ein Holon (s.o.). Je weiter er/sie nun auf dieser horizontalen Ebene z.B. „links“ steht (jetzt als die Seite der Ganzheit gemeint), umso mehr ist er/sie an sich, seinem/ihrem Ego orientiert. Steht er/sie eher „rechts“ (die Seite der Allgemeinheit), könnten wir ihn/sie altruistisch nennen. Dieser Gesichtspunkt wird in den nächsten Kapiteln noch eine wichtige Rolle spielen. Aber der Holon Begriff, insbesondere in seiner Bedeutung als Bezeichnung eines Seienden, rückt dieses Seiende damit auch in den Zusammenhang mit der Evolution. Anders formuliert muss ma´u dann sagen; es befindet sich von Beginn seiner Seiendheit, Existenz an in Evolution, in seiner eigenen Entwicklung, wie alles Seiende. Aber damit gibt es danach nicht nur horizontale Zuordnungen zwischen dem Einzelnen und den Vielen, sondern auch vertikale. Aus dieser Grundentscheidung folgt jetzt, dass es nirgendwo, weder „nach oben“ (reale oder geistige Dimension), noch „nach unten“ eine Grenze gibt, immer nur Holons in Holons, bis zum Beginn der Evolution überhaupt . Geht ma´u aber nun von dieser Position aus, zeigt sich etwas ganz Erstaunliches, nämlich die Unhaltbarkeit des Objektivitätspostulates, denn es gibt keine abgrenzbaren Objekte, also Ganze. Diese sind immer auch Teile, sowohl horizontal, als auch vertikal. Dies gilt damit in umfassender Weise für die WissenschaftlerInnen selbst auch. Und es ist genau diese Einsicht, die seit Nietzsche und ganz besonders den Poststrukturalisten bis Derrida, Foucault u.a. einen der Ausgangspunkte der Kritik an dem Objektivitätspostulat darstellt. Aber all das betrifft jetzt nur die allgemeine Positionierung dieses Begriffs im Denken. Aber in diesem Sinne umfassend gedacht enthält ein Holon natürlich danach noch eine Reihe anderer „vertikaler“ Schlussfolgerungen.

 Wenn alles, was überhaupt existiert oder denkbar ist ein Holon ist und sich damit auch in Evolution befindet, müssen ihm einige wesentliche „Vermögen“ – Wilber spricht auch von Trieben oder Tendenzen, zur Bezeichnung dieses Sachverhaltes -, im Sinne von eigenaktiven Möglichkeiten zukommen. Betrachtet ma´u sich insbesondere lebende Holons, sticht der Lebens- bzw. Überlebenswille besonders hervor. Von hier ausgehend ist das Vermögen einer allgemeinen Selbsterhaltung, seine „Agens“, offensichtlich. Aber in gleicher Weise zeigen sowohl die Selektion als auch die Kommunikation ein umfassendes Vermögen der Anpassung, eben mit genau der Hilfe dieser Kommunion (Wilber). Da diese aber zuerst das je einzelne Individuum leisten muss, ist dieser Umstand auch der Beleg von Selbstanpassung. Ma´u könnte diese beiden „Vermögen“ erneut als eine Form horizontaler Sichtweise bezeichnen, da sie einerseits eher auf der Linie der Ganzheit liegt – Selbsterhaltung -, andererseits auf der der Teilheit – Selbstanpassung -, die horizontale Ebene eben. Nun liefert aber die Evolution den eindeutigen Hinweis auch auf eine vertikale Entwicklung des Seins und zwar in dem Sinne, dass es immer wieder „Schübe“ gibt, durch die existierende Formen auf neue Formenebenen emergieren, die „vertikale“ Entwicklung. Manche ForscherInnen anerkennen und beschreiben den Umstand, einer schrittweisen oder stufenweisen „Aufwärtsentwicklung“ in der Evolution mit dem Begriff der Emergenz. Sie meinen damit, dass plötzlich eine neue Seinsweise zu beobachten ist, die eine Zusammenfassung – Zusammenschießen oder Fulguration (Konrad Lorenz „Gesammelte Abhandlungen“ u.a. Dieser Begriff bezeichnet deutlicher als der heute üblichere Begriff der Emergenz das plötzliche Hervorkommen eines völlig neuen Elementes) -, bisheriger Möglichkeiten darstellt, plus, zusätzlich einer neuen, bisher unbekannten Fähigkeit und Möglichkeit. Das Gemeinte wird besonders an dem Übergang aus komplexen Molekülen zu den ersten lebenden Formen gut erkennbar. Die Moleküle, die diese ersten Lebensformen ermöglichen unterscheiden sich von schon vorher existierenden nur marginal. Aber „das Leben“, das diesen neuen lebenden Wesenheiten jetzt eignet, ist eine völlig neue, davor hier auf der Erde nie dagewesene Weise des Seins. Der Begriff der Emergenz ist aber nur die Beschreibung dieses Sachverhalts der allen Holons zukommt. Wenn aber alles was ist, ein Holon ist, dann gilt dies natürlich auch für den Kapitalismus. Allerdings wäre er so nicht wirklich richtig beschrieben. Der Kapitalismus ist nämlich nach der hier vertretenen Überzeugung ein „Zusammenspiel“ mehrerer evoluierter und weiter evoluierender Holons, und zwar der Technik, des Marktes, des Geldes, des Zinses und des Eigentums und damit der Wirtschaft, die ihrerseits durch die Evolution des menschlichen Geistes möglich wurden. Diese Sicht wird im Folgenden dargelegt und begründet.

Falls Ihnen der Text gefällt, könnten Sie dieses Buch in einem nach den obigen Hinweisen möglichen Kauf weiterlesen. Vielen Dank.

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