Die Untertanenfabrik Lernschule

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Die Untertanenfabrik Lernschule

Sie produziert Untertanen

und verhindert selbständiges Denken

Inhaltsverzeichnis

Organisation                 Themen

Vorwort

 1. Briefserie

a) geistige Entwicklung eines Kindes

1. Gespräch

 2. Briefserie

b) Die Eltern

2. Gespräch

 3. Briefserie

c.) Der Staat

3. Gespräch

d.) Die Schule (Zustand)

e.) Die Schule (Zukunft)_

Vorwort

Warum wir als Originale geboren werden und meistens als Kopien sterben.

Arno Gruen

Erlebten Sie als Eltern schon einmal, mit welcher Begeisterung Erstklässler in „ihre neue“ Schule gingen und wie schnell diese Begeisterung Enttäuschung und oft totaler Frustration wichen? Können Sie sich noch selbst an Ihre Schulzeit erinnern? Erlebten Sie – im normalen Unterrichtsalltag – jemals wirklich Glück und Begeisterung über das, was Ihnen die Schule „anbot“? Bekommen Sie die ständig steigenden Klagen der Industrie, als auch der Universitäten mit, über den Mangel an ausreichenden Voraussetzungen, die angestrebte Lehre oder das Studium mit Erfolg angehen zu können? Es führt einfach kein Weg an folgender Erkenntnis vorbei: die mangelhaften bis teils katastrophalen Ergebnisse unseres allgemeinen Bildungssystems zeigen sich immer deutlicher. Die Pisa-Studien und eine neueste Studie des DIHK zeigten und zeigen dies auch in dem Umstand, dass inzwischen sogar die Grundaufgaben einer allgemeinbildenden Schule, nämlich die Vermittlung der Kulturtechniken, wie Lesen, Schreiben und Rechnen, nicht mehr ohne Probleme gelingen. Dieses sind Belege genug und  könnten eigentlich nicht länger überhört bzw. weitgehend ignoriert werden, aber die angedachten Maßnahmen können, eher sollen, die wirklichen Ursachen des Problems nicht beseitigen. Welche sind aber diese Ursachen, bzw., was geht hier eigentlich schief, oder noch anders ausgedrückt, welches verfehlte Denken bewirkt dies alles?

Schulen gibt es ja nicht erst seit „gestern“, ganz im Gegenteil. Aber von Beginn an wurden alle Bemühungen Kindern und Jugendlichen Kenntnisse zu vermitteln von dem Grundgedanken beherrscht, dass Kinder „nichts wissen“ und dass es Aufgabe der Erwachsenen ist, diesen all das Wissen „mitzugeben“, was die jeweilige Gesellschaft für erforderlich hielt und hält. M.a.W., nicht die Interessen der Kinder, oder gar deren Bedürfnisse, geschweige denn deren Voraussetzungen wurden beachtet und in die Bemühungen einbezogen, sondern alleine die Interessen der „Erwachsenenwelt“. Kinder hatten und haben bis heute alle Inhalte zu „schlucken“, die ihnen die Gesellschaft vorgibt. Dabei kam noch ein weiteres hinzu. Mann war überzeugt dass Kinder diese Inhalte durch memorieren und/oder Anwendung des logischen Denkens am Besten lernen. Diese Praxis wurde insbesondere durch die Organisation des Lernens im sog. Frontalunterricht realisiert. All diese Umstände haben sich bis heute nicht wirklich verändert. Was aber ist an diesem Denken, das auch noch der heutigen Schule zugrunde liegt „verfehlt“?

Die Kritik an diesem Denken ist aus zwei Richtungen zu führen: 1. hat und hatte ma´u (man/frau) eine „richtige“ Vorstellung vom Denken und Lernen (?) und 2. welche Art von gesellschaftlicher Realität steht hinter diesem Denken und soll den Kindern durch die vorgegebenen Lerneinrichtungen aufgezwungen werden?

Zu 1. Wie ma´u längst aus der Psychologie weiß, ist Memorieren alleine eine Erinnerungsleistung, aber keine Denkleistung. Dazu kommt, dass die alleinige Favorisierung der Logik unser Denken verarmen lässt, da Logik zwar gut zu gebrauchen ist, um schon bekannte Sachverhalte zu korrigieren und zu klären, aber niemals um neue Umstände hervorzubringen. Die Psychiaterin G. Roggendorf hat diese Umstände mit folgendem Zitat sehr deutliche ausgedrückt: „Das Denken der Kinder wird beschränkt und verarmt, wenn man sie in ihrem gesamten Schulleben ausschließlich auf Faktenmemorieren und logisches Denken drillt. Das kommt … einer geistigen Verstümmelung gleich“! Deutlicher kann ma´u die ja beabsichtigte Wirkung eines so strukturierten Bildungssystems nicht charakterisieren. Wieso aber ist diese Wirkung beabsichtigt?

Das zeigt uns der Punkt 2: Die Grundlage aller großen Kulturen ist seit ca. 6000 Jahren das Denken des Patriarchates. Damit ist gemeint, dass alle diese Gesellschaften bis heute vor allem und zuerst machthierarchisch organisiert waren und sind. In solchen Gesellschaften war und ist eines unbedingt zu verhindern, selbständiges Denken, denn solches würde immer und hat es auch zu allen Zeiten –wenn es denn ausnahmsweise vorkam -, diese Hierarchie und damit die herrschenden Machtverhältnisse in Frage gestellt. Daher wurde und wird es bis heute direkt oder indirekt bekämpft. Also wurden und werden Schulen so organisiert, dass sie genau solches Denken verhinderten und immer noch verhindern. Die Schule war und ist ein Zwangssystem, das Kindern ihren Bewegungsdrang aberzieht, sie dem Diktat der Uhr unterwirft, sie mit Menschen zusammenbringt, die sie selten bis gar nicht gewählt hätten und ihnen LehrerInnen vorsetzt, die sie ebenso selten selbst wählen würden. Darüber hinaus müssen sie Inhalte erlernen, die sie wenig bis gar nicht interessieren und die sich daher auch nicht wirklich mit ihnen verbinden. All diese Umstände führen immer nur zu Anpassung, bzw. Unterwerfung unter die Zwänge des Systems und damit letztlich zu Konformismus und Gehorsam, also nach wie vor zu Untertanen. Die Schule entsprach und entspricht in Aufbau und Organisation genau diesem Denken und dieser leider überhaupt nicht „überholten“ Weltanschauung.

Heute ist aber der alles entscheidende Unterschied, dass sich im letzten Jahrhundert die Staatsform zur Demokratie weiterentwickelte?! Es wurden aber trotz dieser politisch grundlegenden Veränderung genau diese eigentlich obrigkeitlichem Denken verpflichteten Prinzipien in die heutige Schulorganisation übernommen. Ja ma´u hat sie sogar mit der neuen Hochschulreform auch den Universitäten aufgezwungen. Immer noch ist die weitaus überwiegende Unterrichtsform Frontalunterricht und selbst in reformansetzenden Versuchen, wie z.B. Gruppenunterricht oder Projektunterricht legen die LehrerInnen durch die Lehrpläne verpflichtet Inhalte und Ziele fest.

Nun könnte ma´u einwenden, diese Kritik an den gegebenen Umständen sei die Meinung eines Einzelnen, die durch nichts zu belegen sei. Aber spätestens seit den leider immer noch kaum beachteten Forschungsergebnissen von Jean Piaget u.a. ist eine solche Kritik nicht nur widerlegt, sondern diese zeigen eindeutig, dass diese Art der Organisation von Unterricht, die vorgegebenen Inhalte und die Art der Vermittlung, sowohl an den Bedürfnissen der SchülerInnen und StudentInnen völlig vorbeigehen, vor allem aber nur zu Konformismus und Gehorsam führen können, für ein demokratisches Gemeinwesen ein schlichter Skandal. Die Folgen, bzw. Folgekosten dieser verfehlten Schul- und Bildungspolitik – weitgehende Ineffizienz des Unterrichts, immer weiter anwachsende Verweigerung der SchülerInnen diesem Unterricht gegenüber, ausufernde Aggression in der Schule und an der Ausbildung Gescheiterter, steigende Sozialleistungen an nicht Ausbildungsfähige, umfassende Manipulierbarkeit der Bürger, um nur einige besonders auffällige zu nennen – laufen immer mehr aus dem Ruder und dürften sich stetig weiter steigern, wenn nicht endlich grundlegende Reformen eingeleitet werden.

Auf den folgenden Seiten wird gezeigt, warum eine im Kern aller gesellschaftlichen Organisationsformen immer noch patriarchal machthierarchisch organisierte Gesellschaft wirklich grundlegende Reformen bisher verhindert hat, aber auch, warum eine solche unabdingbar zu fordern ist. Auf den letzten Seiten werden die möglichen, vor allem aber nötigen Grundzüge einer „Schule“, die an den Voraussetzungen, Bedürfnissen und Wünschen von Jugend orientiert ist entwickelt. Eine solche Schule kann autonome, selbstbewusste, aber auch selbstverantwortliche Menschen hervorbringen helfen, die auch dann ein demokratisches Gemeinwesen mit Leben erfüllen und endlich ihren grundgesetzlichen Auftrag annehmen können, nämlich eine eigene politische Willensbildung zu praktizieren. Vor allem aber können nur solche Menschen Alternativen entwickeln, um unser Überleben generell zu sichern, das durch die immer deutlicher werdenden Folgen der Globalisierung massiv bedroht ist.

Die folgende Darstellung erfolgt in einer Reihe von Briefen und dreier ausführlicher Gespräche zwischen einem Opa und seinem Enkel.

                                                                                  Garteis im Herbst 2017

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I Briefserie

                                                                                                       .                                                                                     …., den 20.1.2017

 Hallo Opa

Heute war mal wieder Frusttag in der Schule. Ein Hauptfach nach dem anderen. Und mein Freund Erkan schimpfte über seine Note in Mathe – eine 5. Er hatte doch ziemlich viel für diese Arbeit gelernt, sagte er zumindest. Aber dieser Pauker ist doch einfach blöd. Warum muss er seine Fragen so blöd stellen, dass kein Mensch herauskriegen kann, wie das geht. Da holte ich meine Arbeit aus meinem Sack – übrigens eine 2. Wir schauten gemeinsam nach. Erkan hatte eine Aufgabe zur Berechnung eines Hausgiebels nicht gelöst. Es war nur die Grundseite des Hauses und die Länge einer Seite des Satteldaches angegeben. Ich habe die Aufgabe mit Hilfe des Satzes des Pythagoras gelöst. Er schaute mich ganz erstaunt an. Er fragte mich, wieso ich das so gemacht habe. Ich erinnerte ihn daran, dass eine Höhe ja immer eine Senkrechte auf die Grundlinie ist. Dann ist immer der Satz des Pythagoras ein Lösungsweg. Ja aber wie kommst Du denn darauf, dass die Grundlinie des Hauses gleich die Grundlinie des Giebels sei? Jetzt war ich über seine Frage erstaunt. Du weißt doch auch, dass Häuser immer gleichseitig und rechtwinklig gebaut sind. Er stimmte mir zu. Aber er verstand immer noch nicht was ich meinte. Wenn Häuser sozusagen Quader sind, dann sind doch alle Gegenseiten immer gleich, oder nicht. Dann zeigte ich ihm was ich meinte an einer kleinen Zeichnung. Jetzt wurde er fast ärgerlich. Aber irgendwie verstehe ich nicht, dass Erkan das nicht auch gesehen hat. Er ist doch nicht blöd. Kannst Du mir das erklären Opa?

Aber das war heute nicht die einzige Fruststunde. Wir schrieben einen Test in Erdkunde über Afrika. Den üblichen Blödsinn mit möglichst vielen Namen von Flüssen, Bergen und Ländern. Da ich wusste, dass heute eine solche Arbeit kommen würde, habe ich das Meiste gelernt. Aber ich glaube, dass ich jetzt schon nicht mehr alles weiß und in einigen Tagen ist sowieso alles vergessen. Ich bin immer wieder verärgert und gelangweilt, dass man in der Schule einen Haufen Zeug wiederkauen muss, bzw. abgefragt wird, was weder mich noch meine Freunde interessiert. Wir haben schon eine Art Sport daraus gemacht, es möglichst schnell wieder zu vergessen. Ich frage mich schon manchmal, was dieser ganze Blödsinn eigentlich soll. Wenn ich aber jemanden frage, kriege ich entweder zu hören: „das war schon immer so“, oder „da kann man halt nichts machen, das legt der Staat (?) fest“.

Ich habe vorhin noch mal über den heutigen Tag und das Problem von Erkan nachgedacht. Da fiel mir ein, dass Du ja Lehrer warst und dass Du mich bei Deinem letzten Besuch darauf angesprochen hast, ob es mir in der Schule gefällt. Ich fand das damals eigentlich eine blöde Frage. Wem gefällt es denn schon in der Schule? Aber Du hast auch die Bemerkung gemacht, wenn mir die Schule mal wieder richtig stinkt, sollte ich Dich fragen, wie das Ganze zu verstehen sei. Da Du aber so weit weg wohnst, war mir bisher der Aufwand zu groß. Aber jetzt merke ich, dass mir das Ganze so zuwider wird, dass es mich doch zu interessieren beginnt. Könntest Du mir zu diesen ganzen Zusammenhängen wirklich etwas sagen? Es interessiert mich immer mehr!

Hallo. Jetzt am Ende des Briefes merke ich, dass ich ja noch gar nicht gefragt habe wie es Dir geht? Bitte entschuldige. Mama hat mir vor kurzem erzählt, dass Du etwas erkältet warst. Bist Du wieder gesund? Und wie geht es Oma? Seit Ihr beide o.k.? Habt Ihr immer noch von den guten Äpfeln? Ich freue mich schon auf Deine Antwort und das kleine Geschenk, das ich immer von Euch bekomme, wenn Ihr mir schreibt, oder sonst was schickt. Also auch uns geht es allen ganz gut und am Wochenende wollen wir Schlitten fahren gehen, da wir hier doch tatsächlich auch mal genügend Schnee haben.

Herzlich Tom (Dein etwas genervter Enkel Thomas)

                                                                                                                                                                                               …..den 25.1.2017

 Hallo Thomas

Zunächst möchte ich mich ganz herzlich bei Dir für Deinen tollen Brief bedanken. Erstens schreibt man heute kaum noch, auch nicht über email, und zweitens ist es keineswegs selbstverständlich, dass ein Enkel seinem Opa, einem Grufti schreibt und dass Du es tust zeigt mir, dass Dich dieses Thema wirklich beschäftigt. Also nochmals herzlichen Dank. Bevor wir uns aber näher mit diesem Thema beschäftigen können, müssen wir vorab klären, was Du wirklich wissen willst. Willst Du nur die „normaler Weise“ ablaufenden Umstände an den Schulen und Begründungen über deren Status erfahren, oder interessiert Dich wirklich, welche eigentliche gesellschaftliche Katastrophe die Schulen bzw. das ganze Bildungssystem darstellt. Wenn Dich das Letztere interessiert, kann ich Dir einige interessante, aber leider auch manchmal durchaus schwierig zu verstehende Auskünfte versprechen. Allerdings wird dies dann nicht ganz so schnell gehen. All diese Umstände hängen mit vielen Vorstellungen und Sichtweisen, vor allem aber auch unterschiedlicher Interessen der verschiedensten Menschen und gesellschaftlichen Gruppen zusammen. Dies braucht etwas Zeit und viele Hinweise. Bitte schreibe mir was Du wirklich wissen willst.

Aber Du wolltest ja noch wissen, warum Dein Freund Erkan nicht auch auf Deinen Lösungsweg für Eure Mathearbeit kam. Es kommen da zwei Möglichkeiten in Frage: entweder er war einfach etwas aufgeregt, was ja in solchen Situationen durchaus vorkommen kann. Aber es gibt auch noch eine zweite Möglichkeit. Der Schweizer Biologe und Psychologe Jean Piaget hat Anfang – Mitte des letzten Jahrhunderts sehr umfassend die geistige Entwicklung von Kindern erforscht und dabei festgestellt, dass man diese in einer Abfolge von Stufen, oder Stadien, wie er dies nannte, verstehen und beschreiben kann. Dies alles hier näher zu beschreiben, würde jetzt etwas zu weit führen, zumal, wenn Du Dich für die umfassendere Antwort interessieren solltest, wir noch ausführlichst auf dieses Thema eingehen müssen. Wichtig ist aber zu verstehen, dass das Wissen und Verständnis einer früheren Stufe nicht ausreicht um Aufgaben und Lösungen einer späteren Stufe zu finden und diese zu bewältigen, einfach weil man sie noch nicht verstehen kann. Solche Probleme tauchen immer dann besonders auf, wenn Lösungen gefragt werden, die nicht die Erinnerung an einen Lösungsprozess abfragen – also das Anwenden einer auswendig gelernten Formel, wo man nur andere Zahlen einsetzen muss – sondern durch eine veränderte Fragestellung das wirkliche Verständnis des Vorganges angewandt werden muss. Das Beispiel Eurer Aufgabe zeigt sehr gut was ich meine. Nur wenn man den Satz des Pythagoras wirklich als Verhältnis der drei Quadrate über den drei Seiten in jedem rechtwinkligen Dreieck verstanden hat, kann man ihn eben jederzeit auch auf alle möglichen Flächen anwenden, in denen man mit Hilfe einer Höhe solche Dreiecke herstellen und mit der Anwendung des Satzes dann auch Lösungen errechnen kann. Wenn man hingegen den Satz nur auswendig wiederholen kann, sind solche Aufgaben nicht zu lösen, da man diese Möglichkeiten gar nicht sieht. Sollte Dein Freund Erkan wirklich noch nicht die nächste Entwicklungsstufe erreicht haben, wird er mit solchen Aufgabestellungen immer wieder Probleme bekommen, zumindest so lange, bis auch er so weit wie Du bist. Du siehst, das was mit Lernen und Schule zu tun hat, ist nicht so ohne weiteres mit üblichen Ansichten zu verstehen und zu erkennen und es gibt da noch sehr viel mehr zu beachten auch und gerade im Hinblick auf die Art, wie heute Schule und Lernen staatlich organisiert wird. Da ich aber erst Deine Antwort auf meine obige Frage abwarten will, will ich hier noch keine weiteren Umstände oder gar Kritikpunkte ansprechen.

Mir und Oma geht es momentan mal wieder ganz gut. Aber leider sind die Äpfel jetzt doch schon so trocken geworden, dass auch wir sie nur noch zum Kochen verwenden. Da wir aber noch einige haben, kannst Du ja mal Mama fragen, ob wir Euch zu diesem Zweck welche schicken sollen, denn dafür sind sie natürlich noch gut geeignet.

Nochmals ganz herzlichen Dank für Deinen Brief

Herzlich Dein Opa (der schon voll Spannung Deine Antwort erwartet)

                                                                                                                                                             …., den 29.1.2017

Hallo Opa

Heute werde ich nicht vergessen Dir als erstes für Deine schnelle Antwort zu danken und Dir zu sagen, dass ich mich darüber freue. Scheinbar ist dieses Thema wirklich für Dich von großem Interesse und ich merke, dass auch ich immer mehr Bock darauf habe. Ich habe mir doch tatsächlich im Fernsehen eine Diskussion über Fragen zur Bildungspolitik angehört. Da war ich über mich fast selber baff. Du weißt ja, dass bei uns in NRW bald Wahlen sind. Da stellen die Parteien ihre entsprechenden Programme vor. Ich habe also mitbekommen, dass solche Fragen zuerst Ländersache sind. Alle Parteien versprechen hoch und heilig mehr Geld in das Bildungssystem zu stecken. Sie wollen mehr Lehrer anstellen, sagen alle. Die Linken wollen sogar überall die Studiengebühren und das Büchergeld abschaffen. Papa hat aber skeptisch gelacht. Er bemerkte, dass wir alle in „blühenden Landschaften“ – laut Papa war das der Spruch des Herrn Kohl nach der Wende über die neuen Bundesländer – leben würden, wenn die Parteien ihre Wahlversprechen halten würden. Aber meist wollen die nach der Wahl nichts mehr von „ihrem Geschwätz von gestern“ wissen. Ich fragte Papa warum er so heftig reagierte. Er antwortete, dass wir leider nach jeder Wahl erneut so gut wie nichts von den Wahlversprechen abbekämen. Und der Satz mit dem Geschwätz stamme ja von einem Politiker, dem „alten Adenauer“, wie er sagte.

Aber ich komme ja fast selbst ins Schwätzen. Also konkret zu Deiner Frage: ich wusste ja gar nicht, dass man auf so unterschiedliche Weise antworten kann. Existieren denn nicht überall auf der Welt die gleiche Form der Schule – soweit ich weiß und sofern es überhaupt welche gibt? Ist es denn wirklich so, dass überall die Schulen Mist machen? Zumindest muss ich das so sehen, wenn Deine Bemerkung in Deinem Brief stimmt. Wenn das aber wirklich so ist, dann will ich natürlich wirklich wissen, was da vor sich geht. Vor allem aber warum das so ist. Ich kann mir aber auch denken, dass es nicht immer einfach sein wird das Alles zu verstehen. Aber erstens kann ich ja auch Mama oder Papa fragen und wenn die mir nicht weiterhelfen können, frage ich einfach Dich noch mal. Ich glaube schon, dass wir Wege finden, um auch mir deutlich zu machen, was hier Sache ist.

Du hast mir ja mit Deiner Antwort auf das Problem mit Erkan schon eine solche schwer verdauliche „Pille“ verabreicht. Also wenn ich Dich richtig verstanden habe, sind alle Kinder in ihrer geistigen Entwicklung auf irgend welchen Stadien. Ich wusste zunächst nicht, was ich mit dieser Aussage anfangen soll.  Da fiel mir ein, dass ja auch ich heute andere Aufgaben lösen kann, z.B. in Mathe, als früher. Aber mir fiel noch was ein. Meine kleine Schwester hat vor Aufregung fast gezittert, als vor einigen Wochen der Nikolaus kam. Ich weiß noch gut, dass es mir vor einigen Jahren noch genau so ging. Hat das auch etwas mit diesen Stadien zu tun?

Also nochmals vielen Dank für Deinen Brief und vielleicht schickst Du mir das nächste Mal ja doch wieder was mit. Und vielleicht kommst Du ja bald mal wieder uns besuchen

Ganz herzlich Tom (auf welchem Stadium bin denn ich?)

_a)   Entwicklung eines Kindes

Hallo Thomas (vermutlich auf dem Stadium form-op – das erklär ich Dir aber noch näher)

Ganz herzlichen Dank für Deinen Brief. Einerseits freut es mich, dass Du Dich immer mehr für dieses Thema interessierst und die umfassendere Antwort willst. Andererseits bedeutet das aber, dass Du mir wahrscheinlich noch etliche Briefe schreiben musst, denn natürlich können wir dieses Problem nur Schritt für Schritt angehen und wir haben eine Menge Schritte vor uns. Ich hoffe daher sehr, dass Du die entsprechende Ausdauer haben wirst. Ich muss aber noch etwas vorab ansprechen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass viele der Umstände, die ich ansprechen muss, von anderen Menschen oft völlig anders gesehen werden. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie beginnen bei dem Umstand, dass etwas, was schon „immer so war“ richtig sein muss und enden bei massiven Eigeninteressen. Was ich damit meine, wird später noch deutlich werden. Und natürlich kann man fast zu allen Dingen unterschiedlicher Meinung sein. Da ich aber selbst mein ganzes Berufsleben lang diese Umstände beobachten konnte und für fast alle meine Standpunkte auch gute Gründe, oft auch wissenschaftlich belegte, anführen kann, denke ich, dass sich die Grundzüge meiner Kritik an der Schule jederzeit bei kritischem Hinschauen, wiederfinden lassen. Beginnen wir also von vorn, das heißt in diesem Falle konkret zu überlegen, was denn wohl eine von der Gesellschaft eingerichtete und unterhaltene, also finanzierte Schule machen, leisten oder vermitteln soll. Ich denke Du wirst mit mir übereinstimmen in der Annahme, dass eine Schule das zukünftige Leben von Heranwachsenden in dem Sinne vorbereiten helfen soll, dass diese sich in der jeweiligen Gesellschaft erfolgreich zurechtfinden können. Es heißt ja immer so schön und diesen Spruch hast Du sicher schon oft gehört: „Ihr lernt das Alles für euer Leben“. Ich weiß sehr wohl, dass dieser Spruch Kinder mit der Zeit geradezu anödet, da sie damit eigentlich gar nichts anfangen können, denn sie wissen ja noch überhaupt nicht, was sie in diesem zukünftigen Leben wirklich brauchen werden. Und vermutlich haben sie von Ihren Eltern schon das eine oder andere mal gehört, dass das was Ihnen die Schule gelehrt hat, in großem Umfang „für die Katze“ war und das was Sie wirklich gebraucht hätten, hat Ihnen die Schule gerade nicht gelehrt. Alle diese Ansichten sind in einem gewissen Sinne durchaus auch richtig, aber auch die Aussage „Ihr lernt für das Leben“ ist in großem Umfange zutreffend, auch wenn Dich dieser Spruch selbst schon genervt haben sollte. Ich muss auch noch etwas richtig stellen: das was die Schule macht ist natürlich nicht alles Mist. Aber die Schule wie sie heute organisiert ist und was, vor allem aber wie sie es macht, ist in einem erheblichen Maße unsinnig bis absolut kontraproduktiv, zumindest wenn man es auf euer zukünftiges Leben und die Art und Weise bezieht, wie Kinder wirklich erfolgreich lernen. Um dies aber zu verstehen, muss man eine Menge wissen und sich einige Umstände sehr genau betrachten und überlegen.

Du selbst hast schon auf einen besonders wichtigen Punkt hingewiesen, den Umstand Eures möglichst schnellen Vergessens von Lerninhalten nämlich. Man kann sich diesen Sachverhalt überlegen von welcher Seite man will, aber um es möglichst schnell wieder zu vergessen wird nichts an der Schule gelehrt. Aber dieser Umstand des schnellen Vergessens von Lerninhalten ist keineswegs neu. Ganz im Gegenteil zeigten schon während meines Studiums verschiedene Studien zu diesen Themen diesen Umstand auf. M.a.W., selbstverständlich weiß man in Fachkreisen um diese Zusammenhänge, aber bis heute gibt es keine erkennbare ernsthafte Anstrengungen, dies im Sinne einer Verbesserung zu ändern. Hier zeigt sich einer der katastrophalen Umstände des Versagens der Bildungspolitik. Inzwischen glaube ich allerdings nicht mehr, dass dies ohne Absicht geschieht. Man kennt nämlich inzwischen aus unterschiedlichsten Studien die Folgen dieser Art von „Lernen“. Sie führt nämlich immer erneut nur in Gehorsam gegenüber Autoritäten. Und dieser Umstand ist sehr wohl gewollt, allerdings wird natürlich solches niemandem gesagt, geschweige denn öffentlich diskutiert. Aber darauf muss ich im Zusammenhang mit dem Zustand unsrer Gesellschaft noch näher eingehen. Aber es gibt noch eine andere Folge solcher Umstände. Seit mehreren Jahrzehnten geht die Lernbereitschaft der Kinder an den Schulen zurück. Man kann das auch so ausdrücken, dass die SchülerInnen mit immer weniger Kenntnissen und Fähigkeiten die Schulen verlassen. Man braucht sich dazu nur die Klagen der Industrie über die Defizite ihrer zukünftigen Lehrlinge anzuhören, um zu sehen, was hier vor sich geht. Nun könnte man ja meinen das wäre in Gymnasien anders. Aber weit gefehlt. Universitäten müssen neuen Studierenden in speziellen Kursen die Rückstände helfen aufzuholen, die ihnen die Schule „vermittelt“ hat. Ein deutlicheres Zeugnis des Versagens kann man einem allgemeinen Bildungssystem gar nicht machen. Aber kennst Du irgendwelche erkennbare Initiativen hier wirklich etwas zum Besseren zu verändern? Ich nicht. Ich will Dir aber in meinen Bemühungen als Antwort auf diese Fragen Hinweise geben, die sowohl die Gründe bei den Kindern, als auch bei der Gesellschaft aufzeigen sollen.

Wenn man sich diesen Fragen annehmen will, sind vor allem drei Sachverhalte genau anzusehen. Da ist erstens das Kind, um das sich letztlich alles dreht. Dann sind da die Eltern, die das Kind erziehen sollen und fast immer auch wollen. Aber zur Beurteilung unserer Frage fast noch wichtiger ist die Gesellschaft in die hinein ein Kind erzogen werden soll. Ich hoffe Du stimmst mit mir überein, dass die Meinungen und Überzeugungen der Gesellschaft allgemein, als auch der einzelnen Menschen im Besonderen zur Beantwortung dieser Fragen von entscheidender Bedeutung sind. Der Grund für die überragende Bedeutung der jeweiligen Meinung zu diesen Umständen liegt darin, dass die beiden Seiten, Erwachsene und Gesellschaft „gebraucht“ werden, wenn es um die Erziehung der Kinder geht. Der jeweils einzelne Mensch ist ja als Mama oder Papa eine ganz überragend wichtige Erziehungsinstanz und die jeweilige Gesellschaft ist es, in die der/die zukünftige BürgerIn hinein erzogen werden soll. Beide Seiten müssen also zumindest in Grundzügen gleicher Meinung darüber sein, wie diese Gesellschaft beschaffen ist, bzw. sein soll, und dass das was als Erziehung geschieht in umfassender Weise damit in Einklang stehen sollte.

Ich will Dir das was ich hier meine kurz an einem Beispiel der jüngeren Geschichte verdeutlichen. Nach dem für Deutschland verlorenen ersten Weltkrieg waren immer noch sehr viele Eltern innerlich Anhänger des untergegangenen Kaiserreiches. Das hatte zur Folge, dass sie ihre Kinder im Sinne und im Hinblick auf eine existierende „höhere“ Autorität erzogen. M.a.W., diese Kinder wurden im wahrsten Sinne des Wortes autoritätshörig erzogen. Es gibt einen ganz neuen Film, „Das weise Band“, in dem diese Umstände sehr deutlich dargestellt werden. Inzwischen gab es aber in Deutschland eine Demokratie, die sog. Weimarer nämlich. Aber all diese Menschen einschließlich ihren Kindern konnten und wollten keine selbständig denkende demokratische Bürger sein, da sie die Staatsform der Demokratie ablehnten. Dies war, neben den eigentlichen vor allem finanziellen Folgen des verlorenen Krieges natürlich, einer der entscheidenden Gründe dafür, dass die Weimarer Republik als sie in die Krise geriet, von vielen Bürgern nicht im Sinne demokratischer Einstellungen unterstützt wurden, so dass Extremisten von beiden Seiten – also von links und von rechts – die Mehrheit im Parlament gewannen. Noch entscheidender war aber, dass genau solche Menschen dann zu besonders begeisterten Anhängern der Nazis, also autoritären Diktatoren, wurden. Dass aber auch umgekehrte Zusammenhänge – also wenn der Staat nicht das vermittelt, was er sollte, um aus seinen Bürgern selbstbewusste Demokraten zu erziehen – in eine ähnliche negative Richtung sich entwickeln können, darauf werden wir weiter unten noch zurückkommen müssen.

Ich denke, dass dies fürs erste reicht. Heute habe ich aber den Brief mit der Post verschickt und Dir und Deiner Schwester eine Kleinigkeit beigelegt. Aber ich war über Deine Bereitschaft, Dich mit diesem Thema zu beschäftigen so begeistert, dass ich Dir möglichst schnell per mail antworten wollte und da kann ich halt nichts beilegen. Uns geht es nach wie vor ganz gut und ich hoffe Euch auch.

Also bis bald

Herzlichst Dein Opa (wenn Du an einer Stelle nicht weiterkommst, frage einfach nach)

                                                                                                                                                                                                                                 .                                                                              …, den 9.2.2017

Hallo Opa

Wow! Jetzt weiß ich, was Du in Deinem Brief mit deiner Vorwarnung gemeint hast. Ja ich werde wohl einige Ausdauer brauchen, um das ganze durchzustehen. Als ich Deinen Brief las, war ich mehrere Male nahe dran aufzugeben. Das hat mich dann aber etwas über mich wütend gemacht. Ich habe mich dann Dank einiger Unterstützung von Papa doch durchgekämpft. Der sagte mir aber auch, dass er das nicht jedes Mal machen wird. Er habe erstens nicht immer Zeit und Lust dazu. Zweitens scheint er mit dieser meiner „Macke“, wie er meinte, nicht so ganz einverstanden zu sein. Er scheint auch auf Dich etwas ärgerlich zu sein. Er sagte, Du würdest mir nur „Flausen“ in den Kopf setzen, die mir nach seiner Meinung eher schaden als nützen. Über diese seine Reaktion war ich etwas erstaunt. Eigentlich sieht er es doch ganz gerne, wenn ich mich nicht zu viel mit irgend welchen Spielen am Computer beschäftige, sondern „was Vernünftiges“ tue. Scheinbar scheint ihm dieses Interesse von mir nicht so vernünftig zu sein. Aber ich habe ihm schon öfter gesagt, dass mir die Schule oft stinkt. Ich weiß von ihm aber auch, dass auch er kein so begeisterter Schüler war. Wenn ich das nächste Mal wieder Verständnisprobleme habe, frage ich zuerst Mama. Wenn ich da nichts erfahre, frage ich ganz einfach Dich, es mir erneut zu erklären. Ich bin aber doch erstaunt, wie weit es an den Schulen falsch läuft. Wenn man selbst täglich davon betroffen ist, fällt einem das überhaupt nicht auf. Ganz davon abgesehen machen sich Jugendliche wohl selten über so allgemeine Fragen Gedanken. Ohne Dein Angebot wäre ich vermutlich auch nie auf den Gedanken gekommen. Aber seit Deinen Hinweisen auf die Lernumstände in der täglichen Praxis beobachte ich das näher. Ich muss Dir in allen Bereichen zustimmen. Umso mehr bin ich auf Deine weiteren Ausführungen gespannt. Vor allem war ich über Deinen Hinweis über die Folgen des Lernens erstaunt. Stimmt das wirklich? Führt das nur zur Abhängigkeit von Autoritäten? Irgendwie kriege weder ich noch mein Papa das auf die Reihe. Vor allem aber, gibt es denn eine andere Art von Lernen?

Übrigens gibt es in der Schule mal wieder Stress. Zu Beginn des neuen Schuljahres bekamen wir einen neuen Lehrer, einen Referendar. Diesen mögen wir inzwischen besonders gerne. Das hat wohl damit zu tun, dass er mehr als alle anderen auf unsere Fragen eingeht und manchmal auch mit uns was Besonderes unternimmt. Der hat nun vom Rektorat Druck bekommen. Angeblich würde er uns Schüler gegen andere Kollegen aufhetzen. Er hat dies zwar – und ich bin sicher auch mit Recht – bestritten, ich kann mich auch nicht an so was erinnern. Aber ich vermute, dass ein anderer etwas älterer Kollege sich über das Verhalten des Jüngeren beschwert hat. Der findet es scheinbar nicht gut, was der Kollege da macht. Das hat er uns nämlich schon gesagt. Aber da haben wir uns über ihn ziemlich geärgert und das hat er dann in den folgenden Wochen wohl auch gemerkt. Jedenfalls hat er dann, wenn es mal Probleme mit der Klasse gab, solche Bemerkungen gemacht. Der junge Lehrer sagte uns jetzt, dass er aufpassen muss keine unnötigen Schwierigkeiten zu bekommen. Er wird in Zukunft zurückhaltender sein müssen. Das hat uns natürlich erst recht geärgert und scheinbar haben das einige von uns dem anderen Kollegen auch gesagt. Jetzt könnte es durchaus sein, dass der Referendar versetzt wird und das wäre schon sehr traurig. Er ist wirklich ein netter Kerl, der ganz offensichtlich auch ein guter Lehrer werden könnte.

Vielen Dank für Dein Geschenk. Auch Meike hat sich gefreut. Uns geht es soweit gut und ich hoffe Euch auch

Dein Enkel Tom

                                                                                                                               .                                                                                  .., den 15.2.2017

Hallo Thomas

Vielen Dank für Deine schnelle Antwort. Ich habe aber eine Bitte. Vernachlässige bitte wegen unseres „Gesprächs“ nicht Deine normalen Pflichten, also weder zu Hause, noch die für die Schule. Ich würde mir schon Vorwürfe machen, wenn mich eines Tages Dein Vater oder Deine Mutter anrufen würden und mir mit Recht vorhalten könnten, Dich davon abgehalten zu haben. Außerdem bitte ich Dich dringend Deine Einstellung zur Schule nicht allzu sehr von meinen kritischen Äußerungen über die Schule beeinflussen zu lassen, denn was ich Dir hier mitteilen werde, kann, wenn überhaupt, erst in vielen Jahren umgesetzt werden. Dass Du da längst jede Bildungseinrichtung abgeschlossen haben wirst, ist ganz offensichtlich und ich würde mir nie verzeihen können, wenn Du durch meine Ansichten in Deinen Leistungen Nachteile bekämst. Betrachte also bitte das Ganze mehr wie eine rein theoretische Diskussion, was es ja letztlich in einem erheblichen Umfang auch ist. Also nochmals ganz dringend: bitte lass Dich nicht zu sehr in Deinem täglichen Verhalten davon beeinflussen.

Jetzt aber zurück zu Deinem Brief. Was Du mir da über Euren Lehrer schreibst ist weder etwas Seltenes, noch auf dem Hintergrund sowohl der Organisation der Schule, als auch den in Schulen vorherrschenden Verhaltensweisen zwischen den LehrerInnen verwunderlich. Ich werde Dir auch dann, wenn wir uns näher mit der Schule selbst und der Situation der LehrerInnen beschäftigen, erklären was da vor sich geht und warum solches immer wieder vorkommt. Da dies aber in den Bereich 3, also die nähere Betrachtung der Gesellschaft gehört und wie sich das auf die Schule auswirkt, kann ich erst dann näher darauf eingehen. Da ich glaube, dass es richtig ist sich zuerst mit dem Thema der Ansichten und Kenntnisse über Kinder zu beschäftigen, wollen wir uns auch zunächst diesem Thema zuwenden. Vorab noch einen Hinweis zu Deiner Frage nach dem Lernen: erstens, ja, das stimmt wirklich; zweitens, ja, das führt zu dieser Abhängigkeit und drittens, ebenfalls ja, es gibt eine andere Art des Lernens, aber darüber müssen wir uns dann später im richtigen Zusammenhang erneut beschäftigen. Und dass das auch Dein Papa nicht so ohne weiteres nachvollziehen kann, wundert mich überhaupt nicht, da man darüber ja so gut wie nie was zu hören bekommt.

Jetzt aber zu dem heutigen Thema. An meiner Formulierung „Ansichten und Kenntnisse“ über Kinder merkst Du schon, dass hier eigentlich ungeheuer viel zu sagen wäre, was natürlich hier gar nicht geht. Der alles entscheidende Punkt ist aber, wie sowohl die Wissenschaft, also hier die Biologie, Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Didaktik usw., als auch die dadurch entscheidend beeinflusste Politik heute Kinder zu verstehen glaubt, wie und auf welche Art und Weise Kinder Erkennen lernen und Wissen erwerben. Von dieser Sichtweise hängt dann ab, wie jedwede Art von Unterricht zu gestalten ist. Alleine diese Aufzählung ist schon beeindruckend und hält viele davon ab, sich dazu Gedanken zu machen. Aber gerade weil so viele Menschen glauben hier mitreden zu können, widersprechen sie sich ständig, sowohl aus jeweils unterschiedlichen fachlichen Sichtweisen her, als auch aus persönlichen. Gerade diese Vielzahl unterschiedlicher Interessenlagen – dabei habe ich noch gar nicht die wesentlichsten gesellschaftlichen genannt, wie religiöse und politische Überzeugungen und die Interessen der Wirtschaft – zeigen deutlich warum das Ganze so schwierig ist. Dazu kommt in unserem speziellen Fall, dass ich Dir ja nicht mit allzu vielen theoretischen Überlegungen und Fakten kommen kann. Ich muss mich also sowohl auf wenige aber entscheidende Grundsätze beschränken, aber auch versuchen das Ganze möglichst einfach auszudrücken. Dass dies dann manchmal zu Lasten einer kritischen Überprüfung gehen muss, muss ich in Kauf nehmen. Ich werde mich aber bemühen, soweit es in meinen Kräften steht es so zu formulieren, dass sowohl Du es verstehen kannst, als auch das Gesagte so nahe wie möglich an dem orientiert bleibt, was ich eigentlich sagen wollte. Aber in dieser Beschränkung könnte auch eine große Chance bestehen, nämlich eben gerade diese Beschränkung vermeidet den „Nebel“, den allzu viele Stimmen erzeugen können und oft auch wollen. Ich komme auf diesen Zusammenhang später nochmals zurück. Also beginnen wir mit den Umständen, die mit Kindern zu tun haben.

Es ist noch gar nicht lange her, da war man der Überzeugung, dass Kinder so was wie kleine Erwachsene sind. Man kann dies sehr gut an alten Gemälden erkennen, in denen die Kinder in „kleinen“ Erwachsenenkleidern gemalt wurden. Davon ausgehend war man offensichtlich der Überzeugung, dass nicht nur der Körper von Kindern wächst, sondern auch die geistigen Fähigkeiten eine Art Reifungsprozess durchmachen und man müsse ihnen nur möglichst viele Wissensinhalte und Fakten vermitteln, dann würden sie sozusagen von alleine alles lernen und verstehen, was man im Leben braucht, vor allem das Denken selbst. In dieser Sicht ist enthalten, dass Kinder irgend wie das was man geistige Fähigkeiten nennt mit der Geburt schon mitbringen. Als dann im 19. Jh. sich die neue Wissenschaft der Psychologie entwickelte, entdeckte man, dass an diesen Vorstellungen einiges nicht stimmen kann. Diese Probleme und Widersprüche begannen Anfang des letzten Jahrhunderts den früher von mir schon erwähnten Biologen Jean Piaget zu interessieren. Er wollte durch möglichst präzise Beobachtung an heranwachsenden Kindern verstehen lernen, wie Kinder in die Lage kommen Mathematik zu erlernen und zu verstehen. Wie Du siehst, war sein Interesse einerseits ziemlich einseitig auf das kindliche Erlernen der Mathematik gerichtet, andererseits stellte er zunächst die älteren Vorstellungen der Reifung nicht grundsätzlich in Frage. Vielleicht könnte man auch sagen, dass er dazu keine vorgefasste Meinung hatte. Er merkte aber sehr bald, dass er mit seinen Beobachtungen und Forschungen viel umfassendere Ergebnisse gewann, als er zu Beginn erwartet hatte. Im Laufe der Zeit wurde ihm bewusst, dass er in seinen Forschungen eine von einer Null-Lage ausgehende geistige Entwicklung der Kinder beobachtete. Aber die Orientierung an der Mathematik kann man noch immer an den Benennungen der von ihm eingeführten Stadien erkennen. Bedauerlicherweise kann ich weder auf seine Voraussetzungen, seine Methoden noch auf seine einzelnen Ergebnisse näher eingehen, die er in mehreren dicken Büchern veröffentlichte. Ich muss mich daher auf seine in seiner Stadientheorie zusammengefasste Grundaussage über den Lernfortschritt bei Kindern und die dabei immer zu beobachtende Stufenfolge beschränken. Die letzte Bemerkung beinhaltet den Umstand, dass seine Ergebnisse natürlich wie alle wissenschaftlichen Ergebnisse öffentlich diskutiert und von Fachkollegen selbständig überprüft wurden. Es stellte sich dabei wie schon gesagt heraus, dass seine Stufen- oder Stadientheorie durchaus stimmt, aber keineswegs immer alle seiner Stadien zu beobachten sind. Außerdem wurden natürlich seine Ergebnisse auch kritisiert und teils abgelehnt und zwar vor allem von Wissenschaftlern, die an der Reifungstheorie festhielten. Da aber nicht nur ich, sondern sehr viele WissenschaftlerInnen vor allem auch in der USA von seinen Ergebnissen im Grundsatz überzeugt sind, sind sie für mich eine der wesentlichen Grundlagen meiner Kritik an der derzeitigen Organisation der Schule. Was aber sind eigentlich diese Stadien, bzw. was sollen sie beschreiben?

In seinem Buch „Meine Theorie der geistigen Entwicklung“ hat er seine Ergebnisse selbst zusammengefasst und ich werde daher die wenigen konkreten Zitate von da aus zitieren. Da Piaget viele Fremdworte benutzt, muss ich allerdings etwas „übersetzen“. Er schreibt S. 65 „Die (erste sogenannte) sensomotorische (also durch Reizung, welcher Art auch immer bewirkte Reaktion) Periode dauert bis ungefähr zum Alter von anderthalb Jahren mit einer ersten Teilperiode der Zentrierung des Subjekts (ausschließliche Ausrichtung des Kindes) auf den eigenen Körper – ungefähr sieben bis neun Monate dauernd -, gefolgt von einer zweiten, in der die Pläne der praktischen Intelligenz (die Möglichkeiten von Handlungen) objektiviert und den Bedingungen des Raumes angepasst werden. Die (zweite) Periode der Vorstellungsintelligenz (erste im Kopf ablaufende Handlungen) führt zu konkreten (geistigen) Operationen – Klassen, Relationen (Verhältnissen und Zahlen), die an Objekte (Gegenstände) gebunden sind – mit einer ersten präoperatorischen (voroperatorischen) Teilperiode – ohne Reversibilität (Umkehrbarkeit) und Erhaltung, aber mit den Anfängen gerichteter Funktionen und qualitativer Identitäten (eine Form von qualitäts- und/oder wertmäßiger Übereinstimmung) -, die im Alter von ungefähr anderthalb bis zwei Jahren mit der Bildung semiotischer (sprachliche Zeichen) Prozesse wie Sprache und inneren Bildern beginnt. Daran schließt sich – mit etwa sieben bis acht Jahren – eine zweite Teilperiode an, die gekennzeichnet ist durch die Anfänge operatorischer Gruppierungen (aktive geistige Gliederung) in ihren verschiedenen konkreten Formen und mit ihren verschiedenen Arten von Erhaltung (beständige und wiederholbare Erinnerung). Schließlich gibt es die (dritte) Periode aussagenlogischer oder formaler Operationen (durch logisches bzw. von Erfahrungen geprägtes Denken). Auch sie beginnt mit einer Teilperiode, in der sich die Operationen ordnen – 11 bis 13 Jahre -, und ihr folgt eine andere Teilperiode, die die Ausformung der allgemeinen Kombinatorik und der INCR-Gruppen (I = Identität, N = Negation, C = Korrelation und R = Reziprozität) mit den beiden Formen der Reversibilität bringt“.

Lieber Thomas, ich bin mir natürlich völlig darüber im Klaren, dass Du diese theoretischen Formulierungen durch einfaches Lesen keinesfalls verstehen kannst – zumindest auf einige Jahre hinaus -. Ich habe daher beschlossen diesen Brief einzupacken und Euch zu besuchen. Dann kann ich Dir im persönlichen Gespräch sowohl Antworten zu Deinen Fragen geben, als auch durch praktische Beispiele erklären, was diese Texte eigentlich meinen. Da es sich hierbei aber um eines der Fundamente handelt, ohne das die ganzen folgenden Ausführungen unverständlich bleiben müssten, ist dies die einzige sinnvolle Möglichkeit Dir zumindest eine Grundansicht des Gemeinten zu vermitteln.

Also bis in Kürze persönlich (worauf ich mich schon sehr freue)

Dein Opa  

                                                                                                                       .                                                                              

Erstes Gespräch

Opa: Na Thomas, Du hast ja wie ich sehe den letzten Brief gelesen, wie weit bist Du denn damit gekommen?

Thomas: Es tut mir leid Opa. Den Anfang Deines Briefes habe ich ja noch mitbekommen. Ich kann Dir versichern, dass ich sowohl Deine Bedenken, als auch die meiner Eltern verstehe. Ich kann mir auch vornehmen, dass diese Bedenken nicht Wirklichkeit werden. Aber von dem Rest habe ich praktisch gar nichts verstanden.

Opa: Da ich mir das ja schon gedacht habe bin ich hier. Hast Du Zeit und Lust zu versuchen zu verstehen, um was es hier geht?

Thomas: Da ja heute Samstag ist und auf meine Bitte hin sich keiner meiner Freunde angemeldet hat, können wir es versuchen. Eigentlich bin ich gespannt darauf und zwar aus zwei Gründen. Irgendwie habe ich so eine Ahnung gekriegt, dass das Ganze wichtig zu sein scheint. Vor allem aber auch, ob ich es wirklich auf die Reihe kriege. Also wo fangen wir an?

Opa: Kannst Du Dich noch an den Titel des Buches von Piaget erinnern?

Thomas: Ja, und es war gerade der Titel, der mich ahnen lässt, um was es hier geht. Ich glaube, wenn ich das verstehe, dann habe ich einige wichtige Dinge begriffen.

Opa lachend: Das ist auch durchaus richtig. Also nochmals Piaget: „Meine Theorie der geistigen Entwicklung“. Was kannst Du Dir darunter vorstellen?

Thomas: Also das Geistige ist doch alles was in unserem Kopf abläuft, sehe ich das richtig?

Opa: Das ist zwar nur eine Bedeutung des Wortes „geistig“, aber da es Piaget genau darum geht, ist Deine Vermutung völlig zutreffend.

Thomas: Aber mir ist da an Deinem Text etwas aufgefallen. Du schreibst da so was, wie eine geistige Null-Lage. Was meinst Du denn damit? Das hängt mir völlig zu hoch. Da oben im Kopf ist doch immer „etwas los“, oder nicht?

Opa: Ja, nach allgemeiner Meinung ist da „immer etwas los“. Aber für ein neugeborenes Kind stimmt das eben gerade nicht. Hier sind wir an einem der ersten schwierigen Umstände. Wir kommen natürlich wie jedes Tier mit einem fast kompletten Gehirn auf die Welt. Aber in unserem Gehirn ist eben direkt nach der Geburt so gut wie noch „nichts los“. Wir haben auch fast keine biologischen Vorgaben, wie z.B. umfassende Instinkte und mehr oder weniger ausgereifte Fähigkeiten uns sofort „lebenserhaltend“ verhalten zu können. Biologen haben uns daher auch schon eine unausgereifte, ja sogar lebensunfähige Frühgeburt genannt. Aber das stimmt nur unter einem rein biologischen Blickwinkel. Offensichtlich ist es so, dass wir so „mangelhaft“ – biologisch gesehen – ausgestattet sind, weil wir so viel erlernen müssen. Hast Du bisher alles verstanden?

Thomas: Ich hoffe schon. Also nochmals: anders als die Tiere kommen wir nicht mit den wichtigsten Überlebensfähigkeiten auf die Welt, richtig? Opa nickt. Und das bedeutet, dass in unserem Gehirn wirklich „nichts los“ ist?

Opa: Ja, weitgehend zumindest. Wahrscheinlich kann unser Gehirn zwar schon erste Eindrücke empfangen, so hat man beobachtet, dass neugeborene Kinder möglichst bald Blickkontakt mit ihrer Mutter suchen, was auch für den späteren Kontakt mit ihr sehr wichtig zu sein scheint, aber da es noch überhaupt keine Erfahrungen mit was auch immer hat, kann es damit überhaupt nichts „anfangen“, zumindest nicht in einem Sinne wie wir das verstehen würden.

Thomas: Das verstehe ich nicht. Alles was ich im Gehirn habe kann ich doch auch verstehen, meistens zumindest. Und wenn ich es vielleicht noch nicht verstehe, wie z.B. das Meiste was Du mir in Deinem Brief geschrieben hast, dann kann ich Dich doch fragen.

Opa: Ja Thomas. Du vergisst bei Deiner Überlegung, dass Du ja schon einige Jahre ständig am lernen bist. Oft lernst Du ja auch ohne es zu merken. Denn alles was in Deinem Kopf „erscheint“, ob als Bild, Wort oder auch neue Erfahrung, wird sofort mit schon vorhandenen Kenntnissen verglichen und an diesen angelagert, oder m.a.W. das ergänzt und erweitert Dein Wissen.

Thomas: Halt stopp. Also wenn ich Dich richtig verstehe wird alles was in meinen Kopf kommt grundsätzlich erst mit dem verglichen, was ich schon weiß? Und erst wenn ich darüber schon was weiß wird es in meinem Kopf gespeichert?

Opa: Ja so ungefähr spielt sich das ab. Es wäre zwar noch einiges über Stammhirn und Zwischenhirn zu sagen, auch über einige wenige Instinktreaktionen und noch mehr über Gefühle, aber das ist doch mehr Spezialwissen und würde erstens jetzt zu weit von unserer Ausgangsüberlegung, was bei Neugeborenen geschieht wegführen und würde zweitens auch Dich wohl vorerst überfordern. Also kehren wir zu unserer obigen Überlegung zurück. Aber vielleicht kannst Du mit der letzten Überlegung sogar verstehen, wieso ein neugeborenes Kind sozusagen bei Null anfangen muss?

Thomas: Was, Du meinst ich könnte das wirklich schon verstehen? Huch, wie kommst Du den darauf?

Opa: Na ja, denke mal logisch mit. Wir haben gesagt: Du verstehst nur dann etwas, wenn Du darüber schon irgend etwas weißt. Jetzt denke mal zurück an ein kleines Kind. Was weiß das denn?

Thomas nachdenklich: ….ja was weiß das denn?……ja hallo ich haaaaabs! Das weiß ja noch gar nichts. Richtig? Das kommt sozusagen mit Nichts auf die Welt, also zumindest im Kopf. Hab ich recht?

Opa erfreut: Ja Thomas, Du hast es erfasst. Sein Gehirn ist sozusagen eine tabula rasa. Da ist wirklich noch nichts drin. Man hat ja ein Gehirn mit einem Computer verglichen. Aber gerade mit dem Blick auf das Gehirn eines Kindes zeigt es sich, dass das eben gerade nicht stimmt. Denn alles was von nun an in das Gehirn „hinein“ kommt, kommt zwar über die Sinne von außen, aber man weiß heute auch, dass jede neue Information, die im Gehirn verarbeitet wird, das Gehirn gleichzeitig in spezifischer, durch die Information bedingter Weise „verdrahtet“.

Thomas: Halt Stopp, was meinst Du mit dem Begriff „verdrahtet“. Ich habe doch keine Drähte im Kopf.

Opa: Nein natürlich nicht. Das ist ja auch nur ein Beispiel und wie jedes Beispiel hat es auch Unklarheiten. Du hast natürlich wie jeder Mensch Nervenzellen im Kopf. Und diese stellen auf noch nicht ganz verstandene Weise permanent neue Verbindungen untereinander her, wobei sie aber gleichzeitig andere Verbindungen, die nicht mehr „gebraucht“ werden, abbauen. Das gilt sogar noch bei mir, also ein ganzes Leben lang. Mit Drähten ginge das ja alles nicht, aber man kann sich doch eine annähernde Vorstellung über den Vorgang machen. Aber nun zurück zu unserer eigentlichen Frage: wie entwickelt sich nun die geistige Fähigkeit eines Kindes. Das erste was hier besonders wichtig ist, ist sich zu vergegenwärtigen, dass ja Kinder eben gerade auch noch keine Worte kennen, also genau das, was wir bei fast allen gedanklichen Prozessen benutzen. Wie also fängt das ganze überhaupt an?

Thomas gespannt: Ja, das interessiert mich jetzt auch, wie fängt es denn an?

Opa: Wie Du aus meinem Brief lernen konntest, nannte Piaget, was von anderen Forschern im gleichen Sinne bestätigt wurde, die erste Entwicklungsstufe oder Stadium sensomotorisch. Was meinte er damit? Man kann diese ganze Periode als Entdeckung der Zusammenhänge zwischen Sinnesempfindung, also Reizung = sensor und Handlung oder auch motorisches Verhalten genannt, verstehen, wobei man hier weitere 6 Unterstufen beobachten kann. Verstehst Du was gemeint ist?

Thomas: Ich glaube schon. Warte mal. Ich habe einen kleinen Roboter. Dem kann ich neues „Verhalten“ einprogrammieren, wenn auch nur an wenigen Beispielen. Ist das so ähnlich zu verstehen?

Opa: Ja, der Vergleich ist ganz gut. Aber denke daran, was ich Dir schon gesagt habe, unser Gehirn ist kein Computer. Also beginnen wir mit der ersten Phase: (0-1 Monat) Hier entstehen die ersten Verhaltensstrukturen. Damit ist gemeint, dass das Neugeborene die ersten Bewegungen, wie z.B. Strampeln erlernt und gleichzeitig entstehen dadurch im Gehirn die „neuverdrahteten“ Strukturen, die dann das Strampeln in Zukunft steuern.

Thomas erstaunt: Moment. Meinst Du damit, dass selbst so einfache Bewegungen, wie das Strampeln erst erlernt werden müssen. Und dass dieses Erlernte dann im Gehirn eigene Steuerungsstrukturen erzeugt? Irgendwie kommt mir das komisch vor. Ich kann doch auch Laufen, ohne dass ich das ständig „steuern“ muss?

Opa erfreut: Ja Thomas, Dein Einwand ist sehr gut. Er ist richtig und auch wieder nicht. Erinnere Dich daran wie Du Radfahren gelernt hast. Kannst Du mir sagen, wie sich das abgespielt hat? Und musst Du es heute immer noch steuern?

Thomas: Also das weiß ich noch ganz gut. Ich hatte ja erst ein Dreirad und dann eines, bei dem neben einem größeren Hinterrad zwei kleinere Räder waren, die das Rad stabilisierten, wenn ich kippte. Und ich musste mich anfangs ziemlich konzentrieren, bis ich wirklich ohne Hilfe fahren konnte. Aber heute läuft das sozusagen von alleine, ohne dass ich noch viel nachdenken oder kontrollieren muss.

Opa: Du beschreibst hier sehr gut, wie solche Prozesse bei uns Menschen ablaufen. Erst müssen wir alle möglichen Fähigkeiten erst mit aller Aufmerksamkeit erlernen und dann geht es sozusagen „von alleine“. Man nennt diesen Vorgang Automatisierung von Fähigkeiten und die weitaus meisten unserer Verhaltensweisen funktionieren im Alltag auch so. Die Wissenschaftler, die dieses erforschen, schätzen, dass fast 90% unseres täglichen Verhaltens so abläuft, ohne dass wir auf sie Aufmerksamkeit verschwenden müssten. Das hat wohl damit zu tun, dass für alle Tiere das momentane Geschehen für das Überleben von überragender Bedeutung ist und sie daher hier alle Aufmerksamkeit brauchen. Und offensichtlich gilt dies auch noch für uns Menschen.

Thomas: Aha jetzt habe ich Dich verstanden. Aber eins verstehe ich noch nicht. Warum ist das bei uns Menschen so kompliziert? Bei den Tieren ist das doch viel einfacher. Die scheinen alles von Beginn an zu können.

Opa: Vorsicht mit voreiligen Annahmen. Hast Du noch nie beobachtet wie viel Zeit z.B. kleine Katzen mit spielen verbringen. Was glaubst Du warum die das machen?

Thomas erstaunt: Ja jetzt wo Du es sagst fällt es mir wieder ein. Ja die spielen wirklich sehr viel. Hat das wirklich die gleichen Gründe, wie bei uns Menschen?

Opa: Im Grundsatz schon. Allerdings kommt bei uns Menschen noch ein ganz neuer Umstand hinzu. Wir werden nämlich durch den eben beschriebenen Vorgang auch in die Lage versetzt, jederzeit bewusst auch solche automatisierten Verhaltensmuster anzuhalten, oder eben ganz bewusst in neuer, von unserem Willen vorgegebener Weise verändert auszuführen. Das können Tiere genau nicht. Ich will jetzt aber nicht weiter auf diese Umstände eingehen, wenngleich natürlich auch hier noch eine Menge zu sagen wäre. Aber Du merkst schon, wie umfassend und interessant all diese Zusammenhänge sind. Wenn wir aber weiterhin so weit abschweifen brauchen wir Jahre um unser Ziel zu erreichen. Ich will daher jetzt einige der weiteren Vorgänge beim kindlichen Lernen zusammenfassen und bitte Dich nur dann nachzufragen, wenn Dir ein Zusammenhang nicht ganz klar ist. Einverstanden?

Thomas lacht: O.k. Opa. Du hast ganz recht, wenn wir schon beim ersten Monat so lange brauchen, dann vergehen wirklich Jahre. Ich werde mich also mehr auf die eigentlichen Entwicklungsschritte konzentrieren. Aber natürlich muss ich noch vieles nachfragen.

Opa: Das ist natürlich völlig in Ordnung. Also lass uns weitermachen, denn wir sind noch nicht mal mit dem ersten Monat fertig. Ein Baby lernt also sich zunächst zu bewegen, dann aber auch zielgerichtet z.B. den Kopf zu bewegen und in der letzten Phase werden diese ersten Bewegungen immer wieder sozusagen übend wiederholt. Aber eines muss man sich völlig klar vor Augen halten: für ein Baby existiert nur sein jetzt mögliches Empfinden, nämlich vor allem im Mund. Vielleicht kannst Du Dich noch erinnern, wie Deine Schwester noch alles in den Mund steckte?

Thomas: Er nickt nachdrücklich. Ja das weiß ich noch sehr gut.

Opa: Daraus kann man den Schluss ziehen, wie es ein anderer Autor ausdrückte: Alles „eigene“ – dieser Begriff ist hier natürlich in einem ganz engen Sinn gemeint – ist nur Mund und alles andere ist nur Nahrung. Das ist sozusagen die ganze Welt eines Kindes in diesem Alter. Aber all dies leitet dann in die 2. Stufe – 2.-4. Monat – über, in der jetzt zunehmend solche Reaktionen wiederholt werden, die zu einem angenehmen Ergebnis führen. Hierher gehört z.B. das Verhalten, das vor allem konservativen Eltern gar nicht gefällt, nämlich sich immer wieder an den Genitalien zu berühren. Ich komme im Zusammenhang mit den Eltern hierauf nochmals zurück. Aus solchen Abläufen entstehen auch die ersten Gewohnheiten eines Kindes. Aber in der 2. Stufe werden diese Handlungen auf immer mehr Gegenstände angewendet, auch solche die eher zufällig in seine Nähe kommen, was dann natürlich zu neuen Erfahrungen führen kann. Aber ganz wichtig,  alles ist nach wie vor immer nur auf den eigenen Körper bezogen. Für ein Kind dieses Alters gibt es praktisch nur Körper, sowohl den eigenen, als auch alles um es her, also auch die Mutter oder der Vater. Ab dem 5. Monat folgt nun die 3. Stufe, die bis zum 8. Monat reicht. Und diese Stufe ist jetzt besonders wichtig, denn das Kind lernt Stück für Stück zwischen dem eigenen Körper und dem „Umgebenden“ zu unterscheiden. Also es beißt auf den Daumen, es tut weh: es beißt in eine Decke und es tut nicht weh. Es entsteht jetzt die erste Ich-Identität, ein reines Körper-Ich. Man hat auch gesagt, dass sich jetzt der erste Schein eines Bewusstseins im Körper niederlässt.

Thomas: Moment, das verstehe ich noch nicht. Das Baby hatte sich doch schon die ganze Zeit bewegt, teilweise sogar schon zielgerichtet, und das alles ohne Bewusstsein?

Opa: Mir ist klar, dass Du mit dieser Vorstellung Probleme hast, denn als Inhaber eines Bewusstseins, was wir als mehr oder wenig Erwachsene ja alle haben, können wir uns nur schwer vorstellen, dass sich ein menschliches Wesen ohne Bewusstsein verhalten kann. Aber alle Forscher haben diesen Befund immer wieder bestätigt, wenn auch mit unterschiedlichen Namen versehen: so sagt Piaget, dass das Ich hier soz. „materiell ist“, Freud, der Entdecker des Unbewussten nannte sie die „orale Phase“, weil es hier nur um die Nahrung geht usw.

Thomas: etwas nachdenklich; Also sogar das Bewusstsein muss sozusagen erlernt werden. Jetzt verstehe ich den Begriff Null-Lage erst richtig.

Opa: Ja Thomas. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit Leuten, dass sehr viele gar nicht in der Lage sind diese erste Phase der menschlichen Entwicklung wirklich richtig zu verstehen. Ich muss auf dieses Problem nochmals bei den Eltern zurückkommen und das besonders ausführlich erklären. Das ist auch der Grund, warum ich hier auf diese ersten Monate so ausführlich eingehe, was wir wirklich nicht so weiter machen können, weil dies dann wirklich Jahre dauern würde. Aber gerade weil das Verständnis dieser ersten Entwicklungsmonate so überaus wichtig ist, gehe ich so ausführlich darauf ein. Nur wenn man diesen Grundverlauf dieser Entwicklung einigermaßen verstehen kann, kann man auch die späteren Probleme mit der Schule verstehen, auf die wir ja noch irgendwann eingehen wollen. Aber ich höre, dass Deine Mama zum Essen ruft und deshalb müssen wir hier eine Pause machen. Ich überlasse es dann Dir mir zu sagen, wann wir weitermachen wollen. Vielleicht brauchst Du ja auch eine Pause. Melde Dich dann einfach.

Thomas: Hallo Opa, bitte entschuldige, dass ich noch zwischendurch weg war, aber mein Freund Erkan wollte unbedingt wissen, ob ich mit dem was Du mir beibringen willst klar komme. Er hat nämlich auch Deine Briefe gelesen und mit dem letzten kam er so wenig klar, wie ich.

Opa: Aber Thomas, das ist doch völlig o.k. Ich hatte Dir ja freigestellt Dir eine Pause zu nehmen warum auch immer. Und natürlich kann man solch schwierige Dinge, die sozusagen an den Grenzen des eigenen Verständnisse liegen nur dann verstehen, wenn man völlig dabei ist, also mit voller Aufmerksamkeit zuhören kann. Wieder eines dieser Probleme mit der Schule. Aber auch davon später noch Genaueres. Hast Du aber noch eine neue Frage, eventuell auch von Deinem Freund?

Thomas: Eigentlich nicht. Aber ich habe Erkan auch von den Bewegungen eines Kindes erzählt, die ihm angenehm sind, also sich an die Genitalien fassen. Da war er etwas erschrocken. Als ich Ihn fragte warum er so reagiert, hat er mir erst nach längerem Zögern und meinem Versprechen es nur mir zu sagen und dann nur noch Dir weiterzusagen erzählt, was Ihn so berührt hat. Er hat nämlich einen ganz kleinen Bruder, der offenbar solche Handlungen an sich gemacht hat. Er war dann ganz erschrocken, dass seine Mutter dem Kleinen nicht nur die Hand weg zog, sondern als er dies wiederholte, ihm sogar ganz schön kräftig auf die Hand haute. Aber sie hat dabei auch noch ziemlich heftig geschimpft. Und irgendwie kam ihm das nicht so ganz unbekannt vor. Aber es tat ihm auch selbst für seinen kleinen Bruder weh.

Opa: Ja Thomas, das wundert mich gerade von einer türkischen Mama nicht. Aber das gibt es auch noch sehr häufig bei uns. Aber wie schon oben gesagt, komme ich im Zusammenhang mit den Eltern auf diesen Punkt nochmals zurück. Lass uns aber jetzt an unserem Thema weitermachen. Ich werde das Folgende etwas mehr zusammenfassen und die Hauptlinie mehr betonen. Also ganz konkret: in den ersten zwei Jahren geht es um das Erlernen aller wesentlicher Handlungsmöglichkeiten und –fähigkeiten. Wir haben gehört: erste Bewegungen bis hin zum Laufen, aber auch gerichteter Umgang mit der Umwelt z.B. im zweiten Jahr im Spielen. Dabei wird diese Umwelt soz. Schritt für Schritt entdeckt. Von der psychisch-geistigen Seite her können wir das Ganze auch so beschreiben: es geht vor allem und zuerst um die Fähigkeit das Physische- oder Körper-Ich zu entfalten. Dem gegenüber aber zu erkennen, dass es etwas außer mir gibt, das von sich her existiert und sich nicht unbedingt meinen egozentrischen Wünschen fügt. Aus dieser geistigen Erkenntnis geht sozusagen das Körper-Ich und das physische oder reale Andere hervor. Dabei entstehen aber im Gehirn gleichzeitig die Strukturen des gekonnten Umganges mit dieser äußeren Welt.

Thomas: Halt, bitte noch mal. Zuerst bildet sich ein Körper-Ich. Aber irgendwie ist mir das noch unklar. Ein Ich ist doch ein Ich?

Opa: Na ja, so einfach ist das keineswegs. Über ein allgemeines Verständnis eines Ich streitet man sich schon sehr lange. Aber wir kommen in den folgenden Stunden und Tagen noch zu weiteren Ich-Ebenen und dann wird es Dir wahrscheinlich etwas klarer. Aber vorab soviel: ein Ich hat immer etwas damit zu tun, dass das jeweilige Wesen, wenn es z.B. vor einem Spiegel steht, erkennen kann, dass das Bild im Spiegel es selbst ist. Also so etwas wie ein Identitätsbewusstsein. Hast Du das verstanden?

Thomas: Ja, das ist für mich nachvollziehbar. Ich kann mich erinnern, dass bei einem meiner Freunde mal eine Katze vor einem Spiegel stand und sich heftigst angefaucht hat. Als aber die Katze „da drin“ zurückgefaucht hat, was ja wohl ihr eigenes Fauchen war, wurde sie immer wütender. Sie hat offenbar noch kein – wie hast Du gesagt – Identitätsbewusstsein, richtig?

Opa: Du hast ganz recht. Wenn man aber einen höheren Primaten vor den Spiegel setzt, also z.B. einen Schimpansen, weiß der sehr wohl, dass er das ist. Mit welchen Tieren man das alles schon mal probiert hat, weiß ich gar nicht so genau. Aber zurück zu unserem Körper-Ich. Vielleicht ist Dir aufgefallen, dass wir bisher – also bis etwa 2 Jahren – weder von der Sprache noch von Denken gesprochen haben.

Thomas: Ja richtig. Jetzt wo Du es sagst, fällt es mir erst auf. Kann denn ein Kind von 2 Jahren immer noch nicht denken?

Opa: Nein, zumindest nicht in dem Sinne wie wir es normaler Weise verstehen, nämlich mit einem permanenten Gespräch im Kopf. Es gibt zwar eine immer bessere Möglichkeit gezielte und/oder gewollte Handlungen richtig auszuführen, das was Piaget die Handlungskompetenz nennt. Darüber hinaus kann sich ein Kind auch schon Bilder und Symbole merken. Aber das hat eben noch nichts mit der Sprache zu tun, wie wir sie benutzen. Auch hier muss man genau hinsehen. Sicher können Kinder gegen Ende des ersten Jahres schon eine Menge Wörter richtig benutzen. Aber das hat nichts damit zu tun, dass sie wirklich in dem Sinne sprechen können, wie wir das verstehen. Denn sie haben noch keine Begriffe!

Thomas völlig baff: Halt Moment. Du hast eben gesagt, dass Kinder schon viele Wörter kennen und benutzen. Jetzt aber sagst Du sie hätten noch keine Begriffe. Da setzt es aber jetzt bei mir aus. Wörter sind doch Begriffe, oder täusche ich mich da auch?

Opa: Ja, das ist so. Ein Wort ist zwar ein sprachliches Zeichen, das ein Ding – da draußen – erst zu einem Ding – im Kopf – macht, aber ein Wort ohne einen ergänzenden Satz ist sinnlos!

Thomas: Wie bitte, willst Du mich vergackeiern. Ein Ball ist doch ein Ball, da brauche ich doch keinen ergänzenden Satz!

Opa: Nur nicht so schnell mit den jungen Pferden. Hast Du schon mal was von dem Opernball in Wien gehört? Ist das vielleicht kein Ball?

Thomas etwas verdutzt und kleinlaut: Aua, jetzt hast Du mich aber erwischt, man sollte doch nicht zu voreilig sein. Aber Deine Bemerkung, dass ein Wort ohne weitere Erklärung sogar sinnlos sei, war aber auch starker Tobak.

Opa: Alles halb so wild. Ich denke, dass ohne nähere Beschäftigung mit diesen Fragen fast alle Menschen ähnlich wie Du reagiert hätten. Also nochmals: ein Wort ohne Ergänzung ist sinnlos, aber natürlich keineswegs nutzlos. Denn ohne die Wörter könnten wir eben auch unsere Begriffe nicht begreifen.

Thomas: Aber jetzt bin ich völlig daneben. Was ist das denn: ist das jetzt ein Wortspiel oder steckt da mehr dahinter?

Opa etwas lächelnd: Also hast Du schon gemerkt, dass ich solche speziellen Wortverbindungen nicht ohne Absicht gebrauche. Aber pass mal auf: Ich schreibe Dir jetzt folgenden Satz hier her: vom be-greifen kommt erst der Be-Griff und dann der Begriff.

Thomas schaut sich den Satz etwas verwirrt an. Dann liest er langsam: vom begreifen kommt erst der Begriff und dann der Begriff. Ich verstehe immer noch nur Bahnhof.

Opa: Hast Du denn nicht gemerkt, dass ich zwei Worte auf besondere Weise geschrieben habe. Schau noch mal, aber etwas genauer.

Thomas: Hoppla jetzt fällt mir das erst auf. Aber was meinst Du denn mit be-greifen? Dabei macht er aber ganz unbewusst eine etwas be- oder umgreifende Handbewegung.

Opa schaut ihn aufmerksam an. Hast Du gemerkt, was Du da eben mit Deiner Hand gemacht hast?

Thomas ist erst etwas irritiert. Dann macht er die Bewegung noch mal. Jetzt bekommt er ganz große Augen. Himmel, meinst Du das? Be-greifen im Sinne von etwas anfassen?

Opa: Ganz genau. Wenn ich eine Handlung in der Realität ausführe, wenn ich z.B. einen Tonklumpen verforme, be-greife ich ihn zunächst ganz wörtlich, aber ich be-greife ihn dabei auch sozusagen im Kopf und zwar in dem Sinne, dass ich erkenne, wie sich meine Handlung auswirkt und dass dies etwas mit der Konsistenz des Tons zu tun hat. Es entsteht jetzt in meinem Gehirn eine neue Verbindung, das was Piaget eine Struktur nennt. Diese wird durch dieses Be-Greifen erzeugt, wobei dieses Begreifen als der Be-Griff von beiden Seiten, also meinem bisherigen „Wissen“ über das Be-Greifen von etwas und der Konsistenz des Tons beeinflusst und daher erfahren wird. Genau daraus entsteht der Be-Griff im Sinne des Er-Kennens des Neuen und von daher dann des Könnens, also das was Piaget die Handlungskompetenz nannte. Und genau daraus entsteht dann im weiteren Verlauf des Erkennens im Kopf der Begriff.

Thomas fragend: Also nochmals. Durch das Be-Greifen – er wiederholt dabei nochmals die um-greifende Bewegung mit der Hand – entsteht in meinem Kopf dann eine neue Struktur, wenn ich eine neue Erfahrung mache, also das Be-Greifen des Tons mir zeigt, dass dieser anders reagiert wie etwas anderes, festes, richtig?

Opa nickend: Völlig korrekt. Wir können jetzt sagen; die Kinder kennen am Ende ihres zweiten Lebensjahres durchaus schon Be-Griffe, aber eben noch keine Begriffe, denn sie können diese noch nicht abstrahieren, also von den konkreten Erfahrungen ablösen. Genau diese Fähigkeit beginnt sich mit der nächsten Entwicklungsstufe zu entwickeln, nämlich das was Wissenschaftler das Emergieren des Geistes nennen. Mit anderen Worten: indem Kinder das jetzt erlernen, was Piaget die Fähigkeit des reflektierenden Abstrahierens nannte, man kann es auch umdrehen und sagen das abstrahierende Reflektieren, dadurch wird aus dem Be-Griff der Begriff. Damit meine ich, dass Kinder sowohl eine Handlung durchführen können, aber eben auch über diese Handlung nachdenken können und zwar jetzt mit Bildern und Worten. Aber natürlich geht auch das nicht von jetzt auf Gleich. Ganz im Gegenteil sind das praktisch die ganzen nächsten zwei Stufen, die prä-operationale oder auch prä-op genannt und die konkret-operationale oder kon-op Stufe. Was das aber konkret meint werden wir uns morgen Stück für Stück anschauen, denn ich glaube, dass es Dir für heute reicht.

Thomas: Ja Du hast da völlig recht. Ich habe das Gefühl als hätte ich gerade ein Fußballspiel hinter mir, so geschafft bin ich.

Opa lachend: Ja Thomas, den wenigsten Menschen ist wirklich klar wie anstrengend geistige Arbeit „am Limit“ ist. Allerdings gilt dies oft auch für „Geistesarbeiter“ in ihrer Meinung über Handwerker. Da beide Gruppierungen selten wirklich Erfahrungen mit der jeweils anderen Lebenswirklichkeit machen, verstehen sie sich oft einfach nicht und reden daher oft aneinander vorbei, leider. Daraus entstehen viele Missverständnisse und Vorurteile. Aber die Arbeit, die wir hier machen, soll Dir nicht zuletzt helfen in Zukunft solche Fehler nicht zu machen. Selbst wenn dies der einzige Erfolg wäre, wäre ich glücklich und zufrieden mit unserem Unterfangen. Denn dann hätte ich meinem Enkel wirklich etwas Sinnvolles vermitteln können und das können heute nur noch wenige Großeltern.

Thomas am nächsten Vormittag: Na Opa, hast Du gut geschlafen? Ich eigentlich auch, aber unser Gespräch hat mich doch noch eine Weile beschäftigt. Also nochmals konkret: das was Du das Körper-Ich nennst ist noch nicht das Ich das ich in mir erlebe?

Opa: Zunächst zu Deiner ersten Frage. Vielen Dank. Aber eigentlich kann ich immer gut schlafen. Doch gestern Abend gingen auch mir noch einige Umstände unseres Gespräches durch den Kopf, an die ich heute unbedingt noch denken muss. Aber jetzt zu Deiner Frage nach dem Körper-Ich eines Kindes. Nein es ist nicht das gleiche Ich, wie bei uns, weil ein Kind auf dieser Stufe noch keine eigene Sprache kennt. Diese entwickelt sich jetzt auf der folgenden Stufe, darauf kommen wir gleich. Ich versuche mir das so zu erklären, dass dieses Ich zwar schon mit einer Art von eigenem Bewusstsein, oder Bewusstsein „meiner selbst“ – jetzt als Kind gemeint – verbunden ist, aber eben nur als Körpergefühl, Folgen von Handlungserfahrungen und im Endstadium vielleicht eines Bildes „von mir“.

Thomas: Ich merke wie schwer es ist sich das vorzustellen. Aber könnte es so was ähnliches sein, wie wenn ich manchmal nach dem Sport sozusagen meinen ganzen Körper spüre, so dass ich fast nur der Körper bin? Zumindest scheint es in diesem Moment für mich so zu sein.

Opa erfreut: Gut! Das ist wirklich ein guter Vergleich. Damit könnte man sich das wirklich vorstellen. Sehr gut! Um aber mit dieser Stufe endgültig abzuschließen müssen wir uns noch eine weitere Erkenntnis Piagets ansehen, die an dieser Stelle besonders wichtig ist, weil sie generell für uns gilt, nämlich das was er Assimilation und Akkommodation genannt hat.

Thomas: Huch, was ist denn das schon wieder?

Opa: Vielleicht hast du in der Biologie schon mal gehört, dass Pflanzen ihre Nährstoffe assimilieren, also in sich aufnehmen. Genau das hatte Piaget mit diesen Begriffen im Sinne, allerdings nicht auf der biologischen Ebene, wie bei dem Pflanzenbeispiel, sondern auf der psychischen Seite. Um das ganze Wechselspiel zwischen beiden zu verstehen, ist es wichtig sich klar zu machen, dass das neu Aufgenommene, egal jetzt ob biologisch oder psychisch, auf schon vorhandene Strukturen trifft, die durch das Aufgenommene be- oder gar verstärkt werden. Verstehst Du das?

Thomas: Ehrlich gesagt noch nicht wirklich.

Opa: An dem biologischen Beispiel kann man das glaube ich am deutlichsten zeigen. Also eine Pflanze nimmt Wasser auf und damit auch verschiedene Nährstoffe. Beides braucht sie um ihre Zellen zu erhalten, aber auch neue zu bauen, allerdings nach bekanntem Muster.

Thomas: Das ist leicht nachzuvollziehen.

Opa: Ganz ähnlich verläuft das aber auch auf der psychischen Seite. Jemand macht etwas, das er schon oft gemacht hat. Dabei wird sowohl seine Handlungskompetenz also sein Be-Griff als auch seine geistige Kenntnis, also sein Begriff bestätigt und bestärkt. O.k.?

Thomas: Ja, jetzt habe ich es begriffen.

Opa: Wenn nun aber immer nur eine Bestätigung schon existierender Kenntnisse und damit ja auch Strukturen – erinnere Dich an gestern Abend – im Kopf erfolgen würde, gäbe es weder eine Veränderung, vor allem damit aber auch keinen Fortschritt, wir könnten auch sagen keine Entwicklung.

Thomas: Nochmals; wenn immer nur das Gleiche geschieht gibt es keine Veränderung, klar. Um also eine Veränderung zu erreichen, muss irgend etwas, die Struktur im Gehirn,  verändert sein, könnte man auch neu sagen?

Opa: Ja natürlich, Du hast vollkommen recht. Erst das Neue bringt die Veränderung hervor! Diese Veränderung nennt man Akkomodation, also eine Angleichung oder Anpassung. Aber ganz wichtig ist dabei Folgendes zu beachten: denke daran, die Assimilation geschieht in bestehende Kenntnisse und Strukturen hinein. Bei der Akkomodation ist das immer noch so, wenngleich jetzt diese Voraussetzung verändert wird. Aber ich muss es nochmals etwas verändert wiederholen: wenn Du durch eine neue Erfahrung etwas Neues lernst, kann das nur funktionieren, wenn Du schon irgend etwas darüber gewusst hast. Irgend etwas Dir völlig Fremdes oder Unbekanntes kannst Du weder wahrnehmen, noch irgend etwas damit anfangen!

Thomas völlig verblüfft: Wie bitte? Wenn ich irgend etwas sehe, auch wenn es mir völlig fremd ist, dann kann ich doch damit irgend etwas anfangen.

Opa legt ihm ein Blatt mit einem chinesischen Schriftzeichen vor. Na, was kannst Du damit anfangen?

Thomas schaut etwas verdutzt und dann etwas verlegen. O.k. nichts. Ich habe es offensichtlich immer noch nicht gelernt, dass dann wenn Du mir so etwas sagst, da auch ein Grund vorhanden ist.

Opa: leise lächelnd. Thomas, nur keine Bange. Du hast ja recht und zwar in zweifacher Hinsicht. Erstens sage ich Dir nichts, was keinen besonderen Grund hat. Aber ich habe natürlich schon verstanden was Du mit Deinem Einwand gemeint hast: Natürlich kannst Du das Fremde sehen. Aber wenn Du es wirklich noch nicht kennst, kannst Du mir weder sagen ob der Umstand wahr ist, in welchem Sinne auch immer, noch kannst Du mit ihm etwas anfangen. Einverstanden?

Thomas erfreut. Ja natürlich. Ich werde in Zukunft eben bevor ich vorzeitige Schlüsse ziehe zuerst nachfragen, oder eben auch nachdenken.

Opa: Das ist völlig o.k. Also zurück zu unserem Thema. Du merkst sicher, dass diese beiden Prinzipien der Assimilation und der Akkomodation irgendwie voneinander abhängen, aber auch aufeinander bezogen sind. Auch hier wäre noch eine Menge mehr zu sagen, z.B. dass beide völlig ins Ungleichgewicht kommen können und dann schlimme Folgen daraus entstehen können. Für uns hier wichtig ist aber, dass sie erstens ganz grundlegend für jede Form von Entwicklung sind und zwar lebenslang. Zweitens aber ist es mehr als interessant, dass sie sich in der Regel, wenn wir also aus welchen Gründen auch immer nicht eingreifen, selbständig ein Gleichgewicht zwischen sich herstellen können. Und dies ist für jede Form ungestörter Entwicklung sowohl biologischer, als auch psychisch geistiger unbedingte Voraussetzung.

Thomas: Es scheint, dass dieses Prinzip wirklich entscheidend wichtig ist.

Opa: Worauf Du Dich verlassen kannst. So. Nachdem wir das erste Stadium genauer untersucht haben, will ich Dir jetzt einige ganz entscheidende Schlussfolgerungen aus dem bisher Vorgetragenen nennen. Es zeigt sich nämlich bei genauerem Hinsehen, dass die geistige Entwicklung bei uns Menschen ein selbstkonstruktiver – das Schaffen eigener Strukturen im Gehirn – Prozess ist. Das Kind muss ihn sozusagen aus sich selbst und mit sich selbst durchführen, sonst kommt am Ende nichts Vernünftiges heraus. Was das genau meint zeige ich Dir gleich. Denn dieser ganze Prozess ist die eigenaktive, aber auch eigenbetroffene Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt und das gilt immer und in aller Zukunft. Hier in diesen frühen Kindertagen ist das Ganze eher praktisch, später kann es auch theoretisch im Kopf ablaufen. Dieser Zusammenhang ist ganz wichtig und unbedingt zu merken, deshalb nochmals: geistige Entwicklung und damit Gewinn von Erkenntnissen, ist immer eigenaktive und eigenbetroffene Strukturbildung aus der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt. Was die Folgen des „normalen“ Lernens bewirken, drückt der ehemalige Analytiker Arno Gruen, wie folgt aus. Er schreibt: „Lernen (also Faktenwiederholen) heißt den Gehorsam gegenüber der Autorität zu zementieren, wobei Kreativität verloren geht. An die Stelle der Kreativität – eigenbetroffene selbstgeschaffene Strukturbildung – tritt vorprogrammiertes Denken.“ Und an anderer Stelle: „Denn jede Lenkung von außen bewirkt eine Unterdrückung der eigenen inneren Möglichkeiten.“

Thomas: Halt mal Opa. Verstehe ich Dich richtig, dass meine gesamte geistige Entwicklung alleine meine Tätigkeit war und ist? Wow, jetzt bin ich aber baff.

Opa: Ja genau dies will ich Dir hier vermitteln, vor allem aber mit Gruen im Unterschied dazu auch die Folgen des Auswendig- oder Faktenlernens. Denn all das brauchen wir unbedingt als Voraussetzung für die spätere Beurteilung der Schule. Ich will hier jetzt aber nicht sagen, dass die Eltern z.B. in diesem Prozess keine Rolle spielen würden, ganz im Gegenteil! Aber diese sollte vor allem anregend und unterstützend, manchmal aus der besseren Einsicht über Zusammenhänge auch hinweisend sein – z.B. beim ersten Umgang mit Feuer oder einem Messer. Aber auch hier dem Kind diesen Umgang nicht verbieten, sondern fördernd und auch, wenn nötig, kontrollierend unterstützen. In gar keinem Falle aber fordernd oder gar mit Druck oder noch schlimmer Strafe. Ich muss später nochmals darauf zurückkommen.

Thomas immer noch sehr erstaunt: Also ich alleine kann meine geistige Entwicklung voran bringen. Und wenn mich die Schule zum Faktenlernen anhält, bewirkt das eher eine Einschränkung meiner Möglichkeiten und Fähigkeiten. Mein lieber Mann was für ein Hammer. Er schüttelt ständig den Kopf.

Opa: Ja Thomas. Du hast es völlig richtig verstanden, natürlich unter Berücksichtigung der von mir angemerkten Einschränkungen. Aber grundsätzlich gilt, dass jede geistige Entwicklung eines Menschen seine ureigene Leistung ist, ja in jedem Falle nur sein kann. Aber das kann nur gelingen, wenn ihm, zumindest als Kind, seine Umgebung jede möglich Unterstützung gewährt, was leider so häufig nicht, oder nur eingeschränkt gilt. Und das gilt gerade auch für die Schule.

Thomas: Ja das mit der Schule ist ja wirklich ein Hammer. Kannst Du das noch weiter begründen?

Opa: Nun an dieser Stelle ist das noch etwas verfrüht, darauf komme ich natürlich ausführlich beim Besprechen der Gesellschaft zurück. Aber vielleicht doch noch ein Hinweis: Wie entsteht, oder woher kommt Wissen?

Thomas etwas überrascht: Na, bis vorhin hätte ich gesagt, durch Lernen, aber wenn alles eine ureigene Leistung ist, muss das irgendwie anders ablaufen, richtig?

Opa nickt ihm anerkennend zu: Ganz recht, die wohl am meisten akzeptierte Meinung dürfte sein: aus einer eigenen Erfahrung.

Thomas hebt die Hand: Stop, warum formulierst Du hier so umständlich? Ist man sich denn über so was nicht einig?

Opa bedauernd lächelnd: Leider keineswegs. Da solches „Wissen“ nicht im Sinne eines klar vorliegenden, von allen gleichermaßen beobachtbaren Umstandes existiert, m.a.W., ein Gegenstand der Geisteswissenschaften ist, gibt es dazu je nach Standpunkt des/der einzelnen WissenschaftlerInnen die unterschiedlichsten Meinungen und Behauptungen. Daher meine vorsichtige Bemerkung. Aber darauf einzugehen würde wieder viel zu weit abführen. Also zurück zur Erfahrung. Diese ist ja zunächst immer die Erfahrung von Jemandem, also eine Sache einer Person und damit sind wir wieder bei unserem Ausgangspunkt. Damit zeichnet sich auch von dieser Seite etwas ab. Haben wir nicht eben gesagt, dass das Ganze ein eigenaktiver Prozess ist? Kannst Du mir zeigen, wo Du in der Schule wirklich eigenaktiv sein darfst?

Thomas: Hallo jetzt verstehe ich was Du meinst. Gut ich muss zwar „eigenaktiv“ meine Vokabeln lernen, aber ich kann weder entscheiden wie, noch wann oder wo ich das mache. Und schon gar nicht mit wem! Ah ja, das sagte ja auch dieser Gruen und er sagte ja auch, dass dies den Gehorsam gegenüber den Autoritäten zementiert. So langsam geht mir ein Licht auf, was Du mir eigentlich sagen willst mit Deiner Kritik an der Schule. Mein lieber Mann, das ist ein Ding!

Opa: Ja Thomas. Es ist wirklich toll, dass Du jetzt schon anfängst Zusammenhänge zu erkennen. Dabei stehen wir sozusagen erst am Anfang. Das wird noch viel deutlicher, wenn ich Dir jetzt die zweite Schlussfolgerung nenne. Es zeigt sich nämlich durch all diese Beobachtungen eines ganz deutlich: Erwerb sowohl der Erkenntnisinstrumente, vor allem aber die eigentliche geistige Entwicklung, erfolgt vor allem und zuerst durch eigene Aktivitäten und Handeln, also eigene aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt. Und die Folgen solcher Beschäftigung sind die, dass Du Ergebnisse und Erkenntnisse gewinnst, die Deine sind und Dir nicht von anderen z.B. der Schule, vorgegeben werden. Dadurch erst wird Lernen zu einem Erlebnis, das unglaublichen Spaß macht, was Du Dir sicher kaum vorstellen kannst.

Thomas: Wie bitte Lernen soll Spaß machen, machst Du Witze?

Opa lächelt etwas wehmütig: Natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Aber da Du mit lernen nur das Lernen verbindest, das Du von der Schule her kennst, verstehe ich Deine Reaktion. Und hier hast Du ganz nebenbei einen weiteren, auch eben mit Gruen erwähnten, ganz wichtigen Grund, warum die heutige Organisation und der Betrieb der Schule so negative Folgen hat. Aber eine Frage. Du stellst doch teils zusammen mit Deinem Papa teils auch schon alleine ganz schöne Modellflugzeuge her, richtig?

Thomas: Ja ganz genau.

Opa: Und, macht Dir das keinen Spaß?

Thomas: Wie bitte, ja selbstverständlich macht das Spaß und zwar eine ganz Menge. Aber was hat das denn mit dem Lernen zu tun?

Opa: Eigentlich müsstest Du das jetzt schon selbst merken. Haben wir….

Thomas fasst seinen Opa am Arm: Halt stopp ich glaube ich weiß was Du meinst. Du hast doch vorhin davon gesprochen, dass nach der Erkenntnis dieses Herrn Piaget lernen vor allem eine praktische Handlung voraussetzt. Meinst Du das?

Opa: Ja natürlich. Du müsstest doch eigentlich schon selbst gemerkt haben, dass Du bei all diesen verschiedenen Arbeiten, die der Bau eines solchen Modells so mit sich bringt, auch so ganz nebenbei eine Menge gelernt hast.

Thomas: Ja natürlich habe ich das schon gemerkt. Aber das hat doch nichts mit der Schule zu tun. Die funktioniert doch ganz anders!

Opa: Ja leider hast Du da recht. Aber genau da liegt ja gerade ein ganz wesentlicher Teil des Problems! Und im Laufe unserer weiteren Überlegungen muss und werde ich immer wieder auf diesen Umstand eingehen müssen. Aber halt. Dein Papa kommt gerade und will uns sicher abholen, da wir ja heute Mittag zum Essen zu einem Inder fahren. Wir können dann heute Mittag noch etwas weiter an unseren Überlegungen weiter arbeiten, aber wir müssen dann doch ziemlich zusammenfassen, weil Du ja morgen wieder zur Schule musst und Ich wieder zurückfahren will. Also wenn möglich bis heute Mittag.

Thomas: Ja, ich habe all meine möglichen Verpflichtungen mit meinen Freunden abgesagt, damit wir noch etwas weiter machen können. Inzwischen merke ich ja auch wie enorm spannend und auch ganz schön überraschend das Ganze ist. Ich bin jetzt schon richtig gespannt, wie das weiter geht und welche Überraschungen da noch zum Vorschein kommen.

Thomas wendet sich während einer Gesprächspause beim Mittagstisch recht engagiert an seinen Vater: Papa was meinst Du was mir Opa vorhin erklärt hat. Unsere gemeinsamen Unternehmungen im Zusammenhang mit dem Modellbau seien für mich auch ganz wichtige Lernschritte. Das hat damit zu tun, weil Lernen vor allem mit praktischem Handeln zusammenhängt. Das hat ein Herr Piaget bei der Beobachtung der geistigen  Entwicklung von Kindern herausgefunden.

Papa wendet sich etwas erstaunt an Opa: Wie, was meint denn Thomas?

Opa: Na, wie ich schon mehrfach gemerkt habe, interessiert Thomas das Thema wirklich, sonst hätte er hier wohl kaum damit angefangen. Nun was meint er hier? Wenn man sich mit dem Thema Schule beschäftigen will, sollte man schon etwas über die Voraussetzung der ganzen Umstände wissen, meinst Du nicht? Und die mit Abstand wichtigste dieser Voraussetzungen sind doch wohl die Ansichten, besser noch Kenntnisse über die Art und Weise, wie Kinder eigentlich lernen, oder?

Papa: Ja vom Grundsatz her hast Du sicher recht. Aber musst Du diese Dinge unbedingt Thomas erklären? Ist er denn dafür nicht noch etwas zu jung?

Opa: Ah daher weht der Wind. Dir passt es scheinbar nicht, dass ich Thomas diese Dinge zu erklären versuche.

Papa: Irgendwie finde ich das schon eigenartig, um es vorsichtig auszudrücken, dass man einem jungen Menschen meint so etwas erklären zu müssen.

Opa: Mhm. Wir leben doch in einer Gesellschaft, in der es heißt, dass die Menschen selbst über alles bestimmen können, was sie betrifft, eine Demokratie also, richtig?

Papa: schaut etwas pikiert: Was soll denn nun diese Bemerkung, selbstverständlich leben wir in einer Demokratie, Gott sei Dank!

Opa: Würdest Du mir nicht auch zustimmen, dass fast alle jungen Leute mehr oder weniger, in der Regel aber wohl mehr, Probleme mit der Schule haben?

Papa: Das ist wohl kaum zu bestreiten und ich muss Dir gestehen, dass ich selbst auch keine allzu guten Erinnerungen an meine Schulzeit habe.

Opa. Na siehst Du. Wir haben also den Umstand, dass wir eine allgemein verpflichtende Einrichtung haben, die wir alle gezwungen sind und wenn sich unsere Eltern dagegen wehren sollten, auch gerichtlich gezwungen werden, zu besuchen. Aber kaum jemand wird damit glücklich, ganz im Gegenteil. Wäre es denn dann nicht sinnvoll sich darüber Gedanken zu machen da etwas zu ändern.

Papa: Du bist lustig, wie will man denn da etwas ändern? Die da oben machen doch sowieso was sie wollen!

Opa: Hoppla, jetzt erstaunst Du mich aber. Hast Du nicht eben selbst bestätigt, dass wir als Volk es sind, die in der Lage sein sollten, selbst zu bestimmen, was mit uns geschieht?

Papa: Na ja theoretisch schon. Aber wir erleben doch permanent, dass dies genau nicht geschieht.

Opa: Leider hast Du durchaus recht. Aber was glaubst Du denn, an was dies eigentlich liegt?

Papa etwas nachdenklich: Na ja, ich denke das hat erstens damit zu tun, dass die meisten Menschen nicht wirklich verstehen, was da eigentlich in der Politik so vor sich geht. Und zweitens trauen sich viele Menschen immer noch nicht öffentlich ihre Meinung zu sagen, geschweige denn dazu zu stehen und sie zu vertreten.

Opa schaut ihn etwas erstaunt, aber auch erfreut an: Gut, ich denke dass Du die zwei wichtigsten Punkte erkannt und genannt hast, um die es hier geht. Was würdest Du aber sagen, wenn ich Dir nachweisen kann, dass beide ursächlich mit der Art und Weise wie Schule vom Staat organisiert wird zusammenhängen?

Papa ist jetzt wirklich erstaunt aber auch betroffen: Wie bitte, daran ist die Schule schuld? Mein lieber Mann! Bist Du sicher?

Opa: Ich habe nicht gesagt, dass die Schule daran schuld ist. Die Schule ist ja keine Person, die etwas von sich her tun könnte. Sie ist eine Einrichtung, durch die der Staat die zukünftigen Bürger dieses Gemeinwesens genannt BRD vorgibt zu „bilden“. Und es ist genau die heutige Art der Organisation der Schule, die entschieden dazu beiträgt, dass all diese Umstände sind wie sie sind. Aber da ist noch mehr „im Busch“. Der bekannte Kabarettist Georg Schramm hat kürzlich in einer seiner scharfen Attacken auf die Politik bezogen auf die Probleme, die sowohl mit der Schule, vor allem aber auf ihre durchaus nicht so positive gesellschaftliche Wirkung, die äußerst interessante Bemerkung gemacht, dass dann, wenn solches so allgemein geschieht, da auch Absicht dahinter steckt. Was meinst Du denn dazu?

Papa ist jetzt wirklich erstaunt: Das hat der Georg Schrammgesagt? Wenn das wirklich stimmt, würde das ja bedeuten, dass die Politiker diese Umstände mit voller Absicht nicht nur so herstellen, sondern auch positive Veränderungen verhindern.

Opa: Ich denke die Antwort lautet hier ja und nein. Erstens bin ich ziemlich sicher, dass die wenigsten Politiker wirklich erkennen können, was hier vor sich geht. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass das ja scheinbar schon immer so war. Und da ihnen letztlich auch die Alternativen unbekannt sind, weil darüber bisher so gut wie keine öffentliche Diskussion stattfindet, wissen sie auch einfach nicht, was man ändern müsste. Aber es gibt natürlich zweitens mit Sicherheit vereinzelt Menschen, die durchaus sehen welche gigantische Verschwendung öffentlicher Mittel und Vergeudung menschlicher Ressourcen hier vor sich geht.

Papa: Bist Du sicher, dass das wirklich der Fall ist? Warum sagen die aber denn dann nichts?

Opa: Zuerst zu Deiner ersten Frage. Ich kenne mindestens zwei Menschen, die zumindest im Grundsatz erkennen, dass da was nicht stimmt, der Herr Schramm und ich selbst. Da wir aber wohl beide nicht unbedingt als Außerirdische gelten werden, muss es mehr Menschen geben, die erkennen, was hier vor sich geht. Aber da was zu sagen ist nicht so ganz einfach. So einzelne Außenseiter wie wir beide, werden wohl öffentlich kaum wahr- bzw. wirklich ernst genommen. Es gibt ja so viele „Fachleute“, die nichts in dieser Richtung sagen, also kann da nicht wirklich was dran sein, selbst wenn man schon selbst etwas gemerkt haben sollte. Aber warum sagen denn die sog. Fachleute nichts, von denen mit Sicherheit nicht gerade wenige wissen, was hier schief läuft. Ich denke, dass hier zwei Umstände möglich sind. Erstens ist es ja nicht gerade einfach den Ast anzusägen, auf dem man selbst sitzt. Da müssen schon wirklich gewichtige Gründe existieren, dass man solches tut und scheinbar ist dieser Punkt für die meisten von ihnen noch nicht erreicht. Aber es gibt auch noch eine andere Möglichkeit. Wenn jemand erkennen kann, was hier vor sich geht, dann weiß er/sie auch, was eine entsprechende Veränderung für Folgen hätte.

Papa: Und was wäre das? Meine Kenntnisse reichen offenbar nicht aus, um das zu erkennen.

Opa: Nun, wenn ich mir eine ideale Schule auch nur in Ansätzen vorstelle, dann ist das, was diese Schule vor allem und zuerst hervorbringt, ein ziemlich selbständig denkender Mensch. Es gibt zwar nie wirklich Ideale. Aber genau in diese Richtung würde eine solche Veränderung unbedingt gehen. Kannst Du Dir vorstellen, dass es auch und gerade in unserer Gesellschaft genügend Menschen, von den Familien angefangen, über Gruppierungen bis Interessenvertreter gibt, denen so etwas wirklich nicht gelegen käme?

Papa: Aua, jetzt verstehe ich Dich. Na das kann ich mir sehr wohl vorstellen. Mal sehen, was Du da noch alles dazu sagen wirst. Huch, jetzt fängt das Ganze sogar an mich zu interessieren. Aber eine Frage habe ich doch noch. Glaubst Du wirklich, dass das schon für den Thomas wichtig ist, der doch noch mitten in seiner Schulzeit steckt?

Opa: Wann denn sonst als jetzt? Jetzt ist er direkt davon betroffen. Es ist aber eine alte Erkenntnis, dass bekannte „Schrecken“ wesentlich weniger zu erschrecken vermögen, als unbekannte. Und ich verspreche Dir, vor allem auch weil mich natürlich sein Weiterkommen so sehr interessiert wie Dich, dass ich Ihm noch einige Möglichkeiten nennen werde, wie er besser mit der Schule klar kommt als bisher.

Thomas höchst erfreut: Wirklich? Na das wäre was. Da bin ich aber sofort dabei!

Opa lachend: Na das hoffe ich doch sehr. Aber lass uns erst noch die nächsten wichtigen Stadien der Kindesentwicklung etwas näher ansehen, dann verstehst Du sicher noch besser, was ich Dir empfehlen werde.

Thomas: O.k., machen wir. Da machen wir dann heute Mittag weiter.

Opa wieder zurück in der Wohnung: So da wären wir ja wieder. Das Essen bei dem Inder war wirklich gut, hat es Dir auch geschmeckt?

Thomas: Ja, wir essen ja aber auch öfter dort und so weiß ich schon was ich immer esse.

Opa: Na dann. Aber kommen wir jetzt doch wieder auf unser Thema zurück. Da wir aber nicht unbegrenzt Zeit haben, will ich Dir jetzt vor allem die Hauptlinien der folgenden Entwicklung erklären und wenn dann noch Zeit ist, einige erste Fragen beantworten, die Dir besonders wichtig erscheinen. Können wir so verfahren?

Thomas: Ja freilich. Und sollte  mir dann wenn Du nicht mehr da bist noch etwas einfallen, schreibe ich Dir einfach wieder einen Brief, o.k.?

Opa: Gut, genau so machen wir´s. Also, wir waren mit der sensomotorischen Periode so ziemlich zu Ende. Ich denke Du weißt, dass hier noch eine ganze Menge zu sagen wäre, aber für ein erstes Grundverständnis des Vorganges müsste es eigentlich reichen.

Thomas: Ich hoffe sehr. Ich habe den ganzen Vorgang durchaus als einen eigenaktiven Prozess des Kindes verstanden, der letztlich bei Null begonnen hat. Und ich habe verstanden, dass das Kind noch keine abstraktionsfähige Sprache hat, aber ein Körper-Ich entwickelt. Es scheint also eine erste Ahnung zu haben, was, vielleicht auch wer es selbst ist. Aber da fällt mir etwas ein: wenn ein Kind noch keine eigene reflexive Sprache hat, wie kann es denn dann denken? Denken hat doch immer mit Sprache zu tun?

Opa schaut ganz erstaunt, aber auch erfreut: Bravo Thomas, eine sehr gute Frage. Schauen wir mal, was uns da einfällt. Aber ich muss noch eine kurze Bemerkung zur Entwicklung des Ich machen. So etwa mit 1 ½ Jahren entwickelt ein Kind ein Gefühls-Ich. Oder anders formuliert; es kann sich jetzt über seine Gefühle als „sich-selbst“ erkennen. Wichtig ist dabei aber, dass es sich, also seinen Körper, ab jetzt „von außen“ sehen kann. Der Körper ist jetzt für das Kind ein Objekt, das es betrachten und beurteilen kann, was ein Mensch ja dann ein Leben lang auch macht.

Thomas ganz erstaunt: Huch, also so funktioniert das? Aber Moment; kann es das jetzt auch mit seinen Gefühlen?

Opa sehr erfreut: Eine sehr gute Frage. Das kann es zunächst aber nicht, sondern erst, wenn es im dritten Schritt sein mentales Ich erreicht, in der Phase prä-op. M.a.W., PsychologInnen haben erkannt, dass wir uns immer mit einem bestimmten Ich identifizieren – es gibt davon noch einige mehr – aber erst mit jedem neuen Ich alle davor „liegenden“ objektiv erkennen können. Sie werden sozusagen vom Subjekt meiner Identifikation zu Objekten meiner Erkenntnis.

Thomas erstaunt: Wow; das habe ich ja noch nie gehört. Dann bin ich sozusagen immer nur ein Subjekt „auf einer Durchreise“?

Opa lachend: Halt stopp. Ganz so funktioniert das nicht. Nach allem, was ma´u dazu inzwischen weiß, ist das jeweils erreichte Ich immer abhängig von der erreichten Weltsichtebene. M.a.W., die Weltsichtebene bestimmt die mögliche Position eines Ich. Ich werde dazu später ab und zu eine Bemerkung machen, ok?

Thomas nickend: Ok; aber wenn das so ist, welches Ich habe denn dann ich erreicht?

Opa nachdenklich. Nun ich vermute, dass Du irgendwo zwischen kon-op und form-op bist. Weißt Du, da gibt es keine genauem Grenzen, sondern viele Übergangsbereiche. Wenn dem aber so ist, bist Du irgendwo zwischen einem Gruppen-Ich und einem reifen Ego, wie das z.B. Ken Wilber nennt.

Thomas: Huch, was ist denn ein Gruppen-Ich?

Opa lachend: Na Du kennst doch ganz bestimmt viele Jugendliche in Deiner Umgebung, die immer nur das machen, was in einer Gruppe „angesagt“ ist. Z.B. die Klamotten anziehen, die die anderen tragen?

Thomas jetzt auch lachend: Aber ja doch. Dann nachdenklich: Hängt das auch damit zusammen, dass dann auch viele da anfangen zu rauchen oder Alkohol zu trinken?

Opa sehr erfreut: Ja selbstverständlich. Sehr gut erkannt. Aber bitte lass uns zu unserem eigentlichen Thema zurückkommen. Kannst Du mir nochmals kurz sagen, was ein Kind jetzt schon „im Kopf“ hat?

Thomas sehr nachdenklich: Warte mal: es hat Erfahrungen mit Bewegungen und dann Handlungen, richtig? O nickt. Sagtest Du nicht auch etwas von Bildern?

Opa: Ja natürlich, unsere Augen liefern uns ja ständig welche. Aber hier ist ganz wichtig zu beachten, dass auch diese sich mit Erfahrungen verbinden müssen. Es ist aber gerade hier auf etwas Wichtiges hinzuweisen: diese Erfahrungen sind völlig andere als wir glauben. Spätestens seit den Forschungen und Erkenntnissen von Freud wissen wir, dass Kinder solche Erfahrungen in einer uns als Erwachsene völlig fremden Weise nur und ausschließlich von sich her erleben und interpretieren. Alles bezieht sich auf Ihre Wünsche, Empfindungen – also Gefühle –  und Bedürfnisse und sie sind erst Schritt für Schritt in der Lage solche Bedürfnisse in Bezug und Rücksicht auf ihre Umgebung sozusagen „anzuhalten“ und das zu entwickeln, was man dann eine Frustrationstoleranz nennt. Das hängt dann ganz offensichtlich mit der Entwicklung des Gefühls-Ich zusammen.

Thomas ganz erstaunt: Ja natürlich, ich kann doch nicht alles haben, was mir gerade in den Sinn kommt. Musste ich denn auch das erst lernen?

Opa: Aber ja natürlich. Hast Du noch nie beobachtet, wie sich zwei Kinder um eine Sache so richtig wütend balgen, die jeder haben will, obwohl oft gar kein „Bedarf“ existiert, dass es nur ums „Haben wollen“ geht?

Thomas: Aber ja, jetzt wo Du es mir sagst fallen mir solche Umstände bei meiner Schwester wieder ein. Aber war denn das bei mir in dem Alter genauso?

Opa lachend: Aber natürlich, das ist in dem Alter bei allen Kindern so. Aber kommen wir zu Deiner Frage nach dem Denken zurück. Wir wissen, dass Kinder noch keine Begriffe sondern nur Be-Griffe kennen und diese sind ebenfalls eher bildhaft zu verstehen. So muss man davon ausgehen, dass Kinder vor allem und zuerst in Bildern denken.

Thomas völlig erstaunt: Wie bitte? Wie geht denn das, das kann ich mir ja gar nicht vorstellen, in Bildern denken? Er schüttelt immer wieder den Kopf.

Opa leise lächelnd: Aber ja doch, das kennst Du sogar sehr gut, nur ist man sich dessen nicht bewusst, was da vor sich geht.

Thomas fast konsterniert: Ich soll das kennen, aber wie denn?

Opa: Ich gehe davon aus, dass auch Du wie jeder Mensch häufiger mal träumst, richtig?

Thomas: Ja natürlich, aber was hat denn das damit zu tun?

Opa: Eine ganze Menge, denn nach den Erkenntnissen von Freud „denkt“ und „fühlt“ ein Traum ausschließlich in Bildern. Wenn man das verstanden hat, kann man sich zumindest annähernd vorstellen, was in einem Kinderkopf vor sich geht.

Thomas ist völlig perplex: Jetzt bin ich aber baff. Ein Traum denkt in Bildern? Das ist mir ja ganz was Neues. Gut, dass man Träume wenig bis gar nicht verstehen kann ist mir ja bekannt, aber er „denkt“, ha er „fühlt“ in Bildern? Er schüttelt immer wieder den Kopf.

Opa: Ja das ist wirklich so und es ist auch eine wirkliche Kunst Träume zu deuten und setzt viel Erfahrung voraus. Aber das ist jetzt wirklich wieder mal ein völlig anderes Thema. Lass uns also wieder zu Deiner Frage zurückkommen. Ich habe das ja auch nur erwähnt, um Dir zumindest eine Ahnung zu vermitteln, was wahrscheinlich in Kinderköpfen so vor sich geht, bevor sich das Ganze dann durch das Erlernen der Sprache völlig verändert. Von diesem Umstand kommt es wohl auch, dass man sich als Erwachsener so gut wie gar nicht an diese Zeit erinnern kann und wenn man es versucht und wirklich mal Erfolg hat, dann eben auch meist nur Bilder auftauchen.

Thomas sehr nachdenklich: Jetzt, wo Du das so beschreibst fällt mir das selbst auf. Ich kann mich praktisch nicht an meine frühe Kindheit erinnern. Habe ich deshalb so Probleme unsere geistige Entwicklung vor allem in der Kindheit wirklich nachvollziehen zu können?

Opa nachdrücklich nickend: Ich denke, dass Du da wirklich recht hast, obwohl Du das Ganze doch rein theoretisch ganz gut zu verstehen scheinst. Aber das könnte mehr mit Deiner allgemein ganz guten Auffassungsgabe zusammenhängen.

Thomas lächelt erfreut: Danke für diese Bemerkung.

Opa lächelnd: Na hör mal, ich kann doch meinem Enkel auch mal was Schönes sagen, wenn ich dazu einen Grund sehe. Aber für ein erstes Verständnis des ganzen Vorganges ist auch nicht unbedingt viel mehr erforderlich. Ich muss hier allerdings einschränkend hinzufügen, dass wir uns hier nur mit der geistigen Entwicklung unter Auslassen der emotionalen beschäftigen, natürlich mit der Ausnahme des Gefühls-Ich. Zu dieser wäre ebenfalls sehr viel, vor allem eine Menge unerfreulicher Umstände zu benennen, da wir aber hier keine allgemeine Gesellschaftskritik betreiben. sondern uns „nur“ mit der Schule beschäftigen wollen, will ich hier jetzt auch bei unserer intellektuellen Entwicklung und deren stufenmäßiger Entwicklung bleiben, o.k.? Thomas nickt. In meinem Brief habe ich Dir ja schon die folgenden zwei genannt. Aber durch die Aufteilung der zweiten Periode in eine prä und eine konkrete Phase können wir eigentlich auch von drei Phasen sprechen, nämlich prä-op, kon-op und form-op. Diese Kürzel sind jedenfalls die Ausdrücke, die man gemeinhin benutzt, wenn man sich über diese Stadien unter Kennern unterhält.

Thomas: Prä-op, kon-op, form-op. Was ist denn das für eine komische Geheimsprache?

Opa lachend: Nun, eine Geheimsprache ist es zwar nicht, aber wenn Du Dich in Zukunft mit mir wirklich mal über diese Umstände unterhalten wirst, wird es uneingeweihten Zuhörern tatsächlich so vorkommen. Aber was meinen diese Kürzel. Alle drei haben die Silbe op am Ende und das ist eine Abkürzung für das Wort operational. Und dies wird im Sinne von „geistigen“ Operationen verstanden, also letztlich ist damit das Denken gemeint. Die jeweiligen Vorsilben aber bezeichnen die Höhe der geistigen Entwicklung in dem Sinne, wie dieses Denken schon funktioniert, also noch etwas „holprig“, das wäre prä, dann konkret, das wäre ein Denken, das sich auf ganz konkrete, real ablaufende Prozesse bezieht und diese denkend nachvollzieht und zuletzt formal, das wäre ein Denken, das nur noch im Kopf, ohne konkreten Bezug abläuft. Verstehst Du das jetzt?

Thomas: Na ja, ich weiß zwar, was diese prä meint und auch was konkret bedeutet. Aber das Wort operational ist mir noch etwas unklar.

Opa: Also pass auf. Das Ganze bezieht sich auf das Wort Operation, wobei hier aber keine körperliche Operation oder Handlung gemeint ist, sondern eine geistige, genauer, ein Denkvorgang. Operational meint also einen denkerischen Vorgang.

Thomas lacht: Ich habe mich ja auch schon gewundert, wer hier operiert werden soll.

Opa ebenfalls lachend: Nein, operiert wird hier niemand, dafür wird aber jede Menge im Kopf bewegt. Wir kommen nämlich jetzt in den Bereich, wo ein Kind Begriffe verstehen lernt und damit generell die Sprache. Wahrscheinlich ganz allgemein ist der erste Begriff den ein Kind wirklich verstehen lernt und zwar sowohl in den Wirkungen auf sich, als auch auf seine Umgebung der Begriff „nein“. Fast alle Eltern, sofern sie diesen Begriff in seiner eigentlichen Bedeutung von ihrem Kind annehmen, können ein Lied davon singen.

Thomas lachend: Oh ja, ich kann mich noch gut daran erinnern, wie oft Sie da wegen meiner Schwester genervt waren. Die hat aber wirklich bei jeder Gelegenheit nein gesagt, oft genug auch regelrecht geschrien.

Opa ebenfalls lachend: Ja ich habe davon gehört. Allerdings auch schon von Dir.

Thomas etwas erstaunt: Was, daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern und gesagt hat mir auch noch nie jemand was.

Opa: Warum denn auch. Das ist eben einer der vielen Umstände, die dann, wenn sie aktuell sind, zwar nerven, aber auch ziemlich schnell wieder vergessen werden. Aber schauen wir weiter. Erinnerst Du Dich noch an das Körper-Ich?

Thomas: Ja natürlich.

Opa: Vielleicht weißt Du auch noch etwas über den geistigen Zustand des neugeborenen Kindes?

Thomas: Ich denke schon. Das war doch der Zustand wo alles Mund und alles andere Nahrung war, richtig? Aber das ist doch noch gar kein geistiger Zustand, oder bringe ich da jetzt was durcheinander?

Opa erfreut: Nein, nein. Du erinnerst Dich durchaus richtig. Beide Bemerkungen sind völlig zutreffend. Man hat zu beiden Zuständen auch gesagt, der erstere ist die Identifikation mit der Materie, also der Physiosphäre und der zweite mit der Biosphäre.

Thomas: Halt was ist denn die Physiosphäre?

Opa: Na denk mal nach. Die Biosphäre ist doch die Sphäre der Biologie.

Thomas: Ah, ich verstehe, denn ist die Physiosphäre die Sphäre der Physik und weil sich die Physik vor allem mit der Materie beschäftigt, ist das auch die Identifikation mit der Materie.

Opa: Völlig korrekt. Nun haben wir oben gesagt, dass das Nein des Kindes der erste Begriff ist, den ein Kind wirklich versteht. Ich habe aber noch weiter oben auch schon gesagt, dass man Begriffe nur verstehen kann, wenn man Worte versteht, also genau genommen sprechen kann, kannst Du Dich erinnern?

Thomas: Ja irgend wie kommt mir das bekannt vor. Heißt das aber, dass ein Kind jetzt wirklich sprechen kann?

Opa: Zwar noch nicht ganz, aber es ist dabei sich sowohl das „Reich“ der Sprache zu erschließen, wenn man es etwas blumig ausdrücken will, aber vor allem auch die Noosphäre, die Sphäre des Geistes nämlich.

Thomas: Wie, wenn ein Kind erst ab jetzt die Noosphäre, wie Du das Reich des Geistes nennst, erkennen kann, heißt das denn nicht auch, dass es davor noch nicht darin war?

Opa strahlt erfreut: Ganz richtig. Du hast es völlig verstanden, toll. Siehst Du, deswegen heißt diese erste Phase, die wir jetzt hinter uns haben ja auch nicht irgendetwas mit op, sondern sensomotorisch. Allerdings heißt die folgende jetzt noch nicht kon-op sondern prä-op. Kannst Du nachvollziehen warum?

Thomas: Mal überlegen. Also, wenn ich das Ganze bis jetzt richtig verstanden habe, ist das ein zwar eigenaktiver Prozess, das jedes Kind durchlaufen muss. Er ist aber auch einer, der nur Schritt für Schritt möglich ist.

Opa nickt höchst erfreut: Du hast vollkommen richtig verstanden. Es ist geradezu ein Fundament der Theorie Piagets, dass jede folgende Stufe auf der vorherigen aufbauen muss. Oder anders herum, ohne die vorherige Stufe ist die folgende nicht möglich.

Thomas fühlt sich etwas geschmeichelt: Aber ist es nicht so, dass jeder solche Fortschritt immer nur Schritt für Schritt möglich ist. Jetzt regelrecht etwas aufgeregt. Ja natürlich. Nichts geht von jetzt auf gleich soz. wie Zauberei, auch die nächste Stufe der Operationen, komisches Wort dafür, hat eine Vorstufe, daher also prä.

Opa schaut seinen Enkel etwas erstaunt an: Jetzt bin ich aber baff. Ich habe mich schon mit manchen Menschen über das Thema unterhalten, aber nicht jeder hat das so schnell verstanden wie Du. Kompliment Thomas. Du hast vollkommen recht. Genau deshalb heißt diese Periode prä.

Thomas: Danke Opa. Aber so schwer war das doch auch wieder nicht, ich hatte doch schon die Silbe prä, also musste doch irgend etwas prä, also davor sein?

Opa: Du hast zwar recht. Aber jemand kann das nur so ohne weiteres nachvollziehen, der selbst auf der Stufe form-op ist, also nicht mehr konkrete Vorgaben braucht. Aber auf dieser Stufe sind keineswegs alle Menschen, ganz im Gegenteil. Aber auf dieses Thema muss ich im Zusammenhang mit den Eltern noch ausführlich eingehen, weil es da besonders wichtig ist.

Thomas erstaunt: Wie, nicht alle Erwachsenen sind auf der Stufe form-op? Bist Du sicher?

Opa: Leider bin ich da sehr sicher. Es sind allerdings noch ganz neue Erkenntnisse einiger PsychologInnen, die das herausgefunden haben. Das ist allerdings ein wichtiges Thema im Hinblick auf die Eltern, die ja Erwachsene sind, ich werde in diesem Zusammenhang noch sehr ausführlich auf dieses Problem eingehen müssen. Übrigens ist nebenbei bemerkt das Problem Deines Freundes Erkan mit seiner Mathearbeit wohl auch darauf zurückzuführen.

Thomas etwas betroffen: Du meinst, dass mein Freund Erkan nicht auf der Stufe form-op ist, aber ich schon?

Opa: Es sieht jedenfalls ganz danach aus. Und Deine Bemerkung von gestern über seine Mama und ihre Reaktion auf Erkans kleinen Bruder lässt mich befürchten, dass er einige Schwierigkeiten haben könnte, die form-op Stufe überhaupt zu erreichen.

Thomas fast entsetzt: Wie bitte? Meinst Du das im Ernst?

Opa: Leider ist das zu befürchten. Im Zusammenhang mit den Eltern und den damit bedingten Problemen werde ich Dir erklären, wie so etwas abläuft und dann kannst Du das besser verstehen. Aber lass uns jetzt bitte zu unserem Thema zurückkommen, damit wir noch etwas weiter kommen.

Thomas immer noch mit seinem Freund beschäftigt: Kann man denn da gar nichts machen, kann man Erkan denn nicht helfen?

Opa: Vielleicht kannst Du ihm da in gewissen Grenzen eine gewisse Hilfestellung geben. Ich muss aber bemerken, dass erstens die Kenntnisse über diese Umstände noch ganz neu sind und so weit mir bekannt ist gibt es noch kaum Forschungsdaten, wie diese Prozesse eigentlich ablaufen. Aber da müssen wir uns nochmals getrennt darüber unterhalten, o.k.?

Thomas: O.k., also machen wir an unserem Thema weiter.

Opa: Danke. Weißt Du, das Forschungsmaterial über diese ganze folgende Entwicklung unserer geistigen Fähigkeiten ist so umfangreich, dass ich eh nicht so richtig weiß, wie wir das so hinbekommen, dass wir nichts wirklich Wichtiges vergessen, aber trotzdem einigermaßen verständlich bleibt, wie das Ganz vor sich geht. So müsste ich Dir z.B. einiges über die Zusammenhänge zwischen den operativen – also die gedanklich transformierenden Abläufe – und den figurativen – also rein bildhafte Vorstellung und reine Nachahmung – Aspekten der geistigen Entwicklung verdeutlichen. Ich kann aber nur darauf hinweisen, dass Kinder am Ende der sensomotorischen Periode gelernt haben, sowohl Anzeichen, Symbole, als auch Zeichen im Zusammenhang mit der Nachahmung als Hinweise oder gar Ersatz für die tatsächliche Handlung anzusehen. Und es ist genau diese Differenzierung, also die Fähigkeit dies als je eigenständige Abläufe zu erkennen, die als zugeordnete Vorstellungsbilder verinnerlicht werden und so zum Ursprung von Symbolen und zum Instrument von kommunikativem Austausch werden und die damit direkt den Spracherwerb ermöglichen.

Thomas: Halt Stopp, das habe ich überhaupt nicht verstanden. Kannst Du mir das näher erklären?

Opa: Bis ich Dir das einzeln mit Beispielen auseinanderklamüsert habe, ist der Nachmittag vorüber. Ich habe mich aber entschlossen Dir unser Gespräch aufzuschreiben und es Dir zuzuschicken. Dann kannst Du auch diesen Teil nochmals nachlesen und wenn er Dich dann immer noch interessiert, schreibe ich Dir einen Brief dazu,

Thomas erfreut: Was Du willst mir unser Gespräch aufschreiben? Das wäre ja toll!

Opa: Ja das will ich. Ich habe mir nämlich überlegt, dass das Ganze ja für Dich einerseits viel theoretischer Kram ist, Du auch sicher vieles wieder vergessen würdest, wenn Du es aber schriftlich hast, kannst Du immer wieder mal reinschauen, quasi wie in ein Buch. Ich habe übrigens gestern Abend im Hotel schon damit begonnen und werde es heute Abend weiter aufschreiben, dass ich es nicht selbst vergesse, was ich Dir alles gesagt habe.

Thomas etwas erstaunt: Du hast schon damit angefangen? Das hast Du mir ja noch gar nicht erzählt?

Opa: Eigentlich wollte ich Dich damit überraschen. Aber in dem obigen Zusammenhang war es sinnvoll es Dir zu sagen. Jetzt wenden wir uns aber endgültig der prä-op Stufe zu. Das Erste, was da aufzuzeigen ist, ist die jetzt einsetzende Entwicklung einer neuen Ich-Ebene. Ich habe Dich ja schon darauf hingewiesen, dass wir im Laufe der Entwicklung noch mehr solcher Ebenen kennen lernen werden.

Thomas: Ja ich kann mich erinnern. Du hast das im Zusammenhang mit dem Körper-Ich erwähnt.

Opa: Richtig. Ich habe Dir ja schon über das Körper-Ich und das Gefühls-Ich einiges gesagt, was ja auch zur Folge hatte, dass das Kind zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden lernt. Dies galt aber noch keineswegs für seine Gefühlswelt. Sein emotionales Ich, wenn man es so nennen will, ist dementsprechend noch nicht von seinen Objekten getrennt, insbesondere nicht von der Mutter. Es bildet sich, wie ich schon anmerkte so etwa im Alter von über einem Jaht. Diese Entwicklung hat man auch schon als „psychische Geburt des Kindes“ bezeichnet.

Thomas: Geht das alles wirklich so langsam, also eigentlich in ganz kleinen Schritten.

Opa: Ja genau das Piaget immer wieder betont. Der ganze Prozess geht wirklich nur in ganz kleinen Schritten vor sich. Der nächste wird das erneut verdeutlichen. Ein Kind hat jetzt schon eine gewisse Erkenntnis darüber, dass es außer ihm noch etwas anderes gibt. Aber auch diese Unterscheidung musste es sich ja, wie wir schon gesehen haben erarbeiten. Wenn sich jetzt immer mehr Begriffe bilden, sind die geistigen Symbole und Bilder zunächst immer noch mit der Außenwelt verschmolzen, bzw. werden ihr gleichgesetzt. Es gibt z.B. Teilhabegefühle oder wissenschaftlich Partizipationsgefühle genannt, die in der Regel mit magischen – also eine Art zauberische Vorstellung – Überzeugungen verbunden.

Thomas etwas verblüfft: Wie bitte, was ist denn eine „zauberische Vorstellung“.

Opa lächelt etwas: Bevor ich Dir das länger erkläre hier ein Beispiel. Ein Kind glaubt, dass z.B. Sonne und Mond ihm folgen, sie gehorchen ihm sozusagen, wie gesagt durch Zauberei, wobei es der Zauberer ist. Das zweite dieser Umstände ist das was man als animistische Haltung bezeichnet. Dabei sind die Dinge quasi lebendig und haben sogar Bewusstsein. Vielleicht kannst Du Dich noch erinnern, dass dann, wenn sich Deine Schwester in diesem Alter irgendwo angestoßen hat, der Papa oder die Mama mit dem Stuhl geschimpft haben, als könne der was dafür.

Thomas lachend: Oh ja, das kann ich noch sehr gut und ich erinnere mich auch noch daran, wie lächerlich ich das fand. Aber meiner Schwester half das scheinbar immer. Sie war jedenfalls anschließend immer beruhigt.

Opa: Na siehst Du. Jetzt hast Du auch eine Erklärung, warum das funktioniert hat. Es gibt aber noch eine dritte, besonders wichtige Form dieser Sichtweise eines Kindes „von sich her“, nämlich das was man Artifizialismus oder Anthropozentrik nennt.

Thomas: Huch, was ist denn das schon wieder? Warum verflixt, muss man denn immer so viele Fremdworte für so was benutzen? Das habe ich mich schon oft gefragt.

Opa lacht: Ich denke das fragen sich viele Menschen. Aber bedenke bitte, dass solche Arbeiten und ihre Anwendungen heutzutage weltweit gelesen und/oder durchgeführt werden. Und da es bei Übersetzungen schon häufig Fehler gegeben hat, die sich manchmal durchaus als schwerwiegend erwiesen haben, ist der Umstand so zu verfahren allgemein anerkannt.

Thomas: Oh ich verstehe. Ja unter diesen Umständen ist es durchaus sinnvoll. Und die beiden Worte erklärst Du mir ja gleich.

Opa: Richtig. Zunächst das Wort Anthropozentrik. Das leitet sich von dem Wort anthropos, was so viel wie Mensch bedeutet.

Thomas: Ah ich verstehe und zentrik hat was mit Zentrum zu tun, also meint das Wort wohl soviel, wie auf den Menschen bezogen richtig?

Opa: Völlig korrekt. Und in dem Wort Artifizialismus steckt das Wort artifiziell, was so viel wie künstlich bedeutet. Hier meint es speziell die Vorstellung des Kindes, dass alles, was überhaupt existiert, vom Menschen oder für den Menschen gemacht ist und dabei ist es einerlei ob dies ein Stuhl oder ein Baum, ein Haus oder ein Berg ist. Also Du siehst, dass das Kind auf dieser Entwicklungsstufe alles von sich her, oder m.a.W. unter dem Gesichtspunkt des eigenen Ich betrachtet. Es hat zwar einerseits schon gelernt, dass es getrennt von ihm etwas gibt, aber diese gedankliche Trennung ist noch nicht sehr weit fortgeschritten. Man nennt daher diese Einstellung auch Egozentrik.

Thomas: Ah, ich verstehe. Ich habe dieses Wort schon öfter gehört, aber nie so richtig verstanden, was es eigentlich meint.

Opa: Na ja, angewandt auf Erwachsene meint es natürlich doch noch etwas anderes. Es dürften ja nicht viele Erwachsene noch glauben, dass alle Dinge um sie her für sie gemacht sind, wobei allerdings auf einer religiösen Ebene manchmal eine ähnliche Annahme wieder anzutreffen ist.

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