Freiheit, bekämpft, verraten und missbraucht

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Freiheit, bekämpft, verraten und missbraucht

Ein Essay

Inhaltsverzeichnis

Vorwort                                                                             

 I        Kapitel   Weltsichtebenen                                        

 II      Kapitel   Das „Gute Leben“ und das „bürgerliche Leben“                                      

 III     Kapitel   Negative Freiheit                                       

 IV     Kapitel   Positive Freiheit                                           

 V      Kapitel   Freiheit und Staat                                    

 VI     Kapitel   Freiheit und Gesellschaft            

 VII   Kapitel   Kampf um die Freiheit                       

 VIII Kapitel   Orientierungen                  

Anmerkungen                                             

Literaturliste                                                                                       

Vorwort

„Wenn man die Philosophie einer Epoche kritisch betrachtet, sollte man sich nicht vorwiegend mit ihren intellektuellen Positionen befassen, die ihre Exponenten meinen verfechten zu müssen. Es wird immer einige Grundannahmen geben, von denen Anhänger all der verschiedenen Systeme inner-halb dieser Epoche unbewusst ausgehen. Derlei Annahmen scheinen so selbstverständlich, dass die Leute gar nicht wissen, was sie annehmen, weil ihnen der Gedanke, dass man Dinge auch anders sehen kann, gar nicht kommt“.

                                                             Alfred North Whitehead

Es gibt wohl wenige Begriffe in unserer Zeit, auf die dieser Hinweis Whiteheads so zutrifft, wie auf den der Freiheit. Oder mit den Worten Montesquieu´s: „Es gibt wohl kein Wort, dem man mehr unterschiedliche Bedeutungen gegeben hätte, als dem Wort Freiheit“. Gleichwohl ist das Wort Freiheit, das Zauberwort vieler Generationen unserer Vorfahren, die sich dafür in Kämpfe und Kriege warfen und dafür dann oft genug in obrigkeitliche Kerker oder gar Gräber geworfen wurden. Waren ihre Träume und Opfer umsonst, oder hat es sich vielleicht sogar gelohnt? Freiheit, immer noch einer der zentralen Begriffe unserer Zeit – wir haben Redefreiheit, Pressefreiheit, Bewegungsfreiheit, Menschenrechte und unabhängige Gerichte, aber auch eine sog. „Freie Marktwirtschaft“ und die „Freiheit“ uns manipulieren und durch Propaganda verdummen zu lassen -, aber auch nach wie vor, wie schon sehr lange, einer der umstrittensten und umkämpftesten unserer Geschichte. Aber gerade die momentane Entwicklung erweist erneut diese labile „Wirklichkeit“ möglicher gelebter Freiheit weltweit. Es gab schon immer Kämpfe gegen eine, in den Augen ihrer Gegner, zu weit gehende Freiheit sowohl allgemein, als auch einzelner Menschen. Dies galt und gilt insbesondere gegenüber solcher aus den eher „unteren“ Ebenen der Gesellschaft, denn solchen Menschen steht, angeblich, wirkliche Freiheit sowieso nicht zu, eine Einstellung die immer häufiger mit dem Begriff Klassismus benannt wird, oder wie Pierre Bourdieu es sinngemäß ausdrückte, „klassenbezogener Rassismus“. Diese Bedrohungen der Freiheit allgemein, als auch gegenüber den eben angesprochenen werden aufgrund bestimmter gesellschaftlichen Entwicklungen – insonderheit den „unsichtbaren“ – immer umfassender. Solche kommen zu den Bedrohungen aus dem Umfeld des linken, wie des rechten, insbesondere aber des religiös begründeten Terrorismus noch hinzu. Auch die nach wie vor existierenden politischen Ideologien zeigen dies täglich. Besonders aber die Folgen der immer noch dominierenden Machthierarchien auch und gerade in Demokratien erzeugen massive Widerstände, ob aus der Verwaltung, bzw. genauer Bürokratie, den Parteien oder der Wirtschaft und ihrem Gegenpart, den Gewerkschaften, vor allem aber den Geheimorganisationen, s.u.. Diese werden aber permanent verheimlicht, verschleiert und/oder unterschätzt. Alle diese Kräfte versuchen Freiheit für alle zu verhindern, zumindest aber einzuschränken. Ja ma´u benutzt sogar vorgeschobene scheinbare Freiheit, um wirkliche Freiheit zu untergraben und unerfahrbar werden zu lassen, also das, was Niklas Luhmann mit den Worten „Freiheit… als Unerkennbarkeit der Ursachen von Unfreiheit“ so präzise auf den Punkt bringt. Der folgende Text versucht eine Reihe solcher Umstände, sowohl historische, als auch systematische aufzuzeigen, um mögliche Lösungsansätze einer umfassenderen Verteidigung derselben zu initiieren, vor allem aber mit begründeteren Ansätzen erneut zu ermöglichen.

 C.F. v. Weizsäcker machte in der Einleitung seines Buches „Der Garten des Menschlichen“ die wichtige und nach wie vor zutreffende Bemerkung der drei üblichen Sichtweisen und daher kommenden Sprachbereiche in den entwickelten Gesellschaften auf dieselben. Er benennt sie als religiös, naturwissenschaftlich und gesellschaftskritisch, wobei er hinzufügt, dass es der Philosophie zufalle den Zusammenhang der drei zu denken. Besonders entscheidend ist aber, dass nach seiner Erfahrung, die ich leider teilen muss, die „meisten Menschen, die einer dieser drei Denkweisen anhängen, die beiden anderen mit Misstrauen, wo nicht gar mit Abscheu betrachten“. Ich erwähne diesen Hinweis deshalb, weil ich hier auf allen erwähnten Bereichen argumentiere und Sie, liebe LeserInnen, bitten möchte, selbst dann meine Argumente ernst zu nehmen und eventuell darüber nachzudenken, auch wenn sie nicht im Fokus Ihrer Sichtweisen liegen, oder nicht Ihren „Bildern in Ihrem Kopf“ entsprechen. Gerade das hier beabsichtigte Thema verdient dies in jedem Falle, denn jeder Mensch, der ernsthaft über ein Thema nachdenkt, bringt etwas Richtiges zum Vorschein. Dieser hier sinngemäß zitierte Satz, ebenfalls von v. Weizsäcker, war der weitaus meisten Zeit meines Lebens über die entscheidende Richtschnur meiner Bemühungen, die mich dann eben lehrten, alle diese Bereiche und Ebenen von Sichtweisen ernst zu nehmen und darin zu forschen, wobei ich ausdrücklich die religiöse, die spirituelle, mystische und ernsthaft esoterische Ebene mit einbeziehe.

Ich muss hier aber eines bemerken: natürlich kann ich hier keine umfassende oder gar völlig abgesicherte Sicht all dieser Umstände anbieten. Meine Absicht besteht vor allem darin, auf öffentlich wenig bekannte, vor allem aber oft bekämpfte und/oder tabuisierte Umstände hinzuweisen. Beurteilen Sie selbst, ob mir dies gelungen ist.

I Kapitel, Weltsichtebenen

Was ist eigentlich Freiheit? Was verstehen wir heute darunter? Halten Sie es nicht für ziemlich unsinnig, solche Fragen zu stellen? Jederma´u weiß doch heute wirklich, was Freiheit ist, was sie meint! Aber ist das wirklich so? Wenn alle wirklich wüssten, was Freiheit meint und bedeutet, warum ist sie dann nach wie vor so umstritten, so umkämpft, ja wird sogar, wie ich im Titel behaupte, missbraucht? Wäre es da nicht sinnvoll, nein dringend erforderlich, sie uns erneut etwas näher zu betrachten? Also uns ihre Voraussetzungen und Bedingungen anzuschauen, ob wir die denn wirklich alle verstanden haben und sie in unserem Alltag beachten und/oder wenn erforderlich auch verteidigen? Denn die Freiheit, die hier anschließend wirklich gemeint ist, ist keineswegs schon so lange bekannt, wie meist behauptet wird, und sie ist keineswegs das erwünschte Bedürfnis aller und schon gar nicht im Sinne eines der angestrebten Ziele unserer menschlichen Evolution, wie ich zutiefst überzeugt bin. Wenn ich aber so argumentiere, muss ich angeben, was ich unter einer „menschlichen Evolution“ verstehe, denn wenn ich diesen Satz so betone, muss diese Evolution eine eigene, besondere sein. Es ist gerade diese besondere Sicht auf unsere Evolution, und hier ganz speziell unsere geistige, die im Folgenden wesentlich neue Sichtweisen insbesondere auch auf das Phänomen der Freiheit begründet, aus dieser folgt. Aufgrund der ernsthaften Beschäftigung mit den Erkenntnissen Piagets über die geistige Entwicklung der Kinder und die später folgenden Clair Graves´, die von seinen Schülern Beck und Cowan unter dem Titel „Spiral Dynamics“ veröffentlicht wurden und den Ergebnissen Jean Gebsers, festigte sich bei mir die Überzeugung, dass die menschliche Evolution keine weiterführende biologisch körperliche ist, sondern eine geistige, oder m.a.W., wir Menschen sind die Träger der Evolution des Geistes (mind). Professor Konstantin Korotkov, der weltweit bekannte Entdecker und Entwickler der Gas-Entladungs-Visualisierung, mit deren Hilfe er feinstoffliche Prozesse in uns sichtbar machen kann, bringt es mit folgenden Worten auf den Punkt: Die Menschheit ist Träger „einer Informationsevolution. Es ist keine Evolution des physischen Körpers (damit auch nicht des Gehirns), sondern eine Evolution des Geistes. Dieser Prozess findet im Laufe von mindestens einigen Jahrtausenden statt und hat sich in der letzten Zeit mehr und mehr beschleunigt“. Diese Aussage bestätigt von völlig anderer Seite umfassend die Ergebnisse der Arbeiten von Piaget, Gebser und Graves. Was aber hat das Ganze mit der Freiheit zu tun?

Macht ma´u sich über das Phänomen der Freiheit ernsthaft Gedanken, wird ziemlich bald deutlich, dass es zuvörderst ein Phänomen des Geistes (mind) ist, oder m.a.W., eines das dieser hervorgebracht hat. Es ist der Geist, der es ermöglichte. Aber wie, welche Umstände setzen es voraus? Der Begriff Geist ist hier zu allgemein, um uns unsere Frage zu beantworten. Was macht jetzt eigentlich den Geist aus, von dem ich hier sprechen will? Es ist die Sprache als das wichtigste Vehikel des Geistes und zwar genau in dem Sinne Piagets als „reflektierende Abstraktion“, bzw. abstrahierender Reflexion, die damit das erfahrungsmäßig erworbene Objekt sprachlich transzendiert. Damit ist die Sprache dasjenige für uns Verfügbare, das uns überhaupt Reflexion und damit Geist, im Sinne von Denken, Entscheiden und damit selbstbestimmtes willentliches Handeln ermöglicht. Denken und Geist sind also erworbene Möglichkeiten und Fähigkeiten, die sich aber, wie oben behauptet, von Beginn an „in Evolution“ befinden. Es ist diese Evolution des Geistes, die das Fundament unserer Selbst- und Welterkenntnis erst ermöglicht. Piaget entdeckte, dass diese Evolution des Geistes immer noch in jeder kindlichen Ontogenese stattfindet und Graves, dass wir in verschiedenen Menschen noch immer alle w-Meme – sein erster von ihm vorgeschlagener Begriff für verschiedene Stufen, Wellen, oder Ebenen der Manifestation dieser Evolution – auffinden können. M.a.W., Graves entdeckte zwar insgesamt acht beobachtbare Ebenen, aber diese sind immer noch in unterschiedlichen Menschen typisch – also alleine auf diese/n bezogen – aufzufinden, da sich deren Evolution gerade durch die jeweiligen persönlichen, sprich familiären, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen unterschiedlich schnell entwickeln, bzw. ihre Entwicklung auf bestimmten, je individuellen „Ebenen“ zum Stillstand kommt. Und die dadurch erreichte Ebene ist keine Folge der zur Verfügung stehenden Intelligenz, sondern alleine der individuellen Möglichkeiten, aber auch der Antriebe – Gebser – dieser Entwicklung.

 Also ganz klar: Die Schwierigkeiten, die sich von Beginn an in der Beantwortung der obigen Fragen zeigen, beziehen sich grundsätzlich auf die Sichtweise auf uns Menschen, die eine ganz bestimmte Einstellung uns Menschen gegenüber voraussetzt, die es erst geben kann, wenn wir über uns als „Einzelwesen“ und Subjekte erkennend und verstehend nachdenken können. Damit kommt aber als erster Begriff eines Verständnisses solcher Umstände das zum Vorschein, was sich zwingend auf unsere Sicht von Welt bezieht, wie wir sie erst durch die Kenntnisse der Weltsichtebenen oder Bewusstseinsstrukturen kennen. Kennt ma´u aber diese nicht, was ja bis vor wenigen Jahren grundsätzlich galt und seither immer noch für die weit überwiegende Zahl auch von WissenschaftlerInnen gilt, wird erst richtig verständlich, warum sich auch und gerade der philosophische Freiheitsbegriff nicht nur in einer immer noch ständigen Diskussion befindet und damit in einem permanenten Wandel, sondern warum er nicht wirklich auf festen Fundamenten geführt werden konnte und kann, weil er auf jeder Weltsichtebene oder Bewusstseinsstruktur anders beantwortet werden muss. Dazu kommt noch, dass er über die eher fachlich philosophische Seite hinaus gleichzeitig psychologische, soziale, kulturelle, politische und rechtliche Dimensionen umfasst und damit zu den zentralen Begriffen der menschlichen Ideengeschichte gehört, was zwar sein Verständnis weiter erschwert, aber gerade daher auch unbedingt wünschenswert macht.

Bekanntlich beziehen sich die w-Meme, bzw. Weltsichtebenen und Bewusstseinsstrukturen1 auf die Stadien unserer geistigen Entwicklung und damit auch auf die wichtigsten Phasen unserer gemeinsamen Menschheitsgeschichte. Oder anders formuliert sind sie die in bestimmten Zeiten erreichten Möglichkeiten des Denkens. Genauer müsste ma´u sogar sagen, diese liegen diesen Stadien als eine umfassende Verständnismatrix zugrunde, denn dieses hier vorausgesetzte spezifische Denken der jeweiligen Ebenen brachte ja diese „Phasen“ erst hervor und lieferte die jeweiligen Verständnismuster von Welt, auf die sich die darin lebenden Menschen bezogen. Noch anders formuliert kann ma´u auch sagen; sie waren die Voraussetzung dieser jeweiligen Erklärungen und daherkommenden Verständnisumstände der erlebten Realität, insbesondere aber der jeweiligen „Bilder im Kopf“ eines je einzelnen Menschen. Oben habe ich nachdrücklich betont, dass eine grundlegende Voraussetzung sich über solche gesellschaftlichen Umstände, wie eine mögliche persönliche Freiheit, das Nachdenken sei. Da aber Nachdenken, zumindest in dem Sinne, wie wir es hier voraussetzen müssen, nämlich in der Form sprachlicher Prozesse, abläuft, kann es solches erst geben, wenn Sprache im heute gemeinten Sinne und Umfang existiert, nämlich als reflektierende Abstraktion. Damit ist betont, dass es bereits eine Ablösung von praktischen, durch Erfahrung gewonnenen Be-Griffen geben muss, die als abstrakte Begriffe Verwendung finden können. Spätestens seit Piaget wissen wir aber, dass solches erst ab der Stadie prä-op (prä-operational, ab ca. 3 Jahren) gelingen kann, also der Möglichkeit eben genau diese abstrahierende Reflexion nutzen zu können. Da aber diese Stadie mit der Weltsichtebene Purpur, oder auch als magisch und/oder Stammesdenken bezeichnet identisch ist, also der 2. Ebene, kann es auf der ersten Ebene Beige oder archaisch solche Möglichkeiten noch gar nicht geben. Beginnen wir also mit unseren Überlegungen bei Purpur.

Bevor ich allerdings auf die folgenden Darlegungen eingehen kann, muss ich noch eine wichtige Vorbemerkung machen. Was jetzt folgt, bezieht sich voll und ganz auf die übliche wissenschaftliche Sicht auf unsere Geschichte, obwohl sich die Hinweise immer umfassender häufen, dass sich diese zu großen Teilen auf Vermutungen und oft Behauptungen stützen, die viele Funde oder andere Hinweise – wie z.B. die Texte aus Sumer, Babylon, Akkad oder dem AT – entweder schlicht ignorieren, oder bewusst oder unbewusst fehlinterpretieren. M.a.W., diese ist schlicht in weitem Umfange unzutreffend bis falsch. Dies hat aber grundlegende Voraussetzungen, die aus einer zu einseitigen und unhinterfragten Vertretung von Meinungen aus einer bestimmten Weltsichtebene – der rationalen nämlich – herkommen. Die derzeit offiziell vertretenen Wissenschaften zeichnen sich daher durch einen Dogmatismus und einfach nicht zu begründender Orthodoxie aus, der schlicht erschreckend ist und abweichende Meinungen – die durchaus in vielen Fällen absolut nachvollziehbar belegt sind -, entweder nur totschweigt, meist aber massiv bekämpft, bis zur persönlichen Zerstörung zumindest der wissenschaftlichen Position der Vertreter einer solchen Sichtweise oder Theorie vorantreiben. Hierin unterscheidet sie sich inzwischen nicht mehr von Verhaltensweisen der Kirche im ausgehenden Mittelalter – auch hier bestimmt durch die übertrieben vertretene damals gültige Weltsichtebene, der mythologischen -, siehe der Fall Galilei. Eine gute und fundierte Darstellung dieses Sachverhaltes liefert – neben vielen anderen – das Buch „Fenster zur Wirklichkeit“ von Dieter Schall. Die Schicksale – wobei hier sowohl die wissenschaftlichen, als auch teils persönlichen gemeint sind – von Nikola Tesla, Burghard Heim oder Rupert Sheldrake, neben vielen anderen, belegen diese Behauptung umfänglich. Da nun aber meine Darlegungen in vielen Bereichen eh an die Grenzen – und manchmal darüber hinaus – der üblichen Sicht auf den darzustellenden Gegenstand oder Umstand hinausgehen, will ich eine mögliche Akzeptanz nicht noch durch eine umfassendere Einbeziehung solcher abweichenden Sichtweisen auf unsere Geschichte erschweren. Diese werden daher weitgehend entweder außen vor gelassen, oder nur in einigen Fällen als kurzer Hinweis im Sinne eines möglicherweise näheren Hinterfragens eingefügt.

Im Zusammenhang mit der Weltsichtebene Purpur ist vorab festzuhalten, dass wir uns damit auf eine Ebene begeben, über die wir in Hinblick auf die hier anzustellenden Überlegungen wenig wissen, sind doch die absolut überwiegende Mehrheit von Menschen, die auf dieser Ebene dachten schon längst verstorben und heute noch lebende Menschen auf dieser Ebene sind inzwischen durch die „Segnungen“ der modernen „Zivilisation“ in der Regel so weit von einem solchen Denken entweder entfernt oder „überformt“, dass deren Aussagen in unserem Sinne nur schwerlich helfen können2. Um zu einem wenigstens annähernden Verständnis zu kommen, müssen wir also von den Vorgaben dieses w-Mems ausgehen, das ma´u in dem Buch Spiral Dynamics findet. Der erste alles entscheidende Faktor, den es hier zu beachten gilt, ist der Umstand, dass jeder Mensch im hier gemeinten Stammesdenken Mitglied einer Gruppe und damit in seinem Denken und Empfinden nicht „Ich“ sondern „Wir“ ist. Oder anders ausgedrückt; es gibt keine Identifikation mit „Mir“, als dieser eigenständigen Person, sondern mit „Uns“ als einer Gruppe. Auf dieser Ebene sind damit die Mitglieder einer solchen Gruppe „die Menschen“ im Sinne von „alle Menschen“ und andere Menschen sind bestenfalls Außenseiter, eher aber Kuriositäten, Unpersonen, oder gar „fremde Teufel“, die es dann zu bekämpfen gilt, wenn sie in den „eigenen Bereich“ eindringen. Besitz ist gemeinsam und wird über die Frauenlinie „vererbt“ und Erfolg bei der Jagd oder dem Sammeln wird mit allen geteilt, denn „heute hatte ich Glück, das könnte Morgen dir gelingen, oder zu-fallen“. Überleben ist eben gegenüber einer fremden und bedrohlichen Umwelt nur gemeinsam möglich. Bei bedrohlichen Verhältnissen kann sich ein solcher Mensch für seine Gruppe „opfern“, da nicht sein Leben wichtig ist, sondern nur das Überleben der Gruppe.

Der zweite entscheidende Punkt den es hier im Hinblick auf unsere Fragestellung zu beachten gilt, ist das Verhältnis dieser Menschen zu einer übermächtigen, völlig unverständlichen Natur. Ma´u ist dieser Natur absolut ausgeliefert, aber gleichzeitig „in“ ihr, in einem für uns nicht mehr nachvollziehbaren Sinne „Teil von ihr“. Um sich die unverständlichen Umstände und Abläufe der Natur zu erklären, wird sie mit einer Unzahl von Geistern „bevölkert“, wie wir sie ja noch aus Märchen und der Disney-Welt kennen. Allerdings muss hier mitgedacht werden, dass diese „Geister“, oft auch als Totems bezeichnet, die Benennung einer allgemein erfahrenen geistig, oder jenseitig erlebten „Kraft“ ist, die wir auch als allgemeine Lebenskraft beschreiben könnten, wie Emile Durkheim nachdrücklich betont. Unbedingt zu beachten ist weiterhin der Umstand, dass Verstorbene als „Ahnen“ weiterleben und sozusagen „in der Nachbarschaft“ dieses Leben „überwachen“. Aus all diesen Glaubensumständen erklärt sich auch der gegen Ende dieser Zeit immer existentere Glaube an die Magie (Voodoo), an heilige Plätze, Gegenstände und die unzähligen Rituale, die immer noch die eigentlichen Hintergründe noch heute existierender Gebräuche darstellen können, bis hin zu wichtigen religiösen Kulten und Festen. Betrachtet ma´u sich diese Darstellung, ist völlig verständlich, dass es hier so etwas wie ein eigenes Selbst in unserem heutigen Sinne überhaupt nicht geben kann, geschweige denn eine Vorstellung wie Autonomie oder persönlicher Freiheit. Allerdings muss ich hier auf einen grundlegend einschränkenden Umstand im Verständnis von Freiheit hinweisen, der noch näher zu beleuchten sein wird. Diese „beschränkende“ Bemerkung bezieht sich keineswegs auf die Möglichkeit zwischen unterschiedlichen Handlungen zu unterscheiden und sich für eine bestimmte zu entscheiden, die natürlich auch da schon gegeben ist. Hier geht es um ein Verständnis für eine „freie“ Entscheidung auf der Ebene des abstrakten Denkens. Das mag im Moment noch etwas sehr „abseits“ erscheinen, aber ich werde die hiermit zusammenhängenden fundamentalen Unterschiede später noch näher erläutern.

Aus diesem w-Mem entwickelt sich gegen Ende seiner absoluten „Herrschaft“ zunächst bei einzelnen Personen, dann bei immer mehr, ein Denken, das wir egoisch, oder nach dem Vorschlag von Beck und Cowan Rot nennen. Diese machten diesen Vorschlag, um dem zu beobachtenden Überheben einzelner Personen einer bestimmten Ebene anderen gegenüber vorzubeugen. Der erste, alles entscheidende Unterschied besteht hier im Wechsel vom „Wir“ zum „Ich“, oder anders ausgedrückt, auf dieser Ebene bekomme ich meine Identifikation nicht durch eine wie auch immer definierte Gruppe, sondern alleine von mir und durch mich. Diese völlig neue „Welt“ besteht entweder aus Helden und Nachläufern (frühere Zeit), oder aus Wohlhabenden und Habenichtsen (seit Beginn der Zivilisation bis heute), wobei es vor allem darum geht, zu den Wohlhabenden zu gehören, die allerdings ab da ihrerseits auch immer die Mächtigen in diesen Gesellschaften sind. Da es hier um das Ich geht, ist es nicht verwunderlich, dass sich hier zum ersten Male so was wie ein Bewusstsein eines eigenen Selbst zu regen beginnt, also das, was ja letztlich die entscheidende Basis eines Begriffs von persönlicher Freiheit darstellt. Wir werden noch feststellen, in welchem Umfang gerade die Entwicklung einer Vorstellung dessen, was wir unter einem Selbst verstehen, Voraussetzung eines Begriffs von Freiheit ist, wie wir glauben diesen heute definieren zu können. Auch an dieser Formulierung erkennt ma´u erneut, in welchem Maße ein Verständnis dieses Begriffs, bzw. des damit zusammenhängenden Umstandes entschieden zeitabhängig ist, genauer müsste ich sagen, von dem jeweiligen Denken abhängt, womit wir wieder da angelangt sind, um das es uns hier geht. Wenn aber ein auf dieser Ebene lebender und denkender Mensch schon mit einem Empfinden und damit Denken von so etwas wie einem Selbst seine Probleme hat, dann hätte er diese erst recht mit einer wie auch immer gearteter Vorstellung persönlicher Entscheidungsfreiheit. Die gibt es hier nämlich noch nicht und zwar gerade deshalb, weil sich die Basis einer wie auch immer gearteten Vorstellung von Freiheit, nämlich das Selbst ja erst in ersten Anzeichen zu regen beginnt. Ein Nachdenken über dieses „Selbst“ beginnt aber erst auf der nächsten Ebene Blau, worauf wir gleich eingehen werden.

Freiheit ist einer der Grundbegriffe und/oder Zustände, die immer auch im Spannungsverhältnis mit anderen Werten stehen. Zu den frühesten dieser „konkurrierenden“ Werte gehört die Sicherheit. Wie wir vorhin hörten, war dieser Wert auf Purpur der zentrale Wert – neben dem Überleben natürlich, der ja aber eh immer grundlegend ist – überhaupt und konnte nur in der Gruppe, dem Clan oder dem Stamm gefunden, bzw. gewährleistet werden, weshalb alle persönlichen Aktivitäten und Anstrengungen dessen Aufrechterhaltung dienten. Auf Rot verkehrt sich das jetzt in mehrfacher Hinsicht fast in sein Gegenteil. „Ich“ opfere mich nicht mehr dem Stamm, sondern kämpfe nur noch für mich selbst, gegen jede Art von Zwang. Ma´u kann davon ausgehen, dass gerade hier eine der entscheidenden Triebfedern dieses neuen Denkens herkam, denn der Stamm, vor allem die „Ahnen“ verhinderten prinzipiell jede Form von persönlicher, die existenten Bedingungen infrage stellende Initiative in welcher Richtung auch immer, was ja letztlich ein unausweichlicher und immer existierender Zwang bedeutete. Hier geht es jetzt nicht mehr um die Belange des Stammes sondern nur noch die eigenen, z.B. Ehre, eigener Wille, guter Ruf und vor allem und zuerst „Macht-über“. Es ist hier deutlich hervorzuheben, dass Macht nicht gleich Macht ist. So unterscheidet ma´u zwischen Macht-zu im Sinne von Handlungsmacht und Macht-über, die sich dann meist als Herrschaft etabliert. Macht-zu ist identisch mit der Vorstellung von Möglichkeit und Fähigkeit, auch im Sinne von „ermächtigt sein“. Macht-über meint aber immer den Umstand „über“ andere Macht auszuüben oder gar über diese zu herrschen. Und solche Kämpfe um Macht werden ohne Rücksicht auf Folgen oder gar Reue geführt. Ich habe immer Recht, Punkt. Also hat sich mir Alles zu fügen. Um irgendwelche Folgen kümmere ich mich nicht, denn die bleiben in aller Regel sowieso aus, entgegen der bisher immer vorgebrachten Behauptungen, also wenn du dich falsch verhältst – in Bezug auf die bisherigen Vorgaben der Ahnen natürlich – ereilt dich Krankheit oder gar der Tod. Der bisherige Verlauf meines Lebens, in dem ich immer das Gegenteil getan habe, was ma´u mir immer sagte, ohne die angedrohten Folgen erleiden zu müssen, zeigt dies überdeutlich. Wer sich mir nicht fügt, hat die Folgen selbst zu tragen, notfalls werde ich sie ihm und erst recht ihr mit Gewalt beibringen oder antun. Ich setze immer meinen Willen durch und geht das nicht „nach oben“, weil es hier Mächtigere gibt, dann eben „nach unten“.

Mit diesem w-Mem setzen nun all die entscheidenden Änderungen ein, die bis heute die absolut grundlegenden Voraussetzungen unseres Denkens und Handelns hervorbringen. Die folgenden zwei Ebenen, also Blau und Orange, sind in wesentlichen Bereichen von den neuen „Errungenschaften“ dieses w-Mems mit-geprägt. Ich kann hier allerdings nur die wichtigsten andeuten. Zunächst ist dieser absolute Bezug auf das Ich und damit Trennung von den Anderen und dann auch der Natur – zumindest im Denken -, der Beginn dessen was wir später Dualität nennen werden. Wie schon angesprochen, entstehen auf dieser Voraussetzung als wesentliche Verhaltensnormen „Macht-über“ und von daher legitimierte Gewalt zur Durchsetzung „meiner“ egoischen Wünsche. Dies führt zu dem was wir bis heute das Patriarchat nennen, nämlich die Vorherrschaft der Männer. Aus dieser grundsätzlich von allem und jedem „getrennten“ Sichtweise „von mir her“, entsteht aber auch der erste Schritt zu einer Distanzierung von der Natur, allerdings von da an bis heute, indem ich sie mir „unterwerfe“ – siehe das AT „machet Euch die Erde untertan“ -. Diese Einstellung hat sowohl positive wie negative Folgen: es ist der Beginn einer distanzierten Stellung gegenüber der Natur, die erst eine fragende und später wissenschaftliche Haltung der Natur gegenüber ermöglicht. Es ist aber auch der Beginn eines Denkens im Sinne der Dualität, das zur Ausbeutung der Natur führt, dann zur absoluten Unterwerfung anderer Menschen als Sklaven und von da aus mitbegründet zu einem grundlegenden Eigentumsdenken – ich kann mit einem/r Sklaven/in tun und lassen was ich will. ein Denken, das dann auch auf Sachen und dann den Grund und Boden ausgedehnt wird -. Der nächste entscheidende Punkt ist eine hier entstehende, die Menschen in ihren wichtigsten Gefühlen des Selbstwertes schädigende, Gehorsamserziehung. Vor allem aber ändern sich wahrscheinlich zunächst das Denken und dann die Sprache in eine Richtung, die wir heute am Satzbau unserer Sprache beobachten können. Alles und jedes bezieht sich auf „mich“, als einem Subjekt, also konstruieren wir Sätze, in denen ein Subjekt über ein Prädikat auf ein Objekt einwirkt, oder dieses Objekt zu dem Subjekt in Beziehung setzt. Hier liegt auch die Wiege der Logik und der Mathematik, entscheidende Denkmöglichkeiten, die beide sowohl positive, als auch negative Folgen haben können, je nachdem, wie wir sie einsetzen und/oder nutzen. Durch diese Weltsichtebene entsteht ab jetzt der Umstand, dass alle „Errungenschaften“ – also Holons (s.u.) – welcher Art auch immer, positiv, wem oder was gegenüber auch immer, oder negativ genutzt oder benutzt werden können, das fundamentale Problem aller folgenden Gesellschaften und deren Denken.

Wie schon erwähnt, gibt es immer noch keine Freiheit in unserem heutigen Verständnis von Entscheidungsfreiheit. Daher ist hier etwas Wichtiges zu beachten; das älteste Wort für Freiheit, das wir aus Texten kennen, bezeichnet den Umstand eines aus der Sklaverei befreiten Menschen, er/sie war sozusagen ab jetzt „frei“, wieder über sich selbst zu verfügen, also z.B. erneut soziale Kontakte herzustellen, aus denen ihn/sie ja zuvor der Zustand der Sklaverei herausgerissen hatte. Wir müssen uns diesem Zusammenhang unten nochmals gründlicher annehmen. Aber später verstand ma´u Freiheit im Sinne von Handlungsfreiheit, und damit gab und gibt es natürlich immer wieder Diskussionen über Freiheit, siehe z.B. am Beginn des Christentums und dann im Mittelalter. So bezeichnete ma´u das als Freiheit, was ein Mensch, in der Regel ein Mann, als Gefolgsmann eines „höheren“ Herrn im Sinne möglicher persönlicher Bedürfnisse ausleben konnte. Bedenkt ma´u z.B. den Umstand der Grundhörigkeit oder Leibeigenschaft im Mittelalter, die ja Menschen direkt an den Grund und Boden banden, oder an einen Herrn, ohne jegliche persönliche Entscheidungsmöglichkeit in Richtung von persönlicher Bewegungsfreiheit, ist eine solche Betrachtungsweise nachvollziehbar. Hieraus folgt ein Denken, in dem jemand immer „freier“ handeln konnte, je „mächtiger“ dieser jeweilige Herr war, denn umso umfassender, sprich „freier“ war daraus herkommend seine Bewegungsfreiheit. Letztlich entspricht dann Freiheit der Möglichkeit von Machtausübung. Wie ma´u hier sehen kann, sind uns solche Denkmuster zumindest vordergründig völlig fremd, insbesondere im Hinblick auf unser Verständnis von Freiheit heute überhaupt. Wir haben hier einen umfassenden Umstand dessen, was ma´u später „negative Freiheit“ nennen wird, aber damit werden wir uns der hiermit verbundenen Bedeutung wegen, weiter unten ausführlich beschäftigen. Noch ein letzter Hinweis muss in Bezug auf diese Ebene folgen, nämlich die ja immer mit dem jeweiligen vorherrschenden Denken einer Epoche verbundenen Herrschafts- oder Staatsform und die ebenso damit fundamental verbundenen Religionen. Die Staatsform in dieser Epoche ist in aller Regel das, was wir heute Feudalreiche nennen und die Religionen dieser Ebene verkünden die uns aus der Sagenwelt bekannten Götterhimmel. Auch bei nur geringen Kenntnissen zu diesen Umständen ist bekannt, dass es auch hier keine Spielräume zu so was, wie persönlicher Freiheit, geschweige denn einem umfassenden persönlichen Selbst hätte geben können.

Die nächste Weltsichtebene Blau wendet sich wieder als Identifikationsbezug vom „Ich“ ab hin zum „Wir“. Wie kann es zu diesem erneuten „Schwenk“ kommen? Da auch Weltsichtebenen Holons (ein von Artur Köstler vorgeschlagener Begriff, der alle „Realität“ beinhaltet. In mehreren meiner Bücher habe ich ihn umfassend dargestellt) sind, ist es mehr als wahrscheinlich, dass sich „horizontale“ Bewegungen darin abspielen. Da hier der „Horizont“ immer zwischen „Ich“ und „Wir“ aufgespannt ist, sind solche Bewegungen in diesem Sinne zu erwarten. Das hat insbesondere damit zu tun, dass sich beim „Ausleben“ einer jeweiligen Ebene die hier dominierende Orientierung – also am Ich oder Wir – immer deutlicher gerade auch in ihrer negativen Ausprägung zeigt, bzw. hervorkommt, so dass eine mögliche Abkehr in Richtung einer nächsten transzendierten Ebene sich auch diese von der davor dominierenden Orientierung abwendet und die einzig mögliche „andere“ Orientierung wählt. Nach den bisherigen Kenntnissen über die Ebenen scheint ja diese Abkehr von der früheren Ebene auch mit einer zu starken Dominanz dieser Orientierung in dem Sinne begründet, da hier diese zu starke einseitige Orientierung als immer stärkere Belastung der Menschen empfunden wird. Bei kritischem Blick auf die uns näher liegenden und daher bekannteren Übergänge ist dieser Umstand deutlich zu erkennen. Ich werde bei den jetzt folgenden Übergängen jeweils darauf verweisen. Gebser sieht diesen „Übergang“ von einer Struktur zur nächsten mit dem Begriff der Mutation etwas anders, und zwar im Sinne der Eigenständigkeit dieser Evolution, eine Sicht, der ich eher zuneige. In dem hier vorliegenden Falle, war die Dominanz der Herrscher einerseits sehr stark, andererseits wird es für Menschen, die in das nächste w-Mem geistig „weitergewachsen“ sind, besonders unerträglich, da ja bekanntermaßen erst auf den folgenden Ebenen die Schwächen der früheren besonders auffallen, bzw. da erst einsichtig werden.

Wie aber fällt die Reaktion „kritisierter“ absoluter Herrscher aus? Ich denke jederma´u kann sich diese Reaktion ausmalen, gibt es dafür doch eine Menge geschichtlicher Fakten und wenn Ihnen diese weniger geläufig sind, dann kritisieren Sie mal in Ihrem privaten Umfeld einen Menschen, der sich auf der roten Ebene befindet, also immer Recht hat und wenn seine Absicht nicht eintrifft, andere dafür verantwortlich macht. Diese/r wird Ihnen dann zwar nicht „den Kopf abschlagen“, wie das ja in der Vergangenheit so üblich war, aber seine/ihre Reaktion lässt in der Regel nichts an Deutlichkeit in dem hier gemeinten Sinne zu wünschen übrig. Eine vergleichbare Reaktion erlebte ja noch Sokrates, der zwar keine absoluten Herrscher kritisierte, die es in Athen seiner Zeit nicht gab, sondern nur den „allgemeinen Zeitgeist“ seiner Zeit, aber auch solches genügt in der Regel, wenn es sich um die Menschen handelt, die die Macht innehaben.  Da dies in Athen die „freien Bürger“ waren – auf diesen Ausdruck komme ich gleich nochmal zurück -, war deren Reaktion vergleichbar, was ja dann auch zum Todesurteil für Sokrates führte. Wo aber setzte die Kritik derjenigen Männer an, die sich in dem Denken ihrer Zeit nicht mehr „Zuhause“ fühlten? Bei den Göttern, bzw. der allzu menschlichen Verhaltensweise derselben, oder m.a.W. die in den damaligen Mythen vor allem aber Schauspielen – diese enthielten gerade in Athen die wichtigsten „Lehren“ über die Götter, deren angeblichem Denken und deren behauptetem Einwirken auf die Menschen – beschrieben und/oder dargestellt wurden, traf dies in umfassender Weise zu, so dass sich die erwähnte Kritik speziell gegen diese richtete. Dass auch diese Kritik schon damals nicht ungefährlich war, insbesondere wenn sich dadurch manche besonders einflussreiche Bürger angesprochen fühlten, musste, wie eben angesprochen, auch und gerade Sokrates erleben, aber nicht nur dieser.

Historisch gesehen, gab es zwei wesentliche Richtungen, aus denen diese Kritik kam. Dies waren einerseits die wenigen Mystiker, die sich öffentlich wirksam äußerten, wie Lao tse in China im 6. Jh. v. Chr. und Buddha ca. 450 v. Chr. und dann natürlich insbesondere Jesus, der ja aus dem in etwa zeitgleich neu entstandenen Eingottglauben der Juden herkam. Alle hatten umfassende Auswirkungen in den jeweiligen Gesellschaften, die bis heute wirken. Die andere, für uns Europäer neben dem Christentum besonders entscheidende Gruppe waren andererseits jetzt die griechischen Philosophen, angefangen bei den sog. Vorsokratikern, vor allem aber dann Sokrates, Platon, Aristoteles und die besonders einflussreichen folgenden Schulen der Stoa Zenons, also die Stoiker und die Nachfolger Epikurs, die Epikureer. Da es für uns entscheidend ist, aus unserem europäischen Hintergrund her zu argumentieren, will ich mich im Folgenden besonders auf die Rolle der Philosophen in diesem Zusammenhang beziehen und natürlich auf Jesus und die neu entstehende christliche Religion, die ja dann im Mittelalter die absolut dominante Trägerin und Verkünderin dieses Denkens war.

Was ist aber jetzt neben der Wendung zum „Wir“ das entscheidend Neue in dieser neuen Weltsichtebene? Erinnern wir uns: Rot war die absolute Dominanz „großer Männer“ und im Himmel großer Götterväter. Was aber hatte das für einen damals lebenden „normalen“ Menschen für Folgen? Sein/ihr Leben war in umfassendem Sinne fremdbestimmt und zwar völlig unabhängig davon, auf welcher Weltsichtebene er/sie dachte. Ma´u kann zwar davon ausgehen, dass während dieser Epoche die meisten Menschen Rot dachten und noch nicht unerhebliche Teile Purpur. Für beide war es aber kein wirkliches Problem sich in dieser „roten Welt“ wiederzufinden, denn entweder war ma´u immer noch fremden Umständen unterworfen, oder ma´u bestimmte sie mehr oder weniger umfassend selbst. Das änderte sich aber gründlich mit der „weiteren“ Sicht von Blau, insbesondere in Richtung einer tragfähigen, von Menschen unabhängigen weil „vorgegebenen“ Wahrheit und einem damit zusammenhängenden, wie auch immer beschriebenen „Sinn des Lebens“. Und es waren genau diese Bedürfnisse, die das neue w-Mem Blau „bediente“. In Blau geht es darum den Sinn und Zweck des Lebens zu „finden“, damit allem eine gewisse, außerhalb menschlicher Willkür liegenden Ordnung Stabilität zu geben und in dem damit begründeten gelebten Leben Prinzipien der Rechtschaffenheit zu erkennen, bzw. diese zu verwirklichen. Und es war natürlich selbstverständlich – wir sind wieder im „Wir“ -, sich dafür erforderlichenfalls zu opfern, denn ma´u würde ja dafür im Jenseits belohnt. Dafür erdachte Mann eine einzige lenkende Kraft, die sowohl die Welt erschaffen hat und beherrscht – „wenn Gott nicht über die Materie herrscht, ist er nicht Gott“ -, als auch unser Schicksal bestimmt. Und die durch diese Kraft = Gott geoffenbarte Wahrheit beschert der Erde wie uns Menschen eine vorgegebene Struktur und Ordnung, die wir bei entsprechender Beobachtung dieser Natur auch erkennen können, so dass wir in der Lage sind dieses Leben als ein „Gutes“ Leben (Platon) – im Sinne Gottes gedacht – zu leben. Mit dieser Metapher des „Guten Lebens“ kommt jetzt erstmals ein Umstand zum Vorschein, der die folgenden Jahrhunderte umfassend als Rahmenerklärung gelebten Lebens dominieren wird. Da diese aber von so eminenter Bedeutung gerade auch für die Beantwortung der Entwicklung einer Idee gelebter Freiheit für Menschen bis heute ist, werde ich darauf speziell näher eingehen.

Mit dem Hinweis auf das Bedürfnis nach einer allgemeinen Ordnung innerhalb allgemeiner Lebenspraxis oder gar einem Sinn des Lebens kommt schon deutlicher eine Besinnung, bzw. eine Art umfassenderen Verständnisses dessen zum Vorschein, was wir heute als Selbst verstehen. Damit ist aber noch nichts über so etwas wie persönlicher Freiheit ausgesagt. So macht Isaiah Berlin deutlich darauf aufmerksam, dass ma´u hier natürlich schon über Freiheit im Sinne von Handlungsfreiheit debattierte (s.o.), aber noch nirgendwo ein Begriff von Freiheit im Denken von Alternativen, geschweige denn politischer Freiheit existierte. Das gilt auch für ein so entscheidendes Werk in diesem Zusammenhang wie „Der Staat“ von Platon. Ganz im Gegenteil zeigt es sich hier exemplarisch, dass die frühen Philosophen ihre Gedanken nur für die Eliten äußerten, was immer ma´u darunter heute versteht, aber nicht für die Allgemeinheit des Volkes. Das wird noch in der Debatte um die neue Verfassung der neu entstehenden USA mehr als 2000 Jahre später so sein. Für Platon sind die „normalen“ Menschen eh unfähig eine wirklich „gute“ Regierung zu leiten. Nach seiner Überzeugung können dies nur Philosophen. Was aber bringt ihn zu einer solchen Überzeugung, die uns heute doch eher fremd anmutet? Schon weiter oben wies ich darauf hin, dass ma´u in Griechenland beginnt sich über die Natur allgemein und das „Gute“ – hier im Sinne der dieser zugrundeliegenden Ordnung gemeint -, Gedanken zu machen. Platon beschreibt diese Aufforderung an Menschen, die dazu in der Lage seien so, dass ma´u deutlich erkennen kann, wen er damit eigentlich meint, genauer müsste ich sagen, welche Art von „Schau“ auf die Natur hier eigentlich gemeint ist. Mit unseren heutigen Begriffen würden wir sagen, dass er eigentlich mystische Versenkung in sich selbst meint, mit deren Hilfe ma´u alleine die allem zugrundeliegende Ordnung erkennen könne, wie es in seinem Höhlengleichnis so deutlich zum Vorschein kommt. Oder anders gewendet; offensichtlich kannte Platon Erleuchtungserfahrungen, denn sowohl seine Ideenlehre als auch seine Hinweise über den Abstieg und den Aufstieg im Denken von Menschen die das Gute geschaut hätten – also die allem zugrundeliegende göttliche Ordnung -, lässt sich gar nicht anders widerspruchsfrei interpretieren. Ich bin mir zwar hier durchaus des Umstandes bewusst, dass ich hier eine Position gegenüber Platon vertrete, die eher wenige so sehen. Aber ich erinnere daran, dass ich hier insbesondere das Thema Freiheit in Blick habe und die ja nicht unbekannte abschätzende Einstellung Platons gegenüber der Demokratie3 muss hier unbedingt im Blick bleiben, die ja auch das Thema einer persönlichen Freiheit mit eischließt, die nach seiner Staatskonstruktion wenn überhaupt, dann letztlich nur für die Philosophen existiert.

Also nochmals, Platons Betrachtung des Guten ist letztlich eine Innenschau. Das ändert sich grundlegend bei seinem Schüler Aristoteles. Zwar kennt auch dieser die Schau des Guten und lehrt dies auch, aber für ihn ist das eine „Außenschau“, also im Grunde das, was wir heute als Vorläufer eines wissenschaftlichen Betrachtens und daher kommenden Denkens verstehen. Diese Einstellung ändert sich nun bei den Christen wiederum grundlegend in dem Sinne, dass das hier verstandene Gute die Schöpfung Gottes ist. Zur „Betrachtung“ dieses Guten benötigt ma´u die geoffenbarte Wahrheit Gottes. M.a.W., wir erkennen hier von Beginn an das, was die kommende Dominanz der Kirche in Bezug auf Denken und Wissenschaft ausmachen wird, nämlich die Überzeugung und daher kommende Lehre, dass es zwar richtig ist die Natur zu betrachten – diesen Gedanken Platons hatte Origenes, der erste bedeutende Theologe der katholischen Kirche von Platon übernommen und in die Kirche eingebracht -, aber er änderte diesen in dem Sinne, dass diese „Wahrheit“, die ma´u bei der Beobachtung der Natur erkennen könne, immer mit der geoffenbarten Wahrheit Gottes in der Bibel übereinstimmen müsse. Diese Grundeinstellung wird ab jetzt etwa 1500 Jahre das Denken des Abendlandes beherrschen und zwar unabhängig ob im Osten oder im Westen.

Auch das Denken von Möglichkeiten von Freiheit ändert sich grundlegend. Galt Freiheit in Griechenland und dann ebenso in Rom für die mögliche Handlungsfreiheit der gesellschaftlichen Elite – der „Mittelstand“, was immer ma´u in Rom darunter verstehen könnte, und natürlich vor allem der Plebs und erst recht die Sklaven kannten so etwas praktisch nicht -, so änderte sich dies im Christentum in dem Sinne, dass jetzt getaufte Christen in Jesus Christus frei waren, wie es Paulus immer wieder betont. Aber ma´u möge diesen Freiheitsbegriff in keiner Weise mit unserem derzeitigen Denken verwechseln. Frei meinte hier, dass Menschen zwar nach wie vor „äußerlich“ den gesellschaftlichen Zwängen unterworfen waren. Aber das brauchte sie nicht im Innern zu „berühren“, denn ihre Zukunft war „frei“ in dem Sinne, dass sie spätestens nach ihrem Tode in die „Herrlichkeit Gottes“ eingehen würden. Oder anders gewendet: die Mühsalen dieses Lebens waren eben bestenfalls diesseitig. Ma´u konnte sie völlig gelassen „über sich ergehen lassen“, denn spätestens mit dem Tode waren diese Bande „gelöst“. Ma´u sollte diese Wendung im Denken der damaligen Menschen keineswegs in ihrer Wirkung unterschätzen, wenn sich dies für uns heute auch eher unverständlich anhören sollte. Ma´u bedenke, dass das Leben der damals lebenden normalen Menschen in jedweder Hinsicht so beschwerlich und darüber hinaus auch noch durch die Machtverhältnisse zusätzlich in einem Ausmaß weiter beschwert war, der uns heute nicht mehr nachvollziehbar ist, Gott sei Dank. Dies galt natürlich noch in besonderem Maße für die SklavInnen. In einem solchen Lebensgefühl der Trostlosigkeit und absoluten Hoffnungslosigkeit, war eine solche Lehre dann besonders entlastend, wenn ma´u in der Lage war diese glaubend annehmen zu können. War zwar die „Belohnung“ der „hier“ ertragenen Mühsal erst im Jenseits zu erwarten, war dies aber doch für viele Menschen ganz offensichtlich die Befreiung eines Albtraumes, wie viele Berichte belegen. Nicht umsonst setzte sich die katholische Religion vor allem und zuerst in den unteren Volksgruppen durch, bevor sie dann, nachdem die Kirche wichtige Lehren Jesu und auch von Paulus geändert hatte, auch von den „oberen“ Gruppen und den Begüterten für diese annehmbar wurde und natürlich erst recht dann, nachdem sie Staatsreligion geworden war.

Noch zwei weitere Umstände sind im Zusammenhang mit der Idee der Freiheit zu beleuchten, weil gerade auch diese eine persönliche Freiheit unmöglich machten, zumindest „hier auf Erden“. Um was es hier geht, ist erstens die durch die Kirche gelehrte Hierarchie „im Himmel und auf Erden“, die sich konkret als Machthierarchie darstellte. Oder anders ausgedrückt: der „göttliche Plan“ weist jedem seinen Platz zu. Und wenn dann noch ein Mann wie der hl. Augustinus eine solche Beschwernis des Lebens wegen der behaupteten Erbsünde als gerechtfertigt behauptete, gab es erst recht kein Entrinnen, auch im Denken. Auch die Auswirkungen dieser Lehre und daher kommenden Denkens ist uns heute kaum noch nachvollziehbar. Nehmen wir als Beispiel eine ganz normale Handwerkerfamilie in einer deutschen Stadt gegen Ende des Mittelalters, also noch im 14., 15. und oft noch 16. Jh. Der Sohn des Meisters hatte nicht die mindeste Chance einen Wunsch nach einem möglichen eigenen Beruf zu äußern, oder gar umzusetzen, sofern er solches überhaupt denken hätte können. Er war von Beginn seines Lebens an der zukünftige Meister in der väterlichen Werkstatt, die dann ja seine war, und so fort, von Generation zu Generation. Daher hatte er auch neben seinem Vornamen oft keinen Familiennamen. Er war der Bäcker Franz von da und da, oder der Schuster Fritz usw. Das galt natürlich für alle Menschen von „oben“ bis „unten“. Wenn wir heute lesen, dass im Mittelalter in Klöstern niemals Mitglieder „normaler“ Familien Führungspositionen erhalten konnten, sondern immer nur Mitglieder des Adels, so hatte auch dies hier seinen eigentlichen Grund. Dass darüber hinaus natürlich noch die „Mitgift“ – meist in Form von Grund und Boden – der Familien der Mönche und Nonnen gerade in diesem Sinne eine gewichtige Rolle spielte, sei der Vollständigkeit halber nicht unterschlagen. Aber entscheidend war dies nicht. Es ging alleine um den „Stand“ und sonst nichts. Nebenbei bemerkt lag hier einer der entscheidenden Gründe für den immens wachsenden Reichtum der damaligen Klöster. Dass sich sowohl dieses Hierarchiedenken als auch der wachsende Reichtum der Kirche nicht mit der Lehre Jesu in Einklang bringen lassen, sei ebenfalls noch angefügt.

Der zweite Aspekt der selbständiges Denken und damit persönliche Freiheit unmöglich machte, folgt aus dem Anspruch der Kirche absolute Wahrheit zu verkünden, die schlicht und einfach glaubend anzunehmen war, aber in gar keinem Fall zu hinterfragen. Eine solche Möglichkeit schloss allerdings darüber hinaus das blaue Denken sowieso aus. Das war aber auch das wichtigste Glied in der Kette der Argumente; blaues Denken existiert dann, wenn es von einer „übergeordneten“ Autorität vorgegebene Wahrheiten in absolutem Glauben übernimmt und in darauf begründeten Vertrauen verteidigt. Wie die Geschichte lehrt, konnte und kann – siehe die derzeitigen Selbstmordattentate, die ja hier ihre Begründung herholen – diese Verteidigung auch bis zur Selbstaufopferung führen. Dass sie in aller Regel bei „Bedarf“ gewaltsam war, ist eine Binsenweisheit, liegt seinerseits aber im Erbe von Rot begründet. Das w-Mem Rot hatte ja das Denken und Handeln im Sinne von Herrschaft und Gewalt „in die Welt“ gebracht. In Blau war das natürlich keineswegs verschwunden, wie ja die entstehenden Großreiche von China über Indien bis Rom und dann am ausgehenden Mittelalter den europäischen Reichen so deutlich belegen. Neu ist allerdings, dass jetzt die Begründung vom Bezug auf bestimmte Personen entweder zum „Interesse“ des Reiches oder der Religionen wechselte. M.a.W., Kriege, die jetzt geführt wurden, wurden nicht mehr mit persönlichen Interessen einzelner Personen begründet – obwohl dies natürlich sehr wohl „im Hintergrund“ der Fall war -, sondern in Bezug auf eine „Wir“-Beziehung. Bekanntlich galt dies noch umfassend im letzten Jahrhundert und häufig noch heute. Solche Denkmuster „sterben“ nur langsam bis gar nicht, leben doch in allen Gesellschaften bis heute noch sehr viele Menschen, die nach wie vor auf den hier besprochenen Weltsichtebenen denken und diese kann ma´u mit entsprechenden „Parolen“ dazu bewegen, sich für ihre Ideale „im Denken“ zu opfern. Diese Lehren hatten dann im ausgehenden Mittelalter zu einer enormen Knebelung und Unterdrückung sowohl einzelner Personen, als vor allem auch der Lehre selbst geführt. Alles und jedes hatte sich dem Diktat der Kirche und deren Lehren zu unterwerfen. Hier liegt erneut der entscheidende Grund für die anstehende Wende zurück zum „Ich“ von Orange.

Mit der rationalen Weltsichtebene, also Orange, haben wir aber auch das heute immer noch dominierende w-Mem vor uns, das wir uns daher besonders gründlich anschauen müssen. Um es vorweg nochmals besonders zu betonen: das Wichtigste des neuen w-Mems ist wieder der Wechsel vom „Wir“ als Fokus der Identifikation, hin zum „Ich“. Aber gerade die Überbetonung des „Wir“ und die damit verbundene Dominanz vorgegebener Dogmen, die durch das „Wir“ hervorgebracht, betont und dann absolut durchgesetzt und verteidigt wurde, brachte nun endgültig in der folgenden Kehrtwende gegen das „Wir“ den Durchbruch zu Autonomie und persönlicher Unabhängigkeit, also die Voraussetzungen dessen, was wir jetzt als Grundlage eines Denkens in Freiheit erkennen können. Es ist aber nochmals darauf zu verweisen, dass ja schon in Blau eine der wichtigsten Bezugspunkte dieses Denkens die Sehnsucht nach Wahrheit und Sinn des Lebens waren. Diese Bedürfnisse sind natürlich zuerst persönliche. Dass diese dann vorab durch Gott als geoffenbarte Wahrheit „verkündet“ worden waren – natürlich könnte ma´u sich über diesen Vorgang als direkt von Gott kommend streiten, was natürlich auch schon immer geschah und heute mehr denn je geschieht -, war für die damaligen Menschen kein Nachteil, ganz im Gegenteil. Erst die Überzeugung, dass sich Gott direkt in seiner Offenbarung zeigt, bzw. sich den Menschen direkt zuwendet, was ja durch den Glauben an Jesus als Sohn Gottes verstärkt wurde, der sich für uns „geopfert“ hatte, war für die Menschen das Siegel der Glaubwürdigkeit. Hierdurch erst hatten sie die Gewähr einer umfassenden und absolut zutreffenden Glaubwürdigkeit und damit Verlässlichkeit ihres Glaubens, der ihnen den Sinn ihres Lebens vorgab und ihre „richtigen“ (10 Gebote) Handlungen rechtfertigte. Oder anders gewendet: dieser Glaube lieferte ihnen die Basis und Voraussetzung ihres Denkens und ihrer Handlungen im Sinne der „Moralischen Güter“ – die inhaltliche Erklärung dieses enorm wichtigen, ja geradezu fundamentalen Begriffs erfolgt weiter unten -, die ihnen nicht nur dieses Denken und diese Handlungen rechtfertigten, sondern ihnen die erforderliche innere Kraft gaben, zu diesen zu stehen und darauf ihr Leben aufzubauen. Dass dieser Glaube von verschiedenen Seiten immer wieder in übelster Weise missbraucht wurde, indem ma´u diesen Glauben an die Kirche, oder später eine Ideologie oder gar „Partei“ aus-nutzte, um egoistische Ziele oder gar spezieller gesellschaftlicher Klassen gewaltsam durchzusetzen, ändert an der „Geborgenheit“ dieser Menschen „in“ ihrem Glauben nichts. Aber nochmals, diese Bedürfnisse waren zuerst persönliche und da Menschen, die sich in ihrem Denken weiterentwickelten immer deutlicher erkannten, wie sehr die gelebte Praxis nicht dem einzelnen Menschen diente, sondern zuerst den Mächtigen der Gesellschaft, kann ma´u hier die Triebkraft vermuten, die Menschen dazu brachte, sich immer mehr auf sich selbst als dieses individuelle Selbst zu besinnen und sich über dessen Rechte Gedanken zu machen. Und es waren zuerst die führenden Geister innerhalb der verschiedenen Gesellschaften, die solche Gedanken äußerten, wobei sie diese oft genug „im gleichen Atemzug“, also im weiteren Verlauf ihres Textes im Interesse und Geist der Vorgaben wieder abschwächten oder gar widerriefen, um nicht ihr Leben zu riskieren. Gute Beispiele für solche höchst interessante und bezeichnende Sachverhalte liefern manche Texte von Thomas von Aquin, aber auch anderer.

Dieses neue w-Mem ist das des rationalen Denkens. Vor allem daraus entwickelt sich gegen Ende des Mittelalters eine kritischere Sicht auf sich selbst und die Welt, die zwar einerseits von der Kirche immer rücksichtloser bekämpft wurde – siehe die Inquisition, die ja nicht umsonst in dieser Zeit entstand -, die sich aber nicht desto trotz immer stärker bemerkbar machte. Die Ironie der Geschichte zeigt sich aber gerade darin, dass eines der neuen Denkmuster, nämlich die Suche und das Bedürfnis nach dem, was wir heute „das süße Leben“ nennen würden – also die Befriedigung der Bedürfnisse einer Person, bzw. eines Individuums -, oft und gerade von Kirchenführern vorgelebt wurde, also vor allem Päpsten und Erzbischöfen bis Bischöfen. Dies ist deshalb so auffällig, weil es ja in der Kirche schon länger und auch jetzt immer erneut den Ansatz gab und weiterhin gibt, die Verbindung zu Gott nicht im „äußeren“ Leben zu suchen, sondern im „inneren“, also die Gebote vieler Mönchsorden, und dass gerade in dieser Zeit mit Franz von Assisi erneut ein solcher Mann auftrat, ist mehr als bezeichnend. Ich will hier aber keine Kirchengeschichte betreiben, sondern auf einige weitere wichtige Schritte in der Richtung hin zur Rationalität und ihren Folgen hinweisen. Ein wichtiger Beleg der kommenden Entwicklung in eine völlig neue Sicht von Mensch und Natur liefert die damalige Kunst, einerseits mit der völlig neuen Portraitmalerei und andererseits der „Entdeckung“ der Perspektive. Ganz wichtig für die schnellere Verbreitung neuer Gedanken und Ideen wurde die neu erfundene Drucktechnik. Auch die Anhäufung immer größerer Mengen materieller Güter, vor allem wieder in der Kirche, hier dann speziell in Rom – Ablasshandel –, diente immer mehr Menschen, auch in der aufstrebenden Kaufmannsschicht, als Anreize und Rechtfertigung solche Güter zu horten, was dann zu den ersten wirklich reichen Familien – gemeint ist hier monetärer Reichtum außerhalb von Kirche und Adel, der sich ja zuerst auf Grundbesitz als Reichtum stützte – führte, siehe Fugger und Welser. Geradezu revolutionär aber war die einsetzende Entwicklung in den kommenden Wissenschaften, die ja ihrerseits gerade auf der Entwicklung der Rationalität gründen, aber gerade und vor allem selbständiges Denken im Sinne von freiem Denken voraussetzen. Deren Ergebnisse machten sich schnell in neuen Techniken bemerkbar, die ihrerseits zu weiteren umwälzenden Veränderungen führten, wie einerseits die Heraufkunft der Manufakturen, die die Vorläufer der späteren Industrialisierung darstellen, andererseits die Entdeckungsfahrten und die daraus folgende Kolonialisierung der Welt in Gang brachten. Dass all diese Entwicklungen wie immer sowohl positive wie negative Folgen zeitigten, entspringt dem schon erwähnten Grundsatz, den es immer zu beachten gilt: alles was wir Menschen erfinden oder hervorbringen ist zunächst ganz grundsätzlich ein „An-sich“, ein Holon oder Sein, also ein „an-sich-Seien-des“ – Heidegger – und damit Selbständiges. Es hängt immer von uns Menschen ab, wie wir dieses dann nutzen, ob zu unserem Vorteil oder Nachteil, liegt alleine in unserer Macht und Möglichkeit, wobei diese jeweiligen „Nutzungen“ aber immer auch von den jeweiligen Denkmustern der betreffenden Weltsichtebenen, aber ganz besonders der herrschenden Klassen und deren Interessen entscheidend mitgeprägt werden. Und noch ein letztes Wirkungsfeld, das aus dem neuen Denken entstand ist zu beachten, die Konkurrenz nämlich. Aber auch dazu später mehr.

Besonders bedeutsam und für unser Thema der Freiheit bezeichnend, sind noch andere Aspekte. In der Gesellschaftstheorie wird immer wieder von den „Großen Drei“ gesprochen, deren jeweiliger gesellschaftlicher „Zustand“ zur Beurteilung einer Gesellschaft gerade im Hinblick auf die Beurteilung dessen, was diese Gesellschaft unter Freiheit versteht, vor allem aber wie sie deren freie Entfaltung zulässt, von besonderer Bedeutung sind. Gemeint sind Moral, Kunst und Wissenschaft. Sind diese “frei“ in dem Sinne, dass sie unabhängig voneinander gelebt und von außen unbeeinflusst erforscht werden können, können wir von einer Gesellschaft sprechen, die wir als frei beurteilen, ja als frei bezeichnen können. Ist dies nicht der Fall, sollte dies ein höchstes Alarmzeichen sein. Als wichtiges und besonders bezeichnendes Beispiel sei hier nochmals das ausgehende Mittelalter genannt, in der sich ja die Kirche die Autorität anmaßte, alle drei Bereiche zu dominieren, bzw. ihre Inhalte, Studienmöglichkeiten und Lebenspraxis im von ihr vorgegebenen einheitlichen Sinne zu bestimmen. Vorab erwähnen will ich hier, dass wir momentan eine vergleichbare Entwicklung durch das Syndrom der WiWiPo – so kürze ich oft im Gespräch Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ab – beobachten können, und das sollte uns ganz besonders „hellhörig“, vor allem aber deren immer lautstärker erhobenen Vormachtansprüchen gegenüber umfassend vorsichtiger machen. Hier ist aber auch dringend auf die wenig bekannte „Ein“-Wirkung auf diese – also die WiWiPo und damit die Gesellschaft allgemein – auf die im Verborgenen agierenden, aber gerade daher absolut einflussreichen Geheimgesellschaften hinzuweisen. Allerdings ist dies für mich auch ein Zeichen dafür, dass sich Orange als dominierendes w-Mem seinem nahen Ende im Sinne einer überzogenen Dominanz nähert, wie wir dies ja auch am ausgehenden Mittelalter bei Blau beobachten konnten. Aber die sich entwickelnde Moderne zeichnete sich zunächst dadurch aus, dass sie diese drei sich weitgehend selbständig entwickeln ließ, was sich auch darin zeigt, wie sie Kant in seinen drei Kritiken darstellte. Allerdings können wir immer stärker beobachten, dass sich die Wissenschaften im Verbund mit wirtschaftlichen Interessen immer stärker gegenüber allen dreien als „Dominator“ entwickeln, ganz wie es die Kirche am ausgehenden Mittelalter tat. Oder anders formuliert, alle drei Bereiche werden immer deutlicher von wissenschaftlichen Interpretationen und wirtschaftlichen und machtorientierten Interessen „vereinnahmt“ und beherrscht. Auch dies ist für mich ein Zeichen, dass sich dieses Zeitalter seinem Ende nähert.

Orange ist das w-Mem, in dem von Beginn seiner sich immer weiter ausbreitenden Dominanz das Individuum als „mein“ Bewusstsein von „mir“ als Grundlage eines erneut am Ego orientierten menschlichen individuellen Seins durchsetzte. Natürlich begann auch diese Entwicklung langsam und mit großen Geburtswehen. Um nur ein Beispiel zu nennen: noch im 18. Jh. konnte es für einen Menschen gefährlich werden öffentlich die Religion und damit die Kirche infrage zu stellen. Zu beachten ist hier der Umstand, dass wir in dieser Zeit immer noch – mit den wichtigen Ausnahmen Englands und Hollands – in der „Hochzeit“ des Absolutismus lebten. Immer noch galt die Begründung dieser Regierungs- und damit Gesellschaftsform als „von Gottes“ Gnaden eingesetzte, was die Kirche und die Regierungen nicht nur stützten, sondern unangreifbar machten. Denn so kam es, dass jede Kritik an der Religion grundsätzlich von den Herrschenden sofort auch als Kritik der bestehenden Ordnung aufgefasst wurde und umgekehrt. Die Beispiele Giordano Bruno und Voltair, um nur zwei zu nennen, sind hier sehr deutlich. Und in welchem Ausmaß sie mit dieser Reaktion in ihrem Interesse Recht hatten, zeigte ja die Entwicklung der Freiheitsbewegungen in der Schweiz, Hollands in England, der Unabhängigkeitsbewegung in den zukünftigen USA und ganz besonders der dann voll ausbrechenden französischen Revolution. Aber das sind schon „End“-Bewegungen einer Entwicklung, die natürlich viel früher begann. Eine dieser Entwicklungen können wir in der immer „freier“ werdenden Wissenschaft erkennen. Was meint das? Wie schon erwähnt, hatte ja die Kirche noch kurz zuvor die Dominanz über die Wissenschaft in dem Sinne eingefordert und behauptet, dass die Theologie die „erste“ Wissenschaft war. Damit war gemeint und auch von der Kirche teils rücksichtlos durchgesetzt, dass sie entschied, was als „wahr“ öffentlich verkündet werden durfte. Der Fall Galilei ist dafür ein besonders deutliches Beispiel. An diesem Zusammenhang zeigt sich auch eine gegenseitige Zugehörigkeit von Wahrheit und Freiheit, auf die wir noch zurückkommen müssen. Etwas weniger bekannt, aber letztlich aus den gleichen Gründen betrieben, war der Fall von Giordano Bruno, der ja entgegen Galilei seiner der Kirche widersprechenden Lehren nicht widerrief und deswegen am 1.1.1600 öffentlich verbrannt wurde. Aber die Entwicklung ließ sich nicht mehr aufhalten, hatte doch schon Thomas von Aquin erkannt und gefordert, dass die Lehre an den damals immer zahlreicher gegründeten Universitäten grundsätzlich frei sein sollte, also besonders frei von der theologischen Bevormundung. Wie ma´u dann beobachten konnte, führte diese Forderung auch an den Universitäten selbst zu heftigen Auseinandersetzungen, denn fast alle Lehrer waren Mönche und diese versuchten lange die Dominanz der Theologie zu verteidigen. Dafür gibt es viele Belege aus Paris, Köln und anderen Universitäten, die damals führend waren. In dem Zusammenhang der Bestärkung der Unabhängigkeit von Forschung und Lehre setzte sich dann immer stärker ein Prinzip durch das bis heute gilt, nämlich dass ein einmal berufener Professor grundsätzlich in seiner Forschung und Lehre frei ist, natürlich nur so lange er nicht gegen geltendes Recht verstößt. Dieser Umstand ist gerade im Hinblick auf die Entwicklung der Wissenschaften gar nicht zu unterschätzen.

Die Entwicklung der Wissenschaften untergruben aber eine schon seit Jahrtausenden geltende Doktrin, die allgemeine Überzeugung nämlich, dass alles Existierende von Gott geschaffen worden war und weiterhin seinem Willen – siehe den Theismus -, oder zumindest seinen vorgegebenen Bedingungen – siehe Deismus – unterworfen war. Im theistischen Denken konnte ma´u seit Platon und dann der Kirche entweder durch „vernünftige“ Beobachtung, oder die geoffenbarte Wahrheit erkennen, – etwas flapsig ausgedrückt – wie das „Ganze“ funktioniert. Grundlegend an dieser Sicht ist erstens, dass wir Menschen Teil dieser Schöpfung sind und daher sozusagen nur „von Innen“ schauen können. Zweitens war es seit den Griechen wenigen Menschen vorbehalten sich darüber Gedanken zu machen, die Grundlage dessen, was als „das Gute Leben“ angesehen wurde zu erforschen. Die umfassenden Folgen dieses Denkens in Bezug auf die gesellschaftliche Ordnung und daher kommende Sicht auf die menschlichen Verhältnisse werden weiter unten vorgestellt. Die moderne Wissenschaft aber entwickelte entgegen dieser Vorgaben einen Blick „von außen“ und dieser sollte auch noch rein „objektiv“ sein, wie es Descartes in seinen „Meditationen“ begründete, wobei er nichts anderes auf den Punkt brachte, als das, was schon praktiziert wurde. In die gleiche Richtung dieses neuen Denkens verwies das berühmte „Ockham´sche Rasiermesser“. Beide Äußerungen richteten sich ganz speziell auch gegen die bisher gültigen Erklärungen der Natur „von Gott her“ – zumindest in dem Sinne dass ma´u diese „Vorgaben“ Gottes durch Beobachtung erkennen könne – und waren daher auch von Beginn an und dann immer umfassender eine deutliche Kampfansage an die Religionen, die sie ja dadurch auch im Sinne von „an etwas glauben“ bei vielen Menschen zerstörten. Wenn aber die Sicht einer Weltsichtebene der ersten Ordnung so dominant wird, hat dies immer ganz schlimme Folgen sowohl für ein ganzheitliches Denken, als auch daherkommendem Verhalten, wie sich immer deutlicher zeigt und dringend überwunden werden muss.

Im gleichen „befreienden“ Geist entsteht die Reformation Luthers, die ja nach ihm von weiteren Reformatoren zum Teil weiter „verschärft“ wurde. Was meint das? Luther war ja gegen den absoluten Machtanspruch der Kirche angegangen, indem er sich auf den Umstand einer durch die Kirche gewährte „Erlösung von Sünden“ bezog, die nach seiner, auch durch die Bibel belegten Meinung, alleine von Gott gewährt werden konnte. Dieser Angriff gegen die Autorität der Kirche entsprang nicht zuletzt dem gleichen Gefühl der Ablehnung des Allmachtanspruchs der Kirche, wie die der Wissenschaft. Dabei ist ganz wichtig zu beachten, dass ja Luther in der erwünschten Veränderung den einzelnen Menschen in dem Sinne im Blick hatte, indem ab jetzt diese/r mit seinen/ihren Sünden alleine Gott gegenüber stand und nur noch auf dessen Gnade angewiesen war, bzw. sich auf diese verlassen konnte und musste. Diese Position Luthers ist zwar einerseits sehr individuell und „frei“, aber noch sehr der augustinischen Lehre der durch den Sündenfall begründete „Verderbtheit“ der Menschen – also die Lehre der Erbsünde – verpflichtet. Diese Sicht wird jetzt von Calvin in dem Sinne noch verschärft, indem dieser die auch schon bei Augustinus angesprochene Prädestination – die von Gott vorgegebene Erlösung und von daher festgelegten Aufstieg in den Himmel – absolut setzte. Für die Zukunft entscheidend wird aber jetzt, dass sich alle verschiedenen Reformbewegungen einerseits ganz entschieden zum einzelnen Menschen als für sich selbst Verantwortlichen bekannten und andererseits jede Hierarchie ablehnten und bekämpften – zumindest vordergründig. Bei Luther kommen seine in eine solche Richtung weisende Überlegungen in folgenden Forderungen zum Ausdruck: in seinem Reformprogramm befürwortete er ein staatliches Bildungswesen, Armenfürsorge, sowie die Abschaffung von Zölibat und Kirchenstaat. Außerdem „verkündete“ er die Lehre vom Priestertum aller Getauften, mit der er die traditionelle Hierarchie zwischen Klerikern und Laien abschaffen wollte. In seiner Hauptschrift „Von der Freiheit des Christenmenschen“ vertritt er die Lehre der „evangelischen  Freiheit“. In Anlehnung an die Zwei-Naturen-Lehre lebe ein Christ immer in zweifacher Hinsicht: Im Blick auf Gott und im Blick auf die Welt. Ganz entscheidend wird hier die Auffassung, dass ein Mensch „im Blick auf die Welt“ seinen Glauben durch „gute Werke“ zu  bewähren habe, was immer das dann heißen mag. Es ist gerade diese Seite der Reformation, die nun durch Calvin in dem Sinne weiter entwickelt wird, dass „gute Werke“ grundsätzlich alles ist, was wir Menschen „im Angesicht Gottes“ überhaupt tun können. Dahinter steht die Auffassung, dass Gott die Welt als gut erschaffen versteht – siehe die Schöpfungsgeschichte – und daraus der Schluss gezogen wird, dass wir Menschen mit unseren Grundbedürfnissen, wie der Drang nach Lust und das Bedürfnis nach Arbeit, dann wenn wir dies tun, genau dieses „Gute“ leben. Oder anders gewendet, Ehe und Arbeit in diesem Sinne mit ganzer Hingabe gelebt, ist sozusagen Gottesdienst.

Es ist ganz offensichtlich, dass sich diese Auffassung, die in besonders intensiver Weise von den Puritanern vertreten und gelebt wird, in zentralen Bereichen gegen die bisherige Lehre der Kirche, aber auch in erheblichem Maße gegen die klassische Metaphysik wendet, die ja seit Origenes in Gestalt von Platon und seit Thomas von Aquin in Gestalt von Aristoteles in breitem Raum innerhalb der Kirche vertreten und gelehrt wurde. Da aber dieser Zusammenhang so komplex ist, kann ich ihn hier nur kurz erwähnen. Ganz entscheidend ist aber, dass sich in dieser neuen „Sicht der Welt“ und dieser völlig neuen Verhaltensweise dieser gegenüber, diese neue Ethik und die neue Wissenschaft  entschieden „begegnen“ und in ihren Wirkungen ergänzen. Sowohl der wissenschaftliche Blick auf die Welt, als auch der private, hat in diesem neuen von einem Individuum ausgehenden Denken desengagiert und objektiv zu sein. Im weiteren Verlauf der Entwicklung wenden sich immer mehr Menschen von der Kirche ab und die Wissenschaft wird im Zusammenhang mit dem Sensualismus radikal empirisch, also das, was wir heute als regelrecht ideologische materialistisch-mechanistische Interpretation der „Einheit des Wirklichen“ erleben, oder das was Ken Wilber als Flachland bezeichnet. Im gesellschaftlichen Denken bestimmt die utilitaristische, also nur am Erfolg und dem Nutzen orientierte Einstellung die Handlungen von immer mehr Menschen, was sich besonders in dem ausdrückt, was ma´u einerseits die evangelische Arbeitsmoral nennt, andererseits die Grundeinstellung zur Entwicklung der Industrialisierung und zu einem kapitalistischen Denken liefert, wie Max Weber deutlich betont. Ma`u kann dadurch auch deutlich ein weiteres „Schwergewicht“ des rationalen Denkens erkennen, die Konkurrenz nämlich. Um zu verstehen, warum sich die Menschen immer mehr auf dieses Denken einließen, ist zu beachten, dass ma´u allgemein überzeugt war, ein an diesem Denken orientiertes Verhalten, würde dann sowohl dem Einzelnen „dienen“, damit aber auch das Optimum für alle bedeuten, siehe hier auch die Markttheorie von A. Smith. Aber diese Entwicklung führte hin zu einer in einigen Gesellschaften besonders vertretenen umfassend rücksichtlosen Um- und Durchsetzung von Eigeninteressen insbesondere der der reicheren Teile der Gesellschaft – hier besonders in den USA -. Dies wird dann noch verschärft durch die Darwin’sche Evolutionstheorie, die von einigen Theoretikern als Sozialdarwinismus in Voraussetzung gesellschaftlichen Handelns umgedeutet und dadurch legitimiert wurde, siehe Herbert Spencer, um nur einen von vielen zu nennen. Aus diesen Entwicklungen folgt aber auf der einen Seite auch die Hinwendung  zur Romantik im Sinne einer expressiven Ausdrucksform von Gefühlen und Gedanken, aber andererseits auch hin zum Agnostizismus und Atheismus. Aber eine all diese Entwicklungen verbindende Klammer ist die Überzeugung einer individuellen Autarkie und persönlichen Verantwortung, also letztlich die Fundamente von Freiheit, wie sie ja der sich neu entwickelnde Liberalismus umfassend vertrat, wenn auch speziell für das Bürgertum.

Eine weitere Folge dieses Wandels im Denken der Menschen, der sich immer mehr an den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen selbst orientiert und sich über die älteren Vorgaben oder gar Vorschriften hinwegsetzt, entsteht seit etwa dem 18. Jh. in dem was wir heute als „Ehe aus Liebe“ verstehen. Genauer: Ehe, sofern sie überhaupt erlaubt war, war bestimmt durch familiäre und Wirtschafts- oder Machtinteressen. Sie wurde daher von den Eltern oder gar der Familie vorgegeben. Ab jetzt fordern immer mehr junge Menschen das Recht, sich ihre Ehepartner selbst aussuchen zu dürfen und zu können. Dieser „Kampf“ um Selbstbestimmung in einem fundamentalen Zusammenhang zwischenmenschlicher Verhältnisse, ist bis heute noch nicht endgültig „gewonnen“, versuchen doch selbst bei uns immer noch viele Familien „ihre“ Bedürfnisse ihren Kindern aufzureden und wie dies für unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund aussieht, kann ma´u oft genug in den Zeitungen lesen.

Es sei nochmals daran erinnert, dass all diese Entwicklungen aus einer sich immer umfassender durchsetzenden Grundeinstellung herkommt, die den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellt, wobei besonders auf seine desengagierte Vernunft und zunehmend auch seine Gefühle verwiesen wird, bzw. diese Entwicklung von daher zu verstehen ist. Zu diesen Prozessen trugen zwar viele Philosophen bei – erwähnt seien besonders Descartes, Spinoza, Leibnitz, Locke, Hume, Voltaire, Rousseau, Kant, Hegel, Marx, Schopenhauer und Nietzsche –, aber es ist keineswegs so, dass diese all diese Vorgänge und Veränderungen hervorgerufen hätten, wie manchmal unterstellt wird. Dies ist schlicht eine Folge der umfassenden Weiterentwicklung menschlichen Denkens. Aber sie haben durch ihre Beiträge zweifellos viele dieser Umwälzungen „auf den Punkt“ gebracht und dadurch einerseits zu Klärungen beigetragen, andererseits die Entwicklungen beschleunigt. Dies wird besonders deutlich im Zusammenhang der anstehenden politischen Veränderungen hin zur Demokratie, in der ja – zumindest vordergründig – die allgemeinen Rechte individueller Menschen formuliert und in den Verfassungen derjenigen Staaten verankert werden – hier ist insbesondere die neuartige Begründung des Eigentums aus der Arbeit durch Locke zu erwähnen -, die sich als demokratisch verstehen. Es sei aber auch darauf hingewiesen, dass z.B. sowohl nach der Befreiungsbewegung in den USA, als auch den Folgen der französischen Revolution nicht die Menschen allgemein in einem wirklich umfassenden Sinne „frei“ wurden, sondern sich die Machtverhältnisse in dem Sinne „verschoben“, dass anschließend nicht mehr der Adel die herrschende Klasse war, sondern das wohlhabende Bürgertum und dieser Umstand dauert bis heute fort, obwohl er durch permanente Propaganda umfassend „geschönt“ und verschleiert wird. Auf diese Umstände ist weiter unten umfassend näher einzugehen, da sie die Gründe für diese hier unterbreiteten Gedanken liefern.

Hier jetzt noch einige wenige Bemerkungen zu den Weltsichtebenen Grün, Gelb und Türkis. Da diese noch nicht mehrheitsfähig in dem Sinne sind, dass ausreichend viele Menschen so denken, damit sie umfassend in politischen und staatlichen Umständen ihre Vorstellung umsetzen könnten, ist eine Beurteilung ihrer Wirkung in Richtung noch weitergehender Freiheit noch sehr spekulativ. Allerdings gibt es zwei Tatbestände, die eine solche „Spekulation“ als vertretbar erscheinen lassen. Zunächst wechselten im Laufe der Geschichte ja schon mehrfach das „Ich“ zum „Wir“, so dass ma´u Parallelen finden kann. Darüber hinaus kann ma´u die derzeitigen „grünen“ Parteien in einigen europäischen Ländern als erste Ansätze ansehen, wie sich eine zukünftige „grüne“ Politik  und von daher anzustrebende Gesellschaftsordnung verstehen ließe. Zunächst zu dem ersten Punkt: derzeit ist ganz offensichtlich, dass sich die Orientierung am „Ich“ in immer bedrohlicherer Weise bemerkbar macht, da die rücksichtslose Interessenvertretung mächtiger Personen für die derzeitige Entwicklung in Richtung Ausbeutung von Natur und Menschen, aber auch der Aushöhlung und dem Missbrauch demokratischer Rechte hauptverantwortlich sein dürfte. Wie schon in der Vergangenheit beim Wechsel von Rot nach Blau ist auch hier die Lösung in einem solchen Wechsel zu sehen. Allerdings kann dies nicht dadurch gelingen, dass ma´u einfach einen solchen Wechsel verlangte, da ja die absolute Mehrheit der Menschen eh nichts mit solchen Forderungen anfangen könnten, da die Theorie der Weltsichtebenen noch viel zu unbekannt ist. Bekanntlich war aber auch der Übergang von Rot nach Blau durch inhaltliche Umorientierungen zustande gekommen, also z.B. wurde die Suche nach dem „Sinn des Lebens“ durch die neuen Philosophien und Religionen „bedient“. Welche allgemeinen Bedürfnisse vieler Menschen könnten heute in eine solche Richtung ausschlaggebend sein?

Die wohl drängendsten Probleme sehen meiner Überzeugung nach die meisten Menschen in den immer ungerechter werdenden Verhältnissen insbesondere wirtschaftlicher Art, also die berühmte sich immer weiter öffnende Schere zwischen arm und reich. Es wird wohl auch immer mehr Menschen deutlich, dass das etwas mit Machtverteilung zu tun hat, insbesondere auf dem Hintergrund völlig ungerechter Vermögensverteilung. Ein weiterer Umstand folgt aus der „Religion des Kapitalismus“ (Walter Benjamin) in dem Sinne, dass deren „Segnungen“, sprich immer umfassenderem Konsum von immer mehr Menschen als zunehmend sinnlos, also ohne Sinn empfunden wird. Auch die schon angesprochene Ausbeutung von Mensch und Natur erscheint immer bedrohlicher. Da all diese Umstände aus der „Vormacht“ einzelner Personen herkommt, dürfte eine Einstellung, die solche Umstände einerseits massiv in Frage stellt und andererseits durch besondere Betonung von Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühlen hervortritt, immer mehr Anhänger finden. Siehe hier auch die immer deutlicher werdende Hinwendung zu einer „Integralen Spiritualität“, wie Ken Wilber eines seiner Bücher nannte. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist hier kurz anzuführen: die drei zuletzt beschriebenen Memen entsprachen und bedienten insbesondere patriarchale Wünsche und Bedürfnisse, also vor allem der Männer. Die Frauen wurden durch daraus entstehende und meist auch der Kirchen bedienten Vorurteile zum Teil in umfassender Weise entrechtet, ja oft übelst diffamiert. Ma´u lese dazu Teile des Textes des sog. Hexenhammers, also der Begründung der Hexenverfolgungen. Diese sind an Geifer kaum zu überbieten. Wie der Feminismus zeigt, kommen auch von dieser Seite wichtige Impulse zu einer umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die möglicherweise in Zukunft besonders wichtig werden könnten.

Da diese zuletzt genannten Forderungen bereits wichtige Anliegen grünen Denkens betreffen, kommen wir hiermit auf die andere Seite der Argumentation, nämlich die Hinweise auf das, was das 6. w-Mem, bzw. das grüne Denken ausmacht. Dazu zählen insbesondere die Betonung von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit, das Teilen der Ressourcen der Erde mit allen, die Befreiung der Menschen von Gier und Dogmen, die Erneuerung der Spiritualität und Schaffung allgemeiner Harmonie und daraus herkommend Entscheidungsfindungen durch allgemeinen Konsens. Betrachtet ma´u sich diesen „Katalog“, ist offensichtlich, dass ein solches Denken als allgemein praktiziertes, für viele der oben aufgezählten Probleme Lösungsmöglichkeiten bereithält. Hier wird deutlich betont, dass durch künstliche Trennungen, sowohl zwischen den Menschen, als auch zwischen Menschen und der Natur, nur alle verlieren können. Da es sich aber auch hier nach wie vor um ein Denken in der „ersten Ordnung“ handelt, das sich ja danach immer noch als alleine seligmachend begreift und anderes Denken eher bekämpft, dürfte auch dieses Denken noch nicht der entscheidende Schritt sein hin zu einer Einstellung, die letztlich alle Denkansätze und realen Umstände als gleichberechtigte Ausdrucksformen unserer Evolution, oder der der Natur anerkennen könnte. Das können letztlich nur die beiden als noch möglich zu erreichenden w-Meme, 7 und 8, oder Gelb und Türkis. Hier im grünen Denken könnten sich am Übergang erneut die Überbetonung allgemein „orientierter“ Einstellungen in dem Sinne bemerkbar machen – siehe ausgehendes Mittelalter -, indem erforderliche Änderungen oder nötige Entwicklungen durch die Überbetonung des vorausgesetzten Konsens behindert bis verunmöglicht werden. Darüber hinaus dürfte in diesem Denken Eigeninitiative zumindest kritisch, aber in der Regel eher ablehnend betrachtet werden. Aber selbstverständlich können wir nicht mehr total hinter Orange zurückfallen, bei aller berechtigten Kritik an den durchaus schädlichen Auswüchsen dieses Denkens. Es scheint offensichtlich, dass an dieser Stelle eine erneute Hinwendung zum „Ich“ eine Chance erhalten wird, allerdings nur auf einer neuen Ordnungsebene. Was meint das?

Alle bisher besprochenen Weltsichtebenen boten zwar immer neue Denkansätze zur Lösung sich immer neu entwickelnder Probleme in allen Bereichen menschlichen Lebens, also gesellschaftlich, wirtschaftlich, wissenschaftlich und privat. Aber alle diese Ebenen, auf jeden Fall seit Rot, waren immer einem machtorientierten, patriarchalen Denken verhaftet, das einer wirklich freien und gleichermaßen gemeinschaftlichen Lebensführung entschieden im Wege stand. Auch Grün als ein Denken der ersten Ordnung ist über diese „Schwelle“ noch keineswegs hinaus, wie die derzeitige Erfahrung mit existierenden grünen Parteien deutlich belegt. Dies kann erst ein Denken, das sich von einer zu einseitigen Identifikation und daraus herkommenden Dominanz mit dem jeweils praktizierten Denken lösen kann, indem es alle bisherigen Ebenen sehen, vor allem aber auch anerkennen kann. Und das gilt eben erst mit einem Denken der zweiten Ordnung. Nach der Charakteristik von Gelb kann ma´u erkennen, was hier gemeint ist. So gilt hier grundlegende Akzeptanz der unausweichlichen Strömungen menschlicher Gesellschaften, wie der Natur. Hier geht es nicht mehr um Macht, Dominanz und Rechthaberei, sondern um Funktionalität, Kompetenz, Flexibilität und Spontaneität. Entscheidend ist hier die Einsicht, dass es keine absoluten Wahrheiten geben kann, sondern nur offene und integrierende Denkformen und daher kommende Organisationen. Dies wird dann in Türkis in dem Sinne gesteigert, dass hier noch die Bedeutung auch unserer Gefühle betont und diese in Entscheidungen miteingebunden werden. Hier ist der Umstand das Bewusstsein als Teil eines größeren, bewussten und spirituellen Ganzen zu sehen entscheidend, das sowohl meinem Selbst, als auch allen dient. Hier wird das minimalistische Handeln und Leben wirklich praktiziert, so dass weniger tatsächlich mehr ist. Hier werden insbesondere die Kenntnisse und der Gebrauch unserer menschlichen geistigen Fähigkeiten in besonderer Weise gefördert und im Interesse aller – also ganz konkret aller Menschen als ebenso der Natur – genutzt. Betrachtet ma´u sich diese ersten erkennbaren Entwicklungen des Denkens zweiter Ordnung bei einzelnen Menschen, die solches durch ihr Denken und Handeln „demonstrieren“, als auch bei ersten Organisationen, kann ma´u erkennen, dass hier für uns Menschen unsere Zukunft liegen sollte, ja eigentlich nur hier liegen kann. Bemühen wir uns gemeinsam dahin zu gelangen, vor allem und zuerst um endlich frei im umfassenden Sinne des Wortes denken und leben zu können.  

II. Kapitel, das „Gute Leben“ und das „gewöhnliche Leben“

Sollte Ihnen der Text bisher zugeagt haben, müssten Sie sich das Buch, entsprechend den obigen Angaben kaufen. Vielen Dank.

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