Wirtschaft kritisch

Die folgenden Texte dienen als Unterlagen für meine Arbeit in der VHS-Burghausen und können von den Teilnehmern kostenlos heruntergeladen werden. Die umfassenderen Gedanken, bzw. im folgenden Text angeführten Verweise, die darin nicht enthalten sind, können Sie in meinem Buch mit dem gleichen Titel nachlesen.

Der „real existierende“ Kapitalismus

1. Kapitalismus, der Schein

Was ist der Kapitalismus, genauer, was ist sein „Schein“? Warum erzeugt ma´u (ab hier für man/frau) überhaupt, wie ich hier behaupte, einen Schein, hinter dem die Wirklichkeit verschwindet? Das hat den Grund, dass hier die Interessen der derzeit herrschenden Eliten in besonderer Weise betroffen sind und von diesen daher mit allen Mitteln geschützt und verteidigt werden. Aus der Geschichte kann ma´u wissen – wenn ma´u es denn wissen will -, dass ein solcher Umstand ganz besonders negative Wirkungen auf eine möglichst „wahre“ Darstellung solcher Verhältnisse hatte und heute mehr denn je hat. Ma´u hat um diesen mit Hilfe existenter Denkmuster, aber auch einseitiger Interpretationen erkennbarer Umstände, als auch ausgeprägter ideologischer Darstellungen einen alles überstrahlenden und daher unkenntlich machenden Schein erzeugt. Um dies zu zeigen, wollen wir uns zunächst verschiedene solcher Definitionen anschauen. Dabei kann ma´u von Beginn an die Absicht erkennen, dass diese häufig bewusste, aber wohl eher meist unbewusste Verzerrungen oder gar umfassendes „Übersehen“ und Verschweigen besonders wichtiger Umstände darstellen. Daher lautet die Überschrift dieses Kapitels „der Schein“. Gemeint ist, dass diese Definitionen in aller Regel nicht die Wirklichkeit dieses Systems beschreiben, sondern in erheblichem Umfang Wunschvorstellungen oder schlichte Behauptungen sind, die meist wenig bis gar nichts mit den wirklichen Zuständen zu tun haben. Dies ist natürlich eine ungeheure Behauptung. Aber die folgenden Gedanken sollen dies belegen, wobei dieses natürlich nur auf dem Hintergrund meiner „Bilder im Kopf“ geschehen kann, wobei allerdings diese dann umfassend durch Daten und Literaturhinweise belegt werden sollen. Meine hier existierende Absicht ist es, so deutlich wie möglich die daher kommenden schädlichen Wirkungen – auf Mensch und Natur gemeint – dieser Verhältnisse zu bezeichnen. Dies ist dann Inhalt der folgenden Kapitel. 

Sucht ma´u heute die Definition oder nähere Beschreibung von etwas, schaut ma´u in aller Regel zunächst bei Wikipedia nach. Dort können wir lesen: „Allgemein bezeichnet Kapitalismus eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht. Daneben ist das <Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb> entscheidend“. Und was meint das speziell heute? „Kapitalismus ist heute ein grundlegender Zustand unserer Gesellschaft, wird aber sehr unterschiedlich wahrgenommen. Bachinger/Matis unterscheiden in ihrem Buch „Entwick-lungsdimensionen des Kapitalismus“ drei verschiedene Wahrnehmungen, eine sog. markteuphorische, eine mentalitätskritische und eine sozialkritische. In der markteuphorischenWahrnehmung – die ja heute bei den meisten ÖkonomInnen üblich ist und die letztlich auch den behaupteten „Schein“ hervorbringt – werden Kapitalismus und Marktwirtschaft de facto gleichgesetzt. Kapitalismus wird (demnach) als entbehrlicher Begriff gesehen, der aus der <sozialistischen Mottenkiste> kommt“. Die „mentalitätskritische und sozialkritische“ Wahrnehmung wollen wir uns in späteren Kapiteln näher anschauen. Also nochmals ganz konkret; der Kapitalismus ist danach der „grundlegende Zustand unserer Gesellschaft“. Will ma´u also diese verstehen, muss ma´u den Kapitalismus verstehen. Oder anders formuliert; wenn es zutrifft, dass unsere Gesellschaft gefährdet ist, kommt dies zuvörderst aus den Wirkmechanismen des Kapitalismus, da dieser ja der „grundlegende Zustand“ dieser Gesellschaft ist. Daher nochmals nachdrücklich gefragt; was ist der Kapitalismus?

In einem markteuphorischen Sinne (siehe Bachinger/Mattis) besonders wichtige und bezeichnende Beispiele von Antworten auf diese Frage liefert die Ende des 19. Jahrhunderts sich in Wien um Carl Menger bildende „Österreichische Schule“. Diese wird hier deshalb besonders angesprochen, weil sie erstens sehr deutlich bestimmte Sichtweisen betont, um die es hier geht, vor allem aber durch von Hayek überaus einflussreich in Richtung des heute dominanten Neoliberalismus wurde (s.u.). Ökonomische Gesetze gelten für sie (ihre Interpreten und Anhänger) immer und überall und ergeben sich aus der Knappheit der Güter und der subjektiven Beziehung der Menschen zu jenen (s.u.). Aus solchen Überlegungen ist also zu entnehmen, dass der Kapitalismus aus immer und überall, also zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften, geltenden ökonomischen Gesetzen abgeleitet ist, eine pure Behauptung, die historisch klar zu widerlegen ist. Und welche sind dies? Da es ihnen um die Bewältigung der Knappheit der Güter im Interesse aller geht, bestimmt diese die ökonomischen Gesetze. Nach dieser Überzeugung ist danach der Kapitalismus die beste Wirtschaftsform, die sich Menschen jemals haben einfallen lassen, um dieses Ziel zu erreichen. Diese Schule lehnt aber auch den „Homo oeconomicus“ der klassischen Nationalökonomie als unrealistisch ab und bezieht auch außerwirtschaftliche Ziele in ihre Theorie ein. Auch hier werden wir noch sehen, was das konkret meint und welche Folgen das hat. Vor allem aber wird hier jeglicher Staatsinterventionismus in das Wirtschaftssystem generell abgelehnt (Ölflecktheorem). Für die Anhänger dieser Schule ist das Gewinnstreben der kapitalistischen Gesellschaft kein charakteristisches Merkmal, da auch für die Produktion zur Bedürfnisbefriedigung eine Wertsteigerung der entsprechenden Güter angestrebt werden muss, d. h. zwischen der „kapitalistischen“ Produktion für Profit und der „sozialistischen“ Produktion für Bedürfnisse gibt es keinen Unterschied. Der Unterschied bestehe nur darin, dass im Kapitalismus „Gewinn“ durch sinnvolle Kostenrechnung erst rational erzielbar wird. In welchem Maße und insbesondere in welche Richtung diese Position einfach die wirklichen Verhältnisse regelrecht „auf den Kopf“ stellt, wird sich in den nächsten Kapiteln zeigen.

Ein gutes Beispiel einer solchen „markteuphorisch“ positiven Bewertung des Kapitalismus ist die eines der wichtigsten Mitglieder dieser Schule Ludwig von Mises. Seiner Überzeugung nach ist der Kapitalismus das einzig logisch mögliche Wirtschaftssystem (!!), was ja bezogen auf die obigen Positionen verständlich ist. Mises schreibt: „Die Wirtschaftsforschung hat den Beweis erbracht (??), dass keine andere denkbare Wirtschaftsordnung den gleichen Grad von Prosperität erreichen könnte wie der Kapitalismus. Sie hat alle zugunsten von Sozialismus und Interventionismus vorgebrachten Beweisgründe völlig zu entkräften gewusst(??)“. Nach Mises ergibt sich der Gewinn des Unternehmers daraus, dass er die zukünftigen Bedürfnisse der Verbraucher besser vorhersieht als seine Konkurrenten und sein Kapital dementsprechend einsetzt. Zur Monopolbildung vertrat Mises die Ansicht, dass Monopole in einer freien Marktwirtschaft gar nicht entstehen könnten bzw. nicht von Dauer seien. Monopole entstünden immer nur durch staatliche Intervention (??). Dass ein sog. Fachmann auf dem Hintergrund eines schon damals insbesondere in den USA zu beobachtenden wirtschaftlichen Ablaufs, der ja eindeutig diese Aussage widerlegt, überhaupt zu einem solchen „Urteil“ kommt, ist nicht nur sehr interessant, sondern für die weitere Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft grundlegend (s.u.). Ein weiteres Beispiel einer wichtigen Kapitalismusdefinition aus dieser Schule ist Joseph Schumpeter. Er definierte einen funktionierenden Kapitalismus als das „liberale Modell einer interventionsfreien Wirtschaft, in der nur die Gesetze des freien Marktes gelten und in der keine monopolistischen Strukturen bestehen, denen es möglich ist, mithilfe der Staatsmacht partielle Interessen auf Kosten der Allgemeinheit durchzusetzen.“ Interessant ist, dass auch er Monopolbildung auf Eingriffe von Seiten eines Staates rückbezog, wobei er sich wohl auf das Beispiel des Merkantilismus bezog. Er schrieb weiter, die „Maschine Kapitalismus“ funktioniere nicht schlecht. Ihr Antrieb sei das freie Unternehmertum; gerade der Erfolg, der sich auch in Monopolen zeige (??), bringe es jedoch mit sich, dass der Kapitalismus seine eigene soziale Struktur, die ihn schützt und stützt, immer wieder zerstört (??). Schumpeter sah zwar die Möglichkeit zur ständigen Erneuerung, ging aber in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (1942) davon aus, dass der Kapitalismus letztendlich an seinen Erfolgen zugrunde ginge. Er sah ihn zunächst als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung. Jedoch produziere er zunehmend einen Wasserkopf bürokratischer Strukturen und eine „Krise des Steuerstaats“ (indem er den Staat zu schwächen unternehme (!!)). Die Automatisierung des technischen Fortschritts führe zu immer größerer Kapitalkonzentration und diese schließlich zur Aushöhlung der Vertragsfreiheit durch kollektive Absprachen (siehe die derzeitige Entwicklung im Neoliberalismus). Gilt auch hier ein ähnlicher Einwand wie oben schon bei Mises, ist es aber doch nicht unwichtig, dass Schumpeter durchaus sowohl real existierende negative Entwicklungen erkennt, als auch zukünftige solcher Möglichkeiten voraussagt. Dass diese Meinung in der zeitnahen Ökonomie weitgehend übersehen wurden und werden ist im Mainstreamdenken dieser Wissenschaft nicht verwunderlich.

Der nächste und absolut wichtigste Vertreter dieser Schule ist Friedrich August von Hayek. Er war ein österreichischer Ökonom und Sozialphilosoph. Neben den schon vorgestellten von Mises und Schumpeter war er der bedeutendste Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Hayek zählt zu den wichtigsten Denkern des Liberalismus im 20. Jahrhundert und gilt manchen Interpreten als wichtigster Vertreter des Neoliberalismus, auch wenn er sich selbst nie so bezeichnete. Einem Mann mit solch umfassendem Denken kann ma´u nicht einfach in wenigen Sätzen gerecht werden. Es sollen daher nur einige wenige wichtige Grundpositionen erwähnt werden, die später mit die entscheidenden Ansatzpunkte einer grundlegenden kritischen Bewertung derselben abgeben, wobei er aber diese nicht alleine vertrat. Er hat sie aber in besonderer Weise hervorgehoben. Sie wurden dann, gerade mit Rückbezug auf Hayek, Grundlagen des sich entwickelnden Neoliberalismus. In seinen wirtschaftlichen Analysen berief er sich dabei grundsätzlich auf die traditionelle Gleichgewichtstheorie. Hierbei schloss er sich der Meinung der liberalen Klassiker Adam Smith und John Locke an, wonach wirtschaftliche Ordnung das unangestrebte Resultat menschlichen Handelns ist (Prinzip der „unsichtbaren Hand“). Nur der freie Markt bilde im Preissystem alle relevanten Informationen ab und führe zu sinnvollen Allokationen (Güterverteilung). Besonders wichtig wurde sein Blick auf die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Hayeks Konjunkturtheorie zufolge war die Weltwirtschaftskrise nicht, wie Keynes – J.M. Keynes ist ein bedeutender Ökonom des 20. Jh., einer der Begründer sozialer Handlungsoptionen des Staates – behauptete, Folge von geringer Nachfrage, sondern von Fehlinvestitionen der Unternehmen und Banken, die wiederum Folge verfehlter staatlicher Geld- und Wirtschaftspolitik gewesen seien. Staatliche Interventionen auf dem freien Markt, wie Keynes sie forderte, seien also nicht die Lösung, sondern die Ursache der Wirtschaftskrise. Die Inflationspolitik vor 1929 habe den Zusammenbruch erst heraufbeschworen. Es sei nur kurz erwähnt, dass diese Position heute von keinem kritisch denkenden Ökonomen akzeptiert wird. Nach Hayek sind Konjunkturzyklen – vor allem die immer wieder gegen jede Vorhersage der klassischen Theorie auftretenden Krisen – die Folge von Abweichungen des Geldzinssatzes vom „natürlichen Zinssatz“, d.h. dem Zinssatz, bei dem Ersparnis und Investition sich ausgleichen. Auch hier wieder der Bezug auf das vorausgesetzte Gleichgewicht. Und natürlich sind für ihn bei allen wirtschaftlichen Problemen nicht die Wirtschaft selbst Schuld, denn diese ist ja, wenn ma´u sie „in Ruhe“ lässt immer im Gleichgewicht – also keine staatlichen Eingriffe erfolgen –, sondern immer nur der Staat. Der späte Hayek macht daher konsequent für Abweichungen des Zinssatzes vor allem die Zentralbanken verantwortlich, denen es aus politischen Gründen nicht gelingen kann, den Geldwert in einem Maß stabil zu halten, mit dem sich Krisen vermeiden lassen. Aus diesem Grund befürwortet er, die Produktion von Zahlungsmitteln in private Hände zu legen (was nebenbei bemerkt in den USA eh der Fall ist, was aber Hayek –  wohl aus ideologischen Gründen – entgangen zu sein scheint).Hayek war, auf dem Hintergrund dieses Denkens verständlich, ein besonderer Gegner der sozialen Marktwirtschaft. So schreibt er: „Was es (das Wort sozial) eigentlich heißt, weiß niemand. Wahr ist nur, dass eine soziale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit – und ich fürchte auch, soziale Demokratie keine Demokratie ist.“ Wir werden noch sehen, dass hier das Menschenbild – allerdings in extremen Positionen – existiert, wie es aus dem Denken Orange verständlich ist, das aber uns Menschen katastrophal falsch versteht, das aber gerade daher die Voraussetzung für die Fehlentwicklungen im Kapitalismus und besonders im Neoliberalismus bildet.

Seiner Bedeutung wegen müssen wir uns noch kurz Milton Friedman zuwenden, der, wie sich gleich zeigen wird, in seinem Denken Hayek sehr nahe stand, da er mit diesem in Chicago zeitweise zusammenarbeitete. Er hob, wie Hayek, besonders die Vorteile eines freien Marktes und die Nachteile staatlicher Eingriffe hervor. Seine Grundhaltung kommt in seinem Bestseller „Kapitalismus und Freiheit“ (1962) zum Ausdruck. Darin forderte er die Minimierung der Rolle des Staates, um somit politische und gesellschaftliche Freiheit zu fördern. Für ihn stand, wie für Hayek, die Freiheit des Einzelnen im Zentrum der Argumentation. Er hielt die freie Wahl des Einzelnen für nutzbringender als staatliche Regelungen. Daher unterstützte er eine Reduktion der Staatsquote, freie Wechselkurse, den Wegfall staatlicher Handelsbeschränkungen, die Aufhebung der Zugangsbeschränkungen zu bestimmten Berufsgruppen und eine Reduktion staatlicher Fürsorge. Allerdings war er durchaus in seiner Position in Bezug auf die Freiheit konsequent. So setzte er sich stets für die Abschaffung der Wehrpflicht in Friedenszeiten ein, plädierte für die Legalisierung von Marihuana und kämpfte für ein Bildungsgutscheinmodell. Aber auch in anderen Bereichen folgte er Hayek selbst in Extrempositionen. So bezeichnete er den Wohlfahrtsstaat als den größten Feind der Wirtschaft. Für Friedman ist der Wohlfahrtsstaat ein Betrug an den Leuten, die noch arbeiten und Steuern zahlen. Hier einige wörtliche Zitate aus seinem eben erwähnten Buch. Beginnen wir mit einigen grundsätzlichen Äußerungen zum Markt. So schreibt er Seite 37 in Bezug auf eine umfassende wirtschaftliche Koordination der Menschen selbst schon in einer „einfachen“ Gesellschaft – ma´u könnte sich hier eine Stammeskultur vorstellen -, dass diese „bereits in dem einfachen Modell der Tauschwirtschaft, die weder Unternehmen noch Geld kennt, vollzählig enthalten“ ist, die typische Behauptung der klassischen Ökonomie, die historisch schlicht falsch ist. Und jetzt kommt der entscheidende Gedanke: „Wie in dem einfachen Modell bleibt auch in der komplexen Unternehmens- und Geldwirtschaft die Kooperation (auf einem Markt) vollkommen privat und freiwillig, vorausgesetzt a) die Unternehmen sind privat, sodass die letztlich vertragsschließenden Parteien Individuen bleiben, und b) die Individuen sind tatsächlich frei, einen bestimmtem Austausch zu betreiben oder nicht zu betreiben, sodass jeder Tauschvorgang strikt freiwillig bleibt“. Der Grund, warum aber überhaupt solche Transaktionen ablaufen wird S.36 verdeutlicht: „Voraussetzung (ist), dass beide Parteien einer wirtschaftlichen Transaktion von ihr profitieren, vorausgesetzt die Transaktion geschieht auf beiden Seiten freiwillig und in vollem Wissen darüber, was geschieht. Der Austausch kann daher Koordination ohne Zwang herbeiführen. Das funktionierende Modell einer Gesellschaft, die durch das Mittel des freiwilligen Austausches organisiert wird, ist die freie, auf privatem Unternehmertum basierende Marktwirtschaft – was wir den Wettbewerbs-Kapitalismus genannt haben“ (Hervorhebung M.F.). Und welches ist dann letztlich das Ziel all diese Aktivitäten? „Sich gegenseitig mit dem täglichen Brot zu versorgen“ (also die allgemeine Lebensvoraussetzung zu gewährleisten) und „mit dem jährlichen (!!!) Automobil“. Ja, Sie lesen richtig; mit dem jährlichen Automobil. 

Aber dieser Markt kann noch mehr als nur Waren zu bestmöglichen Bedingungen für alle zu verteilen. So heißt es auf S.47: „ Die weitverbreitete Wirksamkeit des Marktes verringert die Belastung der sozialen Struktur, indem er Konformität (wörtlich; Übereinstimmung mit der Einstellung anderer, hier wohl eher im Sinne von Ausgleich der Verhältnisse zwischen den Menschen gemeint) im Hinblick auf alle damit im Zusammenhang stehenden Aktivitäten (z.B. des Staates) überflüssig macht. Je mehr Aktivitäten durch den Markt erfasst werden, umso geringer ist die Zahl der Probleme, die eine eindeutige politische Entscheidung und Einigung erfordern“. Diesen etwas geschwurbelten Satz auf den Punkt gebracht; da der Markt alles zum Besten aller regelt, regelt er auch die sozialen Probleme einer Gesellschaft zum Besten aller. Und wie erreicht er ein solches Wunder? Auf der Seite 201 wird uns dies deutlich erklärt: „Das große Verdienst des Kapitalismus liegt nicht in der Anhäufung von Besitz (in den USA verfügen die oberen 1% über mehr als 60% des Vermögens), sondern in der Vielfalt von Möglichkeiten, die er den Menschen zur Ausweitung, Entwicklung und Verbesserung ihrer Fähigkeiten verschafft“(??). Deswegen müssen ja auch immer mehr US-AmerikanerInnen 2 bis 3 Jobs betreiben, um überleben zu können. Kennen Sie ein Land auf dieser Erde, auf das sich eine solche Aussagen beziehen ließe? Ich nicht. Der bekannte Ökonom Hans Christoph Binswanger hat ein Buch mit dem sehr interessanten Titel „Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“ geschrieben. Mit solchen Aussagen, wie die eben vorgetragenen, wird eine solche Benennung für ÖkonomInnen eher verständlich. Was hier ausgesagt wird, hat mit unserer täglich erlebbaren Wirklichkeit wenig bis gar nichts zu tun. Das Problem ist nur, dass dieser Mann, der solches von sich gegeben hat, einer der entscheidenden Theoretiker des Neoliberalismus ist, der unsere derzeitige wirtschaftliche Situation bestimmt und mit hervorgebracht hat. Und was noch schlimmer ist, ma´u hat ihm dafür auch noch den Nobelpreis für Wirtschaft verliehen. Nun ist das zwar kein „richtiger“ Nobelpreis, sondern einer den die schwedische Nationalbank gestiftet hat (und wessen Interessen hier vertreten werden, ist damit klar) – angeblich ist die Nobelstiftung am überlegen, diesem Preis seine Bezeichnung Nobel zu entziehen, da hier Standpunkte vertreten werden, die Alfred Nobel nie vertreten hätte -, aber da das kaum jemand weiß, hat er natürlich seine entsprechende Wirkung in der Öffentlichkeit. Aber glauben Sie nicht, dass es keine weitere solcher völlig unzutreffender, die wirtschaftliche Wirklichkeit verschleiernder oder schlicht falscher Aussagen in diesem Buch gäbe. Hier noch zwei weitere Themenbereiche.

Sie erinnern sich sicher, dass Hayek und andere Vertreter der Österreichischen Schule behaupteten, dass das eigentliche Ziel des Kapitalismus keineswegs das Erzielen von Gewinn sei. Hier die Meinung von Friedman. So schreibt er auf Seite 164: „Sie (die Natur eines freien Wirtschaftssystems) besagt, dass die verfügbaren Mittel (in diesem System) möglichst Gewinn bringend eingesetzt und Unternehmungen unter dem Gesichtspunkt der größtmöglichen Profitabilität geführt werden müssen“, allerdings unter „Beachtung der Regeln des offenen und freien Wettbewerbs und ohne Betrugs und Täuschungsmanöver“. Wir werden noch sehen, wie gerade diese Verhältnisse heute wirklich aussehen. Und eine Seite weiter lesen wir: „Es gibt wenig Entwicklungstendenzen, die so gründlich das Fundament unserer freien Gesellschaft untergraben können, wie die Annahme einer anderen sozialen (??) Verantwortung durch Unternehmer als die, für die Aktionäre ihrer Gesellschaften so viel Gewinn wie möglich zu erwirtschaften“ (Hervorh. PS). M.a.W., das Fundament einer freien Gesellschaft, ist der höchstmögliche Gewinn von Aktionären. Es ist einerseits ganz entscheidend, dass jemand mal die Wirklichkeit des kapitalistischen Denkens so deutlich auf den Punkt bringt. Es ist aber andererseits ebenso bezeichnend, dass gerade diese Position öffentlich mit allen Mitteln verschleiert (s.o.) bis bestritten wird, teils mit den oben genannten Aussagen von Mises` u.a., aber auch entweder durch schlichtes Verschweigen, oder durch umfassende Propaganda, die sich dann wieder auf andere Aussagen von Friedman u.a. beziehen, wie solche die ich schon oben zitierte. Und es ist ebenso sehr bezeichnend, dass nicht selten AutorInnen solcher Texte gar nicht merken, wie sehr sie sich selbst widersprechen.

Sehr interessant und wichtig ist auch seine Sicht gesellschaftlicher Macht. So lesen wir S.24f: „Unser Verstand sagt uns, und die Geschichte bestätigt es, dass die große Gefahr für die Freiheit in der Konzentration von Macht beschlossen liegt. Regierungen sind notwendig, um unsere Freiheit zu schützen. Sie sind das Instrument, mit dessen Hilfe wir unsere Freiheit ausüben können, doch bei der Konzentration von Macht in der Hand der Politiker beginnt die Gefahr für die Freiheit“. Und warum werden Menschen überhaupt Politiker? „Es ist die Macht, die sie anzieht und andere Männer aus ihnen macht“. Ja wie, wo? Und die Männer der Wirtschaft? Gibt es da denn kein Problem mit der Macht? Keineswegs. Auf der Seite 32 lesen wir die Begründung: „Die wirtschaftliche Organisationsform, die unmittelbar für wirtschaftliche Freiheit sorgt, nämlich der Wettbewerbs-Kapitalismus, sorgt auch für politische Freiheit, da sie die wirtschaftliche Macht (also doch auch Macht??) von der politischen Macht trennt und es dabei beiden Mächten ermöglicht sich gegenseitig zu neutralisieren“ (!!!). Na jetzt sehen Sie es: Kapitalismus ist nicht nur die heile Welt, er sorgt auch noch dafür. Und wie kann er das? Natürlich ist das der allkönnende Markt. So heißt es S.38f: „Der Markt sichert die wirtschaftliche Freiheit“ und damit natürlich auch die politische, denn „wirtschaftliche Macht kann immer wieder weithin zerstreut werden“ (??). Es wäre ja schön, wenn dies irgendwo auf der Welt gelänge. Aber diese Welt, in der wir leben, ist eine ganz andere. Und das Schöne ist, dass dies Friedman an anderer Stelle wieder zugibt. So schreibt er auf S.55 „Es ist kaum vorstellbar, dass private Unternehmen, die Dienstleistungen gegen Bezahlung erbringen (und das gilt natürlich auch für die Güterwelt), nicht ein beherrschendes Privatmonopol anstreben“ (Hervorh. PS), was natürlich auch enorme Macht bedeutet, wie ma´u ja jederzeit beobachten kann, wenn ma´u denn ohne ideologische Scheuklappen hinschaut. Es ist eigentlich kaum zu erklären, dass intelligente Menschen so widersprüchliche Äußerungen machen, ohne dass ihnen dies selbst, aber auch anderen, vor allen ihren Nach-Betern auffiele. Dies ist nur mit Hilfe der obigen Erklärungen in Richtung unserer ideologische bestimmter „falscher“ „Bilder im Kopf“ nachzuvollziehen. Ein großes Problem wird dies aber, wenn sich solche Meinungen als Ideologien gesellschaftlich durchsetzen und die Wirklichkeit der Gesellschaft bestimmen. Die Absicht der folgenden Überlegungen ist es, diese Umstände so weit wie möglich aufzuzeigen und Möglichkeiten anderer Wahrnehmung vorzustellen.

Der besonderen Bedeutung halber, soll hier noch ein letztes Zitat von Friedman folgen, da dieses in besonderer Weise diese hier schon gezeigte Einäugigkeit, um nicht zu sagen ideologische Blindheit bestätigt. So lesen wir auf S.17 in dem speziellen Vorwort zur deutschen Neuauflage von 2002 folgendes: „In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte die Doktrin (der damaligen Politik) noch gelautet, dass die Entwicklung der Dritten Welt eine zentrale Planung sowie massive Auslandshilfen erfordere. Aus dem Versagen dieses Rezeptes auf der ganzen Linie … und den beeindruckenden Erfolgen der marktorientierten Politik der ostasiatischen Tigerstaaten – Honkong, Singapur, Taiwan, Südkorea – ist eine völlig andere Entwicklungsdoktrin hervorgegangen. Bisher haben viele Länder in Lateinamerika und Asien, und sogar einige in Afrika, die marktorientierte Richtung eingeschlagen und dem Staat nur eine relativ kleine Rolle eingeräumt. Viele ehemalige sowjetische Satellitenstaaten haben dasselbe getan. In all diesen Fällen hat – so wie auch die These dieses Buches lautet – eine Steigerung der wirtschaftlichen Freiheit zu Steigerungen der bürgerlichen und politischen Freiheiten sowie einem höheren Wachstum geführt. Wettbewerbsorientierter Kapitalismus und Freiheit haben sich als untrennbar verbunden miteinander erwiesen“. Diese Sätze sind auf dem Hintergrund der wirklichen Umstände – mit Ausnahme der tatsächlich nicht zuletzt auf Drängen von Friedman geänderten Politik der jüngeren Zeit – fast alle schlicht falsch und daher geradezu unglaublich. In den genannten Fällen kann ma´u fast generell das genaue Gegenteil dessen feststellen, was Friedman hier behauptet. Als seine Vision oder gar Hoffnung konnte er solches beim Ersterscheinen dieses Buches 1962 noch schreiben. Aber im Jahre 2002 hatte sich längst für unideologische oder gar  kritische Beobachter gezeigt – wir werden uns weiter unten umfassend mit Zahlen und Fakten befassen müssen, die dies deutlich belegen -, dass so gut wie keine dieser Vorhersagen eingetroffen waren. Ganz im Gegenteil erwiesen sich diese Rezepte für die meisten der hier erwähnten Länder entweder schlicht falsch, aber in den meisten Fällen als schlicht katastrophal. Dieser Sachverhalt wird auch dadurch nicht besser, dass nicht nur Friedman, sondern auch nach wie vor die weitaus meisten ÖkonomInnen und unsere fast schon „gleichgeschaltete“ Presse die selben unglaublichen und in vielen Fällen zynischen – in Bezug auf die da beschriebenen Umstände gemeint – Scheinwahrheiten wiederholen, um uns ja nicht merken zu lassen, wie bedrohlich unsere Umstände wirklich sind. Alle diese Aussagen bestätigen immer erneut den Titel eines Buches des Cambridger Ökonomieprofessors Ha-Joon Chang „23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen“. Und mit dem obigen Text erweist sich Friedman als einer der wichtigsten, vor allem aber einflussreichsten dieser Lügenerzähler. 

Korrekterweise muss ma´u aber hinzufügen, dass die ökonomische Wissenschaft von Beginn ihrer Entstehung an dadurch umfassend einseitig war, dass sie meist immer nur bestimmte, eben einseitige, in manchen Fällen (siehe Adam Smith) schlicht erfundene, besser gesagt erwünschte Sichtweisen zu ihren Fundamenten erkor und viele dieser Sichtweisen auch dann mit Klauen und Zähnen als Ideologie verteidigte, wenn sie die realen gesellschaftlichen Verhältnisse erkennbar falsch beurteilte und die falschen „Rezepte“ empfahl. Friedman ist daher keine Ausnahme, aber die Folgen dieser von ihm geglaubten und gelehrten Ideologie betreffen heute praktisch weltweit alle Lebensbereiche und zwar in immer umfassenderer negativer bis allgemein bedrohlicher Weise. Es gilt dringend diese Zusammenhänge zu verstehen und eventuell möglichst bald zu beseitigen, da wir uns sonst im schlimmsten Falle selbst „das Licht abdrehen“. Aber am Ende dieses Kapitels nochmals deutlich betont: alles dies, was ma´u uns in der Öffentlichkeit sowohl vom Mainstream der ökonomischen Wissenschaft, der davon beeinflussten Politik und der ebenso beeinflussten Presse ständig über den Kapitalismus, oder allgemeiner über unsere durch die alles regelnde Marktwirtschaft erzählt, erzeugt einen puren Glorienschein um diese, der uns davon abhalten soll, die wirklichen Umstände in unseren Gesellschaften zu verstehen. Und wenn ma´u etwas nicht versteht, kann ma´u es auch nicht verändern. M.a.W., der derzeitige Zustand soll mit allen Mitteln erhalten werden. Aber dieser letzte Satz ist eigentlich viel zu optimistisch. Dieser Zustand soll mit allen Mitteln zementiert werden, damit sich die derzeitigen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse nicht ändern. Wie dies gelingt – natürlich trägt das Erzeugen dieses Scheins dazu erheblich bei –, wird noch ausführlich Gegenstand sein.

2. Abend, das Holon Geld

Wie schon mehrfach betont, ist der Kapitalismus eine menschliche Erfindung – also auch ein Holon (ein Begriff von A. Köstler, unter dem alles Existierende betrachtetb werden kann, nähere Erkläruntgen hierzu, in meinem Buch „Der real existierende Kapitalismus“) – der sich seinerseits auf verschiedene Holons stützt, bzw. nur mit deren Hilfe existieren kann. Aber damit nicht genug; er ist die Erfindung, die dem Holon Geld seine unbegrenzte Vermehrung überhaupt erst ermöglicht. Er wurde sozusagen zum Zweck der unbehinderten, vor allem aber unbegrenzten Geldvermehrung erfunden, wobei seine „Erfinder“ diesen Umstand natürlich nicht im Entferntesten im Sinne hatten. Ihnen ging es nur darum, ihr Geld zu mehren, je mehr desto besser. Damit wird aber eines deutlich: alle diese Entwicklungen hingen und hängen  mit dem Geld als Holon zusammen, genauer, dessen eigenen Bedürfnissen der Vermehrung und seiner weiterschreitenden Spezifikation (s.u.), was es seinerseits nur in der Form des ökonomischen Geldes konnte, das ja ebenfalls schon eine Form einer weiteren Spezifikation des Geldes darstellt. Ökonomisches Geld, insbesondere in der Verknüpfung mit Zinsen erzwingt bei den Geldbesitzern zunächst eine besondere Moral, nämlich nur noch den Bedingungen des Geldes zu gehorchen. Diese Bedingungen sind in einem umfassenden Sinne Erhalt, Spezifikation und Vermehrung. Es ist allgemein bekannt, dass das Holon Geld einerseits im Kapitalismus die entscheidende Rolle spielt, hier wird aber betont, dass es aber andererseits ebenso seiner eigenen Entwicklung dient. Aber welche Rolle genau und welche Entwicklung? Was ist Geld in  diesem Zusammenhang? Wie alle gesellschaftlichen Formen von Aktivitäten oder auch sozialer Gemeinsamkeiten kann ma´u diese als Systeme, in unserem Falle genauer als Kommunikationssysteme verstehen und unter diesem Aspekt beschreiben. Dies gilt in besonderer Weise für die Wirtschaft allgemein, die ja unter dieser Sicht ein soziales System ist, und damit natürlich auch den Kapitalismus speziell. Damit nimmt aber die  Rolle des Geldes innerhalb der Wirtschaft eine besondere, aber auch umfassende Position ein. Diese zu erklären unternahm nun gerade auf das Geld bezogen einer der bedeutendsten Systemforscher Niklas Luhmann in seinem Buch „Die Wirtschaft der Gesellschaft“ gründlich und ausführlich. Da ma´u die ausführlichen Darstellungen und Begründungen darin nachlesen kann, hier in unserem Zusammenhang daher nur einige Grundaussagen. Danach ist Geld im System Wirtschaft das umfassend vorausgesetzte Kommunikationsmedium. Aber solche Medien funktionieren nur in Form von Symbolen in Bezug auf verallgemeinerte Sinnbildung. Der Sinnbezug des Geldes als Medium innerhalb der Wirtschaft gelingt dadurch, dass es die „Verschiedenheit des Verschiedenen überbrücken“ kann, „und zwar ohne dies Verschiedene als etwas anderes, Medienfremdes auszuschließen“ (a.a.O. S.233). Oder m.a.W., Geld kann die Verschiedenheit der zu handelnden Güter in Bezug auf die Absicht zu handeln, sowohl in Bezug auf ihren unterschiedlichen Nutzen, als auch ihren unterschiedlichen Gebrauchswert dadurch überbrücken, dass sie sie auf ihren Tauschwert reduziert und dadurch erst zur Ware und damit Geldwert werden lässt. Sie sind sich mit Hilfe des Geldes nichts „Fremdes“ mehr. Geld vermittelt sozusagen als Tauschwert den Sinn des Handelns im Ausgleich von verschiedenen Bedürfnissen, z.B. zwischen Angebot und Nachfrage, oder noch grundsätzlicher mit den Worten von Luhmann, zwischen Ego und Alter (also Ich und die Anderen). Damit ist aber natürlich Geld erst in Ansätzen beschrieben.

Geld verweist in dieser Funktion auch darauf, dass Ego und Alter in dem Moment des Tauschs in der Überbrückung der existierenden Differenz zwischen ihnen eine durch das Geld vermittelte Übereinstimmung erleben. Aber diese gelingt nur dadurch, dass sie sich, bzw. die beabsichtigte Handlung gegenseitig einschätzen können. Diese Einschätzung aber bezieht sich mit Hilfe des Geldes alleine auf die monetäre Seite dieser Handlung. M.a.W., jeder Handelnde sollte in der Lage sein, den in Geld ausgedrückten Wert seiner Handlung oder seines Angebots einschätzen, aber auch einbringen, bzw. in wichtigen Zusammenhängen durchsetzen zu können. Das hat zwei Folgen: auf der einen Seite muss jede/r Handelnde wissen, „was er“/sie oder seine/ihre Handlung oder Angebot „in Geld Wert ist“ und er/sie muss die Möglichkeit oder gar Macht haben (siehe die Rolle und deren Folgen von Monopolen oder Oligopolen), diesen Wert zu bekommen. Die andere Seite besteht aber darin, „dass alles, was überhaupt auf wirtschaftliche Verwendung hin angesehen wird, auf einen Geldausdruck reduziert wird“ (a.a.O. S. 238). Dieser Umstand ist entgegen den Positionen von Luhmann gar nicht hoch genug beachtet zu werden, da genau hier einer der entscheidenden Ansatzpunkte zum Erkennen der Gefahren des Kapitalismus existiert. Wie ist das gemeint? Hier mit den Worten Graebers: „Geld verwandelt sich in einen moralischen Imperativ (eben weil sich alles, was mit Geld gehandelt wird, in einen Geldausdruck reduziert und damit mit Geld gekauft werden kann). Lässt man dies zu (in einer Ökonomie, dessen Grundlage das Holon Geld ist, geht das gar nicht anders) und breitet sich diese Einstellung aus, so kann sie sich rasch in eine alles beherrschende Moral verwandeln, so dass alle anderen moralischen Gebote im Vergleich dazu albern wirken. Selbst die Beziehungen zu anderen Menschen werden einer Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen. Das besondere Merkmal des modernen Kapitalismus besteht darin, dass er soziale Regelungen hervorbringt, die uns so zu denken zwingen“ (a.a.O. S.338). Ich wiederhole die letzten Worte: so zu denken zwingen. M.a.W., da sich der moderne Kapitalismus umfassend auf dieses Gelddenken – also der unbegrenzten Geldvermehrung – stützt und bezieht, können Menschen, die in diesem System be-fangen sind gar nicht mehr anders denken und handeln. Das Holon Geld hat ihnen seine Existenzbedingungen aufgezwungen. Oder noch anders; die den Kapitalisten immer wieder vorgeworfene Gier, hat nur bedingt etwas mit den Geldbesitzern selbst zu tun, alles aber mit den Existenz- und Entwicklungsbedingungen des Holons Geld. Im  letzten Kapitel wird dieser Zusammenhang nochmals eine wesentliche Rolle spielen. Es scheint, als hätte die frühe Kirche diesen Zusammenhang schon im römischen Reich erkannt, sodass sie zunächst eine kompromisslose Haltung in der Ablehnung zumindest des Zinses einnahm. Sie sah sich wohl in ihrer Rolle als moralische Instanz bedroht und wie die moderne Entwicklung zeigt, hatte sie damit nicht so Unrecht. Als aber am ausgehenden Mittelalter das Geldwesen wieder aufkam, waren ihre früheren Erfahrungen nicht mehr gegenwärtig, vor allem aber war sie selbst zu einem entscheidenden Faktor der Vermögens- und Machtwelt geworden. So wurde das Zinsverbot wieder aufgehoben.

Um es nochmals deutlich zu betonen: mit Geld kann ma´u in einer vom „Geist“ des Geldes bestimmten Einstellung praktisch alles kaufen – also von Menschen auf dem Arbeitsmarkt, Frauen, das Seelenheil, politischen Einfluss und Macht, usw., usw. Luhmann ist nun der Überzeugung, dass durch die zunehmende Einschränkung dessen, was wirklich mit Geld käuflich erworben werden könne, eine gewisse „moralische Freistellung“ zu erreichen sei. M.a.W., durch die Beschränkung des Käuflichen auf definierte Waren könne die Folgen von moralischen Fehlentwicklungen in Gesellschaften, die dem Kapitalismus und den Marktgesetzen unterliegen verringert werden. An anderer Stelle schreibt er aber deutlich, dass „jeder seine Beziehung zum anderen (also seinen Mitmenschen) nach Maßgabe seiner (privaten) Beziehung zum Geld kalkuliert“ (a.a.O. S.241). Aber was meint denn dieser Satz anderes, als dass in einer ökonomischen Gesellschaft letztlich alle zwischenmenschlichen Beziehungen „kalkuliert“, sprich nach Normen von Gewinn und Verlust betrachtet werden. Es sei betont, dass eine solche Einstellung sowohl dem patriarchalen, als auch dem egoisch-rationalen Denken entspricht, aber in gar keinem Falle einem Denken, das uns Menschen in Bezügen wie Nächstenliebe, Mitgefühl und Empathie versteht, geschweige denn von Liebe. Wundert es da noch, dass in unseren derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen die „Werte“ von Egoismus, über Rücksichtslosigkeit bis Kriminalität immer gesellschaftsfähiger werden? Wie ist eine Gesellschaft zu charakterisieren, wenn z.B. die Vatikanbank als Geldwäscheinstitut der Mafia fungiert und Jean Ziegler die globale Verbreitung des Kapitals in einem Buch mit dem Titel „Die Barbaren kommen“ benennt und dabei konstatieren muss, dass die Verhaltensnormen zwischen dem Kapitalismus und dem organisierten Verbrechen immer verschwommener werden? Oder dass ganze Volkswirtschaften im Interesse eines sog. freien Handels ruiniert werden, wie dies in immer größeren Umfange in den Entwicklungsländern geschieht und dabei ist, diese Praxis auch auf die sog. entwickelten Länder auszudehnen, siehe immer größere Bevölkerungsteile der USA und die südlichen Länder der Eurozone? Nicht umsonst spricht Carl Amery im Hinblick auf die derzeitigen kapitalistischen Entwicklungen von Hitler als deren Vorläufer (Carl Amery „Hitler als Vorläufer“). Genau dies sind die Folgen rein wirtschaftlich, genauer geldmäßig kalkulierter zwischenmenschlicher Beziehungen.

Aber um den ganzen Umfang der Geldfolgen und dessen Wirkungen zu verstehen, müssen noch weitere Zusammenhänge beachtet werden. Im Eingang zu diesem Kapitel wurde Geld als ein Kommunikationsmedium benannt, das auf einen Code aufbaut. Was ist aber dieser Code und wie funktioniert er? Nach Luhmann ist dies ein binärer Code, der aus Zahlung und/oder Nichtzahlung besteht. Dieser Vorgang ist die Basis und Grundoperation des Kapitalismus schlechthin. Das gesamte System baut auf Zahlungen oder eben auch manchmal Nichtzahlungen auf. Denn die Zahlung/Nichtzahlung ist die Voraussetzung der Autopoiesis oder Eigenentwicklung des Systems Kapitalismus. Ohne Zahlung/Nichtzahlung gibt es kein System Kapitalismus und keine Weiterentwicklung desselben. Erst die „abartige Funktion“ (Luhmann) des Mediums Geld sorgt dafür, dass immer mehr Güter, dann Grundbesitz und zuletzt Arbeit unter seine Kontrolle kommen. Oder mit den Worten Luhmanns; „Mit Hilfe des Kommunikationsmediums Geld wird ein Wirtschaftssystem ausdifferenziert, das alle eigenen Operationen an der Übertragung von Geldeigentum, also der Differenz von Zahlung und Nichtzahlung jeweils durch Preise bestimmter Geldsummen orientiert“. Und daher kann ma´u erst von Wirtschaftsunternehmen sprechen, „wenn die Zahlung unter er Annahme geleistet wird, dass sie direkt zum Wiedergewinn der entsprechenden Zahlungsfähigkeit (nach Möglichkeit (nein Notwendigkeit) mit Profit) führt“ (a.a.O.S249).

Aber das Geld kann auch durchaus positive Wirkungen erzielen und diese sollte ma´u natürlich bei der Beurteilung der Rolle des Geldes keineswegs übersehen. Geld steht immer in Bezug zu dem was ma´u wirtschaftlich Knappheit nennt, also dem Umstand, dass in aller Regel Güter nie in unbegrenzter Menge zur Verfügung stehen. Nun, Geld löst natürlich dieses Problem nicht, Knappheit wird immer existieren. Aber die Knappheit von Gütern war ja eine der Voraussetzung zum Entstehen von Geld. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, müssen wir uns kurz anschauen, wie Knappheit entsteht. Diese „entsteht, wenn jemand im Interesse der eigenen Zukunft andere vom Zugriff auf Ressourcen ausschließt“ (a.a.O. S.252 Hervorh. N.L.). M.a.W., wenn sich jemand irgend einen Gegenstand nimmt, um damit nach seinem/ihrem Willen zu verfahren, steht dieser ab diesem Moment niemandem anderen mehr zur Verfügung. Wollte doch jemand andere/r versuchen ohne Wille des/der jetzigen Besitzers/in zuzugreifen, könnte dies nur mit Gewalt geschehen. Damit ist dies ein Problem, das unumgänglich innerhalb der jeweiligen Gesellschaft gelöst werden musste und muss. Nun, unsere Vorfahren lösten dies entgegen der Meinung der offiziellen Ökonomie in den Stammeskulturen durch Gewohnheitsrechte, z.B. allgemeines Teilen. Anders hätten sie nicht überlebt. Aber das änderte sich in den immer größer werdenden Gemeinschaften, insbesondere aber durch zunehmende innergesellschaftliche Schichtungen, die Folgen des patriarchalen Denkens. Hier entstanden wohl auch die ersten Formen gewaltsamer Aneignung und damit verbundene Gewaltakte, um dieses Problem zu „lösen“. Daher erforderte dieser Umstand neue Formen der „Gewohnheiten“ damit umzugehen. Aus den frühesten Stadtstaaten wissen wir, dass ma´u dazu überging Verwaltungen zur „gerechten“ Verteilung – also den Eliten mehr und dem Volk weniger – einzuführen. Siehe das frühe Mesopotamien und noch länger Ägypten. Es entstanden aber insbesondere von den Führern erlassene Richtlinien, nämlich das, was ma´u bis heute Rechte nennt, die allerdings vor allem ihre Interessen zum Ausdruck brachten. Aber in der Achsenzeit (ca. 650 v. Chr.) entstand darüber hinaus mit dem Geld eine Möglichkeit zur Überwindung eigener Knappheit diese durch Zahlungen auflösen zu können.

Nun fällt auch dieses Verfahren nicht „vom Himmel“. Zunächst ist zu klären, ob ein/e Besitzer/in überhaupt etwas weitergeben will, oder eben nicht. In der Vergangenheit der Stämme hatte ma´u sich zu diesem Zwecke der Möglichkeit von Geschenken bedient, die aber ihrerseits Gegengeschenke provozierten, oder das was Gräber Schuld nennt, die dann später zu Schulden werden. Dieser Gebrauch entwickelte sich dann zuerst in das soziale Geld und dann zu einem ersten Kreditsystem, was dann vor allem auf den jetzt entstehenden Märkten Anwendung fand. Damit entstand der Tausch, der seinerseits die Voraussetzung für ökonomisches Geld darstellte, das dann in der Achsenzeit zum generalisierten Tauschmedium wurde. Damit entstand jetzt aber eine eigenartige Situation: mit zunehmender Gewohnheit Geld als dieses Mittel zu nutzen, um die eigene Knappheit zu überwinden, wurde es seither üblich – natürlich nur durch klare Gesetze und Androhung von Strafen bei gegensätzlichem Verhalten -, dass der/die Zahlende auf die bezahlte Ware zugreift und die anderen IntersentInnen zuschauen und stillhalten, obwohl sie eventuell selbst das Bedürfnis haben, auf diese Ware zuzugreifen. Hier mit den Worten Luhmanns: „Weil der Erwerber zahlt, unterlassen andere einen  gewaltsamen Zugriff auf das erworbene Gut. Geld wendet für den Bereich, den es ordnen kann, Gewalt ab – und insofern dient eine funktionierende Wirtschaft immer auch der Entlastung der Politik. Geld ist der Triumph der Knappheit über die Gewalt. Zugleich ist das Geld die gesammelte Bereitschaft, sich zu überlegen, was man dafür kaufen kann“ (a.a.O. S.253). Da nun aber Geld vordergründig keinen Eigenwert hat – zumindest solange es nicht durch den Zins einen solchen im Sinne der Vermehrung bekommt – besteht immer das Interesse es zur Überwindung von Knappheit auszugeben. Es könnte das tun, was dieser jetzt dargestellten Funktion entspricht und wäre damit ein wirklich ideales Wirtschaftsmedium, nämlich permanent zu zirkulieren, so dass keine „Staus“ entstünden, was nun seinerseits schwere Schäden für den Staat und die Wirtschaft mit sich bringt. Aber darauf komme ich gleich zurück. Der Liberalismus hatte nun die illusorische Vorstellung, dass dieser jetzt dargestellte Umstand zu der „Freiheit“ auf den Märkten führen würde, die eine freie Marktwirtschaft bräuchte, um einen umfassenden Interessenausgleich herbeizuführen, also das, was Adam Smith unter der berühmten „Hand Gottes“ verstand. Das könnte ja in gewissem Umfange funktionieren, wenn sich, wie in seltenen Fällen, zwei wirklich einigermaßen gleichberechtigte – sprich gleich in ihren Kenntnissen der Ware, in ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten, in ihren Bedürfnissen, ihrem Status, usw. – Personen gegenüberstehen. Der große Fehler des Liberalismus bestand darin, von diesem seltenen Ausnahmefall auf einen generellen Umstand für alle zu schließen, „der Fehlschluss war dann: für beide, also für alle“ (N.L. a.a.O. S.255).

Um nun aber weitere wichtige Funktionen und Zustände des Geldes darzustellen, müssen wir die Systemtheorie verlassen. Geld ist natürlich noch weit mehr als nur ein Kommunikationsmedium der Wirtschaft. Der erste Umstand der zu beachten ist, ist der wichtige Unterschied zwischen einer Metallwährung und einer „abstrakten“ – eine der Bezeichnungen für Papiergeld – Währung. Eine Metallwährung – also speziell auf der Basis von Gold, Silber und Kupfer plus verschiedener Legierungen für Kleinmünzen -, hat den großen Nachteil, dass es sich auf einen existierenden Vorrat solcher Metalle stützen muss. Dadurch kann es sich in gar keinem Falle über diesen Vorrat hinaus vermehren, was schon am Beginn der Entwicklung hin zum Kapitalismus einerseits zu Schwierigkeiten führte – eine steigende Warenmenge kann nicht mehr in der gleichbleibenden Geldmenge abgebildet werden (siehe hierzu auch Karl Polanyi „Die große Transformation“) -, wobei sich aber schon damals wieder ältere Ersatzlösungen anboten, wie Schecks, Wechsel oder Schuldverschreibungen. Dass etwa zur gleichen Zeit – also 16. und 17. Jahrhundert – andere monetäre und Finanzeinrichtungen, aber auch Krisen und Auswüchse existierten – wie Banken, Anleihemärkte, Leerverkäufe, Brokerfirmen, Spekulationsblasen, Verbriefungen, Renten, usw. -, wird selten wahrgenommen, rechnet ma´u doch diese eher der jüngsten Entwicklung zu. Kurze Zeit später entstand dann in den privaten (Holland und England) sog. Zentralbanken auch das Papiergeld, das den Staaten gegen Zinsen „verliehen“ wurde, wenn auch zunächst noch als Metallgeldersatz, wodurch so ganz nebenbei die Geldschöpfung in Bezug auf Kredite durch die Banken sanktioniert wurde, ein Umstand, der bis heute oft unbekannt, aber auch schlicht häufig übersehen wird. Aber ist damit denn das Problem Geldfeld endlich geklärt? Keineswegs. Hier eine kurze Zusammenfassung was Geld alles noch ist, wobei einige dieser Funktionen schon ähnlich angesprochen wurden.

 Auf Grund seiner Aufgaben und Funktionen ist es:

  • Tausch bzw. Zahlungsmittel,
  • Recheneinheit, Wertmesser oder Preisvergleicher,
  • Wertaufbewahrungs- und Wertübertragungsmittel
  • in jüngster Zeit umfassendes und unbegrenztes Spekulationsmittel.

Geht ma´u von einer Sicht im Sinne der Rechtslage und Dokumentationserfordernis oder -möglichkeit aus, dann ist Geld auch;

  • eine anonyme Bestätigung für eine erbrachte Leistung
  • ein weitergebbares Anspruchsdokument auf das Sozialprodukt,
  • das gesetzliche und unter Annahmepflicht stehende Zahlungsmittel (aus „Das Geldsyndrom“ von Helmut Creutz),
  • ist allen Waren wegen seiner Nicht-Vernichtbarkeit überlegen
  • (wenig beachtet) ist die umfassende Basis von gesellschaftlicher Macht.

Aber gerade die beiden zuletzt erwähnten Umstände führten und führen zu von Beginn an existierenden negativen gesellschaftlichen Zuständen und Folgen, die in seiner Handhabung und mit umfassenden inneren Widersprüchen des Geldes in Bezug auf seine innergesellschaftlichen Wirkungen stehen. Ma´u stößt schnell auf diese, wenn ma´u sich wichtige Verhältnisse und Bestimmungen mit Hilfe der Logik betrachtet;

  • Da ist Geld eine öffentliche Einrichtung, gleichzeitig aber auch privates Eigentum, obwohl nichts in der Welt zwei Herren dienen kann.
  • Da ist Geldvermehrung durch gefälschte Banknoten und Münzen bei Strafe untersagt, die Geldverminderung durch Entzug von Banknoten aus dem Wirtschaftskreislauf jedoch erlaubt.
  • Da ist Geld das einzige gesetzliche Zahlungsmittel, gleichzeitig aber auch ein beliebig verwendbares Spekulationsobjekt.
  • Da unterliegt Geld einem allgemeinen Annahmezwang, aber keinem Weitergabezwang, obwohl das erste ohne das zweite keinen Sinn ergibt.
  • Da wird Geld gleichzeitig als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel deklariert, obwohl die zweite Funktion die erste aufhebt.
  • Da wird kein Maßstab in der Wirtschaft so oft gebraucht, wie das Geld, aber dessen Kaufkraft nicht stabil gehalten.
  • Da ist unser Geld mit einem Zins- und Zinseszinseffekt gekoppelt, obwohl dieser zu einem exponentiellen Wachstum führen muss. (a.a.O. S.20f)

Da ich hier unmöglich eine breite Diskussion zu allen Umständen und Zusammenhängen, die das Geld ausmachen und seine unterschiedlichsten Wirkungen belegen könnten, durchführen kann – wobei ma´u dies natürlich in vielen Büchern nachlesen kann, auch in dem hier eben angeführten -, muss ich doch gerade auch in Bezug auf den Zins (s.u.) und seine Herkunft wie Wirkung auf einen Sachverhalt aufmerksam machen, der erstens aus den obigen Zitaten zu erkennen ist und zweitens direkt mit dem Thema der Wirkung des Holons Geld zusammenhängt. Gemeint ist hier die Rolle, wie das Geld in besonderer Weise die in machthierarchischen Gesellschaften existierenden Machtverhältnisse betrifft und bezeichnet. Alle die eben angeführten inneren Widersprüche des Geldes sind nur zu erklären und verständlich, wenn ma´u sich bewusst macht, in welch umfassender Weise Geld gerade mit diesen Umständen zusammenhängt und diese begründet. M.a.W., da Geld, speziell das ökonomischen Geld – zumindest in den Zeiten, in denen es existierte -, von Beginn seiner Existenz an bis heute, von den jeweiligen Eliten dazu genutzt wurde, ihre Privilegien mit dessen Hilfe zu festigen und auszubauen, kommen diese Widersprüche genau daher. Was meint dieser Satz? Geld könnte seine Rolle als Wirtschaftskommunikationsmedium dann besonders gut spielen, wenn es diese inneren Widersprüche nicht mit sich tragen müsste. Ganz konkret; wenn Geld nur öffentliche Einrichtung wäre, Geldrückhaltung bestraft würde, Geldspekulation verboten wäre, immer umfassend ausgegeben würde, es nicht aufbewahrt werden könnte, stabil wäre und keinem Zins- und besonders Zinseszinseffekt unterläge, würde erstens die Wirtschaft problemloser laufen, vor allem aber mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Krisen mehr produzieren. Wie kann ich eine solche abenteuerliche Behauptung, die praktisch allen ökonomischen Kenntnisse und Theorien zu widersprechen scheint belegen?

3. Abend, Zins und Zinseszins

Am ehesten kann ma´u sich diesen Zusammenhang verdeutlichen, wenn ma´u sich den Zins und seine Begründung anschaut. Vorab ist allerdings festzuhalten, dass die Ökonomie bis heute keine wirklich zutreffende Begründung des Zinses zu liefern imstande war, oder anders formuliert, einen Wust solcher präsentiert. Beleg; schaut ma´u z.B. in Wikipedia nach, kann ma´u mehr als 10 solcher Theorien finden – vom Allokationsmechanismus der Klassik, über die „zusätzliche Ergiebigkeit“, eines Produktivitätszuwachses von Böhm-Bawerk, die schon fast abstruse Theorie der „subjektiven Wertungen der Menschen“ von v.Mises,  die Liquiditätspräferenztheorie von Keynes, usw., bis zur Fruktifikationstheorie, der Abstinenztheorie, der Grenzproduktivitätstheorie, der Urzinstheorie, der „Dynamischen Zinstheorie“, der „Ausleihbare-Fonds-Theorie“, und zur Eigentumstheorie des Zinses von Heinsohn und Schweiger – und ma´u kann davon ausgehen, dass andere ÖkonomInnen weitere solcher Theorien vorlegten, die hier nicht erwähnt wurden. Und genau dieser Umstand ist sehr bezeichnend und verweist in die Richtung des eigentlichen Problems mit dem Zins, nämlich den wirklichen Grund für die Zinsen einfach zu verschleiern bis verschweigen. Aber es wäre doch schlicht zu voreilig und wahrscheinlich auch unzutreffend, allen hier erwähnten Ökonomen und Theoretikern diese Absicht zu unterstellen und das Thema ist ja auch gar nicht so einfach, vor allem wenn ma´u bestimmte Blickrichtungen grundsätzlich ausschließt. Es muss sich allerdings erst noch erweisen, ob ich hier eine zutreffendere vorstellen kann. Schauen wir also genauer.

Um den wirklichen Umstand des Zinses und seiner Folgen in den Blick zu bekommen, müssen wir uns nochmals kurz seine Entstehung anschauen. Nach allem, was wir derzeit wissen, entstand der Zins als eine Art Vorauszahlung zu erwartender Gewinne der ersten Handelsaktivitäten in Mesopotamien, also in einem der frühesten Staaten, die auf der Grundlage egoisch-patriarchalem Denken entstanden waren. Bekanntlich waren es aufbewahrte Güter der damaligen Verwaltungen, die zuständige Verwalter an erste Händler weitergaben, die diese bei außerhalb der Grenzen dieser Staaten lebenden Menschen gegen andere Güter eintauschen sollten, die es auf dem Staatsgebiet selbst nicht gab, also insbesondere Holz, Steine und Metalle. Das Zurücklegen größerer Entfernungen war natürlich in der Vergangenheit nicht ganz ungefährlich, so dass die Verantwortlichen wohl in aller Regel nach ihrer Rückkehr solche möglicherweise eingetretenen Gefahren – also mögliche Wetterwirkungen, Überfälle oder Diebstähle – anführten, um für sich mehr herauszuschlagen. Da nun aber die Verwaltungsbeamten erstens solche Berichte nicht überprüfen konnten, zweitens wohl auch zukünftig solche Auseinandersetzungen vermeiden wollten, verlangten sie ab einem nicht ganz genau bekannten Zeitpunkt grundsätzlich eine 10%tige Zusatzabgabe. Zu beachten ist hier aber auch, dass diese Wertangabe auf den Wert dieser Waren innerhalb dieser Staaten bezogen war, der natürlich in aller Regel nicht mit dem Wert in den besuchten Ländern identisch war, den die Händler in dem dortigen Handel erfahren hatten. Damit übertrugen aber die Beamten das Risiko für mögliche Verluste auf die Händler. Diese Praxis einer weitgehend risikolosen – da das Risiko ja auf den Händler übertragen worden war – Wertvermehrung, ohne nähere Begründung einer Ursache oder Voraussetzung, wurde dann schnell übliche Praxis bei allen geschäftlichen Beziehungen, wo es ja immer um Wertebewegungen geht. Nochmals ganz deutlich, was hier vor sich ging ist die erste solcher Maßnahmen, ohne die das Folgende nicht verständlich wird.

In wirklich sozialen Ökonomien war der gegenseitige Umgang von Menschen, die in welcher Weise auch immer mit Werten umgingen und/oder „Schulden“ (s.o. Graeber) beglichen, immer durch gegenseitige Gleichberechtigung geprägt. Ma´u begegnete sich „auf Augenhöhe“. Eine persönliche Erfolgs- oder Wertvermehrungsabsicht fehlte in solchen Wertbewegungen grundsätzlich. In dem eben dargestellten Ablauf in Mesopotamien ist das aber von Beginn an sowohl zwischen Verwaltung und Händlern, als auch zwischen Händlern und Kunden auf den neu entstandenen Märkten nicht mehr der Fall, obwohl uns das die Marktideologie bis heute als Grundlage aller Märkte aufschwätzt (s.o. und u.). M.a.W., wir haben es immer grundsätzlich mit einem Verhältnis von Überlegenheit und Unterlegenheit zu tun, also Machtdifferenzen, die noch zunehmend durch Gewinnabsichten erhöht werden. Aber auch hier ist es wichtig diese genauer zu benennen. Die jeweilige Über- bzw. – Unterlegenheit auf einem Markt ergibt sich nicht notgedrungen aus einer jeweiligen rein menschlichen Machtposition, sondern aus dem Wissen zur Ware und der unterschiedlichen Verfügbarkeit über die erwünschten oder zu handelnden Güter und/oder Waren generell. Hier existierte und existiert bis heute weder Gleichberechtigung noch gleiche Augenhöhe. Diese kann sich zwar in manchen Fällen einer wirklich „freien“ Begegnung von Angebot und Nachfrage annähernd ergeben – denn letztlich wollen hier jeweils beide von dem Gegenüber etwas, der/die Eine die Ware, der/die Andere das Geld -, aber je größer der Abstand zwischen Über- und Unterlegenheit wird, umso größer und umfassender die Möglichkeit der Durchsetzung des jeweiligen eigenen Interesses.

Kommen wir zurück auf die erste Zeit, wo es üblich wurde, Zinsen auch für Konsumgeschäfte oder auf Konsummärkten zu verlangen. Vorab ist es nochmals wichtig zu beachten, dass wir hier am Beginn dieser Entwicklung noch in einer Zeit sind, in der geschäftliche Abläufe allgemein über Kredite abgewickelt wurden, da es noch kein ökonomisches Geld gab. Die Händler übertrugen jetzt einfach ihre eigenen Verhältnisse und Erfahrungen mit der übergeordneten Verwaltung auf ihre eigenen Kunden. M.a.W., auch die Händler verlangten einen Mehrbetrag bei der Rückzahlung – das galt am Beginn natürlich für Naturalien und übertrug sich erst später auf das Geld – und gaben  dadurch behauptete Minderungs- oder Ausfallrisiken von Werten an diejenigen weiter, die diese von ihnen erwerben wollten. Dies galt vor allem aber dann, wenn diese nicht sofort „bezahlt“ wurden, was damals die Regel war. Was aber geschah hier konkret? Ein Händler gab einem Bauern einen Scheffel Weizen als Kredit, verlangte aber bei der „Rückzahlung“ mehr, und zwar „mehr“ im Rahmen eines üblichen Zinssatzes. Dieses Mehr konnte er nun aber natürlich weiterverkaufen und dadurch Gewinne erzielen, die sehr wohl auch über seinem Einsatz lagen, z.B. in Bezug auf seine „Arbeitszeit“ gerechnet, die durch seine Anwesenheit auf dem Markt zustande kam. Dies ist allerdings ein Argument, das eher der modernen Denke geschuldet ist, denn solche Bezüge „dachte“ ma´u damals noch nicht. Für den kreditnehmenden Bauern entstand dadurch zunächst eine kleine Zusatzbelastung, die er wohl bei normalen Umständen, sprich einer üblichen Ernte, verkraften konnte. Entstanden aber durch Wetterunbilden, Kriege oder andere Umstände einmal schlechte Ernten, was ja immer wieder vorkommen kann, dann bekam er ein echtes Problem, denn er konnte seine Schulden nicht zurückzahlen. Vielleicht „stundete“ ihm der Händler seine Schuld ein weiteres Jahr, allerdings natürlich erhöht durch eine weitere Zinsbelastung.

Woher aber kommt ein solches Denken, das einem anderen Menschen einfach etwas zum eigenen Vorteil abverlangt? Auch hier sind wieder mindestens zwei Seiten zu beachten. Zunächst denken solche Menschen im gegenseitigen Umgang nicht mehr auf „Augenhöhe“, sondern in hierarchischen Bezügen. Dazu kommt, dass diese Hierarchie ihrerseits durch Machtverhältnisse bestimmt ist. Ob dies damals dadurch zustande kam, dass die Händler eher zur Elite der Gesellschaft zählten, oder entsprechende Gesetze diese ihre Positionen absicherten – wobei solches nur dadurch zustande kommt, wenn die eigentliche Elite die Klasse der Händler bevorzugt -, ändert an dem Ergebnis für die betroffenen Menschen gar nichts. Entscheidend ist aber, dass alle diese Umstände nur auf dem Hintergrund patriarchal- egoischen Denkens möglich sind, denn hier wird ja immer nur sowohl ohne Skrupel als auch ohne jede Rücksicht auf die Folgen für die betroffene Seite im absoluten Eigeninteresse gehandelt. Nur mein Interesse und Vorteil zählt, wie es den Andern geht ist egal. Das hat aber bis heute gravierende Folgen. Schon sehr früh wurde es üblich, dass Händler zum Schuldenausgleich entweder kostenlose Arbeit von dem Bauern verlangten, was dann zu dem wuchernden Problem der seither bis in jüngste Vergangenheit existierenden Zinsknechtschaft führte, noch schlimmer wurde es, als es üblich wurde für nicht bezahlte Schulden Sklaven – sofern der Bauer überhaupt welche hatte -, oder gar eigene Familienmitglieder bis zu dem Bauern selbst zu verlangen, die dann als Sklaven weiterverkauft wurden. Diese Praxis zeigt zunächst deutlich den Unterschied zwischen Händlern und anderen Menschen in den Möglichkeiten Macht und letztlich auch „legale“ Gewalt einzusetzen, um  Schulden einzutreiben. Ma´u muss davon ausgehen, dass in all diesen frühen Staaten Gesetze existierten, die die Händler, bzw. alle Geld- und Vermögensverleiher in einem solchen Sinne schützten, oder anders formuliert solche Eintreibepraktiken zuließen und sanktionierten. Ein weiteres Problem kam och oben drauf. Nicht wenige solcher Händler und später Geldverleiher verlangten absolut ausufernde Zinsen. 5 – 10% pro Monat waren nicht selten. Aus all diesen Gründen kam es nun in der Folgezeit zu weltweit enormen Auswirkungen dieser Praktiken, von Flucht, Aufständen bis zeitweiligen oder gar regelmäßigen staatlichen Erlassen – siehe das Sabbatjahr, das in der Bibel erwähnt wird, wobei diese Praxis nur für Israelis selbst galt -, die versuchten die Folgen dieser Praktiken zumindest einzudämmen. Solches kann ma´u umfänglich in der Literatur finden. Was aber ging und geht letztlich immer noch in Wirklichkeit in solchen Zusammenhängen vor sich? Wie kann ma´u ein solches Verhalten erklären? Vor allem aber ist es und war es je zu rechtfertigen?

Schauen wir uns also nochmals die Umstände etwas genauer an, wobei aber unbedingt immer zu beachten ist, welche privaten und/oder öffentlichen Bezüge hier eine entscheidende Rolle spielten und bis heute spielen. Ich will aber noch zum besseren Verständnis der folgenden Argumentation hinzufügen, dass ich grundsätzlich davon ausgehe, dass alle Menschen gleich sind und daher gleichberechtigt sein sollten, und dass das Interesse der Gemeinschaft immer dem Einzelner vorgeht, zumindest solange eine einzelne Person dadurch nicht ungebührlich belastet oder gar ungerecht behandelt wird. Beginnen wir also wieder ganz am Beginn. Die damaligen Verwaltungen waren ja wohl dadurch entstanden, dass sich die führenden Personen und Klans genötigt sahen, die Verhältnisse in diesen wachsenden Gemeinschaften so zu regeln, dass möglichst alle darin zufrieden leben konnten. Das hatte aber damals natürlich folgenden Hintergrund; wir haben es mit einer relativ kleinen Führungsschicht zu tun und einer viel größeren übrigen Bevölkerung. Außerdem waren längst patriarchal-egoisch bedingte hierarchische Machtstrukturen entstanden, die ihrerseits bei Bedarf mit Gewalt umgesetzt oder gar verteidigt wurden (siehe hierzu auch Stanley Diamond „Kritik der Zivilisatuin“). Diese Verwaltungen waren also einerseits staatliche Einrichtungen zur Gewährleistung gerechter Verteilung – wobei diese darin bestand, das die Eliten über die Überschüsse im Sinne von möglichem Luxus verfügten und die übrige Bevölkerung „ausreichend“ versorgt war, was wohl auch je nach Umständen wechseln konnte -, andererseits aber auch in einem erheblichen Umfange Repräsentation der Staatsmacht (siehe z.B. die ja recht gut bekannten Verhältnisse in Ägypten). Sie konnten also ihre Position gegenüber den Händlern ohne Probleme um- und durchsetzen, wobei allerdings das nun eingenommene Mehrprodukt wieder allen in der üblichen Weise zur Verfügung stand. Dies änderte sich aber in der neu entstehenden Praxis der Zinsnahme auf den Märkten zwischen Händlern und „Privatkunden“ ganz grundsätzlich. Schauen wir zunächst, ob es überhaupt eine sachlich zu rechtfertigende Begründung für eine Zinszahlung, also das Verlangen und Erwarten einer Mehrzahlung gibt oder nicht.

Der erste entscheidende Unterschied existiert hier zwischen Waren und ökonomischem Geld. Worin besteht dieser? Bekanntlich ist Geld allen Waren in seiner Haltbarkeit und allgemeinen Begehrtheit weit überlegen. Erstens „altern“ Waren, wenn auch unterschiedlich schnell (siehe auch die Geldbegründung bei Locke). Sind es lebende Waren, wie z.B. damals Sklaven oder bis heute Tiere, die zeitweilig ausgeliehen wurden, dann altern diese in der Zwischenzeit auch, darüber hinaus verbrauchen diese in einer solchen Zeit auch so etwas wie allgemeine Lebenskraft. Unter all diesen Bedingungen ist es in einem gewissen Umfange gerechtfertigt, einen zeitlich bezogenen Wertverlust im Sinne von Zinsen zu verlangen, wobei dies natürlich nicht das Mindeste mit dem schon sehr früh einsetzenden Zinswucher zu tun hat. Gerade diese letztere Praxis verweist erneut in den Zusammenhang, dass die Kreditgeber praktisch zu allen Zeiten ihren jeweiligen Kreditnehmern gegenüber rechtlich absolut überlegen waren. Oder anders formuliert; es wurde fast zu allen Zeiten – manchmal setzten Staaten Zinsobergrenzen fest – als selbstverständlich erachtet, dass die „Unterschichten“ der jeweiligen Bevölkerungen reine Ausbeutungsobjekte jeder Willkür waren und Händler gehörten zu fast allen Zeiten zu denjenigen Bevölkerungsgruppen, die sich rechtlich und damit staatlich sanktioniert so verhalten konnten. Aber nochmals konkret; bei Kreditgeschäften mit Waren sind rein rational gewisse vernünftig zu begründende Zinsaufschläge vertretbar. Seit der Existenz des ökonomischen Geldes sind diese Forderungen aber schlicht unbegründet. Warum ist das so?

Ökonomisches Geld verliert – in der Regel (s.u.) – bei einem Verleih keinen Wert, also kann ma´u dafür auch keinen Ausgleich verlangen. Dies gilt in noch umfassenderer Weise für staatlich garantiertes und erst recht abstraktes Geld, ob als Papiergeld oder gar digitales Geld ist unerheblich. Warum aber werden dann trotzdem seit mehr als 2000 Jahren – mit Ausnahme der Verbotszeiten durch die Religionen, die dann aber eh meist umgangen wurden und werden – Zinsen und dann auch Zinseszinsen, die besonders schädlich sind erhoben, ohne dass sich ernsthafter Widerstand dagegen erhebt? Die Gründe sind durchaus vielschichtig, laufen aber letztlich immer auf einen im Hintergrund existierenden letzten Punkt zusammen, nämlich gesellschaftliche Macht. Macht ist hier im doppelten Sinne zu verstehen, nämlich erstens als die Fähigkeit und Möglichkeit diese Umstände durchzusetzen und öffentlich so zu begründen – die Gedanken (und Interessen) der Herrschenden sind die herrschenden Gedanken der jeweiligen Zeit (sinngemäß nach Marx) -, dass ein solcher Vorgang immer allen als gerechtfertigt erscheint. Aber insbesondere auch in dem Sinne, dass Geld immer umfassender die Voraussetzung von Macht war und ist. Wenn ma´u eben, wie oben schon erwähnt, mit Geld alles kaufen kann, dann kann ma´u natürlich auch Macht kaufen, ob als Waffen, Militär, Führungspositionen in Gesellschaft und Wirtschaft bis PolitikerInnen. Wie nun Geld in diesem machtorientierten Sinne benutzt, eingesetzt und be- und gehandelt werden kann, kann ma´u deutlich an den oben benannten Widersprüchen erkennen. Ob das Zurückhalten des Geldes als Eigentum, dem damit verbundenen Entzug des Geldes aus dem Wirtschaftskreislauf, die Möglichkeit des zinsbelohnten Aufbewahrens – also das Sparen insbesondere in großen Mengen – oder der Kreditvergabe, bis hin zum Objekt unbegrenzter Spekulation, immer geht es nur um einen Umstand, eine rechtlich abgesicherte unbegrenzte Vermehrung des Geldes in den Händen weniger Menschen, auf Kosten – im doppelten Sinne von Um-Verteilung von unten nach oben und der Macht-über – aller anderen Menschen, inzwischen weltweit. Warum, und vor allem wie funktioniert das?

Die Frage warum ist schnell beantwortet. Da vor allem ökonomisches Geld von Beginn seiner Existenz an einer der entscheidenden Voraussetzungen der Macht wurde – aus all den eben genannten Gründen der Käuflichkeit von fast allem und fast jedem -, ist es nicht verwunderlich, dass von Beginn an die Eliten teils durch direkte Gewaltanwendung, teils entsprechende Gesetze dafür sorgten, dass sie über genügend Mittel verfügten. Auch hier gab es natürlich die unterschiedlichsten historischen Umstände, aber auch dies kann in der entsprechenden Literatur nachgelesen werden. Der entscheidende Punkt dieser Verhältnisse ist nur auf dem Hintergrund des Denkens auf den Weltsichtebenen zu verstehen, die sich mit dem Ich identifizieren, also egoisch und rational. Es gibt für diese Aussage einen einfachen Beleg, die Zeit des mythologischen Denkens zwischen diesen beiden Ebenen. Nicht umsonst verschwand während dieser Zeit weltweit fast komplett das ökonomische Geld und auf den Märkten – sofern es überhaupt noch welche gab – wurde wieder weitgehend das frühere Kreditsystem üblich. Um es anders auszudrücken; da wir sowohl im egoischen, als auch im rationalen Denken vor allem und zuerst an uns selbst denken und erst dann, wenn überhaupt, an die Folgen unseres Handelns auf andere Menschen oder gar, wie heute auf die Natur, ist eine solche Handlung zu verstehen. Es geht in diesen Ebenen darum, vor allem und zuerst sich selbst Vorteile zu verschaffen, auf wessen Kosten auch immer. Und das ökonomische Geld in Verbindung mit dem Zinssystem zeigte von Beginn seiner Existenz an, dass es hervorragend zu einer permanenten Umverteilung des Vermögens in der Lage ist, ohne dass ma´u wirklich verstehen muss, wie dies funktioniert. Dies – also das Nicht-Verstehen – gilt aber umfassend bis heute für die betroffenen unteren Bevölkerungsteile und damit dies auch so bleibt, darf dies nicht an die Öffentlichkeit kommen. Hier liegt meiner Überzeugung nach der eigentliche Grund für die bisher weitgehend unzutreffenden Begründungen des Zinses.

Wie aber funktioniert das Ganze, also der Zins und insbesondere der Zinseszins und welche Folgen hat dies ganz konkret? Nun, der Zins ist ein völlig unbegründeter – zumindest in Bezug auf ökonomisches Geld – aber nicht desto trotz immer existierender Aufschlag auf geliehenes Geld, der grundsätzlich Schulden hervorbringt. Begründung: wenn ausgegebenes Geld verzinst wird – was ja allgemein üblich ist – können die Zinsen nicht mit dem ausgeliehenen Geld bezahlt werden, da es sonst je keine zusätzlichen Einnahmen gäbe. Also müssen die Zinszahler sich dieses Geld bei anderen besorgen, z.B. durch geschäftliche Aktivitäten auf Märkten. Aber letztlich bleiben immer Schuldner übrig, da ja die Zinsen aus dem ausgegebenen Betrag bezahlt we5rden müssen, da ja sonst kein Geld existiert.. Die Voraussetzung dieser Handlung ist einerseits schlicht die Unersättlichkeit, aber andererseits eben auch die Macht derjenigen, die dies fordern bzw. sanktionieren. Dieser Umstand war von Beginn an immer, neben den finanziellen Folgen, ein Unterwerfungssignal an die unteren Bevölkerungsteile und gleichzeitig eine Unterwürfigkeitsbestätigung derselben, die allerdings erstens immer die absolute Mehrheit bildeten. Dass sie darüber hinaus zweitens durch die Arbeit die eigentlichen Schöpfer all der Reichtümer waren und sind, über die die Eliten nach Belieben verfügten und bis heute verfügen, ist bis heute ein absolutes Tabuthema und wenn es jemand wagte es anzusprechen, war er sofort eine persona non grata, siehe z.B. Marx. Es war und ist eine gesellschaftlich sanktionierte – allerdings im Interesse und auf der Grundlage der Macht der Eliten hervorgebrachte und vor allem schon immer ohne Wissen der Betroffenen – permanente Teilenteignung, ja in manchen Umständen eher Beraubung der Gesellschaft. Dass sie darüber hinaus auf diese Art und Weise auch noch die eigentlich, zumindest in einem gewissen Rahmen, sinnvolle Rolle und mögliche positive Wirkung des Geldes weitgehend aufhebt bis zerstört, wird einfach in Kauf genommen. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie als die LeserInnen dieser letzten Sätze völlig perplex bis wütend sind. Das was dieser Mann da schreibt, kann doch überhaupt nicht stimmen. Ich selbst profitiere doch auch von diesen Verhältnissen, wenn ich mein Geld auf die Bank bringe? Wo bleibt der Beweis für diese abenteuerlichen Behauptungen? Nun, hier ist er. Wenn Sie als NormalbürgerIn mit durchschnittlichem Einkommen Geld zur Bank bringen und dafür Zinsen bekommen – sofern es dafür überhaupt welche gibt -, haben sie diese Zinsen längst selbst vorfinanziert. Und wie funktioniert das? Es dürfte allgemein bekannt sein, dass im derzeitigen kapitalistischen System praktisch alle Wirtschaftsaktivitäten durch Kredite finanziert werden. Für alle diese Kredite müssen Zinsen gezahlt werden. Diese gezahlten Zinsen sind für den/die UnternehmerIn Kosten und werden über die Preise weitergegeben. Diese landen am Ende alle bei den Endprodukten, die wir alle als Waren kaufen. Nach Aussage der Statistik beträgt dieser Wert im Durchschnitt aller Preise rund 40%. M.a.W., wenn sie irgendetwas für 10,00€ kaufen, zahlen Sie immer 4,00€ als Ihren Kostenanteil der Zinsen. Mit Hilfe eines Taschenrechners können Sie sehr schnell errechnen, wieviel Geld Sie auf die Bank bringen müssten, um diesen Betrag – natürlich auf Ihre Gesamtausgaben umgelegt – ausgleichen zu können. Es sind je nach Zinssatz in jedem Falle Beträge – bei den zuletzt üblichen Zinsen über eine Million -, die kein Durchschnittsbürger auch nur annähernd aufbringen kann. Damit ist völlig klar; alle diese Zinszahlungen sind Zahlungen zur Vermögensvermehrung der wenigen wirklich Reichen. Wenn aber jemand eine solche Aussage macht, erhebt sich sofort das Geschrei Populismus, Sozialneid, usw., usw. M.a.W., damit wird immer wieder jede Kritik an diesen Zusammenhängen verhindert bis abgewürgt, denn natürlich könnte es gefährlich werden, wenn wirklich die Mehrheit der Bevölkerung diese Tatsachen erkennen könnte und vielleicht sogar Schlüsse daraus zöge. Das Traurige ist aber, dass mit diesen Aussagen keineswegs das ganze Ausmaß dieses Skandals dargelegt ist. Es gibt einen Umstand, der das Ganze noch verschlimmert, der Zinseszins nämlich. Bevor ich aber zu diesem Thema komme ist zum Zins noch ein weiterer, besonders tabuisierter Umstand zu erwähnen, der Sachverhalt nämlich, dass der Zins prinzipiell Schulden generiert. Wie funktioniert jetzt das? Nehmen wir an, die Zentralbank gibt  eine bestimmte Geldmenge – der Einfachheit halber gehen wir von 100 Währungseinheiten (WE) – aus, und verlangt dafür 5% Zinsen, also 105 WE Rückzahlung. Was in der Regel niemand beachtet, ist der Umstand, dass die 5% gleich 5 WE gar nicht mit ausgegeben werden, da ja sonst gar kein Mehrbetrag von 5 WE zurückkäme. M.a.W., diese zusätzlichen 5 WE müssen sich die Rückzahler irgendwoher besorgen. Das geschieht in der Regel durch um die Zinslast erhöhte Preise, die die Käufer zu zahlen haben. Da ja aber auch diese auf nicht mehr WE zurückgreifen können, als auf die ausgegebenen 100 WE, gibt es ab sofort immer Personen, denen diese 5 WE abgehen, ein Umstand den wir üblicherweise Schulden nennen und wodurch prinzipiell gesellschaftlicher Reichtum „von unten nach oben“ umverteilt wird. Da dieser Zusammenhang öffentlich selten bis nie dargestellt wird, empfielt es sich, sich diesen Ablauf sehr sorgfältig anzuschauen, um ihn wirklich in all seinen Folgen nachzuvollziehen. Aber kommen wir zum Zinseszins und dessen besonders üblen Folgen zurück.

Huch, was meint der denn jetzt? Zinseszins gehört doch zum Zins, wie das Ei zur Henne? Ist das wirklich so? Natürlich überhaupt nicht. Auch hier ist wieder eine genauere Prüfung der Umstände erforderlich. Im Zusammenhang mit dem Zins und seinen Folgen ist es unerlässlich die verlaufende Zeit eines Kredites im Auge zu behalten. 10% Zins sind am Ende eines Jahres 10% Mehrleistung, am Ende des zweiten Jahres 20% usw. So weit so gut. Irgendwann kam ein besonders schlaues Kerlchen auf folgende Idee; bei einem Zins von 10% habe ich ja am Ende des ersten Jahres – oder jeder anderen vereinbarten Zeiteinheit – ja einen um 10% höheren Betrag. Wäre das denn nicht clever – natürlich nur in seinem Interesse – den jetzt fälligen neuen Zins der kommenden Zeiteinheit auf diese 110% zu erheben, die ja jetzt den zu verzinsenden Betrag ausmachen könnte? Aber ja doch, das machen wir. Dadurch kann ich meine Einnahmen weiter um 1% steigern, ein Betrag, der ja eh kaum ins Gewicht fällt. Ja, wenn das Ganze so einfach wäre. Bei diesem letzten Argument werden schlicht zwei wichtige Umstände nicht beachtet; erstens die zu verzinsende Geldmenge und zweitens ganz besonders der Zeitfaktor. Ein so praktiziertes System ist nämlich exponentiell. Was bedeuten diese beiden Hinweise? Betrachten wir zunächst die Geldmenge. 1% von einer Million WE  sind schon 10000 WE. Um die Folgen kurz zu verdeutlichen, hier ein Hinweis. Wenn Sie als zukünftige/r HäuslebauerIn einen höheren Kredit – sagen wir 50% des Hauspreises – mit einer Laufzeit von 25 Jahren aufnehmen, haben Sie am Ende dieser Rückzahlungszeit – natürlich je nach Zins und Zinseszins – das Haus mindesten doppelt bis dreifach bezahlt. Rechnen Sie es nach, wenn Sie es nicht glauben können. In diesem Beispiel kommt aber die Brisanz des Zeitfaktors im Zinseszins noch gar nicht wirklich zum Vorschein. Zu dessen Verdeutlichung gibt es ein interessantes Gedankenexperiment, das den ganzen Irrsinn dieser Praxis belegt, den sog. Josephspfennig. Was meint das? Angenommen Joseph, der Vater von Jesus hätte bei der Geburt seines Sohnes 1 Pfennig zur Bank gebracht und bekäme seither einen Zins und Zinseszins von 5%. Anfang der 1990er Jahre rechnete ein deutscher Mathematiker mit Hilfe seines Computers einmal aus, was heute auf dieser Bank liegen müsste. Sitzen Sie gut? Er bekäme im Jahre 2004 rund 268 Milliarden und im Jahre 2018 536 Milliarden. Ja aber was? Euro, Dollar, oder eine andere Währung? Nein, Goldklumpen, jeder im Gewicht unserer Erde. Kann ma´u diesen Irrsinn noch deutlicher zum Ausdruck bringen? Da dieses Beispiel allerdings sehr an der Grenze des Vorstellbaren liegt, hier ein etwas konkreteres. Wie könnten Sie Ihr Kind unter durchaus möglichen Bedingungen innerhalb ihres/seines Lebens zum/r MillionärIn machen? Wenn Sie eine Bank finden – im Moment etwas schwierig – die Ihnen einen Betrag von 10000 WE mit 9% verzinst, ist er/sie mit 56 Jahren Millionär (alle Beispiele aus H.Creutz). Als Konsequenz dieser Überlegungen zum Zins und dem Zinseszins bleibt nur eine Schlussfolgerung; wenn wir jemals in einer Gesellschaft leben wollen, deren wirtschaftliche Realität wirklich allen Menschen zugute kommen soll, kann dies nur ohne Zins und Zinseszins gelingen. Aber glauben Sie nicht, dass dieser Umstand der einzige ist, der im kapitalistischen Denken als völlige Selbstverständlichkeit existiert und als absolute Voraussetzung dieses Systems permanent gefordert wird, obwohl er in seiner Konsequenz noch bedrohlichere Folgen hat. Es handelt sich hierbei um das angeblich immer erforderliche Wachstum der Wirtschaft. Aber auf diesen Zusammenhang komme ich bei einer abschließenden Sicht auf den Kapitalismus zurück.

4. Das Eigentum

Das Eigentums ist erstens ein Holon und zweitens verdankt es seine Entstehung zunächst dem roten und dann erneut dem rationalen und damit machtorientierten Denken einzelner Personen durch die Orientierung am Ich. In ihm ist grundlegend eine Herrschaftsform über Sachen definiert, da aber Sachen, insbesondere als Geld, Grund, Boden und Produktionsmitteln – zumindest in der Form größerer Betriebe mit vielen bis sehr vielen Arbeitern und Angestellten -, immer auch die Voraussetzung von Macht sind, war und ist das Eigentum von Beginn an auch die Basis von Herrschaft. Ma´u könnte einwenden, dass dies ja wohl kaum für die Herrscher der Feudalreiche gelte, da es in diesen ja keine Rechtsformen von Eigentum gab. Aber dieser Einwand übersieht, dass es in diesen Reichen zwar einerseits keine solche Rechtsnormen gab, die jeweiligen Herrscher aber sehr wohl genau in diesem Sinne der umfassenden Herrschaft über den Grund und Boden ihrer Reiche verfügen konnten, womit sie ja letztlich die herrschaftliche Verfügungsgewalt über Grund und Boden als späteres Eigentumsdenken vorgaben, was ja auch schon in Griechenland in ähnlicher Weise ablief. Damit erstreckt sich aber auch ein solches Reich immer genau über diejenigen Flächen, über die diese Herrscher verfügen konnten, so dass ich klar und deutlich sagen kann; Staaten waren, und sind in einem gewissen Sinne bis heute, solche Gebilde, die auf denjenigen Flächen und Regionen entstanden waren und existierten, die durch die Machtmöglichkeiten der jeweiligen Herrschaftsperson oder –einheit bestimmt sind, die sie gegen andere verteidigen konnten und können. Dass dieser Umstand trotz heute geltendem Völkerrecht, das ja solche macht- und/oder gewaltförmigen Aktivitäten verhindern soll, immer noch existiert, zeigen solche Entwicklungen wie in der Ukraine sehr deutlich. Ja selbst Demokratien nehmen manchmal den Unabhängigkeitswillen völkischer Minderheiten nicht wahr und bekämpfen diesen erneut mit Einsatz von Gewalt, wie die Beispiele Nordirland, Baskenland oder insbesondere das Kurdenproblem sehr deutlich zeigen.

Aber nochmals eindeutig auf den Punkt gebracht; alle Umstände, die mit dem Thema Herrschaft – ob in Bezug auf Eigentum betrachtet, oder auf Staaten ist egal – im Sinne des Einsatzes von Macht und Gewalt zusammenhängen, gründen umfassend auf den Ich-orientierten Weltsichtebenen Rot und Orange. Aber alle diese Herrschaftsformen sind natürlich auch Holons, die, betrachtet ma´u ihren jeweiligen Zustand unter diesem Aspekt, alle ihre je eigene Entwicklungen durchlaufen haben und dies weiterhin tun, zumindest so lange, bis wir endlich diesen Umstand zur Kenntnis nehmen. Dabei ist der alles entscheidende Moment, dass jedes Holon seit dem Beginn seiner Existenz an, immer nur seine je eigene Entwicklung sehen und betreiben kann, unabhängig davon, ob es dazu andere Holons brauchen kann oder gar unabdingbar nutzen muss. Diese Aussage bezieht sich natürlich umfassend auf die Beziehungen all dieser bisher beschriebenen Holons zu uns Menschen. Dass wir aus unserer typisch menschlichen Überhebung – die sich übrigens ihrerseits insbesondere auch auf diese Ich-bezogene Denke von Rot und Orange stützt – diesen Umstand nicht wahrnehmen und wahrhaben wollen, ist alleine unser Problem. Wie oben schon mit Bezug auf Heidegger erwähnt, gibt es solche Hinweise in diese Richtung schon seit längerem – siehe auch Carl Amery. Ganz offensichtlich sind für das weitere Übersehen dieser Verhältnisse vor allem zwei gesellschaftliche Gruppierungen entscheidend mit verantwortlich, nämlich die Wissenschaft und die Vertreter des Kapitalismus. Und damit sind wir bei dem hier besonders interessierenden Zusammenhang.

Nach allgemeiner Übereinstimmung aller Theorien zum Kapitalismus gründet dieser in besonderer Weise auf das Eigentum. Dieses ist eine seiner fundamentalen Voraussetzungen. Damit ist er aber auch als ein macht- und gewaltorientiertes gesellschaftliches System bestimmt. Wie macht sich dieser Umstand bemerkbar? Nun, bei etwas kritischerem Betrachten des Kapitalismus kann ma´u praktisch alle Macht- und Gewaltformen wiederfinden, die wir in unserer egoischen-patriarchalen Geschichte hervorgebracht haben, von den vordergründig harmloseren der Machthierarchien bis zu den absolut verderblicheren, weil immer zerstörenden von Kriegen. Wie aber begründen sich diese Aktivitäten vom Eigentum her? Beginnen wir bei den einfachsten Zusammenhängen. Über etwas, das mein Eigentum ist, habe ich das alleinige Verfügungs- und Herrschaftsrecht. Dieses wird mir vom Staat über seine Rechtsnormen garantiert. Rechte sind aber selbst nichts, das seinerseits ein Eigentum ist, sondern diese betreffen immer umfassend meine Beziehungen zu anderen Menschen. Sie definieren sie regelrecht. Ganz konkret bestimmen sie also, dass dieser Gegenstand, dieses Haus, diese Fabrik, oder dieses Grundstück, alleine „mir“ als dessen/deren Eigentümer/in gehört. Ich kann damit tun und lassen, was ich will. Aber es schließt damit alle anderen Mitglieder dieser Gesellschaft umfassend von seinem Nutzen aus. Ja in vielen Fällen macht es sie davon absolut abgängig. Und in den meisten dieser Fälle können sie dieser Abhängigkeit gar nicht entgehen, z.B. als Verbraucher/in von Nahrungsmitteln – wenn sie selbst über keine Anbauflächen verfügen -, als Mieter/in oder Arbeiter/in. Wenn ich aber von meiner Grundüberzeugung im Hinblick auf die immer gegebene Gleichheit aller Menschen ausgehe, zeigt es sich sofort, dass das Eigentum von Beginn seiner Existenz an eine der absolut entscheidenden Voraussetzungen für gesellschaftliche Ungleichheit war und bis heute ist. Damit sind aber auch alle demokratischen Gesellschaften entgegen allem Gerede und aller Beschönigung absolut ungleiche Gesellschaften. Ein so fundamentaler Sachverhalt hat natürlich umfassende Folgen. Da ich mich aber hier mit dem Thema Kapitalismus beschäftige, kann ich hier nur in Bezug auf die dadurch bedingten Zusammenhänge argumentieren.

Ein historisch erster und entscheidender Umstand ist die Begründung des Eigentums von John Locke, die schon in seiner Begründung diese gesellschaftliche Spaltung mitliefert. Er argumentierte, dass alleine meine Arbeit mein Eigentum an oder auf – also auf Land – diesem bearbeiteten Gegenstand hervorbringen könne. Damit geht Locke zunächst davon aus, dass ein Mensch entweder ohne Hilfsmittel – also seinen bloßen Händen – oder mit solchen – z.B. einem Werkzeug – irgend einen Naturgegenstand bearbeitet, der sich dann zu diesem bearbeiteten Endprodukt durch die Arbeit verwandelt, das ab diesem Moment sein Eigentum ist und zwar als das Ergebnis seiner Arbeit. Diese Argumentation setzt aber in ihrer Grundform eine Art Naturzustand voraus – bekanntlich war diese Zeit die Zeit, in der ma´u sich bei solchen Erklärungen fast immer auf einen solchen imaginären Naturzustand berief, wobei dieser oft in umfassender Weise von dem beabsichtigten Endergebnis vor-bestimmt war -, der es einem solchen Menschen möglich machte sowohl auf einen solchen Naturzustand bedingten Gegenstand ungehindert zuzugreifen, als auch über das erforderliche Werkzeug zu verfügen. M.a.W., er war schon selbst bevor er durch seine Arbeit Eigentümer an dem Ergebnis wurde Eigentümer der vorausgesetzten Bedingungen, denn zu Lebzeiten Lockes gab es sehr viele Menschen, die unter diesen vorausgesetzten Bedingungen niemals hätten Eigentümer werden können, eben weil sie keinen Zugang zu genau den vorausgesetzten Mitteln eines Eigentumserwerbs hatten, weil schon längst alles in Eigentumsverhältnisse aufgeteilt und rechtlich abgesichert war. Nun könnte ma´u natürlich einwenden, dass das Argument ja aber doch für den definierten Naturzustand gelte, also vor allen staatlich gegebenen hierarchischen Unterschiede. Aber das ist nun wirklich pure Augenwischerei, denn ein solcher Zustand müsste dann in den Stammeskulturen gesucht werden, die aber ihrerseits nicht das Mindeste mit Macht und Eigentumsverhältnisse im heutigen Sinne zu tun hatten. 

Der eigentliche Widerspruch und die ja durchaus gemeinte moralische Rechtfertigung des zu seinen Lebzeiten existierenden Eigentums kommt ja nun permanent in allen bezahlten Arbeitsverhältnissen zum Vorschein. Würde ma´u nämlich die Eigentumsbegründung Lockes gerade auch in den Kreisen der Eigentümer wirklich ernst nehmen, müsste ja jedes Arbeitsprodukt jedweden Arbeitsprozesses das Eigentum des Arbeiters werden, was ja nicht wenige Auroren seither mit genau diesem Argument fordern. Dass dieser Umstand natürlich in einer kapitalistischen, auf Eigentum an den Produktionsmitteln begründeten Wirtschaftsordnung niemals eintreten wird, geht seinerseits auch in seiner moralischen Absicherung auf Locke zurück. So hatte doch dieser gesagt, auch das Produkt, das ein von mir dafür bezahlter Mensch herstellt, ist mein Eigentum. Eine solche Aussage von einem ansonsten eigentlich recht klugen Manne ist sehr interessant – wahrscheinlich war er entweder ideologieblind oder war er seinem Auftraggeber Lord Shaftsbury so verpflichtet, dass er seinen Verstand zumindest zeitweilig ausschaltete -, enthält sie doch einen doppelten logischen Widerspruch in sich. Entweder wir befinden uns in einem Naturzustand, der ja bei ihm zur Begründung von Eigentumsentstehung vorausgesetzt ist, dann kann es keine bezahlten Arbeiter geben. Oder die Begründung von Eigentum ist hinfällig im Sinne des Ergebnisses meiner Arbeit, denn diese ist ja nicht die Arbeit des Bezahlenden, sondern des Bezahlten. M.a.W., nimmt ma´u Locke dem wirklichen Sinne seiner Aussage nach beim Wort, kommt nichts zum Vorschein als das, was damals bis heute Realität ist; Eigentum entsteht entweder durch Anwendung von Gewalt – also im Sinne von Beraubung welcher Art auch immer der bisherigen Besitzer oder Eigentümer -, oder durch Einsatz von schon existierendem Eigentum, entweder direkt in Form von Geld, oder mit Geld aus beliehenem Eigentum, also genau das, was von Beginn an die Voraussetzung des Kapitalismus war und bis heute ist. Es sei kurz erwähnt, dass auch schon Kant auf diese Widersprüche bei Locke hinwies, was aber bis heute niemanden interessierte, da das Ergebnis für die Klasse der Eigentümer absolut erwünscht und in jedweder Form entlastend ist. Um es nochmals deutlich auf den Punkt zu bringen; Eigentum entsteht im Kapitalismus nur durch Einsatz von Geld, entweder als Kapital, das dann produktiv neue Produkte und Dienstleistungen erzeugt, oder als Kaufmittel, meist auf irgendeinem Markt, oder das, was dafür ausgegeben wird. Daher ist die Aussage, das Eigentum sei eine der Basisvoraussetzungen des Kapitalismus zutreffend, wenn ma´u dabei den Umstand mit einbezieht, dass Eigentum die immer gegeben Voraussetzung von Kapital darstellt.

Es ist aber noch auf einen weiteren Zusammenhang hinzuweisen, der hier eine wesentliche Rolle spielt. Wie schon erwähnt spaltet das Eigentum jede Gesellschaft in der es gilt in Eigentümer und Nichteigentümer. Dieser Umstand wird in der jüngeren Geschichte immer deutlicher, weil der Neoliberalismus dafür sorgt, dass sowohl der Abstand zwischen Eigentümern und Nichteigentümern immer größer wird, als auch die Zahl der Eigentümer immer kleiner, aber auch immer reicher. Die Ursachen dieser Entwicklung liegen hier neben dem orange-patriarchalen Macht- und Elitedenken in den Folgen der Konkurrenz und der Rolle der Arbeit. Hier zunächst die Rolle der Konkurrenz. Wie ist das hier gemeint? Sobald jemand Eigentum an Grund und Boden hat, oder eine Produktionseinheit, welcher Größe auch immer, sieht er/sie sich sofort der Konkurrenz anderer Eigentümer ausgesetzt. Dieses Problem folgt aber keineswegs aus der Existenz des Marktes, obwohl es vor allem dort ausgetragen und entschieden wird, sondern aus der Konstruktion, bzw. der Voraussetzung des Eigentums. Wie schon erläutert entsteht Eigentum ursächlich aus der Anwendung von Gewalt. Bei Grund und Boden ist das offensichtlich – jede Fläche „gehörte“ ursprünglich jemandem als Besitz, dem es dann gewaltsam weg-genommen und zu Eigentum erklärt wurde -, wenn es dann auch später sowohl als Erbe, als auch aus gesellschaftlich rechtlicher Absicherung immer „gerechtfertigter“ wurde und damit in das Denken der Menschen als „richtig“ einging. Etwas anders verläuft der Prozess bei Produktionsstätten. Hier entstammt die „Gewalt“ der gesellschaftlich gesehen – im Sinne der Gleichheit aller Menschen – völlig ungerechtfertigten Ausbeutung der Arbeit (s.o. die Argumente Lockes zur Entstehung des Eigentums) zugunsten der Eigentümer dieser Einheiten. Aber auf diesen Zusammenhang komme ich gleich zurück.

Die folgenden Argumente sind jetzt aber nur bei erneuter Beachtung der Folgen aus der Weltsichtebene Orange zu verstehen. Um Eigentum im Sinne einer „mir“ gehörenden Sache zuerst denken und dann bekommen zu können, muss ich dies haben wollen, aber eben immer auf Kosten aller anderen. Da diese aber einem solchen Vorhaben vor allem dann nicht freiwillig zustimmen können, wenn sie selbst davon anhängen ist offensichtlich. „Ich“ muss also überzeugt sein, dass ich ein so außergewöhnlicher Mensch bin, dem es zusteht über so etwas in meinem Interesse zu verfügen. Egoisches und rationales Denken eben. Aber wenn ich nun von dieser Grundhaltung ausgehe, ist es dann nicht selbstverständlich, dass ich auch besser bin, als die anderen Eigentümer. In Gesellschaften, in denen jetzt aber dieses Eigentum rechtlich abgesichert ist, kann ich das nicht mehr mit Gewalt versuchen. Aber ich kann sehr wohl alle Tricks, die mir einfallen, von „legalen“, wie Einsatz billigerer Arbeitskräfte oder Rohstoffe, zeitweiliger Verzicht auf meinen Gewinn, bis zum Einsatz aller erreichbaren Innovationen, bis illegalen, wie Produktions- und Preisabsprachen, Steuerhinterziehung, ja sogar Einsatz von Militär, wenn der jeweilige Staat mächtig und korrupt genug ist auf solche Absichten im Interesse seiner Industrie zu verfallen (siehe hierzu insbesondere die USA im letzten Jahrhundert), anwenden, um meine Konkurrenten auszuschalten. Die Geschichte des Kapitalismus liefert zu diesen Aussagen ganze Berge von Beweisen. Ja die Wissenschaft der Ökonomie hat von Beginn ihrer diesbezüglichen Theorien an, genau dieses Verhalten sogar als unverzichtbar behauptet und damit gerechtfertigt, da ja angeblich alle Menschen „von Natur aus“ nur ihrem Eigeninteresse folgen. Es sei vordergründig diesen Menschen zugestanden, dass sie dies als selbst rational denkende Menschen wenig bis gar nicht anders sehen konnten. Das ändert aber nicht das Mindeste daran, dass ma´u ebenso von Beginn an dabei die bis heute oft gnadenlose Ausbeutung sowohl der Menschen als auch der Natur einfach ignorierte und übersah, mit schlimmsten Folgen für die Menschheit allgemein und die Natur im Besonderen (siehe dazu z.B. die Berichte des Club of Rom). Aber nochmals ganz deutlich; dieser ganze Zusammenhang entstammt einem Ich-orientierten Denken, das mit Hilfe des Eigentums und seiner absoluten rechtlichen Absicherung alle diese Folgen hervorbrachte. Daraus ergibt sich aber für mich eine klare Schlussfolgerung: wenn wir jemals die immer deutlicher werdenden negativen Folgen des Kapitalismus überwinden wollen, muss dazu auch die Einrichtung des Eigentums auf den Prüfstand. Ob ma´u es dann ganz abschaffen wird, oder in bestimmter Weise modifizieren, muss die Zukunft hoffentlich in einem wirklich demokratischen Prozess erweisen. Dass sich allerdings die meisten bisherigen Eigentümer – zumindest solange sie noch rational denken -, mit allem Mitteln gegen eine solche Änderung zur Wehr setzen werden, davon muss ma´u ausgehen, war das bisher ja noch nie anders. Nun aber zu dem Thema Arbeit, dem zweiten Standbein des Kapitalismus.

                                                             5. Abend, Die Arbeit

Die Arbeit ist eine der uns Menschen grundlegend bezeichnenden Kategorien unseres Seins, oder unserer menschlichen Würde, wie es Oskar Negt mit dem Titel seines gleichnamigen Buches ausdrückte (Oskar Negt „Arbeit und menschliche Würde“). Es ist daher nicht verwunderlich, dass sie in vielen Wissenschaften eine wichtige Rolle spielt. Dies gilt natürlich in besonderer Weise in den Wirtschaftswissenschaften, da sie ja neben dem Eigentum die entscheidende Voraussetzung sowohl des „Freien Marktes“, als auch des Kapitalismus ist. Wir wollen aber trotzdem mit philosophischen Sichtweisen beginnen, da hier die größere Chance auf eine unvoreingenommene Charakterisierung gegeben sein sollte. Allerdings ist es auch hier auf Grund historischer Umstände wichtig an einigen Punkten genauer hinzuschauen. Als diese philosophisch beschriebene Kategorie erfasst und umfasst die Arbeit alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur und der Gesellschaft. Es sind die selbstbestimmt und eigenverantwortlich handelnden Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Anschauungen die dies bewirken. Dies geschieht aber immer nur im Rahmen der aktuellen Naturgegebenheiten, bzw. deren jeweiliger Interpretation, die ja bekanntlich von den Weltsichtebenen und deren speziellen Möglichkeiten abhängen und den jeweiligen gesellschaftlichen Arbeitsbedingungen. Ma´u kann dies auch so ausdrücken: die Arbeit ist die beabsichtigte Tätigkeit des Menschen zum Zweck der Lebensunterhaltung und -verbesserung, wobei ihre konkrete Form natürlich sowohl von seinem jeweiligen Verständnis der Natur, als auch seinen natürlichen, aber auch historisch bedingten Bedürfnissen abhängt. Aber immer wird sie umfassend vom Stand seiner Denk- und Verstehensmöglichkeiten bestimmt. Ma´u könnte dies natürlich auch „wissenschaftlicher“ und dem heutigen gesellschaftlichen Denken angepasster ausdrücken, aber an den hier ausgesprochenen Umständen würde das nichts ändern. 

Nun werden Sie vielleicht fragen, wo denn das „Verständnis“ der Arbeit als Mühsal und Plackerei bleibt, oder auch als Resultat einer Anstrengung, oder gar als Leistung? Diese Sichtweisen sind in besonderer Weise historisch bedingt und es ist zum Verständnis unserer heutigen Sicht der Arbeit besonders wichtig, sich dies etwas näher anzuschauen. Um zu verstehen, wie sich solche Sichtweisen entwickeln, müssen wir uns vergegenwärtigen, wie wir Menschen uns, wenn wir wach sind grundsätzlich verhalten, bzw. verhalten können. Vorab klammern wir die Befriedigung unserer rein körperlichen Bedürfnisse, wie Reinigung, Nahrungsaufnahme und Entleerung aus, da diese unserer biologischen Natur geschuldet sind. Es geht also im umfassenden Sinne um unser Verhalten im Sinne unserer Lebensunterhaltung, als auch der Zeit, die wir heute mit dem Begriff Freizeit versehen, ein Begriff, den es so mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit früher überhaupt nicht gab, da unsere bewusste Lebenszeit grundsätzlich unsere „freie“ Zeit war. So kann ma´u auch davon ausgehen, dass die Zeit, die unsere Vorfahren für die Jagd, das Sammeln und das Herstellen ihrer Geräte – also Werkzeuge und Waffen -, ihrer Bekleidung – sofern sie klimabedingt solche brauchten -, als auch ihrer Unterkünfte – ab dann, als sie diese „herstellten“ – aufbrachten, für sie weder Belastung, noch Mühsal oder Plackerei waren, sondern einfache Selbstverständlichkeiten ihrer gemeinsamen Lebensbewältigung. Der Begriff „gemeinsam“ meint hier etwas Zweifaches. Alle diese Betätigungen wurden nämlich erstens in aller Regel gemeinsam ausgeführt – wenn auch teils geschlechtsspezifisch getrennt, wie das Jagen oder Sammeln, wobei es hier sicherlich auch Ausnahmen gab, wie z.B. bei Treibjagden -, aber ebenso war das Ergebnis dieser Arbeit „gemeinsam“, m.a.W., die Ergebnisse gehörten allen. Ja es gibt sogar Berichte von HistorikerInnen, die diese gemeinsame Arbeit im Sinne einer Feier mit Tanz und Gesang erlebten. Es wurde nun aber von manchen HistorikerInnen angeführt, dass die Entwicklung nach dem Ende der Eiszeit hin zum Hack- und dann Ackerbau wohl eher als Belastung im Sinne von Mühsal verstanden wurde, da diese doch eine höhere körperliche Belastung bedeutete. Aber dies ist zumindest für die Frühzeit unwahrscheinlich, die ja noch durch allgemeine Gleichheit der Stammesmitglieder geprägt war und noch niemand von den Menschen höhere Erträge als für den eigenen Lebensunterhalt erforderliche verlangte. M.a.W., die Sicht auf die Arbeit als Mühsal und Plackerei dürfte wohl zuerst da aufgetaucht sein, als von Menschen Arbeit verlangt wurde, die sie sich nicht selbst gewählt hatten, sondern ihnen von herrschenden und damit machtmäßig Überlegenen aufgezwungen wurde (siehe erneut S. Diamond). Dies galt natürlich in umfassendem Sinne für die Sklavenarbeit.

Damit sind wir erneut bei einem Umstand, der direkt mit der Heraufkunft des egoisch-patriarchalen Denkens und dem Entstehen der Staaten und erst recht der Feudalreiche zusammenhängt. Diese Entwicklung ist ja grundsätzlich von einer gesellschaftlichen Trennung der Menschen in Klassen und später teils Kasten bestimmt. Diese Trennung hat von Beginn an zur Folge, dass sich die oberen Klassen und Eliten immer mehr einer normalen Arbeit – also der zur Bewältigung der Lebensumstände erforderlichen – enthielten und diese auf die unteren Schichten oder gar SklavInnen abwälzten. Ma´u kann sogar vermuten, dass dieses Sich-aus-der-Gemeinschaft-heraushalten zunächst eher der sozialen „Abhebung“ geschuldet war, als der Arbeitsverweigerung. Dieser Prozess hatte zur Folge, dass sich eine gesellschaftliche Moral entwickelte, in der es „unter der Würde“ eines Mitgliedes dieser Eliten war, überhaupt etwas zu arbeiten. So wurde beispielsweise ein Ritter im Mittelalter seines Standes enthoben, wenn ma´u ihn bei einer einfachen Arbeit ertappt hätte. Dieser Umstand wurde aber letztlich zu dem, was Charles Taylor eine Moralquelle nennt (Charles Taylor „Quellen des Selbst“). So geht diejenige, die ma´u über mehr als zwei Jahrtausende das „Gute Leben“ bezeichnete, bis auf Platon zurück. Was aber meint dieser Begriff, bzw. was ist hier das „Gute“? Taylor schreibt dazu: „Das Wort „Gut“ wird hier in überaus allgemeinem Sinne verwendet, so dass es alles bezeichnet, was als wertvoll, würdig oder bewundernswert gilt, einerlei, zu welcher Art oder Kategorie es gehört“. Bezieht ma´u diese Sichtweise nun auf bestimmte Handlungen, wie es z.B. Platon tat, dann kann ma´u sagen: „Die Unterscheidung zwischen höheren (also guten) und niedrigeren Handlungen, Motiven und Lebensweisen beruht darauf, ob die Vernunft oder die Begierde vorherrscht“ (a.a.O. S. 177 Hervorh. P.S.). Und nach Platon ist es die Vernunft, die eben auf die Idee des Guten kommt und dieses Gute ist nun die Moralquelle, die es uns ermöglicht, „wenn wir es lieben, die Kraft verleiht (also die innere moralische Stärke und damit überhaupt die Voraussetzung), gut zu handeln, und gut zu sein“ (a.a.O. S. 178). Um die ganz Tragweite dieser Gedanken zu verstehen muss ma´u sich vergegenwärtigen, dass wir uns hier bereits in der Achsenzeit befinden, in der die unteren Bevölkerungsgruppen miss- bis verachtet wurden. Die durchaus schon existierende geistige Ausbildung junger Generationen wurde ausschließlich auf die Eliten beschränkt. Darüber hinaus war durch das patriarchale Denken das Materielle und die Natur als weiblich abgewertet worden und das Geistige hatte auch als das allgemein Schöpferische die Vormacht im Denken und der Welterklärung bis Schöpfung – siehe die Genesis im AT – übernommen. Da aber die tägliche Arbeit ja immer direkt mit der Natur und dem allgemein Materiellen zu tun hat, war damit auch diese weitgehend abgewertet und wird ja immer noch von nicht wenigen geistig tätigen Menschen missachtet. Und genau hier in diesem Zusammenhang haben wir eben auch die Gründe zu suchen, warum die Arbeit seither keinen gesellschaftlichen Wert hat, sondern als Mühsal und Plackerei gesehen wird, obwohl sie im Gegensatz zu diesem absolut unsinnigen, ja eigentlich aberwitzigen Vor-Urteil die eigentliche Basis allen Reichtums ist. Um dies zu erweisen, müssen wir uns nun die Sichtweisen der Wirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre der Arbeit anschauen.

Bisher wurde schon mehrfach darauf verwiesen, dass die Ökonomie in aller Regel von Modellen ausgeht, die dann der Realität entweder gegenübergestellt, oder dieser direkt übergestülpt werden. Dieser Sachverhalt spielt in besonderer Weise bei der Sicht auf die Arbeit eine Rolle, da diese zwar einerseits eine der zwei, oder nach neuerer Sichtweise drei (s.u.) der jeder Produktion zugrundeliegenden Faktoren ist, aber aus den ebenfalls schon erläuterten Gründen eine besondere Rolle in unserer Gesellschaft spielt. Einerseits ist sie nach Locke die Voraussetzung des Eigentums, andererseits die eher verachtete bis übersehene Leistung der unteren Klassen der machthierarchisch aufgebauten jüngeren Gesellschaften. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sie – vor allem ihre eigentliche Folgen im Sinne der Werteerzeugung – so umfassend abgewertet wird, was aber in aller Regel im Interesse der Eliten liegt, bzw. diese erst wirklich bestätigt. Das Folgende bezieht sich daher vor allem auf den Mann (Marx), der sie zumindest im Blick auf die damalige Situation am treffendsten charakterisierte, um aber dann einige wichtige Ergänzungen anzuführen, die der eben begründeten Sicht geschuldet sind. Vorab ist festzuhalten, dass der Begriff Arbeit im volkswirtschaftlichen Sinne alle menschlichen Tätigkeiten umfasst, die unmittelbar der Einkommenserzielung dienen, unabhängig ob es sich bei diesem Produktionsfaktor um eine manuelle oder geistige Beschäftigung handelt. An diesem Satz ist zweierlei interessant; so fallen hier schon von Beginn an alle menschlichen Tätigkeiten aus, die auf die Befriedigung der Bedürfnisse anderer Personen gerichtet sind, wie z.B. die Arbeit von Hausfrauen, aber auch gemeinnützige oder ehrenamtliche Tätigkeiten. Auf der anderen Seite aber wird hier indirekt bestätigt, dass letztlich auch die unternehmerischen Tätigkeiten unter diese Kategorie fallen, da sie ja einer Einkommenserzielung dienen. Aber auch diese Sicht hat wieder eine doppelte Komponente, so betrifft sie doch einerseits die Tätigkeit der UnternehmerInnen selbst, aber es wird auch andererseits, wenn auch unausgesprochen, bestätigt, dass letztlich alle Einkommen – z.B. der Gewinn – aus Arbeit herkommen. Damit ist meine eben erhobene Behauptung, dass aller Reichtum – nach Locke ja sogar das Eigentum selbst – letztlich aus der Arbeit kommt– wenn auch dann umfassend in seiner besonderen „Form“ als Geld -, schon bestätigt. Aber damit ist natürlich die Arbeit in all ihren verschiedenen Realisierungen gerade im kapitalistischen Produktionsprozess noch keineswegs genügend geklärt.

Schauen wir jetzt also zunächst bei Marx. Er schreibt im Kapital Bd. I S. 192: Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit“. Wenn Sie diese Beschreibung lesen, finden Sie einmal wesentliche Momente meiner oben vorgestellten Beschreibung der Arbeit wieder. Interessant ist aber der letzte Satz. Hier kommt die oben dargestellte überhebliche Sicht des Menschen auf sich und seine Arbeit umfassend zum Vorschein. Zwar anerkennt auch Marx die Veränderung der menschlichen Natur durch und in der Arbeit. Aber ein Holon – und das ist die Arbeit natürlich auch – kann ma´u bestenfalls nutzen, aber nicht unterwerfen. Aber eines ist natürlich immer unbedingte Voraussetzung aller wirklichen Arbeit, dass sie ganz konkret etwas Zweckmäßiges tut, sonst wäre sie nicht nützlich und würde natürlich auch nicht bezahlt. Marx spricht daher auch von „konkret-nützlicher Arbeit“, an anderer Stelle auch von lebendiger Arbeit. Aber diese konkrete Arbeit erfordert natürlich von dem arbeitenden Menschen den Einsatz seiner Arbeitskraft. Aber in einem kapitalistischen Betrieb geht dies nicht ohne Nutzung dessen, was ma´u auch „vergegenständlichte“ Arbeit nennt, nämlich die notwendigen Produktionsmittel, die ja ihrerseits aus der Arbeit „vergegenständlicht“ wurden. Und diese gehören dem Unternehmen. Dadurch entsteht hier ein ganz besonderes Verhältnis zwischen der Arbeit und dessen Ergebnis. Ich komme gleich darauf zurück. Auf jeden Fall aber entsteht durch die Arbeit ein Produkt, das als solches einen Gebrauchswert darstellt. Über diese so dargestellte konkret-nützliche Arbeit schreibt Marx: „Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben, zu vermitteln.“ (a.a.O. S57) Nun ist ja aber bekannt, dass der Gebrauchswert noch wenig über den Tauschwert aussagt, in den er ja dann als Ware übergeht. Damit haben wir hier einen gewissen Widerspruch. Wie wir eben feststellten, entsteht in der Arbeit und durch die Arbeit etwas, das einen Gebrauchswert hat. Aber die Arbeit im Kapitalismus stellt eben vor allem Waren her, die auf einem Markt gehandelt werden und da dann einen Warenwert haben, den ma´u auch Tauschwert nennt, der dann in Geld ausgedrückt wird. M.a.W., wir haben hier einen gewissen Doppelcharakter der Arbeit im Sinne der Herstellung von Waren- und Gebrauchswerten. Marx spricht daher in diesem Zusammenhang von abstrakter Arbeit und meint diejenige Seite der Arbeit, die die Voraussetzung des Waren- oder Tauschwertes liefert. Oder mit seinen Worten: „Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn, und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert“. (a.a.O. S. 61) Von diesem Grundzustand der Produktionsverhältnisse ausgehend, entwickelte auch Marx die von Adam Smith begründete Arbeitswerttheorie. Nach den bisherigen Überlegungen scheint diese Theorie nachvollziehbar. Nicht desto trotz gilt diese unter Volkswirten heute jedoch als weitgehend widerlegt. Wie kommt das, wenn doch Gewinne direkt mit den Kosten zusammenhängen, und die Produktionskosten sind doch Kosten oder nicht? Schauen wir also genauer, was hier wieder vor sich geht.

Wie eben gehört, spielt nach der klassischen Arbeitswerttheorie, nach Adam Smith bis Karl Marx die zu ihrer Herstellung aufgewandte Arbeit, welche in Arbeitszeit gemessen wird, bei der Ermittlung des Wertes einer Ware – neben den Kosten der Anlagen, der Produktionsmittel und der Finanzierung natürlich – die zentrale Rolle. Je mehr Arbeit aufzuwenden ist, desto höher daher deren Wert. Bei der derzeitig dominierenden Neoklassik aber, die ihrerseits weitgehend auf die sog. Österreichische Schule zurückgeht, beruht der Wert einer Ware auf der subjektiven Bewertung des Nutzens einer Ware. Ma´u spricht daher auch von der Nutzenwerttheorie. Betrachtet ma´u sich diese beiden Vorschläge wird schnell deutlich, dass sich die erstere auf die Angebotsseite – der sog. objektive Wert -, während sich die zweite auf die Nachfrageseite – der sog. subjektive Wert – bezieht. Da sich ja aber ein Marktverhalten immer zwischen beiden Seiten abspielt, sollte ma´u ja wohl beide Seiten berücksichtigen, was auch einige ÖkonomInnen tun. Woher aber stammt dieser Disput? Hier sind zwei Seiten zu beachten. Bekanntlich griff ja Marx nicht nur die Arbeitsverhältnisse im Kapitalismus an, sondern auch deren neben der Arbeit zweite Grundlage, das Eigentum. Damit beging er aber ein absolutes Sakrileg. Die heilige Kuh Eigentum auch nur in Frage zu stellen geht gar nicht. Also war Marx seither in weiten Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft und der damit eng verbundenen Wirtschaftstheorie eine persona non grata, was insonderheit Walras und Menger, neben dem Engländer Jevons die Begründer dieser Theorie, in ihren Büchern auch ausdrücklich bestätigen. (Eine deutliche Bestätigung des Unsinns dieser ganzen Theorie finden Sie in dem Buch „Die Mikroökonomie“ im Gegenstandpunkt-Verlag). Das steigerte sich noch zum umfassenden Triumphgeheul, als der „real existierende Sozialismus“ gescheitert war und damit der Kapitalismus seine angebliche Überlegenheit bewiesen hatte. Dass dieser nur wenig bis in erheblichem Umfang gar nichts mit den Theorien von Marx zu tun hatte, wer wusste das schon, oder wollte es wissen. Das ist die eine Seite dieses Umstandes. Aber es gibt da noch eine zweite. Wenn es gelingt den Marktwert einer Ware  und damit seinen konkreten Preis von seiner Produktionsseite zu trennen, kann ma´u auch hervorragend die Beteiligung der Produktion und damit die Arbeitsverhältnisse insgesamt aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwinden lassen. Es geht dabei insbesondere darum, die immer existente Ausbeutung – die übrigens von der sog. Zivilisation von Beginn ihrerv Existenz an hervorgebracht wurde, siehe Stanley Diamond – bezahlter Arbeit als Herstellungsvoraussetzung von Waren zu verschleiern. Und die Nutzenwerttheorie leistet diese Absicht hervorragend, kann ma´u doch ab jetzt behaupten, die Gewinnabsichten der Unternehmen hätten mit den realen Preisen aber nun gar nichts zu tun. Da dies auch noch eine angeblich völlig unabhängige Wissenschaft behauptet, ist dies eben auch als immer zutreffende “Wahrheit“ bewiesen. Dass dies natürlich die wirklichen Verhältnisse völlig  auf den Kopf stellt – und je umfassender die Marktmacht der Oligopole ist umso mehr -, wird einfach „unter den Teppich gekehrt“.

Aber Marx machte noch auf eine anderen Aspekt der bezahlten Arbeit und damit verbundener Wertschöpfung aufmerksam, das was er Entfremdung nennt, die auch seit Zivilisationsbeginn existiert. Was ist hier gemeint? Um zu verstehen, um was es Marx in seinem Blick auf bezahlte Arbeit geht, deren Voraussetzungen als Kapital ja ebenfalls aus der Arbeit stammen – und zwar im doppelten Sinne als Produkte der Herstellung und damit als Ergebnis menschlicher Arbeit, die die ArbeiterInnen leisten -, ist es nochmals wichtig festzuhalten, dass alle Wertschöpfung und damit jeglicher gesellschaftlicher Reichtum aus der Arbeit stammt. Denn nochmals; Gewinn und damit unternehmerisches Einkommen, das auf dem Markt realisiert wird, entstammt dem Preis einer Ware minus dessen Kosten. Diese Kosten sind neben dem Kapital – jetzt hier umfassend als Betriebsmittel und Werkstoffe (s.u.) gemeint – und den Finanzkosten, insbesondere die Arbeitskosten. Da Betriebsmittel und Werkstoffe aber ebenfalls aus Arbeit entstehen, bleibt als Herkunftsquelle des Gewinns nur die Arbeit übrig. Dass sie aber als Kosten entstehen, hat mit der Eigentumskonstruktion des Kapitalismus zu tun, da die Unternehmerseite, die ja über diese Kapitalien verfügt, diese Arbeit – die ja laut Locke der eigentliche Hervorbringer von Eigentum ist – als bezahlte Arbeit machen lässt. Es ist also alleine die Bezahlung der Arbeit, die die Kapitalisten in die Lagen versetzt, die Arbeitsergebnisse als ihr Eigentum zu betrachten – siehe erneut Locke, der diesen Umstand ja ebenfalls rechtfertigte – und diese dann zu ihren Bedingungen und fortlaufend steigenden Gewinnen zu verkaufen und damit permanent anwachsende Vermögen zu erwirtschaften. Da aber nach welcher Voraussetzung auch immer gedacht die Arbeit die entscheidende menschliche Dimension aller für das menschliche Dasein nützlichen Tätigkeitsformen innerhalb der gesellschaftlichen Produktionsprozesse ist, ist damit bezahlte Arbeit und das dadurch vorenthaltene Eigentum an den Ergebnissen der Produktion, gelinde ausgedrückt eine Form der Entfremdung, ma´u hat sie auch schon als Beraubung bezeichnet. Die ArbeiterInnen müssen diese ihre ihnen „entfremdeten“, ma´u könnte auch entwendete sagen, Arbeitsprodukte dann auch noch mit ihrem Arbeitslohn kaufen. Genaugenommen „zahlen“ sie also für alles was sie als Waren kaufen doppelt, durch die ihnen entfremdete Arbeit und das Bezahlen des ihnen vorenthaltenen Eigentums. Unabhängig von den grundlegenden Ungerechtigkeiten, die in diesen Verhältnissen stecken, die aber ihrerseits das Ergebnis der seit mehreren Jahrtausenden existierenden egoisch-patriarchalen Macht- und Herrschaftsverhältnissen sind, konnte die soziale Marktwirtschaft solange sie in der Lage war die Fortschritte der Produktivität einigermaßen gleichmäßig zu verteilen – also die ArbeiterInnen erhielten (angeblich) einige Zeit lang nach dem zweiten Weltkrieg annähernd die gleichen Lohnzuwächse, wie die UnternehmerInnen ihre Vermögenszuwächse, die ihrerseits in etwa dem Wachstum der Wirtschaftsleistung entsprach -, diese Ungerechtigkeit einigermaßen ausgleichen. Seit aber mit der Heraufkunft des Neoliberalismus immer umfassender die alten Ausbeutungsverhältnisse wieder hergestellt werden, werden die Arbeits- und damit allgemeinen Lebensverhältnisse immer prekärer, um dieses Modewort für diesen Umstand zu verwenden. Katastrophaler wäre das passendere Wort, so dass sich immer mehr Menschen der unteren Bevölkerungsgruppen immer entfremdeter fühlen.

Da hier aber der Begriff der Entfremdung eine wichtige Rolle spielt, hier noch eine Variante dieses Begriffs, der mit der Definition des Holons zusammenhängt und den weder Marx kannte, noch die weitaus meisten Menschen wahrnehmen können und auch nicht wollen, zumindest dann nicht, wenn er ihre fundamentalen Überzeugungen und „Bilder im Kopf“ betrifft. Also konkret was hier gemeint ist; alles was in einem Herstellungsprozess entsteht, ist eine neue Existenz von etwas (s.u.). Es ist damit ein Holon. Nun sind wir Menschen schon immer der Überzeugung, dass wir dieses „Ding“ immer nur zu unsererVerfügung haben, es also uns gehört – siehe erneut Locke – und wir damit tun und lassen können, was wir wollen. Es ist im modernen Sinne unser Eigentum. Diese Sicht ist aber schlicht zu optimistisch. Sobald es existiert ist es uns in einem fundamentalen Sinne ein Fremdes, uns Entfremdetes, ein Eigenes, eben ein Holon. Wie kann ein solcher Satz begründet werden, der sich doch ziemlich absurd anhört. Um den gemeinten Sachverhalt zu verdeutlichen, hier eine interessante kleine Episode. In seinem Buch „Der Yogi und der Kommissar“ berichtet Artur Koestler über einen kommunistischen Schriftstellerkongress in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in Paris. Viele auch westeuropäische Schriftsteller waren damals Kommunisten. Nachdem ma´u stundenlang die wunderbare Welt des zukünftigen sozialistischen Paradieses in den glühendsten Farben dargestellt hatte, meldete sich André Malraux zu Wort und fragte: „Und was ist zu dem Mann zu sagen, der von einem Straßenbahnwagen überfahren wird“? Allgemeine Sprachlosigkeit. „Die einzige Antwort, die Malraux nach einem peinlichen Schweigen bekam, war: <In einem vollkommen sozialistischen Transportsystem wird es keine Unfälle geben>“ (a.a.O. S.137f). Hier ist sie wieder, diese unsere eigenartige Blindheit den Umständen unseres Lebens gegenüber, ob natürlicher oder künstlicher, sobald diese nicht in unsere Überzeugungen, Vor-Meinungen, ja Vor-Urteile passen. Sie existieren entweder überhaupt nicht – also wir leugnen einfach dass es sie gibt, auch dann wenn sie sichtbar in unserem Blickfeld existieren -, oder wir übersehen oder bestreiten sie einfach, auch dann, wenn sie entweder den Naturgesetzen widersprechen – siehe den eben zitierten Fall -, oder offen zutage treten. Wir handeln häufig nach dem Motto: was nicht sein kann, ist nicht; Punkt. Und dies gilt genau in dem hier gemeinten Sinne. Wir haben oben schon mit Heidegger auf die Gefahr der Technik hingewiesen und kommen gleich nochmal darauf zurück. Alle diese Umstände hängen genau damit zusammen, die mit diesem Wort der Entfremdung hier gemeint sind. Alles was wir jemals hergestellt haben, war ab seiner fertigen Existenz in dem Sinne ein Fremdes uns gegenüber, da es sowohl nur seinen eigenen Gesetzen und Möglichkeiten nach „gebraucht“ werden konnte, aber auch von jederma´u, selbst in böser Absicht uns selbst gegenüber. Beweis; ein Messer, das ein Mann hergestellt hat, kann von jemandem auch dazu benutzt werden, um diesen Mann damit zu töten. Es wird allerhöchste Zeit, dass wir endlich diesen Umstand der Selbständigkeit aller Existenz zur Kenntnis nehmen, da ein weiteres ignorieren in Zeiten der Erschaffung künstlicher Intelligenz uns noch ganz gewaltige Probleme bereiten könnte. Hier jetzt aber noch kurz ein Blick auf die Sicht der Arbeit durch die Betriebswirtschaftslehre.

Im Unterschied zur Volkswirtschaftslehre wurde in der Betriebswirtschaftslehre bereits 1922 auf die Besonderheiten der menschlichen Arbeit weitgehend in dem Sinn eingegangen, wie bisher dargelegt. Dabei wurde der wertschöpfende Charakter der menschlichen Arbeit besonders betont. Hierzu war z.B. Heinrich Nicklisch der Auffassung, dass allein mit Kapital die Unternehmen ihre Ziele nicht erreichen könnten – eine höchst verblüffende Erkenntnis. Es bedürfe eben nach seiner Meinung menschlicher Arbeit und der Kooperation auf der Grundlage von Arbeitsteilung um die erwünschten Ergebnisse zu erzielen. Folglich könne ma´u eigentlich eine Unternehmung auch als Arbeitsunternehmung bezeichnen. Für ihn waren Löhne und Gehälter keine Kosten, sondern ex ante ausgeschüttete Erfolge. Als Student oder als Abgeordneter des Bundestages würde ich jetzt „hört, hört“ rufen. Diese Sicht hat dann 1951 Erich Gutenberg weiter präzisiert. Nach Gutenbergs klassischer Aufteilung ist Arbeit einer der drei elementaren betrieblichen Produktionsfaktoren Arbeit, Betriebsmittel (wie Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Werkzeuge) und Werkstoffe (Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe). Die beiden letzteren wurden schon immer als Kapital verstanden. Die vorhandenen Produktionsfaktoren (input) werden danach in einem Transformationsprozess (throughput) – Produktion genannt – in marktfähige Endprodukte (output) verwandelt. Wenn ma´u sich diese ja durchaus korrekte Beschreibung – korrekt im Sinne des Ablaufs, nicht der Verhältnisse gemeint – anschaut,  kann ma´u nur staunen. Einerseits konnte das schon immer jeder sehen, der es sehen wollte – was ja übrigens Marx umfassend so sah -, andererseits ist der Umstand, dass die Volkswirtschaftslehre diesen Zusammenhang meist großzügig „übersah“ und weiterhin übersieht, ein erneuter Hinweis auf ihre ideologische Blindheit, insbesondere im Hinblick ihrer Sicht auf die Arbeit und deren Rolle im Produktionsprozess.

6. Abend, Technik als Ent-bergen von „Wahrheit“.

Um etwas verstehen zu können, müssen wir erkennen was es wirklich ist, also was sein Wesen ist. Aber dieses Wesen der Technik ist nichts technisches, so wenig wie das Wesen eines Baumes ein Baum ist. Anders formuliert kann ma´u auch sagen; das Wesen von etwas ist das was es in einem tieferen Sinne ist. Also was ist die Technik? Die üblichen, vordergründigen Antworten lauten: „Technik ist ein Mittel für Zwecke“, oder „Technik ist ein Tun des Menschen“ (Martin Heidegger „Die Technik und die Kehre“ S.6). Damit wäre die Technik letztlich „nur“ als ein technisches Tun des Menschen bestimmt. Aber ist das wirklich so? Ist das Wesen der Technik nur menschliches technisches Tun, also letztlich an den Menschen gebunden? Und warum fragen wir hier aber überhaupt so nachdrücklich nach dem Wesen der Technik? Hierzu gibt uns Heidegger eine deutliche, ja eigentlich aufrüttelnde Antwort. Er schreibt a.a.O. S. 5: „Wir erfahren niemals unsere Beziehung zum Wesen der Technik, solange wir nur das Technische vorstellen und betreiben, uns damit abfinden oder ihm ausweichen. Überall bleiben wir unfrei an die Technik gekettet, ob wir sie leidenschaftlich bejahen oder verneinen. Am ärgsten sind wir jedoch der Technik ausgeliefert, wenn wir sie als etwas Neutrales betrachten; (also als etwas das nur zu unserer Planung und Verfügung steht, über das wir ganz nach unserem Willen verfügen können) denn diese Vorstellung, der man heute besonders gern huldigt, macht uns vollends blind gegen das Wesen der Technik“ (Hervorh. PS). Also schauen wir genauer. Die beiden eben genannten Bezeichnungen als ein menschliches Tun und ein Mittel für Zwecke sind zweifellos richtig. Heidegger nennt sie gar die anthropologische Bestimmung der Technik. Ist diese Bestimmung aber auch wahr im Sinne des Wesens der Technik? Keineswegs. Das bloß Richtige ist noch nicht das Wahre, wie Heidegger feststellt. Um diesem Wahren näher zu kommen müssen wir also weiter fragen. Wenn also Technik unter anderem auch „ein Mittel für Zwecke ist“, was ist es dann noch? Wo „das Instrumentale herrscht, da waltet Ursächlichkeit, Kausalität“ (a.a.O. S.7) stellt Heidegger fest. Also was ist Ursache, Kausalität im Zusammenhang mit technischem Tun? Nach immer noch geltender Meinung, die ja seit Jahrhunderten auch von der Philosophie vertreten wird, gibt es vier Ursachen oder Ver-Ursachungen, oder anders formuliert, vier Voraussetzungen, die ein mögliches, vor allem aber gewolltes Ergebnis von technischem Tun bedingen. Die erste wäre demnach das Material oder der Stoff, aus dem das gewollte „Ding“ hergestellt werden soll; die zweite die gedachte, vielleicht auch geplante und von daher erwünschte Form, bzw. die Gestalt, die es haben soll; die dritte der damit und/oder der dadurch zu erreichende Zweck und die vierte der Effekt, den das hergestellte Ding bewirken soll. Nehmen wir als Beispiel einen Hammer. Da ein solcher zum möglichst „effektiven“ (4) Zuschlagen (3) erdacht wurde, sollte er aus stabilem Material (1) – heute meist Stahl – und einer einem solchen Zweck dienenden Form – also schwererem „Kopf“ mit leichterem, aber in der Proportion „passendem“ Stiel (2) – hergestellt werden. Was geschieht aber in diesem Vorgang genauer?

Hier setzten ein Mensch oder mehrere ihre Fähigkeiten und Kenntnisse dazu ein, diesen Hammer zu „erschaffen“, „hervor-zu-bringen“. Dabei zerfällt aber dieser Vorgang in zwei Seiten einer möglichen Betrachtung und Erklärung, eine menschliche und eine technische. Zunächst zu der menschlichen, die Heidegger in seinem Vortrag entweder übersehen oder ausgeblendet hat. Schon Piaget hat darauf verwiesen, dass bei der Beschäftigung eines Kindes mit einem natürlichen Stoff das Kind dabei eine zweiseitige Erfahrung macht, nämlich einmal das Wahrnehmen, Erproben und Entwickeln seiner eigenen Fähigkeiten, diese werden aber andererseits durch den Zustand oder die Form des Stoffes, mit dem es sich beschäftigt, mit dem es han-tiert, mitbestimmt, also eine von beiden Seiten bestimmte Erfahrung. Aus dieser Erfahrung entsteht aber dann das, was wir in jeder gezielt herstellenden Anwendung Arbeit nennen. Arbeit ist also danach alles, was aus Erfahrung in Richtung einer gezielten Veränderung auf die Natur oder innerhalb unserer Umwelt unternommen, gemacht wird, um diese nach Maßgabe der obigen 4 Ursachen zu verändern (s.o.) – im weitesten Sinne gemeint, also Herstellung eines nützlichen Gegenstandes, oder auch Entnahme – z.B. Sammeln – oder Veränderung der Natur – z.B. Bodenbearbeitung -, um daraus oder damit unser Leben besser zu bewältigen. Die Arbeit ist in dieser Sicht die entscheidende Voraussetzung überhaupt, die uns Menschen zu dem gemacht hat, was und wer wir sind. Ohne Arbeit keine Menschen, ohne Menschen keine Arbeit, zumindest nicht in einem Sinne die als Voraussetzung von Technik zu verstehen wäre. Damit ist die Arbeit die umfassendste und grundlegendste Voraussetzung aller weiteren menschlichen Entwicklungen bis heute. Karl Marx nannte sie nicht umsonst unser Wesensmerkmal und ich füge hinzu, unsere Wesensbestimmung. In welchem Maße dies schon immer, vor allem und gerade aber auch heute gilt, insbesondere welche Bereiche davon direkt betroffen, ja abhängig sind, haben wir uns am letzten Abend angeschaut. Kehren wir aber zu der zweiten Seite dieses Vorganges zurück, zu der Technik und den Erklärungen, die Heidegger diesem Vorgang weiter gibt. Wir können hier natürlich nicht den ganzen Überlegungen Heideggers folgen. Hier geht es nur um seine entscheidenden Schlussfolgerungen, die auch unserer Absicht dienen. 

Die Technik geht auf das griechische Wort téchne zurück und meint soviel, wie Kunst, Handwerk, Kunstfertigkeit. Darin enthalten ist ein Zusammenhang, den wir heute nicht mehr so mit einschließen, nämlich das Wort Kunst. Was hier bei den Griechen wirklich gemeint ist bringt Platon im „Symposion“ (205b dieses Zitat ist ebenfalls aus a.a.O. S.11) deutlich auf den Punkt: „Jede Veranlassung für das, was immer aus dem Nicht-Anwesenden über- und vorgeht in das Anwesen, ist poiesis (Poesie), ist Hervor-bringen“. Oder anders, mit unseren heutigen Begriffen formuliert können wir sagen; jede handwerklich produktive Arbeit – wie sich gleich zeigen wird ist maschinelle Arbeit anders zu beschreiben -, bringt etwas aus der Noch-nicht-Existenz, aus der Nicht-Realität, in die Realität, in die Existenz und damit in sein Sein hervor. Um den ganzen Umfang des griechischen Verständnisses dieses Her-vor-bringens zu verstehen, müssen wir uns bewusst machen, dass hier nicht nur das handwerkliche Tun gemeint war, aber auch nicht nur das künstlerisch-dichtende. In diesem Begriff enthalten war auch die physis, das von-sich-her-Aufgehen der Natur. Auch der natürliche Wachstumsprozess ist ein Her-vor-bringen. Aber natürlich gibt es jetzt einen wesentlichen Unterschied zu bedenken; das handwerklich-künstlerische Her-vor-bringen ist – vorerst noch (s.u.) – an den Menschen gebunden, das Natürliche geht „von sich her“. Aber selbst dieses natürliche Her-vor-bringen ist noch an den vier Ursachen, Ver-an-lassungen festzumachen. Auch hier bringt es Heidegger deutlich auf den Punkt: „Her-vor-bringen ereignet sich nur, insofern Verborgenes ins Unverborgene kommt. Dieses Kommen beruht und schwingt in dem, was wir das Entbergen nennen“ (a.a.O.). Oder anders; das Ver-borgene wird im Entbergen ent-borgen, ent-kleidet, sichtbar, deutlich, es kommt zum Vorschein. Hier ist allerdings sowohl Heidegger, als auch den Griechen in einem gewissen Sinne zu widersprechen. Dieses Entbergen wörtlich genommen unterstellt, dass diese neue Weise nicht nur als Möglichkeit, sondern schon fertig „in der Natur“ existierte. Dies ist aber keineswegs so. Ein noch nicht dagewesenes, von einem Menschen hervorgebrachtes Ding, was immer das auch ist, ist schlicht eine menschliche Schöpfung, seine Er-Findung, was zwar nichts an den folögenden Überlegungen ändert, aber sehr wohl zu beachten ist. Aber was ist es jetzt, was da zum Vorschein kommt, deutlich wird? Es ist seine eigene Wahrheit. Aber Vorsicht. Diese Wahrheit meint nicht die jetzt sichtbare Gestalt. Sie meint gerade das Andere, das mit diesem Her-vor-bringen, bzw. Schöpfen ebenfalls her-vor-kommt, nämlich das eigene Sein, das eigene Wesen, das Holon. M.a.W., ein so gedachtes Ent-bergen, Schöpfen bringt immer Holons her-vor. Ja wir haben in diesem Prozess sogar zwei Holons, die Technik und die Arbeit und wie dies bei allen Holons so ist, gehen sie zum eigenen Nutzen die verschiedensten Verbindungen ein. Aber hier muss eines ganz deutlich betont werden, jedes Holon kümmert sich letztlich, wie alles Sein, vor allem und zuerst um sich selbst. Wir haben uns ja auch schon mehrfach gerade mit dieser letzten Feststellung umfänglich beschäftigen müssen. Aber insbesondere dieses hier so besonders herausgearbeitete Ent-bergen der Technik nicht im Sinne des Richtigen, sondern im Sinne seiner funktionsnützlichen „Wahrheit“, enthält, ja ent-birgt auch eine Sicht auf die Technik, die bis heute weitgehend unbekannt und daher unbeachtet ist. Es ist aber gerade diese Sicht, die uns verstehen lässt, warum und wieso die Technik, ganz wie es Heidegger so deutlich betont hat, für uns so gefährlich ist, warum wir an sie „gekettet“ sind. Es ist die aus ihrem Holon-Sein herkommende Selbstheit, ihr Eigeninteresse, ihre Selbstbestimmung, aber eben gerade nicht unsere. Erst wenn wir diese Zusammenhänge beginnen wahr und ernst zu nehmen, haben wir eine Chance, die Gefahr zu erkennen und sie eventuell zu überwinden. Aber eben nur dann.

Heidegger hat aber die Technik in seinem Vortrag als Gestell dargestellt, was meinte er damit, gerade im Kapitalismus? Bei genauerer Sichtweise auf die Entwicklung der Technik müssen wir nun feststellen, dass diese Bezeichnung zwar zutreffend ist, aber eben nur auf den Zustand der „modernen“, der evoluierten, schon weiter-entwickelten, der wissenschaftlich mit-bestimmten Technik, nicht auf die noch handwerklich verstandene Technik. Wie ist nun dieser Umstand zu verstehen? Bringt denn die moderne Technik nicht auch etwas Neues hervor, ist sie also nicht doch auch Ent-bergen, wie die handwerkliche Technik? Ja und nein. So schreibt Heidegger auch hier klar und deutlich: „Auch sie (die moderne Technik) ist ein Entbergen“. Aber „das Entbergen, das die moderne Technik durchherrscht, entfaltet sich nun aber nicht in ein Her-vor-bringen im Sinne der poiesis. Das in der modernen Technik waltende Entbergen ist ein Herausfordern, das an die Natur das Ansinnen stellt, Energie (auch „richtige“ Reaktionen im Sinne von Gesetzen und Material) zu liefern, die als solche (erforscht und fest-ge-stellt) herausgefördert und gespeichert (auch im Wissen) werden“ (a.a.O. S.14) (kann). Aber was meint hier das Wort „Herausfordern“, wer fordert hier wen heraus, vor allem aber warum? Woher kommt diese neue menschliche Ein- und Vorstellung, die Natur herauszufordern, ihr eventuell auch gewaltsam (Ockham) nach-zu-stellen, damit sie sich heraus-stellt, das die Wissenschaft dann fest-stellen kann, um damit im Her-stellen etwas Neues entbergen zu können? Heidegger gibt uns darauf zumindest teilweise eine Antwort. So schreibt er S.18: „Wenn also der Mensch forschend, betrachtend der Natur als einem Bezirk (Bereich) seines Vorstellens nachstellt, dann ist er bereits von einer Weise der Entbergung beansprucht, die ihn herausfordert (dazu bringt, ihn bestimmt), die Natur als einen Gegen-Stand der Forschung anzugehen, bis auch der Gegenstand in das Gegenstandslose des Bestandes (also jeglicher Möglichkeit der modernen technischen Be- und Verarbeitung zur Verfügung stehen) verschwindet“. Aber warum kann er das? Warum macht er das überhaupt? Auf diese Frage bleibt uns Heidegger die Antwort schuldig. Also schauen wir wo anders her.

In den einleitenden Gedanken wurde auf den Umstand der geistigen Entwicklung der Menschen verwiesen. Bei genaueren Kenntnissen der Zusammenhänge zwischen der jeweiligen Weltsichtebene und dem dadurch bedingten möglichen Denken, erschließen sich hier ganz neue Einsichten. So zeichnet sich das Stammesdenken als Identifikation eines Menschen mit dem Wir aus, also mit dem Wohlergehen des Stammes oder des Klan. Eigene Bedürfnisse und Wünsche sind untergeordnet und ein wirkliches Bewusstsein eines eigenständigen Selbst gab es noch nicht. Dies änderte sich grundlegend mit dem vor rund 10 000 Jahren hervorkommenden egoischen Denken, das die Identifikation mit dem Ich mit sich brachte. Ein so denkender Mensch ist davon überzeugt immer Recht zu haben und wenn dies dann eventuell mal nicht zutreffen sollte, sind immer andere schuld. Solche Menschen setzen nach Möglichkeit ohne jede Hemmung oder gar Skrupel immer die eigenen Interessen durch, wenn es sein muss, dann eben auch mit Gewalt und auf Kosten von anderen. Ab jetzt denkt ein solcher Mensch immer von sich her, oder er bezieht die ihm begegnenden Umstände immer nur auf sich. Im Stammesdenken waren die Menschen Teil der Natur, diese war im umfassenden Sinne heilig, unantastbar und wurde von guten oder bösen Geistern bewohnt, denen ma´u huldigen konnte, oder wenn diese mal „böse“ waren – z.B. bei Krankheiten – musste ma´u sie besänftigen. Ma´u nennt diese Sichtweise auch Animismus und die Religionen Totemismus. Für das Entnehmen der zum Leben erforderlichen Nahrung und anderer Gegenstände sollte ma´u sich besser bedanken, um die „Große Mutter“ – die wahrscheinliche Benennung der umfassenden Gottesvorstellung (siehe hierzu Emile Durkheim „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“), die aber immer weiblich gedacht war und damit ein Matriarchat begründete – nicht eventuell zu erzürnen. Eine so grundlegende Veränderung natürlicher Zustände, wie das Bearbeiten des Bodens oder gar das Privatisieren im Sinne von Eigentum an Grund und Boden, war unvorstellbar, wie uns noch die Nordamerikanischen Indianer mit ihrem Unverständnis des dementsprechenden Verhaltens der Europäer so deutlich zeigten. All dies änderte sich mit dem egoischen Denken grundlegend. Hier sollen uns zunächst nur die Veränderungen interessieren, die einen Bezug zur Technik im Sinne des Stellens haben, um uns dieses von Heidegger so deutlich betonte Stellen verstehen zu lassen. Was also geschieht hier konkret?

Der alles entscheidende Umstand ist zunächst der sicher langsam vorgehende Wandel des Denkens und eine damit verbundene Veränderung der Sprache, genauer des Satzbaues. Was meint das genauer? Seit etwa Mitte des letzten Jahrhunderts entdeckten verschiedene Sprachforscher, wie z.B. auch der bekannte Noam Chomsky, dass Menschen aus Stammeskulturen ein grundsätzlich anderes Sprachverständnis, einen anderen Satzbau kennen. Sätze sind eher einfach bis kreisförmig konstruiert und Worte drücken meist die umfassenderen Beziehungen innerhalb einer Beobachtung aus. So gibt es z.B. unterschiedliche Worte für einen Stein der liegt, der fällt, der rollt usw., also immer seine jeweilige Beziehung von sich her zu seiner Umgebung. Solche Sprachen drücken also nur den beobachteten Umstand aus, ohne sich (den sprechenden Menschen) selbst dabei in eine solche Beziehung einzubringen. Das entwickelt sich völlig anders im egoischen Denken. Wie oben schon erwähnt, bezieht ein so denkender Mensch alles auf sich, oder er denkt „von sich her“. Oder anders ausgedrückt; ein Subjekt verändert (Prädikat) einen Gegenstand (Objekt). Ja er beschreibt sogar beobachtete Vorgänge so, als würde hier ein Subjekt, eventuell ein Tier eben als Subjekt handeln, ohne dabei die weiteren Bezüge, die ja immer auch existieren, zu beachten, bzw. sprachlich auszudrücken. In dieser neuen Sprachstruktur kommt aber dadurch eben auch eine gewisse, absolut neue Distanzierung von der Umgebung und damit auch der Natur zum Vorschein. Damit wird ab jetzt auch so etwas wie Nachdenken „über“ die Natur und ihre „internen“ Bedingungen möglich, etwas, was sich letztlich bis zu den Naturwissenschaften weiterentwickeln wird. In dieser Sprache wird es sogar möglich, sich in einem gewissen Sinne von der Sprache selbst zu distanzieren, sie „wissenschaftlich“ zu bedenken und etwas in ihr enthaltenes zu erkennen, das wir heute Logik nennen, ja bis hin zu Metasprachen. Ja selbst die Mathematik dürfte hier ihre Wurzeln haben. Hans-Peter Dürr nennt diese unsere Sprache, die ja dadurch (durch das Gegen-über-treten) sofort eine Polarität, die später im mentalen Denken (siehe hierzu Jean Gebser „Ursprung und Gegenwart“) eine Dualität begründet (siehe das Objektivitätspostulat), eine Apfelpflücksprache, also ein Subjekt (der Mensch), der den gegen-über-hängenden Apfel pflückt. Aber wir sind noch nicht beim „Stellen“ der Natur, obwohl diese Veränderung der Sprache zweifellos ein erster entscheidender Schritt darstellt. Diese Möglichkeit des „Stellens“ hat noch andere Voraussetzungen.

Mit dem egoischen Denken entsteht auch das patriarchale Denken und damit Schritt für Schritt die Herabwürdigung bis Verachtung der Frau im Allgemeinen und des Weiblichen im Besonderen. Da aber in der Frühzeit das Weibliche, Gebärende weitgehend mit der Natur identifiziert wurde, entstand auch die immer weiter absinkende „Be-Achtung“ der Natur und des Materiellen allgemein. Dafür wurde das Geistige überbetont. Wie ist das zu verstehen? Das Natürliche und Materielle war ja immer auch das Gebärende und damit das Weibliche. Da sich aber im patriarchalen Denken das Männliche als das immer umfassender Bessere erwies – zumindest in diesem Denken -, wurde das Geistige männlich. Dies kann ma´u in der Geschichte an zwei besonders wichtigen Entwicklungen beobachten. Da ist zunächst der Umstand. dass in den Patriarchaten und den darin entstehenden Feudalreichen, die männlich dominierten Götterhimmel entstanden, die sich entsprechend der Sagenwelt in langen Kämpfen gegen die älteren weiblichen Gottheiten durchsetzten. Dabei ging ma´u z.B. im griechischen Denken schon so weit, dass jetzt eine „neue“ Göttin, nämlich Athene, nicht von einer Frau oder weiblich gedachten Göttin geboren wurde, sondern aus dem Kopf ihres Vaters. Noch deutlicher wird diese Veränderung im Denken und damit Erklären der Welt im AT. In  der Genesis kann ma´u dies ganz deutlich nachlesen. Gott erschuf die Welt durch das Wort (griechisch Logos = Geist), also geistig. Auch Adam (durch den Hauch Gottes) und Eva. Bis heute ganz fundamental wird aber eine andere Aussage des AT, „machet euch die Erde untertan“, in der genau diese immer geringer werdende Achtung gegenüber der Natur deutlich wird. Es ist genau diese Aussage, die bis heute die entschuldigende Erklärung und das Fundament für die Ausbeutung der Erde abgibt und damit für das „Stellen“ der Natur. So schreibt auch Heidegger ganz deutlich: „Wir nennen jetzt diesen herausfordernden Anspruch, der den Menschen dahin versammelt, das Sichentbergende als Bestand zu bestellen – das Ge-Stell“ (a.a.O. S.19). Aber wenn ma´u sich diesen Satz genauer betrachtet kommt etwas ganz wichtiges zum Vorschein. Hier ist nicht der Mensch der aktive, sondern der passive Part. Er wird „versammelt“, also dahin gebracht dieses zu tun. Wer aber ist es, der ihn dahin „versammelt“. Es ist die Technik selbst, aber als jetzt evoluiertes Holon, ihr weiterentwickelter Zustand, der jetzt nicht nur die Natur „stellt“, sondern auch den Menschen in ihren Bestand „versammelt“, damit er ihr zur Verfügung steht. Auch dies bringt Heidegger deutlich auf den Punkt. So schreibt er S.20: „Ge-Stell heißt das Versammelnde (die Gesamtschau auf dieses Stellen) jenes Stellens, das (auch) den Menschen stellt, d.h. herausfordert (ja zwingt), das Wirkliche in der Weise des (neuartigen) Bestellens als Bestand zu entbergen (hervor-zu-bringen). Ge-Stell heißt die (Art und) Weise des Entbergens, die im Wesen der modernen (weiterentwickelten) Technik waltet und (aber) selbst nichts Technisches ist“, sondern das weiterentwickelte Wesen, Sein der Technik, das Holon Technik. Aber sehen wir denn das überhaupt? In keiner Weise. „Indessen spreizt sich der so bedrohte Mensch in die Gestalt des Herrn der Erde auf. Dadurch macht sich der Anschein breit, alles was (technisch) begegne, bestehe nur, insofern es ein Gemächt (also ein menschlich Gemachtes, Hergestelltes) des Menschen sei“ (a.a.O. S. 26f). 

Aber Moment: Das Stimmt doch. Das Alles machen doch wir Menschen. Ganz deutlich JEIN, also Ja undNein. Es ist zweifellos richtig, dass auch die moderne Technik noch auf uns Menschen angewiesen ist, aber nur in ihrem Interesse, nicht in unserem. Das soll der Begriff Bestand in seiner Beziehung auf uns Menschen verdeutlichen. Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, was der eigentlich meint? Also schauen wir. Kennen Sie solche Begriffe wie Menschenmaterial, Humankapital? Oder den Umstand, dass auf dem Arbeitsmarkt Menschen zur Ware werden (s.u.)? Sind das denn wirklich unsere menschlichen Interessen? Ja selbst das Gewinnstreben des Kapitalismus liegt zuerst im Interesse des Kapitals (Neuinvestitionen, Verschleiß, Zinszahlungen, weiterer Erklärungen s.u.), vor allem aber des Geldes und nicht zuerst im menschlichen. Und liegt die Zerstörung der Umwelt und damit unserer Lebensvoraussetzung in unserem Interesse? Und liegt das eher technisch bestimmte „Stellen“ der Natur durch die modernen Naturwissenschaften zuerst in unserem Interesse? Mitnichten. Diese Erkenntnisse erweisen sich zunehmend zuerst als technisch verwertbare Kenntnisse, aber keineswegs als solche die uns die Wahrheit der Naturzustände und ihr wirkliches Verständnis vermitteln, siehe hier insbesondere die Quantenphysik und manche neue Richtungen der Biologie, die endlich dabei sind diese eher technisch-materielle Sicht auf die Natur zu überwinden.

Es ist eben gerade dieser neue Umstand des Verhältnisses der Technik als Ge-Stell sowohl dem Menschen als auch der Natur gegenüber, die deutlich auch in dem besonderen Verhältnis der materialistisch orientierten Naturwissenschaften der Natur gegenüber zum Ausdruck und Vorschein kommt. Diese neue Art des Stellens der Natur als neuartige Wissenschaft ist selbst schon nur als technische möglich und zwar in einem doppelten Sinne. Auch dies beschreibt Heidegger auf S.21 deutlich: „Die neuzeitliche Physik ist nicht deshalb Experimentalphysik, weil sie (technische, das ist die eine Seite der Erklärung) Apparaturen zur Befragung der Natur ansetzt, sondern umgekehrt: weil die Physik schon als reine Theorie, die Natur daraufhin stellt, sich als einen (verfügbaren) vorausberechenbaren Zusammenhang von Kräften (und Zuständen) darzustellen, deshalb wird das Experiment bestellt, nämlich zur Befragung, ob sich die so gestellte Natur (meldet) und wie sie sich meldet“, das ist die andere Seite. M.a.W., die Natur, die sich auf dieses Stellen hin „meldet“ ist keineswegs die Natur „an sich“, sondern eine der Technik als Bestand zur Verfügung stehende, von ihr gezwungen sich im Sinne ihrer Vorgaben zu „melden“. Hier liegt der wirkliche Grund, warum der auf dieser Technik aufbauende Kapitalismus in so umfassender Weise diese Natur so ausbeutet, ja so ausbeuten muss, da sonst diese Technik sich nicht weiter entwickeln könnte. Dass dies weder im Interesse der Natur noch in unserem menschlichen Interesse liegt, ist der Technik nicht nur völlig egal, nein sie kann gar nicht anders. Anders formuliert: wenn wir uns eines Tages wirklich aus diesem Dilemma befreien wollen, können wir dies nur, wenn wir diesen Zusammenhang endlich wahrnehmen. Und genau hier in diesem Zusammenhang kommt der erste der Gründe zum Vorschein, der in der Überschrift angedeutet wurde: das Holon Technik als Ge-Stell bestimmt uns in umfassender Weise sowohl gesellschaftlich als auch privat in seinem Interesse. Es verhält sich uns, den Menschen gegenüber, absolut despotisch.

7. Abend,  der Markt

An den letzten Abenden zeigte sich deutlich, dass unsere üblichen Vorstellungen der Technik eher einer Schimäre gleichen, aber das Wirkliche dieses Holons keineswegs in den Blick bekommen. Dies gilt nun in vergleichbarer Weise auch für das nächste fundamentale Holon der modernen Zeit und damit insbesondere der Wirtschaft, nämlich dem Markt. Vielleicht werden Sie sich verehrte HörerInnen erneut verwundert die Augen reiben, wie ma´u so etwas behaupten kann. Der Markt ist doch spätestens seit Adam Smith und vielen seiner Nachfolger bis Marx so oft und so umfassend beschrieben und definiert worden, dass ma´u doch wirklich weiß, was ein Markt ist, bzw. seit wann es einen solchen gibt. Aber schauen wir auch hier genauer. Um uns einer deutlicheren Sicht der Markttheorie zu nähern, beginnen wir zunächst bei einer der immer wieder zur Begründung, vielleicht müsste ma´u eher sagen Rechtfertigung, „des Marktes“ erhobenen Behauptung, Märkte habe es schon immer, sprich zu allen Zeiten menschlichen Zusammenlebens gegeben. Wenn ma´u sich aber etwas näher anschauen will, sollte ma´u sich zunächst darauf verständigen, nach was ma´u überhaupt sucht. Also zunächst ganz konkret; was ist ein Markt? Mit diesem Begriff bezeichnet ma´u heute allgemeinsprachlich einen Ort, an dem Waren regelmäßig auf einem meist zentralen Platz gegen ein allgemeines Waren- oder gar Wertäquivalent, wie z.B. Geld gehandelt werden. Um uns dem Problem, um das es hier besonders geht zu nähern, müssen wir uns zunächst den Begriff Ware etwas näher anschauen. Was ist eine Ware? Wie immer bei solchen Begriffen, die gerade in Theorien eine entscheidende Rolle spielen, die besondere gesellschaftliche Verhältnisse darstellen oder beschreiben sollen, sind diese meist sehr umstritten. Die wohl deutlichste Definition einer Ware im Unterschied z.B. zu einem Gut, bestimmt sie als ein solches, das speziell zu Handelszwecken hergestellt wurde. Also ganz deutlich; der/die Hersteller/in hatte von Beginn an die Absicht dieses „Gut“ nicht für den Eigenbedarf herzustellen, sondern es entweder gegen ein anderes Gut zu tauschen, oder gar gegen ein allgemeines Warenäquivalent zu verkaufen. Um diese Aussage aber in seiner Bedeutung zu kennzeichnen, ist es erforderlich nach dem Begriff Gut zu fragen: Also, was ist jetzt ein Gut?  Ein Gut, Mehrzahl Güter sind sowohl in der Wirtschaftswissenschaft, als auch im allgemeinen Sprachgebrauch, wenn ma´u sich auf diese bezieht, alles was zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dient. Das gilt dann sowohl für Nahrung, als auch Bekleidung, Unterkunft und alle möglichen Ausrüstungsgegenstände, die ma´u zu diesem Zweck brauchen kann. Hier wurde deshalb so allgemein formuliert, damit wir auch den frühen Beginn solcher diese beschaffenden Aktivitäten mit im Blick behalten können.

Wenn wir uns der Beurteilung dieser Umstände gerade der frühen Zeit, hier speziell die Stammeskulturen gemeint, annähern wollen, ist es erneut unbedingt wichtig, das darin existierende Denken zu berücksichtigen. Wir haben schon oben darauf verwiesen, dass sich im Stammesdenken die Menschen mit dem Stamm identifizierten, aber nicht mit sich selbst. Gerade dieser Gesichtspunkt ist zur Beurteilung der Frage nach einem Markt auch schon in der Zeit der Stammeskulturen, was ja von ÖkonomInnen immer wieder getan wird, von ganz elementarer Bedeutung. Dies hat damit zu tun, dass zur Begründung der angeblich „alles (gemeint sind alle gesellschaftlichen Probleme, s.o.) regelnden“ Fähigkeiten des Marktes immer die Behauptung erhoben wird, Menschen hätten schon immer und zu allen Zeiten nur ihre Eigeninteressen im Blick. Wenn diese nun auf dem Markt frei, also ohne äußere Behinderung, wie z.B. Vorschriften oder gar Gesetze, „zusammenträfen“, würden diese sich dann „zum Besten aller“ ausgleichen (die „unsichtbare Hand Gottes“ des Adam Smith lässt grüßen). Wenn es aber im Stammesdenken für die Menschen nur Stammesinteressen gibt, kann es eben keine Eigeninteressen geben, die sich auf einem fiktiven Markt „ausgleichen“ können. Damit ist von Beginn an klar: in den Stammeskulturen gab es keine Märkte, Punkt, was übrigens auch unideologische ForscherInnen schon längst bestätigen, die bis heute in Stämmen solche nicht finden konnten. Ja noch deutlicher: die immer von den ÖkonomInnen behauptete Reihenfolge allgemein menschlichen wirtschaftlichen Verhaltens, nämlich zunächst Tausch, dann Märkte und dann Geld wurde eindeutig sowohl von HistorkerInnen, als auch AnthropologInnen als pure Behauptung, vielleicht müsste ma´u deutlicher sagen Wunschdenken, entlarvt. Alle Fakten belegen, dass das Ganze genau anders herum vor sich ging; zuerst gab es das Geld, allerdings im Sinne des sozialen Geldes (s.o.), dann die Märkte und dann erst der Tausch, zumindest im marktwirtschaftlichen Sinne gemeint. Jetzt erhebt sich aber eine andere Frage; welcher „Austausch“ von Gütern gab es in den Stammeskulturen, denn auf irgend eine Art und Weise muss es ja auch dort zu einem solchen Austausch gekommen sein. Eins vorweg: dieser hatte offensichtlich wenig bis gar nichts mit dem „Ver- oder Ausgleich“ von Werten zu tun und zwar weder Gebrauchswerten und schon gar nichts mit Tauschwerten, da diese ja an allgemein akzeptierte Tauschäquivalente, wie z.B. Warengeld gekoppelt sind. Damit ergibt sich deutlich; einen Tausch in unserem modernen Sinne gab es nicht. Was aber könnte in solchen Stämmen abgelaufen sein? 

Um dies beurteilen zu können, ist es zunächst wichtig sich bewusst zu machen, dass Stämme die zweite Stufe der Entwicklung des menschlichen Zusammenlebens meint, die schon zahlenmäßig erheblich größer waren, als die früheren Kleingruppen (manche ForscherInnen schätzen diese bis zu 15, höchstens 20 Personen) des voraufgehenden archaischen Denkens, wobei aber schon diese „technische“ Fähigkeiten hatten, wie z.B. Geräteherstellung, aber auch von Jagdwaffen (ma´u vergleiche hierzu die San oder !Kung in Südafrika). Solche Fähigkeiten gab es natürlich in den folgenden Stämmen (zunächst wohl mit ca. bis zu 150 Personen, was sich gegen Ende dieser Entwicklung in den Stammeshäuptlingstümern bis auf 10000 und mehr steigerte) vermehrt. Hier dürfte sich aber ein Trend entwickelt haben, der sich auch durch Abschlagfunde von Feuerstein belegen lässt, dass einzelne besonders begabte Personen, z.B. der Steinbearbeitung, sich auf diese in dem Sinne spezialisierten, dass sie diese Tätigkeit wohl für den ganzen Stamm ausübten. Wir würden solches wohl heute einen Vollzeitjob nennen. M.a.W., diese Personen stellten in fast ihrer gesamtem Zeit des Tätigseins – was nun aber keineswegs als ganztägige Tätigkeit verstanden werden darf, ganz im Gegenteil – Steingeräte oder Steinteile (z.B. als Speer- oder Pfeilspitzen, Messer, Schaber, Äxte u.a.) von Geräten her und ma´u kann davon ausgehen, dass sie dafür von der Stammesgemeinschaft all die Dinge bekamen, die sie selbst zum Leben brauchten. Es dürften hier aber „Werte“, oder gar Mengen im Sinne eines späteren Tausches wenig bis gar keine Rolle gespielt haben. Ma´u kann aber durchaus davon ausgehen, dass für diese Menschen die Freude an der Umsetzung ihres Könnens sowohl für sich selbst – selbstbestimmte Arbeit ist etwas, was das Leben bereichert und nicht wie fremdbestimmte Arbeit belastet -, als auch im Bewusstsein ihrem Stamm einen wertvollen Dienst geleistet zu haben, eine überragende Rolle gespielt hat. Ein solches allgemeines „Verteilen“ benötigter Dinge beschrieb z.B. noch Morgan, der erste Anthropologe, der über die Nordamerikanischen Indianer berichtete damit, dass es z.B. bei den Irokesenstämmen ein Haus gab, in dem – übrigens unter Aufsicht der Frauen – solche Dinge gelagert waren, die sich dann jeder nach Bedarf entnehmen konnte. Was aber spielte sich zwischen den Stämmen ab? Gab es da keinen Tausch, gar auf Gegenseitigkeit, wobei hier ja eventuell doch wohl so etwas wie ein Wertbewusstsein bestand?

Diese Frage ist zumindest für die Frühzeit nicht so ganz einfach zu beantworten, da ma´u aus noch heute existierenden Stammeskulturen verschiedene Einstellungen zu solchen Umständen kennt. Vorab ist festzuhalten, dass fremde Personen in den Stammeskulturen wohl eher mit Misstrauen betrachtet wurden. Eine solche Grundeinstellung Fremden gegenüber ist ja selbst heute noch keineswegs verschwunden, wie das ganze Integrationsproblem weltweit so deutlich beweist. Gleichwohl weiß ma´u, dass „fremde“ Dinge oft als besonders „wertvoll“ – wahrscheinlich eher im Sinne von unbekannt, oder gar überraschend, wie der Ostseebernstein, den ma´u schon sehr früh bis in China nachweisen kann – erachtete Gegenstände relativ weit verbreitet waren. Wie könnte ma´u sich deren Verbreitung vorstellen, wenn ma´u davon ausgeht, dass es in dieser Zeit weder Märkte, noch Händler (s.u.) gab? Es sind auf jeden Fall zwei Umstände belegt. Zunächst ist vorab festzuhalten, dass wir wenig bis gar nichts über reale Zeitabläufe solcher Verbreitungen wissen. Ob solches wenige Jahre, eher Jahrzehnte, möglicherweise in einzelnen Fällen gar Jahrhunderte dauerte, ist nur schwer nachzuweisen. Ma´u sollte sich aber bewusst sein, dass wir uns hier über Zeiträume unterhalten, die sich wohl zwischen 30 und 40 000 Jahre erstrecken. Aber konkret, was weiß ma´u dazu heute? Seit längerem ist bekannt, dass sich Stämme gegenseitig zu besonderen Anlässen beschenkten. Welche diese Anlässe waren, war wohl sehr unterschiedlich, hatte aber möglicherweise oft mit religiösen Gründen in Bezug auf jahreszeitliche Rituale zu tun. Dass solche Aktivitäten gegen Ende der Stammeskulturen auch mit bösartigen Gründen durchgeführt werden konnten, zeigt das Beispiel des Potlatsch nordostamerikanischer Indianer noch zur Kolonialzeiten. Dies diente offensichtlich dazu andere Stämme zu schädigen (wobei die wirkliche Bedetung bis heute immer noch umstritten ist), so dass sich die englische Kolonialverwaltung dazu genötigt sah, diese zu verbieten. Wahrscheinlich spielte hier schon aufkommendes Egodenken eine Rolle. Auf jeden Fall aber bezeichnen daher manche AnthropologInnen diesen weltweit nachweisbaren Umstand des „Tauschens“ in Form von Geschenken als Geschenktauschkultur, also Tausch nicht zu Geschäftszwecken, sondern im Sinne gegenseitiger Geschenke. Wann solche Praktiken begannen und welche Umstände diese auslösten, wird wohl kaum je nachzuweisen sein. Ein weiterer wichtiger Umstand, möglicherweise eher gegen Ende dieser Zeit, war ein Austausch heiratsfähiger junger Menschen zwischen Stämmen, in der Spätzeit vor allem Frauen, der aber eine wichtige Doppelfunktion hatte. Zunächst wurde der „Wert“ einer solchen Person – was immer ma´u darunter verstand war wahrscheinlich in verschiedenen Gegenden der Welt ganz unterschiedlich – durch „Gaben“, wohl meist Gebrauchsgüter, möglicherweise auch solcher Seltenheiten wie Bernstein oder ähnliches, „ersetzt“. Mindestens genau so wichtig war aber ein anderer Effekt. Solche Stämme waren ab diesem Zeitpunkt miteinander „verwandt“. Dies hatte zur Folge, dass ma´u sich gegenseitige Hilfe schuldete. Gerade dieser Begriff des „Schuldig-seins“ wird gleich noch sehr wichtig werden. Ob dies zu Beginn auch für mögliche kämpferische Auseinandersetzungen oder politische Handlungen im allgemeinen Sinne galt, wie die spätere Hochzeitspolitik während der Feudalreiche zeigt, ist eher unwahrscheinlich, da es Belege für Kämpfe unter Beteiligung größerer Personengruppen während dieser Zeit erst in Ansätzen gibt und da eher für die Spätzeit der Stammeskultur, also der Stammeshäuptlingstümer. Viel wichtiger war zweifellos die verpflichtende gegenseitige Unterstützung, wenn einer der Stämme aus welchen Gründen auch immer – Klimaprobleme oder Naturkatastrophen, speziell für den Hack- oder dann den Ackerbau, oder Tierkrankheiten bei Nomaden – in Not geraten war. So weiß ma´u von Nomadenstämmen, dass solche Hilfen bis zur eigenen äußersten Belastungsgrenze gewährt wurden und teils heute noch werden, wie ma´u bei noch existenten Nomaden beobachten kann. Eines steht aber zweifelsfrei fest, Märkte im Sinne von Tausch wertmäßig bestimmter Güter gab es während der Stammesperiode unserer Geschichte nicht. Dafür fehlte in der damaligen Zeit die entsprechende innere Einstellung, vor allem eben auch jeglicher historische Beleg. Wann aber gibt es so etwas, was ma´u im volkswirtschaftlichen bzw. ökonomischen Sinne als Markt bezeichnet, also das geregelte Zusammenführen von Angebot und Nachfrage an Waren, Dienstleistungen und Rechten (Wik). Also schauen wir genauer.

Über die Entstehung und Vorgeschichte des Marktes habe ich an anderer Stelle das Wichtigste gesagt. Hier nur ganz kurz; die ersten Märkte entstanden in den ersten Staaten und zwar im Zusammenhang mit von den Verwaltungen angeordneten Handedlskarawanen in benachbarte Gebiete. Diese sollten Agrarprodukte gegen Holz, Metalle ud Steine eintauschen. Die „Händler“ waren zunächst meist Beamte, erst später unabgängige Händler, die dann ihre Überschüsse auf diesen ersten Märkten gegen Kredite eintauschten. Daneben wurden sie insbesonders wichtig zur Ausrüstung und Versorgung der immjer häufiger benötigten Armeen. Aber diese seither in den entstehenen Hochkulturen mehr oder weniger immer existierenden Märkte sind keineswegs mit den heutigen vergleichbar. Wie wir gleich noch näher sehen werden zeichnet sich ja der moderne Markt durch eine angebliche Gleichheit und Freiheit aller Teilnehmer aus, wobei er selbst weniger von staatlichen Eingriffen oder Vorschriften betroffen ist, als in der Vergangenheit. Aber dazu sind eine Menge kritischer Bemerkungen zu erheben. Vorab ist als erstes festzuhalten, dass in keiner bisherigen Phase die Marktteilnehmer je gleich waren. Dafür sind sowohl die unterschiedlichen Weltsichtebenen verantwortlich, als auch die egoisch-patriarchale Denke und die dadurch noch stärkere machthierarchische Gliederung der bisherigen Gesellschaften in Klassen, Kasten bis Ständen als heute. Auch hier gibt es natürlich ganz unterschiedliche Entwicklungen, von stark staatlich reglementierten Märkten im Merkantilismus, bis zu den relativ freien Märkten des Mittelalters im Islam. Diese waren allerdings durch das damals „herrschende“ Wir-Gefühl des mythologischen Denkens in ihren Absichten völlig anders orientiert, als die modernen Märkte. Oder anders ausgedrückt; die von der Ökonomie stets behauptete Dominanz des Eigeninteresses auf den Märkten ist ausschließlich eine Folge des am Ich orientierten egoischen und rationalen Denkens. Als sich dann dieses rationale Denken mit der sich weiter entwickelnden Moderne vor allem in Europa immer umfassender durchsetzte, wurden auch die damit verbundenen Vorstellungen des Individualismus und der Freiheit des Einzelnen – hier insbesondere in der Entwicklung des Liberalismus besonders deutlich zu erkennen – die wichtigsten neuen Denkkategorien, die die neuen gesellschaftlich herrschenden Denkmuster bestimmten. Dies galt sowohl in der Politik – siehe die Veränderungen hin zur konstitutionellen Monarchien und dann der Demokratie -, als vor allem immer beherrschender in der Wirtschaft. Der Mann, der nun diese Entwicklungen im wirtschaftlichen Denken, teils auch im Sinne einer heftigen Kritik des  damals noch herrschenden merkantilistischen Denkens und daher bedingten staatlichen Handelns, auf den Punkt brachte, war Adam Smith mit seinem Buch „Der Wohlstand der Nationen“.

Hier kann es nun keineswegs darum gehen dieses Buch zu besprechen oder zu kritisieren, sondern nur auf die wichtigsten Grundaussagen in Bezug auf seine Vorstellungen eines „Freien Marktes“ hinzuweisen und deren Folgen für die Entwicklung der Wirtschaft als Kapitalismus, als auch für diejenigen in die Gesellschaft zu benennen. Beide sind in ihren Wirkungen umfassend. Da es hier aber darum geht, uns den Kapitalismus anzuschauen, seien hier so kurz wie möglich die wichtigsten gesellschaftlichen genannt, wobei allerdings diese Kürze eines Hinweises keineswegs etwas über die Wirkungen aussagt, das ganze Gegenteil ist der Fall. Die Grundlage aller Überlegungen von Smith war die Freiheit des Einzelnen, die als Rechtsgarantie sowohl dieser Freiheit, des Vertragsrechtes für alle Menschen als Marktteilnehmer, des Marktes selbst, als auch des Eigentums gedacht war. Dadurch sollte ebenfalls eine freie Wettbewerbsordnung garantiert werden, die ihrerseits über die ungehinderte preisgesteuerte Warenverteilung einen optimalen gesellschaftlichen Reichtum und damit das größte Wohl aller Individuen erzeugen würde. Wichtig ist sich bewusst zu machen, dass dieser Freiheitsbegriff eine „negative“ Freiheit meint (siehe hierzu auch Isaiah Berlin „Freiheit“), also „Freiheit von“ staatlichem Zwang. Diese in diesem Denken enthaltene rechtlich bedingte individuelle Freisetzung führte aber in der Frühzeit des Kapitalismus, oft bis heute zu einer sozialen Notlage der Arbeiter (s.u.), vor allem aber zu dem was wir moderne Gesellschaft nennen müssen, einer Gesellschaft also, die es in dieser Form zuvor gar nicht gab. Anders ausgedrückt; diese durch die rechtliche Absicherung der individuellen Freiheitsrechte der Menschen und speziell in Richtung ihrer Stellung zum Markt – z.B. des Arbeitsmarktes, in dem ja letztlich Menschen zu Waren werden -, führt in ihrer Konsequenz zu einer gesellschaftlichen Dynamik und eigenen Bewegungsgesetzen, die es zuvor in diesem Sinne, oder mit diesen neuen Problemen nicht gab. Der erste, der diesen Umstand erkannte, war mit einiger Wahrscheinlichkeit der deutsche Liberale Robert von Mohl (1799 – 1875). In ähnlicher Weise argumentierte später Max Weber. Neuerdings spricht ma´u auch von einer Marktgesellschaft, um die immer umfassendere Durchdringung des marktorientierten Denkens dieser Gesellschaft zu beschreiben. M.a.W., es wurden und werden alle persönlichen und sozialen Bezüge zwischen den Menschen, von den gesellschaftlichen gar nicht erst geredet, als Kosten-Nutzen-Verhältnisse betrachtet und das Verhalten daran orientiert. Die eigentlichen menschlichen Werte, z.B. Liebe, Empathie, Mitgefühl, um nur einige der wichtigsten zu nennen, verlieren bei Menschen, die so denken immer mehr ihre Bedeutung. Dass aber eine solche Entwicklung letztlich schlicht und ergreifend eine katastrophale Folge für uns Menschen allgemein und die Gesellschaft im Besonderen hat, wird immer mehr Menschen bewusst, so dass sich hier ein immer breiterer Widerstand gegen diese Entwicklung zu regen beginnt (siehe hierzu das sehr erfolgreiche Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann“ von Michael J. Sandel). Ganz in diese Richtung zielt übrigens auch die schon erwähnte sog. mentalitätskritische Wahrnehmung des Kapitalismus (Bachinger/Mathis). Danach steht dieser für ein ausschließlich an einer kapitalistischen Rationalität orientiertes Denken, das auf Profit und die optimierte Verwertung der eingesetzten Produktionsmittel abzielt, ohne dabei Aspekte der Nachhaltigkeit, der Ethik und möglicher sozialer Verwerfungen zu berücksichtigen.

Nun aber zu den Marktwirkungen in Richtung des Kapitalismus. Da diese grundlegend und umfassend sind, gibt es wie immer in solchen Fällen eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Meinungen. Die meiste Übereinstimmung gibt es in dem Sinne, dass eine kapitalistische Wirtschaftsordnung vor allem von dem Vorliegen von Eigentumsverhältnissen an den Produktionsmitteln und von der Koordination der Wirtschaftsprozesse über den Marktmechanismus abhänge. Damit wird völlig deutlich, dass es eine kapitalistische Wirtschaft ohne Markt nicht geben kann. Allerdings kann ich hier eine abschließende Bewertung dieser Umstände noch nicht vornehmen, da der Kapitalismus selbst erst Gegenstand sein wird, wenn die hier anstehenden Themen der diesen bestimmenden Holons abgeschlossen ist. Aber ganz unabhängig von all diesen theoretischen Streitereien, die ja häufig auch ideologisch befrachtet sind, steht eines fest; es gäbe mit Sicherheit keinen erfolgreichen Kapitalismus, wenn nicht in diesem die von Smith eingeforderte individuelle Freiheit gerade und vor allem für die Entscheidungsfreiheit der eigentlichen Wirtschaftssubjekte, also Unternehmer – umfassend – und Käufer – eingeschränkt – gelten würde. Wie die gesamte Entwicklung des Kapitalismus bis heute zeigt, können praktisch alle anderen Komponenten dieser Wirtschaftsform staatlich bestimmt werden, aber diese müssen gelten. Diesen Zusammenhang hat ja gerade das Scheitern des „real existierenden Sozialismus“ deutlich gezeigt. Und damit sind wir an dem Punkt uns die Wirkung und die Stellung des Marktes in seiner Beziehung zum Kapitalismus näher anzusehen, nämlich seine Beziehung als System innerhalb des Systems Kapitalismus der seinerseits ein besonderes System innerhalb von Tätigkeiten ist, die wir als Wirtschaft bezeichnen. Oder anders formuliert, wir betrachten den Markt unter dem Aspekt der Systemtheorie. Auch hierzu hat Niklas Luhmann Grundlegendes gesagt, wobei ich der Komplexität dieses Gegenstandes halber, nur auf einige sich daraus ergebende Schlussfolgerungen eingehen kann.

 Wie jede Form gesellschaftlicher Verhältnisse und Aktivitäten kann ma´u auch die Wirtschaft unter den verschiedensten Vorgaben beobachten und danach beschreiben. Die Ökonomie benutzte dazu von Beginn an insbesondere bestimmte Modellvorstellungen, die dann dem Gegenstand selbst mehr oder weniger übergestülpt wurden und werden. Konkret auf das Modell Markt bezogen meint dies, dass ma´u hier spätestens seit Adam Smith von einem Modell des Gleichgewichts ausgeht, das immer auf diesem erzielt wird und der sich dann im Preis ausdrückt. Setzt ma´u diesen Umstand absolut – also jeder gefundene Preis ist ein Ausdruck dieses Gleichgewichts -, bleiben erstens keine Fragen mehr, vor allem aber werden dadurch keine Fehlentwicklungen sichtbar. Die soziologische Sichtweise der Systemtheorie verfährt hier in dem Sinne anders, als sie schlicht ohne vorgegebene Modelle oder Bedingungen beobachtet. Ma´u kann nun ein System – oben wurde schon kurz erwähnt, was darunter zu verstehen ist – von Innen oder von Außen beobachten. Gehe ich nun von einem Menschen in einem Betrieb aus, der Entscheidungen über zukünftige Aktivitäten zu treffen hat – also was und wieviel soll oder kann ich produzieren -, dann ist dieser Mensch zunächst selbst ein Beobachter, denn nur seine Beobachtungsdaten liefern ihm die Grundlage seiner Entscheidungen. Und woher bekommt er seine „Daten“? Vom Markt, oder genauer, die auf dem Markt getätigten Zahlungen oder Nichtzahlungen (s.o.) liefern ihm diese Daten. Damit zeigt es sich aber, dass der Markt nicht Teil des Systems Unternehmung ist. Aber Moment, der Markt gehört doch zu dem System Wirtschaft oder nicht? Aber ja doch. Aber auch innerhalb von Systemen kann es einerseits Subsysteme geben, aber auch das, was die Soziologie von Systemen „interne Umwelten“ (siehe Niclas Luhmann) – also etwas, was um das System Unternehmen herum, also außerhalb von ihm, aber gleichwohl innerhalb des Systems Wirtschaft existiert – nennt. Oder anders formuliert; der Markt ist danach kein Teil eines Unternehmens, aber sehr wohl Teil der Wirtschaft.

 Schon oben habe ich darauf verwiesen, dass der Markt eine Vermittlerfunktion zwischen unterschiedlichen bis möglicherweise gegensätzlicher Positionen hat, indem er diese durch die Einigung auf einen Preis zum Ausgleich bringt, allerdings ohne dass er diese Positionen selbst zur Übereinstimmung bringt. Beide Seiten stimmen also nur für diesen jetzt gefundenen preislichen Kompromiss überein, der sich dann in der folgenden Zahlung oder Nichtzahlung realisiert, aber nicht in ihren grundsätzlichen Positionen. Gerade dieser Sachverhalt wird oft in einem Modell des Gleichgewichts unterstellt, was ja auch immer wieder geschieht, was aber mit der Realität meist wenig bis gar nichts zu tun hat. Dieser jetzt aber dargestellte Umstand, dass ein/e Unternehme/in ihre Entscheidungsdaten aus der Beobachtung des Marktes bezieht, ist ein weiterer ganz entscheidender Sachverhalt, der die Bedeutung eines Marktes beschreibt. Zusammengefasst kann ma´u also sagen; auf einem Markt wird nicht nur über den Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens durch die Preisfindung und damit den Kauf oder Verkauf von Produkten entschieden und damit über mögliche Zahlungen oder Nichtzahlungen, nein diese Abläufe liefern dem/r Unternehmer/in auch die Daten für seine/ihre Entscheidungen in Bezug auf die zukünftigen Aktivitäten des Unternehmens. Oder mit den Worten Luhmanns: „Das Wirtschaftssystem macht sich selbst zur Umwelt (als Markt), um auf diese Weise Reduktionen (Vereinfachungen mit Hilfe der Preise) zu erreichen, mit denen es sich selbst und anderes in einer Umwelt beobachten kann“ (a.a.O. S.95). Ich werde am Ende in der Gesamtschau des Kapitalismus nochmals auf diese Zusammenhänge zurückkommen. Aber eine Frage bleibt noch. Auch der Markt ist ein Holon. Wie lässt sich seine „Evolution“ verstehen? Nun nach allem was wir dazu sagen können ist er durch das eben Dargestellte nicht nur innerhalb der Wirtschaft zu einem der zentralen „Organe“ dieser Wirtschaft geworden, sondern ist auch dabei uns seine derzeit durch dieses sog. marktwirtschaftliche Denken vorgegebenen Verhaltensnormen immer umfassender aufzuoktroieren, so dass ma´u immer häufiger und immer begründeter von unserer derzeitigen Gesellschaft als Marktgesellschaft spricht. Auch dazu später noch mehr.

8. Abend. Der „real existierende“ Kapitalismus heute

Wie wir am ersten Abend im Zusammenhang mit der österreichischen Schule der Ökonomie gehört haben, ist der Kapitalismus die beste Wirtschaftsform, die sich Menschen jemals haben einfallen lassen. Das Beste ist die höchste Steigerungsform von gut, m.a.W., er ist nicht nur „gut“, nein, er ist das Beste überhaupt. Wenn ma´u sich aber darüber unterhalten will, was „gut“ in welchem Sinne auch immer ist, dann müssen wir fragen, was dieses „Gut“ konkret meint und hier in unserem Zusammenhang insbesondere, für wen? Wir haben oben darauf verwiesen, dass das Wirtschaften eine allgemein menschliche Tätigkeit war und ist, mit deren Hilfe sich Menschen ihren Lebensunterhalt gesichert haben. Also muss hier unsere Frage lauten, ob der „real existierende“, also unser derzeitig existierender und daher beobachtbarer Kapitalismus für alle Menschen „gut“ ist und zwar sowohl in der Bereitstellung der für die Menschen benötigten Güter, als auch im Sinne von „das Beste“ darüber hinaus auch „gut“ in Bezug unserer allgemeinen Lebensinhalte und Ziele. Am ersten Abend habe ich darauf verwiesen, dass die Grundlage des hier vorausgesetzten Denkens einer Beurteilung des Kapitalismus die Überzeugung ist, dass alle Menschen gleich sind. Daraus folgt, dass wir nur dann das Prädikat „gut“, oder gar das „Beste“ „vergeben“ können, wenn dies alle Menschen dieser Erde von sich und ihren Lebensumständen sagen könnten. M.a.W., alle Menschen müssten sowohl ausreichend mit Nahrung, als auch Bekleidung, Wohnung, Gesundheit, Zugang zu Bildung und zu einer das Leben sichernden Arbeit haben. Das wäre aber nur die wirtschaftliche Seite. Damit ist noch nichts darüber ausgesagt, ob die Menschen auch zufrieden und glücklich leben können. Wenn sich nun die Antwort auf diese Frage auf alle Menschen dieser Erde beziehen soll, dann kann ma´u nur sagen, dass wir nach wie vor sehr weit von einer solchen Situation entfernt sind. Das trifft heute weder auf alle Menschen in den entwickelten Ländern zu, und erst recht nicht auf diejenigen in den Entwicklungsländern. Jährlich sterben Millionen Menschen an Hunger; mangelhafter Gesundheitsvorsorge; nach wie vor haben sehr viele Menschen keine, oder absolut schlecht bezahlte Arbeit; immer noch gibt es in vielen Ländern Kinderarbeit; und auch die Situation in Bezug auf eine allgemeine Bildungsmöglichkeit, geschweige denn eine adäquate Berufsausbildung ist nach wie vor betrüblich bis katastrophal. Bezogen auf diese Voraussetzung muss ma´u daher davon ausgehen, dass sehr viele Menschen weder zufrieden, noch glücklich leben können. Zu diesem letzteren Umstand wird eh noch eine Menge zu sagen sein. Dieses Fazit, das eher zu optimistisch denn realistisch ist, zeigt eindeutig, dass ma´u dem „real existierenden“ Kapitalismus weder das Prädikat gut, geschweige denn das „Beste“ geben kann. Und dies galt von Beginn seines „Siegeszuges“ an bis heute, mit einer kurzen Periode der Besserung für die entwickelten Länder in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es wird nun darauf ankommen zu zeigen, woran dies liegt.

Um dies zeigen zu können, wollen wir uns zunächst nochmals die Definition des Kapitalismus anschauen. Dort lesen wir: „Allgemein bezeichnet Kapitalismus eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht. Daneben ist das <Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb> entscheidend“. Liest ma´u diesen Text durch, könnte, vielleicht müsste ma´u sagen „sollte“, einem auffallen, dass hier nirgendwo der Begriff Mensch auftaucht. Ma´u könnte zum Verständnis dieses Umstandes vielleicht hinzufügen, dass sich doch der Begriff Gesellschaftsordnung, oder auch Privateigentum letztlich auf Menschen bezieht. Aber tun sie das wirklich, vor allem im Verständnis von „alle Menschen“? Nun, der Begriff Gesellschaft schon, zumindest in einem umfassend gemeinten Sinne, aber der Begriff Privateigentum überhaupt nicht. Wie wir schon oben sahen, teilt dieser Umstand existierenden Privateigentums jede Gesellschaft in Eigentümer und Nichteigentümer. Dies gilt aber vor allem dann, wenn sich dieses Eigentum auf die Produktionsmittel bezieht und zwar von Beginn des kapitalistischen Systems an. Um das in seiner ganzen Brisanz nachvollziehen zu können, hier nochmals in einer kurzen Zusammenschau die historischen Entwicklung. Nach der Entstehung der Feudalreiche wurde die Arbeit – wie auch in allen früheren „Zivilisationen“ – auf die unteren Bevölkerungsschichten und die Sklaven „abgeschoben“ und mit Verachtung belegt, aber das von diesen erarbeitete Mehrprodukt schon in den frühesten arbeitsteiligen Gesellschaften, von den Machteliten durch diese Machtposition oder direkt ausgeübter Gewalt angeeignet (siehe erneut S.Diamond). Die daraus entstehenden Folgen im gesellschaftlichen Denken, kann ma´u noch gut an dem Konzept des „Guten Lebens“ (siehe Charles Taylor „Dier Quellen des Selbst“) nachvollziehen. An diesem durch das patriarchal-egoisch-rationale Denken entstandenen Umstand, der seither jede Gesellschaft in Klassen, Schichten oder gar Kasten spaltet, in denen die meist dünne bis sehr dünne Oberschicht diese Gesellschaften in ihrem Sinne beherrschen, hat sich bis heute nichts geändert. Nur wurden in der jüngeren Vergangenheit durch eine sehr einseitige Interpretation des Freiheitsbegriffs aus den früheren adligen Herrschern, heute, durch die sog. Freiheitskämpfe, die Wirtschafts- und Finanzeliten zu den eigentlichen Herrschern und damit frei.

Und es ist genau dieses neoliberale Denken, das die Überzeugung hervorbrachte, der Kapitalismus sei die beste aller Wirtschaftsformen. So beschreibt z.B. einer der Obergurus des Neoliberalismus Hayek diese „kulturelle Evolution“ der jüngeren Wirtschaftsentwicklung, als einen Wettbewerbsprozess, „in dem sich die wirksamsten Einrichtungen durchsetzten“ und Bachinger/Matis aus denen eben dieser Satz zitiert wurde, fügen hinzu, dass dieses Denken im Sozialdarwinismus gründe. Betrachtet ma´u sich diesen Satz, kann ma´u sofort erkennen, dass wir hier in der Entwicklung des Kapitalismus einen ähnlichen „Ausscheidungswettbewerb“ beobachten konnten und können, wie in der ganzen Zeit der militärisch dominierten Gesellschaften sowohl der Feudalstaaten, als zuletzt der Nationalstaaten. M.a.W., hier wurde im gleichen Sinne unter Einsatz aller zur Verfügung stehender Mittel, zuerst militärischer, im Kapitalismus wirtschaftlicher, die Konkurrenz vertrieben, meist aber ausgeschaltet, so dass bis heute gesehen nur relativ wenige weltbeherrschende Konzerne bestehen blieben, zumindest im Bereich der wirklich wichtigen Wirtschaftsverhältnisse, siehe z.B. die Energie, aber auch andere. „Survival oft he fittest“ also. Allerdings haben diese neuen Eliten – zumindest schien es bis in jüngster Vergangenheit so -, aus der Vergangenheit in dem Sinne etwas gelernt, dass sie diese ganzen Umstände so geschickt in Ideologien verpackten, oder insbesondere durch den Mainstream der Ökonomie verpacken ließen, dass nur wenigen selbständig und kritisch denkenden Menschen diese Zusammenhänge auffielen und diese darauf aufmerksam machten. Allerdings gelang es den Eliten und ihren „Helfern“ bisher, diese kritischen Stimmen weitgehend mundtot zu machen – siehe z.B. Karl Polanyi, oder noch deutlicher Silvio Gesell (s.u.), aber natürlich noch weiterer. Sie scheinen sich aber inzwischen ihrer Position so sicher, dass sie anfangen Fehler zu machen. So wird sich der vom Neoliberalismus geforderte Sozialabbau, der sich ja in allen sog. entwickelten Ländern immer umfassender bemerkbar macht, die Gesellschaft zumindest in Europa auf die Dauer nicht gefallen lassen, wie die jüngsten Entwicklungen in Griechenland und Spanien so deutlich zeigen. Zu was das führt muss sich noch zeigen. Zusammengefasst kann ma´u feststellen, dass der von einigen TheoretikerInnen behauptete Untergang des Kapitalismus durch die Wirtschaftskrise von 1929 und den folgenden Jahren nicht stattgefunden hat. Es gab zwar nicht zuletzt auch zusätzlich durch die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts bedingt einen enormen Einbruch des Privatvermögens in den entwickelten Ländern, der dann durch die zumindest teilweise gegen einen zu „starken“ Kapitalismus gerichtete Politik der meisten Staaten Europas und Nordamerikas weiter betrieben wurde, aber dieser Umstand wurde durch die „Kehrtwende“ des Reaganismus und Thatcherismus und deren Folgen weltweit insoweit wieder „zurückgedreht“, dass wir wieder ein Privatvermögen an Kapital haben, das in Prozentzahlen ausgedrückt dem der Zeit vor dem ersten Weltkrieg entspricht (siehe hierzu die umfangreichen Daten bei Thomas Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“). Diese bisherigen Aussagen sind aber so allgemein, dass wir uns darunter wenig konkrete Vorstellungen über die wirklichen Umstände des Kapitalismus machen können, insbesondere in seinen jeweiligen ganz unterschiedlichen Wirkungen auf die Menschen und die betroffenen Gesellschaften. Daher müssen wir uns hier einige besonders wichtige näher anschauen. Beginnen wir hier in der Beobachtung der ersten Phase des Kapitalismus-„Siegeszuges“ bis ca. 1930.

Die kapitalistische Entwicklung.

Auf dem Hintergrund des bisher Dargestellten ist es zunächst erforderlich, diesen Kapitalismus, um den es hier als das derzeit herrschende Gesellschafts- und Wirtschaftssystem geht, in seinen grundlegenden Ursachen und Zusammenhängen in Bezug auf die Weltsichtebenen und Holons aufzuzeigen. M.a.W., es geht hier in keinem Falle darum seine Geschichte erneut zu erzählen – dazu gibt es in der Literatur jede Menge unterschiedlichster „Angebote“ -, sondern diese unter der völlig anderen Betrachtungsweise der Weltsichtebenen-Wirkungen, vor allem aber der sich immer umfassenderen Entfaltung der Despotie der oben dargestellten Holons aufzuzeigen. Zunächst das Thema Weltsichtebenen. Um nochmals deren umfassendere Tiefenwirkung zu verdeutlichen, wollen  wir uns hier zunächst kurz die „mentalitätskritische“ Wahrnehmung dieses Systems nach Bachinger/Matis ansehen. Diese schreiben auf S.77 folgendes „(Der) Kapitalismus bedingt eine besondere Art des Denkens, die sich in den westlichen Zivilisationen durchgesetzt hat. Es ist ein Produkt der Aufklärung, der Individualisierung und Säkularisierung in den europäischen Nationen und ihren westlichen Ablegern in Übersee. Dieses Denken orientiert sich ausschließlich an einer <kapitalistischen Rationalität>, es zielt auf Profit und optimierte Verwertung der eingesetzten Produktionsmittel, ohne dabei z.B. Aspekte der Nachhaltigkeit, der Ethik oder mögliche soziale Verwerfungen zu berücksichtigen. Im Mittelpunkt dieser Vorstellungswelt steht ein modellhaftes Individuum; Gesellschaft ist demnach die Summe Nutzen maximierender Einzelwesen“. 

Hier wurde dieses etwas ausführlichere Zitat aus zwei Gründen angeführt. Zunächst sollte gezeigt werden, dass die bisherige, doch meist recht kritische Sicht auf unsere derzeitigen Verhältnisse keine Einzelmeinung des Autors ist. Der zweite Grund zielt aber darauf ab zu belegen, dass diese durchaus zutreffende Beschreibung in ihrer Begründung noch zu kurz greift. Woher kommt denn diese „besondere Art des Denkens“, die sich in der Aufklärung durchsetzte? Nach der obigen mehrfachen Beschreibung der Entwicklung des rationalen Denkens kann es eben gerade da festgemacht werden, auch in seiner Ausbildung als Individualismus. Vor allem aber ist diese grundlegende „kapitalistisch Rationalität“ nur auf dem Hintergrund der egoisch-rational-patriarchalen Denke wirklich zu verstehen. Das „Übersehen“ von Nachhaltigkeit, Moral und Ethik innerhalb dieses Denkens und Handelns ist daher keine Folge übler charakterlicher Schwächen der handelnden Personen, wie es derzeit in den kritischen Kommentaren zu unserem gesellschaftlichen Zustand so häufig behauptet wird – siehe das Thema Gier -, sondern eine Folge dieser Weltsichtebene. Diese Aussage soll nun keineswegs damit das Problem entschuldigen oder gar kleinreden. An dieser Stelle ist aber mit dieser Sichtweise noch etwas zu erkennen. Es wird in der Weiterentwicklung der Weltsichtebenen eben auch der Zeitpunkt kommen, dass wir in eine neue Sichtweise – Grün, oder die aperspektivische Evolution nach Gebser – hineinwachsen und damit dieses derzeit herrschende Denken überwunden wird. Was das für den Kapitalismus bedeuten wird ist völlig klar, auch dieser wird „überwunden“, was immer das dann konkret für Veränderungen hervorbringen wird. Aber was hat das allgemein für Folgen? Wir hatten schon einmal einen solchen „Übergang“ von einer herrschenden Weltsichtebene in eine andere und können daran deutlich erkennen, zu welchen teils üblen Folgen es führen kann, wenn ma´u nicht die wirklichen Umstände kennt und damit das Verhalten seines Kontrahenten verstehen kann. Ich meine den Übergang des mythologischen Denkens hin zum rationalen am Ausgang des Mittelalters und die dabei geführten Kämpfe zwischen der sich entwickelnden Wissenschaft als Vertretung der Rationalität und der Kirche als Vertretung des mythologischen Denkens. Die Folgen insbesondere der umfassenden Verengung der zukünftigen wissenschaftlichen auf uns und die Natur waren und sind gravierend. Und woher kamen diese? Sie entstanden aus einer aggressiven und kämpferischen Verurteilung der mythologischen Sicht auf „Gott und die Welt als Schöpfung Gottes“, weil die Kirche weiterhin versuchte ihre Sichtweise eben auch mit Gewalt durchzusetzen. Aus diesem Kampf entstand die ab dann nur noch angewandte objektive Sicht auf uns und die Natur und die grundsätzliche Ablehnung allen dessen, was mit Geist (mind) und erst recht Geist im Sinne von spirit und allen daraus ableitbaren Folgen zu tun hatte, wie sich in der jüngsten Vergangenheit immer deutlicher zeigt, sehr zu unserem allgemeinen Nachteil. Es wäre daher dringend geboten um vergleichbare Fehler zu vermeiden, diese neuen Kenntnisse bei der bevorstehenden „Überwindung“ des Kapitalismus (s.o. und u.) und des rationalen Denkens immer mit zu bedenken. Aber das ist ein eigenes Thema. Kommen wir aber wieder zu dem noch und sich immer weiter durchsetzenden – im Sinne der Durchsetzung seiner Bedingungen gemeint – kapitalistischen Systems zurück. 

Im Folgenden soll nun aufgezeigt werden, wie sich die oben besonders dargestellten Holons in diesem „verhalten“, bzw. wie sie ihre Despotie immer weiter durchsetzen konnten. Beginnen wir bei dem Thema Eigentum, Geld und Zins. Nach der oben erneut zitierten Definition des Kapitalismus, ist das Eigentum seine Basis, aus dem sich vor allem das „Streben nach Gewinn“ zwangsläufig ergibt, das dieses System besonders auszeichnet. Aber diese Formulierung ist eigentlich erneut irreführend; es ist nicht nur das Streben nach Gewinn, neben anderen Bedingungen für den Kapitalismus entscheidend, nein, das ist seine eigentliche Voraussetzung und allem zugrundeliegende Bedingung. Dies hat zwei Gründe die unbedingt zu beachten und unabdingbar sind. Der erste ergibt sich aus der Konkurrenzsituation des Eigentums. Ohne Gewinnerzeugung keine Aufrechterhaltung des eingesetzten Eigentums. Zur näheren Begründung dieser Aussage siehe die obige Darstellung des Holons Eigentum. Der zweite Grund ergibt sich aus dem Bedürfnis des ökonomischen Geldes, sich immer weiter, ja letztlich unbegrenzt zu vermehren. Da das ökonomische Geld darüber hinaus alle sozialen Umstände des menschlichen Zusammenlebens missachtet, ja eigentlich zerstört, sind die Folgen gerade in einem System, das sich dieser Vermehrung als Basisvoraussetzung verschreiben muss, unübersehbar in diesem selbst festgeschrieben und damit zwar deutlich zu beobachten, aber eben nur von daher zu verstehen. Ma´u könnte es auch andersherum beschreiben; wenn ma´u Geld optimal vermehren will, geht dies am besten in einer arbeitsteiligen Ökonomie (siehe Adam Smith). Die erste Folge besteht in dem schon beschriebenen Konkurrenzkampf, kann doch die Verteidigung und unbegrenzte Vermehrung am besten gelingen, wenn die Konkurrenz – also die Mitbewwrber – weitgehend ausgeschaltet ist. Dieser direkt vernichtende Kampf war in der ersten Phase des Kapitalismus prägend, wie dessen Geschichte so deutlich zeigt. Ergänzend ist hinzuzufügen, dass der Zins das optimale „Erpressungssystem“ zur möglichst umfassenden Geldvermehrung ist. Ein Umstand im Zusammenhang der Darstellung des Holons Geld ist noch kurz zu erwähnen, nämlich die Probleme des Metallgeldes am Beginn der kapitalistischen Entwicklung. Die Währung eines Staates bezog sich damals auf die Menge des in dem Staat existierenden Gold und/oder Silbervorrates. Als aber das kapitalistische System anfing seine Produktion zu steigern, entsprach dieses Mehrprodukt nicht mehr dem Währungswert. Die Staaten begannen also Papiergeld als Ersatz auszugeben, wobei die eigentliche Metalldeckung nur noch bei 20% oder weniger lag. Wir haben also hier eine erste Geldvermehrung um den Faktor 5 oder mehr. Dieser lag aber in Wirklichkeit noch höher, da die Banken durch die steigende Kreditvergaben ebenfalls Geld „schöpften“, ein Sachverhalt der bis heute gilt, aber nach wie vor auf der einen Seite wenig öffentlich thematisiert wird, andererseits aber einer der Faktoren darstellt, warum Währungen so schwer zu stabilisieren sind, da die verausgabten Mengen völlig unbekannt bleiben – das sog. Bankengeheimnis lässt grüßen. Wir haben aber bisher nur die Geld- und Eigentumsseite der Kapitalisten betrachtet. Wie sieht das in Bezug auf die Arbeit, bzw. die ArbeiterInnen aus?

Auch hier ist es wichtig zwei Seiten zu beachten, nämlich die Seite der ArbeiterInnen, als auch die Seite der Kapitalisten. Beginnen wir bei der letzteren Seite. Für die Eigentums und Geldseite, also die der Kapitalisten, ist die Arbeit zwar (noch) die Basisvoraussetzung der Erzeugung neuer Produkte und damit der Geldvermehrung, aber gleichzeitig ein Kostenfaktor, der sowohl ihre Konkurrenz-, wie ihre Geldvermehrungsabsichten einschränkt. Dieser entsteht aber ebenfalls aus mindestens zwei Komponenten. Da ist zunächst der Umstand, dass die eingebrachte Arbeitszeit in vereinbarten Zeiteinheiten – dies kann sehr unterschiedlich sein – bezahlt werden muss. Darüber hinaus aber können durch eine gesundheitliche Schäden vermeidende Gestaltung des Arbeitsbereiches enorme Kosten entstehen. Am Beginn der kapitalistischen Entwicklung, als der Konkurrenzkampf noch völlig ungeregelt tobte, wurden beide Kostenseiten so weit als nur irgend möglich herabgedrückt, wobei zunächst die zweite fast gar keine Rolle spielte. Verletzte sich ein/e Arbeiter/in, oder wurde er/sie krank, wurden sie schlicht durch Neueinstellungen ersetzt. Das Privatschicksal dieser Menschen interessierte den Kapitalisten – mit wenigen Ausnahmen, wie z.B. Owen – aus dem Zwang der Konkurrenz, wenig bis gar nicht. Nun die Seite der ArbeiterInnen. Diese standen den Unternehmern am Beginn der Entwicklung des Kapitalismus praktisch unbegrenzt zur Verfügung. Dafür gab es drei Gründe; da war zunächst das jahrhundertealte Problem der Vagabunden, dann eine umfassende Vertreibung von Pächtern; vor allem aber der sich immer weiter ausbreitende Umstand der allgemeinen Bevölkerungsvermehrung (s.o.). Der alles entscheidende Umstand war aber, dass in den Vorläufen zum Kapitalismus – Verlagswesen und Manufakturen – für die unteren Teile der arbeitenden Bevölkerung bezahlte Arbeit die alleinige Grundlage ihrer Existenzsicherung wurde. M.a.W., als sich der Kapitalismus zu etablieren begann, war es schon selbstverständlich, dass Arbeitslose ihren Lebensunterhalt legal nur durch bezahlte Arbeit sichern konnten, sie hatten gar keine andere Möglichkeit, wenn sie nicht verhungern wollten. Ganz deutlich, auch die ArbeiterInnen waren bereits auf das Geld als allgemeines Zahlungsmittel festgelegt. Durch die im Kapitalismus ohnehin zugrundeliegende Arbeitsteilung wurde dieser Umstand meist noch schlimmer. In der Vergangenheit hatte ma´u z.B. gegenüber dem Vagabundenwesen zumindest in einem gewissen Umfange „die Augen – z.B. bei Diebstählen von Nahrung – geschlossen“. Als aber Waren wirtschaftlich immer wertvoller wurden, wurden neue Gesetze erlassen, bis hin zu dem Umstand, dass Diebstahl auch für Nahrungsmittel mit dem Tode bestraft wurde. ArbeiterInnen – am Beginn waren hier auch Kinder ab einem Alter ab 4 Jahren eingeschlossen – mussten daher auf Gedeih und Verderb jedes Angebot annehmen. Dieser Umstand wurde aber letztlich so umfassend katastrophal, dass zunächst die Staaten – neben vielen anderen neuen Bestimmungen, die die Entwicklung des Kapitalismus mit hervorbrachten – Mindeststandards für Arbeitszeiten und Entlohnung vorschrieben, zunehmend aber auch deren Vertragsfreiheit akzeptierten, so dass sich Stück für Stück Gewerkschaften bilden konnten, die die Arbeits- und Lohnverhältnisse langsam aber sicher verbessern konnten. Das ist aber nur die eine Seite eines Arbeitsverhältnisses.

Arbeit ist, wie oben schon nachdrücklich betont, einerseits unser Gattungswesen, als dieses aber eben auch ein eigenaktives, vor allem aber eigenkreatives Verhalten eines Menschen. Dieser Umstand wurde und wird im Kapitalismus weitgehend „übersehen“ bis zerstört. Auf die Rolle, die hier die Technik spielt, wird gleich näher eingegangen. Der alles entscheidende Umstand im Kapitalismus besteht darin, dass der Mensch aus dem „Mittelpunkt“ eines Produktionsprozesses „entfernt“ wird, und durch das Kapital – sprich Produktionsfaktoren – nicht nur ersetzt wird, nein er wird als „Bestand“ (siehe erneut das Thema Ge-Stell) vereinnahmt. Er/sie wird seinerseits zu Kapital und damit zur Ware, die auf einem Markt, dem Arbeitsmarkt „gehandelt“ wird. Er/sie wird aber dabei in einem umfassenden Sinne „enthumanisiert“, ein Um- und Zustand, der bis heute völlig übnersehen und daher nicht beseitigt ist. Bachinger/Matis schreiben hierzu, indem sie sich auf Marx beziehen folgendes: „Der Mensch kann sich in der Lohnarbeit nicht mehr verwirklichen, er wird in ihr <entwirklicht>, seinen schöpferischen Kräften entfremdet, er erfährt sich in seiner Aneignung der Welt nicht als Urheber. Mit der <Verwertung der Sachenwelt>, schreibt Marx, <nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu>“(a.a.O. S.81). Auch dieser Umstand gilt bis heute fort. In diesem Zusammenhang ist aber noch ein weiterer, heute weitgehend verschwiegener bis übersehener Umstand wichtig. Jede Ware hat einen Gebrauchswert und einen Tausch- oder Handelswert. Marx machte auch hier darauf aufmerksam, dass dies auch und besonders für die „Ware“ Mensch im Arbeitsverhältnis gilt. Sein „Gebrauchswert“ liegt darin, was er in der Arbeitszeit hervorbringt, sein Tauschwert in dem, was er dafür bezahlt bekommt. Sie werden vielleicht fragen: „Na und, das ist doch völlig normal. Wo liegt denn da ein Problem“? Das Problem liegt darin, dass beide „Werte“ keineswegs deckungsgleich sind. Nehmen wir ein Beispiel; wenn ein Arbeiter in einer Stunde einen später zu realisierenden Marktwert seines hergestellten Produktes von 100,00WE (Währungseinheiten) herstellt – also sein „Gebrauchswert“ -, bekommt er selbst aber in dieser Zeit für seine Arbeit wesentlich weniger, vielleicht 2,00 oder 3,00WE – also sein „Tauschwert“, den sein Arbeitsvertrag festlegt. Zu beachten ist aber noch, dass dieses Verhältnis je nach Stand der Produktivität des Betriebes und der angewandten Technologien sehr schwanken kann. Die Differenz dieses Betrages ist aber die Einnahme des Unternehmers. Dieser Umstand wird heute wenig bis gar nicht öffentlich thematisiert, was natürlich deutlich im Interesse der UnternehmerInnen liegt, allerdings über die Steuern auch des Staates, wie schon Adam Smith eindeitig nachwies. Bevor wir hier ein Fazit ziehen können, müssen wir jetzt noch unbedingt die Auswirkungen des Holons Technik – als Ge-Stell gesehen – beachten.

Wie schon oben dargestellt, hat sich das Holon Technik im Zusammenwirken mit der sich entwickelnden Wissenschaft zu dem entwickelt, was Heidegger als Ge-Stell bezeichnete. Dieser ganze Prozess hat von Beginn an umfangreiche Auswirkungen auf die Arbeitswelt allgemein, wird aber im Kapitalismus dominant. Die ganze tatsächliche Entwicklung desselben wäre ohne dieses Ge-Stell niemals so schnell vorwärts gegangen. Das macht sich zunächst an der beginnenden Mechanisierung fest, vor allem aber an der Entwicklung der technischen Energien – Dampfkraft, Elektrizität und Verbrennungsmotoren – und die daraus entstandenen neuen Verkehrs- und Produktionsmöglichkeiten. Es ist wohl völlig müßig näher darauf einzugehen, da die wichtigsten Vorgänge in diesem Zusammenhang allgemein bekannt sind. Die hier angestrebte Absicht ist es aber zu zeigen, dass es insbesondere dieses Holon ist, das am umfassendsten seine despotische Wirkung zeigt, also die beteiligten Menschen zwingt sich in „seinem“ Sinne zu verhalten, diese fremd-zu-bestimmen. Und dies gilt sowohl für die Seite der Kapitalisten, als auch die Seite der ArbeiterInnen. Beginnen wir diesmal zuerst auf dieser Seite, weil dies die offensichtlichere ist. Jederma´u, der/die schon jemals Gemälde oder Ausstellungen gesehen hat, die diese Zeit darstellen, oder vorstellen, kann sehen – sofern er/sie dies nicht eh aus eigener Erfahrung kennt -, dass die in solchen Verhältnissen arbeitenden Menschen weitgehend bis völlig von den Vorgaben der jeweiligen Maschinen oder von diesen bestimmten Produktionsabläufen beherrscht sind. Sie sind diesen völlig ausgeliefert und müssen sich deren Bedingungen umfassend unterwerfen. In welchem Umfange dies selbst heute noch zutrifft, werden wir uns weiter unten ansehen. Ma´u kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Heidegger mit seinem Begriff des „Bestandes“ in Bezug auf das Verhältnis Mensch Maschine, also angewandte Technik, vor allem und zuerst an diesen Umstand dachte. Wie sieht das aber auf der Seite der Kapitalisten aus? Die sind doch weitgehend selbständig, zumindest meist selbstherrlich, wie sollten diese denn der Technik ausgeliefert sein?

Der hier zu erkennende Zusammenhang erschließt sich über die erneute Beachtung der Rolle der Konkurrenz, aber auch dem allgemeinen Profitstreben, bzw. die durch das Holon Geld erzwungene Eigenvermehrung seiner selbst. Die Konkurrenzsituation wie die unumgängliche Geldvermehrung erzwingt unabdingbar den Einsatz aller irgendwie erkennbaren Innovationen, die vermuten lassen, dass ma´u dadurch schneller, eventuell besser und damit billiger und/oder konkurrenzfähiger produzieren kann. Der Einsatz neuer technischer Entwicklungen ist daher keineswegs freiwillig, sondern wird von beiden Bedingungen unumgehbar erzwungen. Will oder kann – z.B. aus finanziellen Gründen – ein/e Unternehmer/in verfügbare Innovationen nicht einsetzen, wird er/sie in kürzester Zeit vom Markt verdrängt.Marx drückte diesen Zusammenhang im Vorwort zum „Kapital“ sehr gut aus. Er schrieb: „Es handelt sich um die Personen (also die Kapitalisten) nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer (technischer) Kategorien sind“ (a.a.O. S.16). M.a.W., ein Kapitalist ist danach kein „freier“ Mensch, sondern der Vertreter, bzw. die Verkörperung ökonomischer Kategorien. Oder noch anders; kapitalistisches Verhalten zwingt den so handelnden Menschen die Bedingungen der technischen Anwendung und der Vermehrung des Geldes auf, ob sie dies wollen oder nicht, auch ob sie dies erkennen oder nicht. Würden sie sich diesem Zwang entziehen, wären sie nicht nur keine Kapitalisten mehr, sondern morgen bankrott. Annähernd 100 Jahre später wird Schumpeter die „höchste“ Qualifikation einer/s Unternehmers/in daran festmachen, wie umfassend er/sie in der Lage ist, solche Innovationen zu erkennen und umzusetzen. Eine der Grundthesen dieses Buches lautet, dass die Holons sich uns Menschen gegenüber despotisch verhalten. Als Begriff bezeichnet Despotismus allgemein eine durch Willkür und Schrankenlosigkeit gekennzeichnete Herrschaftsordnung oder Regierungsweise. Im Sinne der Herrschaftsordnung kommt dieser Zusammenhang hier am deutlichsten zum Vorschein. Im Kapitalismus sind wir aufgrund der innewohnenden Logik dieses Systems des Eigentums, das zur Konkurrenz zwingt und der Kapitalvermehrung einer solchen Despotie im Sinn von Willkür und Schrankenlosigkeit umfassend ausgeliefert, ob uns dies bewusst ist oder nicht ist einerlei. Nochmals Carl Amery: „Das Kapital interessiert sich nur für sich selbst und sonst nichts“. Dem ist an Deutlichkeit nichts hinzuzufügen. Es ist aber wichtig dabei etwas zu beachten; weil „der Herrscher“, also das Kapital, oder die herrschende Gruppe, die als Kapitalisten das Kapital verkörpernden Personen, ihre Macht in despotischer Weise ausüben müssen und daher ihre Machtbefugnisse missbrauchen, ist dem Despotismus jede „Förderung“ des Allgemeinwohls, das ja immer behauptet wird, abzusprechen. Jede Despotie begründet als illegitime Herrschaftsform auch nach Ansicht vieler Staatstheoretiker ein Widerstandsrecht, das sogar im Grundgesetz in Deutschland in Art. 20 Abs. 4 GG garantiert ist. Wir kommen auf diesen Umstand nochmals zurück.

Ist denn nicht aber, zumindest nach den Behauptungen und der zugrundeliegenden Ideologie, der „Freie Markt“ der Ort, an dem diese Despotie wenn nicht ausgehebelt, so doch zumindest gemildert wird? Hier sind wir doch alle angeblich „frei“? Niklas Luhmann hat diese unsere „Freiheit“ auf dem Markt sehr gut mit folgenden Sätzen auf den Punkt gebracht: „In diesen Zusammenhang (des Marktes) wird man ein weiteres Vorurteil revidieren müssen, das aus der liberalen Ideologie stammt und besagt, dass die sich selbst regulierende Marktwirtschaft ein Höchstmaß an Freiheit in der Realisierung individueller Bedürfnisse, und sei es: unter ungleichen Bedingungen, gewährleiste. Dabei geht man davon aus, dass ein durch den Markt festgelegter Preis mit Freiheit kompatibel sei, dass dagegen politisch beeinflusste oder gar fixierte Preise diese Freiheit beeinträchtigen. In beiden Fällen findet sich der Konsument jedoch normalerweise mit Preisen konfrontiert, die er nicht beeinflussen kann. Er kann nur, gleichgültig, wie der Preis zustande gekommen ist, kaufen oder nicht kaufen. Die Freiheit ist im einen Falle nicht größer als im anderen, denn das Problem liegt in der Frage, wie hart den Interessenten die Alternative, nicht zu kaufen, trifft. In jedem Falle ist geregelter oder liberaler Markt für ihn Umwelt, und die Unterschiede sind was Freiheit betrifft, trivial – es sei denn, dass man Freiheit verstehen will als Unerkennbarkeit der Ursachen von Freiheitsbeschränkungen“ (N.L. “Die Wirtschaft der Gesellschaft“ S.113 Hervorh. P.S.). Dieses etwas längere Zitat wurde hier deshalb eingefügt, weil ma´u diesen tatsächlich existierenden Umstand – entgegen der üblichen Propaganda – kaum besser darstellen kann. Es gibt aber insbesondere im Hinblick auf den Markt als Holon einen weiteren Umstand, der immer deutlicher und immer bedrohlicher wird, nämlich der Umstand, dass sich das Marktdenken im Sinne einer Abwägung von Angebot und Nachfrage in Richtung Nutzenmaximierung immer umfassender in die allgemeine gesellschaftliche Denke ausbreitet. Vor allem hierauf und die darin enthaltene Bedrohung, müssen wir nochmals zurückkommen.

9. Abend, die soziale Marktwirtschaft

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Entwicklung der westlichen Wirtschaft vor allem durch die Erfahrungen der Großen Krise des Jahres 1929 und deren Folgen geprägt. Diese kamen insbesondere dadurch zustande, dass es die ideologische Blindheit und rechthaberischen Verbohrtheit der neoklassischen Ökonomen es war, die diesen Umstand noch dadurch verschärften, indem sie darauf bestanden nichts zu tun – also keine staatlichen Eingriffe vorzunehmen, siehe insbesondere die Politik Hoovers in den USA und Papens in Deutschland, die sich ja auf diese „Fachmeinung“ stützten -, da der „Freie Markt“ sein eigenes Gleichgewicht wieder finden würde, und dann käme wieder alles in Ordnung. Die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung und die Bankrotte vieler Banken und Firmen müsse eben vorübergehend in Kauf genommen werden. Nach drei Jahren zeigte es sich aber, dass sich kein Gleichgewicht im Sinne der Ökonomen zeigen wollte, die Verhältnisse wurden immer dramatischer. Es gab eher ein Gleichgewicht des Schreckens, also die katastrophale Lage der Arbeiterschaft, aber auch weiter Teile des ehemaligen Mittelstandes und so mancher Bankrotteure „stabilisierte“ sich, m.a.W., es erfolgte nicht eine der versprochenen wirtschaftlichen Erholungen. Es waren Roosevelt in den USA und Hitler in Deutschland, wenn auch in völlig unterschiedlicher Absicht, die diese Entwicklungen stoppten, indem sie von staatlicher Seite mit umfassenden öffentlich finanzierten Programmen wieder für Arbeit und damit einen Aufwärtstrend der Wirtschaft sorgten, dem sich dann andere anschlossen. Diese erfolgten weitgehend nach den Vorschlägen von John Maynard Keynes. Eine grundlegendere Folge dieser Umstände aber war, dass sowohl der Kapitalismus allgemein, die Wirtschaftselite im Besonderen, aber auch die klassische Wirtschaftstheorie in Misskredit geraten waren. Die Folgen waren sehr interessant. Für den Kapitalismus als System wurde eine neue Bezeichnung gesucht, die ma´u bis heute mit dem Begriff der „Freien Marktwirtschaft“ gefunden hat. Dieser neue Begriff erweist sich insbesondere in der jüngeren Vergangenheit als besonders effektiv, gelingt es doch damit die erneute „Einführung“ des Raubtierkapitalismus, als auch die bekannten, damit verbundenen Entwicklungen hin zu erneuten umfassenden Vermögensungleichheiten fast völlig vor der Öffentlichkeit zu „verstecken“ – zumindest ihre Gründe – vor allem aber als völlig „gerechtfertigt“, da vom „Freien Markt“ so „gewollt“ zu begründen, so dass sich bisher dagegen kein nennenswerter Widerstand entwickelt hat, zumindest findet er bisher keine breite Unterstützung, siehe die Occupy-Bewegung, aber auch andere.

Die weiteren Folgen zeigten sich aber dann nach dem zweiten Weltkrieg. Das staatliche Handeln orientierte sich jetzt gegenüber der Wirtschaft allgemein und den Banken im Besonderen an den Vorschlägen von Keynes, da diese sich schon, wie eben erwähnt, in den Krisenjahren Mitte der 30.er Jahre bewährt hatten. Dieses Jahrhundert war ja eh ein besonderes. So wurde es insbesondere von drei Katastrophen und vier wesentlichen Umstände geprägt, die sich natürlich alle umfänglich auf diese wirtschaftlichen Entwicklungen mit auswirkten. Da waren zunächst die beiden Weltkriege. Dann der wirtschaftliche Einbruch von 1929, dessen Folgen sich fast noch kapitalvernichtender auswirkten als die Kriege selbst. Dann über das gesamte Jahrhundert verteilt die Einführung und Weiterentwicklung der progressiven Besteuerung und bedingt durch die zunehmende Stärke der Gewerkschaften weitere Ausdehnung von Sozialleistungen. Und dann das Ende des Kolonialismus und der Übergang der Ausbeutung der meisten Entwicklungsländer mit Hilfe der „Besonderheiten“ der Kreditvergabe über die Weltbank, das IWF und zuletzt der WTO. Zu den hier angedeuteten letzteren Umständen kommen wir etwas später zurück. Der von unserer Blickrichtung her besonders interessierende Umstand betrifft den umfänglichen Einbruch des Vermögens der besonders Wohlhabenden durch Wertverluste aus Vernichtung – Kriege und Bankrotten –, schwarzer Freitag und die Folgen – und dann nach dem 2. Weltkrieg exorbitanten Steuern auf diese Vermögen, vor allem in den USA und Großbritannien, aber auch dann der restliche westlichen Welt – bis zu 90 und mehr % -. 

Die zweite Folge war aber wesentlich wichtiger, verweist sie doch deutlich auf die Möglichkeiten, wie ma´u auch die neueren Entwicklungen bekämpfen könnte. So wurden die progressiven Steuern vor allem in den USA und Großbritannien, wie eben erwähnt, auf ungeahnte Höhen von 90% und teilweise mehr hochgefahren, wodurch eine vergleichbare völlig ungerechte Vermögensverteilung, wie sie vor dem ersten Weltkrieg bestand, unmöglich gemacht wurde. Damit – neben der Reglementierung der Banken, bzw. durch diese – war aber auch die unbegrenzte Geldvermehrung gerade über die Kreditvergabe der Banken weitgehend unterbunden. In der Erholungsphase der Wirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg wuchs zwar jetzt das Volksvermögen überall wieder an, da dieses Wachstum aber durch diese neuen staatlichen Regelungen so einigermaßen gleichmäßig zu je einem Drittel zwischen Arbeit, Staat und Eigentümern verteilt blieb, war eine unbegrenzte Geldvermehrung wie zuvor zumindest gebremst. 

Bei uns hier in der BRD entwickelte sich aber aufgrund von neuen theoretischen Vorschlägen aus dem Ordoliberalismus – Walter Eucken – und Vorschlägen von Alfred Müller-Armack eine völlig neuartige Wirtschaftsform, die dann als Soziale Marktwirtschaft bezeichnet wurde. Oder anders, genau diese war ab jetzt die durch Erhard praktizierte Form der offiziellen Wirtschaftspolitik in der neuen BRD. Diese versuchte von Beginn an die Vorteile einer freien Marktwirtschaft, insbesondere eine hohe Leistungsfähigkeit und Güterversorgung, mit dem Sozialstaat als Korrektiv zu verbinden, der mögliche negative Auswirkungen von Marktprozessen verhindern soll. Natürlich blieben darin die „üblichen“ Gestaltungselemente des Kapitalismus erhalten, also freie Preisbildung für Güter und Leistungen am Markt, Privateigentum an Produktionsmitteln und konkurrenzbetriebenes Gewinnstreben als Leistungsanreiz. Aber durch die Schaffung eines neuartigen rechtlichen Rahmens wurden durch den damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, sowohl im Sinne der persönlichen Freiheitsrechte, wie Gewerbe-, Konsum-, Vertragsfreiheit, aber auch umfassend Berufs-, und Koalitionsfreiheit und stetig steigende Sozialleistungen die Bedingungen geschaffen, die zu dieser Wirtschaftsform führten. Darüber hinaus wurde durch staatliche Wettbewerbspolitik der Wettbewerb gesichert und ebenfalls durch gesetzliche Regelungen und Schaffung neuer Verwaltungseinheiten – z.B. das Kartellkontrollamt – einem zu starkem Wachstum privater Marktmacht (Monopole, Kartelle) entgegengesteuert. Der Grundgedanke dieser Theorie besteht darin, dass die Marktwirtschaft ihre wohlstandsmehrende wie koordinierende Funktion nur entfalten könne, wenn sie insonderheit durch eine strenge staatliche Ordnungspolitik auf den Wettbewerb verpflichtet wird und sich nicht nur an der Profitmaximierung orientiert. Der Staat griff ab jetzt direkt aktiv in die Wirtschaft das Marktgeschehens ergänzend und korrigierend (zum Beispiel durch sozialpolitischekonjunkturpolitische oder arbeitsmarktpolitische Maßnahmen) ein, wenn dies im allgemeinen Interesse für notwendig erachtet wurde. Allerdings wurde im Laufe der Zeit auf Druck der Unternehmerseite, die ja schon immer der CDU besonders nahestand, zunehmend die sozialpolitisch orientierte Korrektur der Markteinkommen begrenzt, und zwar mit der Begründung, dass „die Funktionsfähigkeit einer Wettbewerbswirtschaft nicht beeinträchtigt und die Eigenverantwortung und Initiative der Bürger nicht durch einen Versorgungsstaat gelähmt wird“. Als Urheber dieses Konzepts wird zumeist Müller-Armack genannt, Erhards Verdienst liegt in der wirtschaftspolitischen Umsetzung der Sozialen Marktwirtschaft in der Nachkriegszeit. Daher wird auch in den meisten Literaturquellen Müller-Armack als Urheber und systematischer Entwickler des Begriffs Soziale Marktwirtschaft genannt, der ab 1952 als Leiter der Grundsatzabteilung des Bundeswirtschaftsministeriums und ab 1958 zugleich als Staatssekretär als Mitstreiter von Ludwig Erhard, nicht nur den Begriff Soziale Marktwirtschaft geprägt hatte, sondern – mit anderen – das Konzept systematisch entwickelte. Die genaue Ausgestaltung des Leitbilds der Sozialen Marktwirtschaft hatte Müller-Armack bewusst offen gelassen – gegen die Theorie des Ordoliberalismus -, da er der Meinung war, dass sich Rahmenbedingungen verändern können und dass sich ein Wirtschaftssystem daran dynamisch anpassen müsse: „Unsere Theorie ist abstrakt, sie kann öffentlich nur durchgesetzt werden, wenn sie einen konkreten Sinn bekommt und dem Mann auf der Straße zeigt, dass sie gut für ihn ist.“ Aus dieser Legitimationsfunktion erklärt sich, warum keine geschlossene Theorie der Sozialen Marktwirtschaft vorliegt, sondern eine in einzelnen Schritten gewachsene Programmatik. Diese evolutionär-kompromisshafte Grundstruktur des Ansatzes von Müller-Armack führte im Laufe der Zeit notwendigerweise zu Spannungen gegenüber der älteren ordoliberalen Theorie.

Da in beiden Theorien – also sowohl des Ordoliberalismus, als auch der Theorien von Müller-Armack – wichtige positive Grundgedanken in Bezug auf eine Zügelung der Kapitalistischen Fehlentwicklungen enthalten sind, wollen wir uns beide kurz anschauen. Beginnen wir mit Müller-Armack. Geprägt durch die christliche Soziallehre und die Wicksellsche Konjunkturtheorie vertrat er am deutlichsten die Idee von der staatlichen Einflussnahme auf die Ergebnisse der Marktwirtschaft. Müller-Armack sah die Soziale Marktwirtschaft als eine dritte Form neben der rein liberalen Marktwirtschaft und der Lenkungswirtschaft: „Wir sprechen von ‚Sozialer Marktwirtschaft‘, um diese dritte wirtschaftspolitische Form zu kennzeichnen. Es bedeutet dies, dass uns die Marktwirtschaft notwendig als das tragende Gerüst der künftigen Wirtschaftsordnung erscheint, nur dass dies eben keine sich selbst überlassene liberale Marktwirtschaft, sondern eine bewusst gesteuerte, und zwar sozial gesteuerte Marktwirtschaft sein soll“. Müller-Armack ging es um eine „institutionelle Verankerung ihres Doppelprinzips in der Wirtschaftsordnung“, darunter verstand er „die divergierenden Zielsetzungen sozialer Sicherheit und wirtschaftlicher Freiheit zu einem neuartigen Ausgleich“ zu bringen. Der richtungsweisende Sinn der Sozialen Marktwirtschaft sei es, „das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem Prinzip des sozialen Ausgleichs zu verbinden“. Er nannte die Soziale Marktwirtschaft eine irenische (friedenstiftende) Formel, die versuche, „die Ideale der Gerechtigkeit, der Freiheit und des wirtschaftlichen Wachstums in ein vernünftiges Gleichgewicht zu bringen“.

Laut Karl Georg Zinn stehe Müller-Armack den Lehren Wilhelm Röpkes und Alexander Rüstows näher als denen des ordnungstheoretischen Puristen Eucken. So gab er „der Sozialpolitik und der staatlichen Konjunktur- und Strukturpolitik ein weit größeres Gewicht als Eucken, für den Sozialpolitik allenfalls als Minimalprogramm gegen extreme Missstände erforderlich erschien und der Konjunkturpolitik für schlichtweg überflüssig, ja schädlich hielt, weil eine ideale Marktwirtschaft, wie er sie in seiner Ordnungstheorie meinte entworfen zu haben, überhaupt keine zyklischen Konjunkturen und Krisen mehr aufweisen würde“. Ein Mann namens Josef Schmidt hat in einer theoretischen Arbeit die Konzepte des Ordoliberalismus und Alfred Müller-Armacks wirtschaftspolitischer Leitidee der Sozialen Marktwirtschaft verglichen, wie sie die nachfolgende Tabelle zeigt:

Ordoliberalismus (Eucken)Soziale Marktwirtschaft (Müller-Armack)
Reine OrdnungspolitikOrdnungs- und Prozesspolitik
Qualitative WirtschaftspolitikAuch quantitative Wirtschaftspolitik
Streng wissenschaftliches Konzept mit klaren theoretischen GrenzenPragmatischer Ansatz; weiche Grenzziehung; Einzelfallentscheidungen
Ableitung aller Problemlösungen aus der Aufrechterhaltung der OrdnungWeiterhin Notwendigkeit der staatlichen Intervention zur Schaffung sozialen Ausgleichs bzw. Korrektur der Marktergebnisse
„Richtige“ Wirtschaftspolitik entzieht der Sozialpolitik die NotwendigkeitGetrennte Bereiche Wirtschafts- und Sozialpolitik; Versuch der Austarierung von „Freiheit“ und „(sozialer) Sicherheit“
Statisches KonzeptStändige Weiterentwicklung; Anpassung an neue Herausforderungen

Müller-Armack befürwortet demnach eindeutig „soziale Interventionen“ des Staates, sofern sie „dem Grundsatz der Marktkonformität unterworfen werden“, das heißt, dass nur solche politischen Maßnahmen ergriffen werden, „die den sozialen Zweck sichern, ohne störend in die Marktapparatur einzugreifen“. Ma´u ist sogar der Auffassung, dass laut Müller-Armack sehr genau angegeben werden könne, was die Politik nicht tun soll. Dies wäre sozusagen eine Art negativer Begrenzung der politischen Wirtschaftsaktivitäten eines Staates. Aber andererseits könne dieses Prinzip in einer gewissen positiven Hinsicht sehr wohl die Auswahl des Verfahrens politischer Interventionen, nicht jedoch den Grad seiner Anwendung anleiten. Darüber hinaus vertrat Müller-Armack die Ansicht, dass „keine konkreten Aussagen über Prinzipien und Elemente einer ‚marktkonformen Sozialpolitik’“ gemacht werden sollten und daher „jeder Interpret dieses ‚deutungsoffenen Leitbildes‘ die seinen Interessen und politischen Präferenzen entsprechende Gewichtung“ im Spannungsfeld von wirtschaftlicher Effizienz einerseits und sozialer Gerechtigkeit andererseits vornehmen könne. Trotz dieser doch weitreichenden Einschränkungen politisch möglicher Aktivitäten in den wirtschaftlichen Raum hinein, hielt Müller-Armack „theoretisch“ die denkbar stärkste Einkommensumverteilung für möglich, „ohne mit den Spielregeln des Marktes in Widerspruch zu geraten.“ Dieser letzte Satz ist insofern verräterisch, da er zeigt, in welchem Maße er immer noch, trotz der immer wieder erkennbaren Widersprüche, von den „allen zugutekommenden positiven Wirkungen des Marktes“ überzeugt war. Wir werden uns jetzt anschauen müssen, was das eigentlich bedeutet.

Liest ma´u sich diese doch sehr positive Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklungen nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland durch, insbesondere die fast euphorische Lobhudelei gegenüber Müller-Armack und Ludwig Erhard kann ma´u hier nur Absicht unterstellen, die wirklichen Abläufe während dieser Zeit zu verschweigen, ja eigentlich zu verbiegen. Denn eine Menge von den oben genannten Umständen – die bei Anwendung dieser Behauptungen sehr wohl positive Folgen hätten und bis zu einem gewissen Grade ja auch hatten -, vor allem aber dann den konkreten Handlungen der Protagonisten verliefen teils völlig anders. Um diese Kritik richtig einzuordnen, hier einige wichtige Fakten. Als sich die kapitalistische Revolution auch in Deutschland so etwa ab der Mitte des 19.Jh. zunächst zögerlich, dann aber nach der Reichsgründung explosionsartig entwickelte, existierten hier entgegen den Verhältnisse in England, dann insbesondere den USA und dann parallel zum deutschen Kaiserreich in Frankreich Demokratien. Diese waren zwar durchaus etwas unterschiedlich „gestrickt“, aber es fehlte eindeutig die in Deutschland existente zentrale, weitgehend unkontrollierte – der deutsche Reichstag hatte spätestens seit der Kanzlerschaft Bismarcks schon in Preußen, dann aber auch im Deutschen Reich nur geringe Einflussmöglichkeiten – Befehlsgewalt. Bezogen auf die Wirtschaftsentwicklung hatte das zwar im Sinne absolut freier Entfaltungsmöglichkeiten des Kapitalismus so seine Einschränkungen, was sich aber eher nicht hinderlich, sondern in vielen Teilen als positiv erwies. So blieben zunächst auch hier der Markt, das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Unternehmerentscheidungen von staatlicher Seite weitgehend unbehelligt. Positiv machten sich aber die allgemein gesellschaftlichen Einwirkungen des Staates in die Wirtschaft bemerkbar und zwar durch eine an den Wirtschaftsinteressen ausgerichteten Währungspolitik – Schaffung einer einheitlichen Währung, der Reichsmark, mit Goldstandard, wodurch Deutschland „Mitglied“ der Goldwährungsfraktion der Weltwirtschaft wurde, damals eine Grundvoraussetzung eines erfolgreichen Außenhandels aufgrund der dadurch gewährleisteten Währungskompatibilität -, einer umfassenden Bildungsunterstützung insbesondere der Forschung gerade auch im Interesse der deutschen Industrie – siehe das Kaiser-Wilhelm-Institut -, dann die Bismarcksche Sozialgesetzgebung, die weltweit absolut führend war, und nicht zuletzt eine vom Staat mitinitiierte Zusammenarbeit – im Sinne regelmäßiger gegenseitiger Konsultationen – zwischen Staat. Industrie und Gewerkschaften. Manche ÖkonomInnen nennen daher diese besondere Form der Marktwirtschaft in Deutschland auch „Korporative Marktwirtschaft“, ein Umstand, der gleich noch eine wichtige Rolle spielen wird.

Direkt nach dem ersten Weltkrieg versuchten die zunächst mehrheitlichen linken Kräfte in Deutschland eine durchaus moderate Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien und Banken durchzusetzen, die allerdings an den sich schnell verändernden Wahlergebnissen in der Weimarer Republik scheiterte. Als aber nach der berüchtigten Wirtschaftskatastrophe von 1929 und den folgenden Jahren das Vertrauen in den Kapitalismus endgültig zerstört war und dann auch durch den katastrophalen Zustand der Wirtschaft nach Kriegsende, sowohl durch die Zerstörungen, aber auch der Wirtschaftspolitik der Nazis begründet, gab es in Deutschland nach dem Ende des 2. Weltkrieges erneut eine breite Absicht – von den Kommunisten über die SPD bis zu weiten Teilen der neuen CDU – eine solche Vergesellschaftung in Deutschland umzusetzen. So wurden in allen neuen Länderverfassungen – allerdings nur der Bizone, also englisch und amerikanisch besetzte Länder und hier übrigens auch in Bayern – solche Gesetzesbestimmungen aufgenommen. In Hessen wurde diese Verfassung sogar durch eine Volksabstimmung 1946 mit über 70% der Stimmen bestätigt. In der Folge wurde die Umsetzung dieser Bestimmungen aber durch die Besatzungsmächte mit dem Hinweis auf eine noch zu schaffende neue gesamtdeutsche Verfassung blockiert. Allerdings ist hier für die nun folgende wirtschaftliche Entwicklung auch und gerade in Deutschland unbedingt zu beachten, dass durch die sich immer mehr verschärfende Konfrontation zwischen Ost und West die USA dazu übergingen Europa und damit natürlich auch Deutschland mehr Unterstützung zukommen zu lassen. Der sog. Marshallplan, offiziell European Recovery Program (kurz ERP) genannt, wurde zu diesem Zweck 1948 von den USA beschlossen, um dem an den Folgen des Krieges leidenden Westeuropa wieder auf die Füße zu helfen. Er bestand aus Krediten, Rohstoffen, Lebensmitteln und Waren und hatte einen Wert von 12,4-Milliarden-Dollar, nach heutigem Wert ca. 120 Milliarden Dollar. Er sollte vier Jahre dauern. Davon profitierte Deutschland mit ca. 10%, Frankreich mit ca.20% und England mit ca. 25%. Der Grund für diesen Beschluss, der ja gerade gegenüber Deutschland eine Art Kehrtwende bedeutete (Erklärung mündlich), wurde insbesondere durch die Umstände in Griechenland von 1947 – Kommunistenaufstand und Unterstützung desselben durch die UdSSR – beschleunigt, wodurch der sog. „Kalte Krieg“ mehr oder weniger endgültig weltpolitische Realität geworden war.

Ein weiterer entscheidender Schritt zur wirtschaftlichen Sanierung Deutschlands war die 1948 durchgeführte Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen, gegen den Widerstand Russland, aber aus zukünftigen Konkurrenzgründen zeitweise auch Frankreichs und Englands. Für die spätere Vermögensentwicklung in Deutschland war dabei aber der Umstand absolut entscheidend, dass in diese Umstellung von 100 Reichsmark auf 6,50 DM alle Bank- und Sparkassenguthaben einbezogen waren (ma´u schätzt 93,5% des alten Reichsmarkvolumens), das Produktionsvermögen aber unangetastet blieb. Noch entscheidender waren im Sinne einer Wirkung in die Richtung der Ungleichbehandlung der Vermögen die Bestimmungen des erst 1952 beschlossenen sog. Lastenausgleichsgesetzes – LAG -, die vorsahen, die hierfür zu leistenden Zahlungen – die ja angeblich einen solchen Ausgleich herstellen sollten, aus den Vermögenszuwächsen – also den Gewinnen – finanzieren zu können. Da ja aber Gewinne immer auf die Verbraucher überwälzbar sind, finanzierten diese ihren sog. Lastenausgleich selbst. Da dieses Gesetz aber schon unter der Leitung Erhards beschlossen wurde, wird hier ein erster Umstand deutlich, der die obigen Belobigungen im Sinne eines „Wohlstand(es) für Alle“ – Titel eines gleichnamigen Buches von ihm -, die er ja angeblich so umfassend durch sein politisches Handeln hervorbringen wollte, schlicht widerlegt. Wir werden gleich noch auf weitere solcher Umstände stoßen.

Es ist natürlich nicht möglich hier in diesem Zusammenhang alle Einzelschritte der folgenden Jahre bis zum Ende, bzw. der endgültigen weltweiten Umwendung hin zum Neoliberalismus während der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts aufzuzeigen. Aber für uns in Deutschland gibt es ein paar ganz wichtiger Umstände die doch hier kurz, wenn auch nur aufzählend zu nennen sind, da sie weitreichende Folgen hervorbrachten. Da ist zunächst das 1948 von Erhard als „Direktor der Verwaltung für Wirtschaft“ durchgebrachte „Gesetz über Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform“, das die Voraussetzung schuf, Stück für Stück die bisherigen, noch aus der Nazizeit stammenden wirtschaftlichen Regelungen abzubauen. Der Markt wurde dadurch praktisch in immer mehr Bereichen frei von staatlichen Vorgaben, ein erster Schritt in Richtung neoliberaler Reformen, die übrigens von den Besatzungsmächten, insbesondere den Amerikanern, mit großem Misstrauen – eben wegen dieser neoliberalen Richtung – betrachtet wurden. Da aber Erhard ja nicht der einzige Akteur auf der Wirtschaftsebene des Staates war, ist kurz auf die Rolle der Notenbank hinzuweisen. Da Erhard ja praktisch den Markt wieder freigesetzt hatte, übernahm nun die Notenbank mit Hilfe einer ganzen Palette verschiedenster restriktiver Maßnahmen in Bezug auf die Geldpolitik – z.B. Erhöhung der Mindestreservesätze, eine Kreditplafonierung und einem Stopp der Refinanzierungsmöglichkeiten des Bankensektors, um nur die wichtigsten zu nennen – eine vergleichbar ausgleichende Rolle, was dazu führte, dass sie praktisch bis zum Ende der Ära Erhard die wirkliche Führung der Wirtschaftspolitik in einem solchen Sinne übernahm.

Der nächste Umstand, der ein sehr bezeichnendes Licht auf Erhard wirft, betrifft die Folgen der Energieversorgungskrise 1950, die noch durch die einsetzende Koreakrise verschärft wurde, weil die USA von der BRD umfangreiche Wirtschaftsanstrengungen zur Unterstützung ihrer Rüstungsaufwendungen verlangten. Sie forderten die BRD absolut nachdrücklich auf zu staatlicher Wirtschaftslenkung zurückzukehren, wie sie sie zu dieser Zeit selbst betrieben. Die Umstände in Deutschland ließen sich auch gar nicht mehr anders bewältigen. Da aber Erhard 1948 konsequent alle staatlichen Lenkungsstellen abgebaut hatte, war der deutsche Staat zu einer erneuten Lenkung gar nicht in der Lage. Diese Aufgabe übernahm nun nach eigentlich altem Muster der „korporativen Marktwirtschaft“ aus dem Kaiserreich eine Vereinigung aus Industrie- und Gewerkschaftsvertretern. Diesen Zustand bekämpfte Erhard nun in den folgenden Jahren mehr oder weniger erfolgreich. So ging er gegen Ende der 50er Jahre dazu über die Position der deutschen Energieversorgung durch die einheimische Kohle dadurch zu schwächen, indem er die Zölle auf das immer mehr zur Konkurrenz gewordene Erdöl abschaffte, was dann in den 60er Jahren dazu führte, dass das Ende des deutschen Steinkohlebergbaus im Hintergrund auftauchte, was ihn letztlich – neben einigen anderen Gründen – seine Kanzlerschaft kostete.

Der nächste noch bezeichnendere Umstand in Bezug auf die wirkliche Denke Erhards war die Einführung der dynamischen Rente 1957 durch Adenauer. Während der frühen 50er Jahre zeigt sich ein immer deutlicher werdender Anstieg der Privatvermögen im Verhältnis zum Allgemeinvermögen, was zunächst weiterhin, entgegen der reinen Marktlehre, durch staatlichen Sozialinterventionismus zumindest etwas gemildert wurde. Hierbei ist zu bedenken, dass ja die Theoretiker der sozialen Marktwirtschaft versprochen hatten, dass alle Vermögen bilden können sollten. Dieses Versprechen konnte aber in der Praxis bestenfalls in Bezug auf Renten und Pensionen, aber weniger aus Betriebsvermögen gewährleistet werden. Die Renten aber waren immer noch nach dem Konzept Bismarcks verfasst – also als Zuschuss zu familiären Möglichkeiten – was aber in den beginnenden 50er Jahren zu einer zunehmenden Verelendung der meisten Rentner führte. Ein Mann namens Schneider, Geschäftsführer des Verbandes katholischer Unternehmer entwickelte nun einen Plan, der Adenauer bekannt wurde. Der wichtigste Ansatzpunkt dieses Planes ging davon aus, dass die Deckung der zukünftigen Renten dem laufenden Sozialprodukt entnommen werden müsse. M.a.W., so wie die Einkommen der Bevölkerung aus der Arbeit stiegen, sollten auch die Renten in gleichen Maße steigen, wobei die Finanzierung hälftig, also Arbeitnehmer- und Arbeitgeber, durchgeführt werden sollte. Dieser Vorgang wurde unter dem Begriff Dynamisierung bekannt. Diese Vorschläge, die sowohl vom DGB, ähnlich von der SPD und dem Arbeitnehmerflügel der CDU übernommen wurden, stießen auf entschiedenen Widerstand von Erhard – nach ihm musste eine dynamische Rente eine fast zerstörende Wirkung auf die Wirtschaft haben -, der Banken, der Versicherungen und der Arbeitgeberverbände. Es war letztlich Adenauer, der diese Reform gegen alle Widerstände im Hinblick auf die im gleichen Jahr stattfindende Bundestagswahl durchsetzte, die dann auch die CDU haushoch gewann. In welchem Maße diese Rentenreform der allgemeinen Bevölkerung zugute kam ist zu bekannt und muss nicht extra erwähnt werden. Es ist aber für die Wirksamkeit der Ideologie des Neoliberalismus mehr als bezeichnend, dass es ausgerechnet eine rotgrüne Regierung unter Schröder war, der diesen positiven Umstand im Interessen der Finanzeliten, aber zuungunsten der zukünftigen Rentenempfänger veränderte.

Ganz allgemein kann ma´u sagen, dass die wirklich erfolgreiche Phase der deutschen Wirtschaft – im Sinn einer steigenden Einkommensmöglichkeit auch der arbeitenden Bevölkerung – weniger der Politik Erhards zu verdanken ist, als vielmehr den Folgen einer umfassenden Aufbauphase, einer neuen Währung, den Folgen der Koreakrise den immer deutlicheren Folgen des sog. kalten Krieges und insbesondere den Konsultationen innerhalb der „korporativen Vereinbarungen“. Einige dieser Umstände führten ja auch dazu, dass die USA ihre wirtschaftlichen Hilfen für Europa nicht nur aufrechterhielten, sondern weiter ausbauten, so dass diese auch und gerade Deutschland zugute kamen. Um es nochmals deutlich zu betonen, die wirklich wichtigen Erfolge der Sozialen Marktwirtschaft sind eher gegen als mit dem Willen Ludwig Erhards entstanden.

10. Abend Die Entwicklung zum „neuen“ Neoliberalismus

Ab jetzt wollen wir uns gezielt mit der „Wiedereinführung“ des „reinen“ kapitalistischen Denkens und Handelns im Neoliberalismus etwa seit Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts beschäftigen. Ma´u könnte hier auch die Globalisierung erwähnen, da diese aber schon länger besteht – mit besonderer Ausprägung während der Kolonialzeit – soll diese hier nicht besonders hervorgehoben werden. Zu all diesen Umständen gibt es natürlich auch in Bezug auf die wirtschaftlichen Verhältnisse und Veränderungen umfangreiche Literatur, wobei hier das jüngst erschienene und schon erwähnte Buch von Thomas Piketty wegen dessen umfangreichen Daten besonders zu empfehlen ist. Hier wollen wir uns jetzt aber zunächst mit dem besonders bedrohenden Holon, das ökonomische Geld nämlich, beschäftigen. Wie am letzten Abend schon kurz erwähnt, wurde seine Dominanz nach dem zweiten Weltkrieg zeitweise zurückgedrängt, m.a.W., die Besitzquote der Privatvermögen ging während dieses Jahrhunderts teils dramatisch zurück. Die annähernd genauen Daten kann ma´u bei Piketty nachlesen, der diese Entwicklung von allen möglichen Seiten und Zusammenhängen her darstellt. Das lag und liegt nun natürlich in keinster Weise im Interesse des Holons Geld und damit auch nicht der Besitzenden. Es war ja richtig, dass das Fehlverhalten der Besitzenden, vor allem aber ihrer „Handlanger“ in den Banken ähnlich wie 2007-8, 1929 dafür verantwortlich waren, dass die Börse zusammenbrach. 

Dies konnten natürlich die Geldeliten und ihre Handlanger, die neoliberalen Ökonomen nicht hinnehmen. Vor allem die letzteren hatten ja in den 30er Jahren gegenüber Keynes – der die theoretischen Grundlagen für die dann folgende Politik geliefert hatte -, die Deutungshoheit der Wirtschaft insbesondere auf Seiten des Staates weitgehend verloren. Das ging natürlich gar nicht. Insonderheit die Vertreter der österreichischen Schule Mises und dann ganz besonders Hayek und in deren Gefolge Friedmann ließen nicht locker ihre Positionen einer völlig von Staatseingriffen befreiten Wirtschaft zu predigen, wobei sie in der eher durch Privatgelder finanzierten Universitätslandschaft der USA genügend Unterstützer fanden, da diese ja ähnliche Interessen hatten. Ihre Chance kam, als in den 70er Jahren die Boomzeit des Wirtschaftsaufschwungs der Nachkriegszeit zu Ende ging und die Europäer, insbesondere Deutschland, die USA und ganz besonders Großbritannien eingeholt – hier ist speziell die Leistungsfähigkeit und Innovationskraft gemeint – und im letzteren Falle überholt hatten, was den Eliten dieser Länder überhaupt nicht passte. Auslöser der sich anbahnenden Veränderungen waren zunächst der Nixon Schock mit der Aufkündigung der Goldbindung des $, und falsche Entscheidungen in der Geldpolitik der FED. Als zweite Folge kam dann die sog. Ölkrise. Der Grund für diesen Umstand war die faktische Halbierung der Einnahmen der Ölländer durch den plötzlich in seiner Kaufkraft fast halbierten billigeren $, was diese nicht weiter akzeptierten und den Ölpreis entschieden anhoben. Beide Umstände nutzend gelang es den neoliberalen Vordenkern die damals wichtigsten Politiker auf ihre Seite zu ziehen, Reagan und Thatcher und mit deren Hilfe die staatliche Wirtschaftspolitik Stück für Stück zu verändern. Dies führte zu der bekannten Kehrtwende der Wirtschaftspolitik „zurück zu den Wurzeln“ des Kapitalismus im Sinne des 19. Jh. mit all den Folgen die wir schon kannten – wenn wir das denn sehen wollten -, und seither wieder beobachten können. Dazu zählen insbesondere massive Absenkung der progressiven Steuern; daraus folgend – da diese die Voraussetzung der inzwischen üblichen Sozialleistungen darstellten – den Abbau der bisher erreichten sozialen Zuwendungen; da aber um Wahlen zu gewinnen, dies zunächst nur wenig ging, zunehmende Staatsverschuldung praktisch aller Staaten weltweit, um diese so weit wie möglich weiterzahlen zu können; weitere Steuergeschenke an die Finanzwelt; Lohnkürzungen – siehe den Reaganismus und Thatcherismus und  die Agenda 2010 in Deutschland -; Schwächung der Gewerkschaften weltweit, sofern es solche überhaupt gab; vermehrte Ausbeutung der Entwicklungsländer; usw. usw., vor allem aber eine erneute exorbitante Zunahme der „oberen“ Vermögen ebenfalls weltweit. So gehören derzeit nach neuesten Schätzungen dem oberen einen Prozent der Superreichen etwa 60% des Weltvermögens mit immer schneller steigender Tendenz.

Aber damit nicht genug entwickelte sich aus diesen Anfängen seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts das, was Gabor Steingard die Bastardökonomie nennt (in Gabor Steingard „Unser Wohlstand und seine Feinde“). Alles begann in den USA. Wahlen kann ma´u hier nur gewinnen, wenn ma´u einem großen Teil des Mittelstandes den Bau eines Eigenheimes ermöglicht, der wichtigsten Form der finanziellen Alterssicherung der USA. Um dies zu gewährleisten wurden vor praktisch jedem Wahlkampf seit Reagan bestimmte Finanzierungsregeln der Banken geändert, wobei der Staat einerseits die Banken durch Verordnungen dazu ermächtigte, Finanzierungssicherheiten abzubauen – z.B. wurden sowohl die Eigenkapitalquoten der Bank bis gegen 0 gefahren und Kreditnehmer brauchten keine Sicherheiten mehr nachzuweisen -, bis diese ganz aufgegeben wurden. Im Gegenzug übernahmen halbstaatliche Banken wie Freddie Mac und Fanny Mae deren Absicherung, also letztlich die Steuerzahler. Das abflachende Wirtschaftswachstum wurde durch immer höhere Verschuldung „aufgefangen“. Ma´u „hebelte“ – durch Kredite geschaffene Werte bilden ihrerseits die Voraussetzung für neue Kredite, siehe auch das derzeitige „Rettungsprogramm“ Junkers – sich hoch. 1971 betrug die Staatsverschuldung der USA nach einer Rede Obamas von 2011 400 Mia. $, im Jahre 2011 15,5 Bio.$. Diese Umstände funktionierten nur deshalb, weil Staaten und Banken immer enger im gegenseitigen Interesse zusammenarbeiteten. Steingard schreibt: „Die Finanzwelt der Wall Street ist Teil der Regierung, und die Regierung ist Teil der Finanzwelt. Die einen können ohne die anderen gar nicht mehr leben“ (a.a.O. S.144). So wechseln regelmäßig führende Banker in Ministerämter und umgekehrt. In diesem Zusammenhang wurden auch die vorher existierenden gesetzlichen Grenzen zwischen Investitionsbanken und normalen Kreditbanken – z.B. bei uns besonders die Sparkassen – aufgehoben, einer der entscheidenden Gründe der Krise 2007-8. Das ist aber nur ein Teil all der „Erleichterungen“ die die Politik der Geldwirtschaft gewährte. Genaueres können Sie bei Steingard nachlesen. Diese ganze Entwicklung hat nun aber zwei Seiten.

Beginnen wir zunächst bei den Staaten und damit natürlich auch den BürgerInnen. Bitte erinnern Sie sich, wer ist eigentlich der Staat? Natürlich ist es nicht die Politik, sprich die PolitikerInnen, sondern das Volk. M.a.W., mit all diesem immer „sorgloseren“ Umgang mit dem Thema Geld, das ja erkenntlich alleine im Interesse der Geldbesitzer liegt, den sog. „Märkten“ – übrigens ein erneuter wunderbarer Nebelbegriff, da sich in der Öffentlichkeit nicht sehr viele Menschen darüber im Klaren sind, wer sich hinter diesem Begriff „versteckt“ -, steigt permanent das Risiko der Gesellschaft, sprich der BürgerInnen und hier insbesondere der zukünftigen Generationen. Konkret; die Bilanzsumme des amerikanischen Bankensektors stieg von 1990 mit 3,3 Bio. $ bis 2010 auf 11,8 Bio. $, insbesondere wegen des Ankaufs von Staatsanleihen. Ähnlich in der BRD; die Bilanzsumme der Deutschen Bank stieg im gleichen Zeitraum um 640%, wesentlich aus den gleichen Gründen. Und noch ein guter Vergleich der das Problem aufzeigt; das Weltsozialprodukt verdreifachte sich im gleichen Zeitraum, das Geschäft mit Staatsanleihen verfünffachte sich. Bisher konnte noch kein Staat solche Schuldenberge zurückzahlen, wie sie uns die derzeitige Politik aufhalst. Solche Schuldenberge verschwanden alle immer nur durch Kriege oder Inflationen. All dies geschieht letztlich nur im Interesse der Geldbesitzer und deren unbegrenzter Geldvermehrung und damit den „Bedürfnissen“ des Holons Geld. Würde ma´u diese über eine kleine – z.B. die derzeit diskutierte, aber nie eingeführte 0,1% – Kapitalertragssteuer (s.u.) beteiligen, könnte ma´u diesen Umstand weitgehend verhindern, oder mit etwas höheren Beiträgen sogar die Schuldenberge anfangen abzubauen. Aber so etwas geht natürlich im Neoliberalismus gar nicht, denn die Vermögen der Geldelite ist deren „goldenes Kalb“. Das darf niemals angetastet werden, die Folgen für die Welt und die Menschen sind völlig uninteressant. Der Markt wird das – angeblich, wie ma´u uns ständig aufschwätzt – schon wieder richten. Dieser Zynismus ist auf dem Hintergrund der wirklichen wirtschaftlichen Entwicklungen, insbesondere aber der Geldentwicklung auf der Welt nicht mehr zu überbieten. Die FED und die EZB schöpfen – also drucken – Geld ohne Ende und pumpen es in den sog. Markt, der auf der Geldseite eh schon lange keiner mehr ist, bzw. nie einer war. Die „unendlich“ belastbaren (???) SteuerzahlerInnen „garantieren“ diese Summen ja. Aber wie gesagt, das ist nur die eine Hälfte des Problems. Es gibt nämlich auch noch eine andere, noch bedrohlichere, wenn das überhaupt geht, nämlich die des Interesses des Holons Geld.

Aus der „Zusammenarbeit“ zwischen den Staaten und den Banken, also der Geldwirtschaft generell, und der hiermit verbundenen „Befreiung“ des Geldsektors von allen bisherigen Begrenzungen, entwickelte sich in den letzten 30 Jahren noch eine viel schlimmere Bedrohung von Seiten des Holons Geld, nämlich der Kasinokapitalismus (H.W. Sinn), wie er von einigen KritikerInnen genannt wird (siehe den 16. Abend). Genauer müsste ma´u ihn eigentlich Spekulationskapitalismus nennen. Was meint das aber eigentlich? Wer spekuliert hier und warum? Ulrike Herrmann hat in ihrem lesenswerten Buch „Der Sieg des Kapitals“ – genauer müsste ma´u sagen, des Holons Geld – sehr gut die Vorgeschichte dieser Entwicklung dargestellt. Darin zeigt sie, dass der Umstand von Geschäfts-, bzw. Geld-Spekulationen schon sehr alt ist. So „erfanden“ schon die Babylonier das, was ma´u als Derivate bezeichnet, also „Vorabkäufe“, z.B. Getreide vor der Ernte, um Planungssicherheit zu gewinnen – wobei bei guter Ernte der Bauer mögliche Gewinne „hergibt“, oder der Spekulant, bei schlechter Ernte Verluste erleidet -, die heute in diesem Sinne angewandt allerdings Futures heißen. Auch schon damals kamen besonders gewitzte Geldbesitzer auf die Idee solche Derivate zu kaufen, nicht um sie selbst abzuwickeln – also zu warten bis die Ernte „eingefahren“ ist, um zu sehen, wie sie ausfällt -, sondern sie an „Optimisten“ zu einem höheren Preis weiterzuverkaufen, wobei dann dieser das Risiko hatte. Dieses Vorgehen nennt ma´u heute Handel mit Optionen. Es sollen jetzt hier nicht alle diese sich vor allem bis zur Neuzeit entwickelnden Möglichkeiten aufgezeigt werden, die ma´u ja jederzeit nachlesen kann. Aber hier erscheint ein wichtiger Umstand der generell zu beachten ist. Der Kapitalismus ist eigentlich ein System, der in einem gewissen Sinne auf Spekulationen aufbaut, denn jede Art von Neuinvestition worein auch immer, ist ja in diesem Sinne Spekulation. Das bedeutet damit natürlich auch, dass heute die Spekulation noch eher „in der Luft liegt“ als früher schon. Es ist also für uns hier wichtig, was sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren Neues tat, begünstigt, durch die eben dargestellte weitgehende „Freistellung von Beschränkungen“ der Banken – die ja mal aus wichtigen Gründen nach 1929 nach den Empfehlungen von Keynes eingeführt worden waren –. Auch hier kann ich solche Umstände nicht ausführlich darstellen, auch das kann ma´u alles am schnellsten im Internet finden. Ein erster wichtiger Schritt in eine –gefährliche – neue Richtung, die jetzt begann, waren Verbriefungen, also „gebündelte“ Risiken, die gleichwohl von den Ratingagenturen mit AAA bewertet wurden. Ein weiteres neues hochspekulatives Produkt sind die sog, Junk Bonds, Kredite an „wackelnde“ Unternehmen, die daher hohe Zinsen zahlen müssen. Können sich diese Firmen halten, bekommt der Investor hohe Zinsen, kann eine solche Firma nicht zurückzahlen, kann der Investor die Firma „abwickeln“, was nicht selten lukrativ ist, da die Firma mehr wert ist als der Kredit. Daraus entstand nun seinerseits die Idee „feindlicher Übernahmen“ gegenüber soliden Firmen, die an den Börsen unterbewertet sind. Heuschreckenlogik eben. Besonders wichtig für Spekulationen wurden jetzt Derivate auf Währungen, nachdem 1973 die Dollarbindung der Währungen ausfiel, so dass ma´u jetzt bei Spekulationen auf was auch immer – besonders „beliebt“ sind hier zum großen Schaden vor allem der Ärmsten solche auf Nahrungsmittel -, auch im Hintergrund mit den Währungsschwankungen spekulieren konnte. Nun kamen auch Terminkontrakte auf Aktien, CDOs (Collateralized Debt Obligations), in denen vorher existierende Risiken verschwanden, weil sie mit AAA bedacht wurden, dann die CDS (Credit Default Swaps) und andere mehr. Welche wahnsinnigen Gewinne alleine durch diesen Derivatehandel erzielt wird, zeigt ein Blick auf das Jahr 2012. Im Jahr 2012 betrug der Nominalwert – also der Wert des Geschäftes, auf das sich die Derivate beziehen – 632,6 Bio. $, der Marktwert – also die echten Kosten – aber lag bei nur 24,7 Bio. $. Neben dem Irrsinn dieses Umstandes – wenn ma´u dazu bedenkt, dass die Weltwirtschaftsleistung in diesen Jahr bei nur 72 Bio. $ lag, ist es besonders wichtig zu beachten, dass dieser Handel nicht nur außerbörslich abläuft, sondern nur noch mit Hilfe von Computern abgewickelt wird, m.a.W., niemand, außer den „Betroffenen“ natürlich, bekommt das noch mit.

Will ma´u aber das wirklich Bedrohende dieses Vorganges verstehen, muss ma´u sich vergegenwärtigen, dass die hier erzielten Gewinne keinen realen Gegenwert mehr haben. Oder anders dargestellt, die derzeitige Geldmenge weltweit ist nach Schätzungen – kein Mensch kennt die wirklichen Summen, da der weitaus größte Teil dieser Summen in Steuerparadiesen gehortet werden und daher sowohl der Statistik unzugänglich sind, vor allem aber dem Fiskus, die „Märkte“ zahlen eben wenig bis gar keine Steuern – etwa 20 mal so hoch wie der weltweite Realwert aller Güter. Hieraus erheben sich drei Fragen; wer finanziert eigentlich diese Gewinne, bzw. woher kommt dieses „zusätzliche“ Geld, wenn sie nicht aus realen Marktverläufen – also dem Verkauf von Gütern mit Gewinn – entstehen; – hier ist dringend zu beachten, dass sich der eigentliche Geldwert einer Währung nach der Theorie auf das BIP dieses Landes bezieht -; wer trägt dessen Risiken und last but not least, was kann ma´u mit diesem Geld tun? Zunächst zur ersten Frage, weil diese relativ einfach zu beantwortet ist. Es gibt hier inzwischen zwei „Quellen“; erstens immer neue Kredite und zweitens die Notenbanken. Die in den letzten Jahren durch diese in den Markt gepumpten Billionen, dienen praktisch nur dazu, diese Gewinne, die ja zunächst nur als Bytes in den Computern existieren – wie schon erwähnt ohne realen Gegenwert -, in „reales“ Geld zu verwandeln. Dass dieser Umstand eine immer größere Blase aufpumpt, gegenüber der die Blase von 1929 schlicht ein Bläschen war, wird einfach in Kauf genommen. Dass so etwas auf Dauer niemals gut gehen kann, da ja alle Währungen dadurch „ausgehöhlt“ werden, wird einfach ignoriert. Die zweite Frage nach der Haftung ist am Schnellsten beantwortet; letztlich die Bürger dieser Welt, wie ja schon die letzte Krise gezeigt hat. Dass diese von all diesen Verhältnisse nicht das Mindeste haben, außer die entstehenden Verluste zu bezahlen, wen juckt das schon. Nun zur dritten Frage. Wenn dieses Geld entsteht, ohne dass reale Güter gehandelt wurden – solche „Geldvermehrung“ ohne realen Gegenwert gibt es zwar schon länger, aber noch nie in diesem Ausmaß -, kann ma´u dann damit reale Güter oder gar Kapital – also von Fabriken bis Grund und Boden – kaufen? Aber ja kann ma´u das, es ist ja immer noch „Geld“. Es soll hier auf einen besonders interessanten, aber auf Dauer mehr als bedrohlichen Umstand hingewiesen werden. Großkonzerne, Investoren und reiche Länder kaufen insbesondere in den Entwicklungsländern – aber nicht nur da – riesige Flächen auf, um darauf landwirtschaftliche Produkte zu erzeugen, die entweder in besonders günstige Märkte fließen – siehe z.B. Biodiesel -, oder zur Versorgung der eigenen Bevölkerung dieser reichen Länder. Dies machen in letzter Zeit vor allem China, Indien und Saudi Arabien. Bei all diesen Geschäften aber wird die ansässige Bevölkerung auf zweierlei Weise geschädigt. Diese werden einfach mit Gewalt von ihrem angestammten Boden, der ja ihre Lebensgrundlage war, vertrieben, in aller Regel ohne jede Entschädigung oder gar Zukunftsperspektive – siehe das derzeitige Flüchtlingsproblem. Die Gewinne aus diesen Geschäften stecken entweder die meist korrupten Eliten dieser Länder ein, oder sie müssen zur Schuldenfinanzierung verwendet werden. Der zweite Schaden entsteht für die betroffene Bevölkerung dadurch, dass sie erstens auf diesen Flächen bei der Bebauung wenig bis gar keine Arbeit findet – das machen entweder modernste Großmaschinen, oder Menschen aus dem Staat, der das Land gekauft hat. Dies gilt besonders für China. Zweitens aber können dort die Menschen nichts mehr für die Versorgung der eigenen Bevölkerung erzeugen. Dass darüber hinaus erstens der Boden durch industrielle Bebauungsbedingungen auf die Dauer geschädigt wird, zweitens aber in solchen Ländern immer größere Flächen gar nicht mehr unter die eigentliche Staatshoheit eines solchen Landes fällt, wird wie meist, wenn Gewinne für korrupte Personen anfallen, einfach in Kauf genommen, da es ja immer die „Anderen“ trifft. Der Begriff Souveränität wird allerdings für die betroffenen Länder immer unzutreffender.

Alle diese Entwicklungen der jüngsten Zeit zeigen erstens, welche neuen Formen das weiter evoluierende Geld annimmt – inzwischen gibt es ja auch schon in Ansätzen reines Computergeld, ma´u könnte es auch Computerwährung nennen, ohne jede reale Form, z.B. als Münze oder Schein, sondern nur noch als Computervorgang. Der noch wichtigere Umstand ist aber, dass sich Geldvermehrung völlig von wirtschaftlichen Vorgängen abkoppelt. Da aber nach wie vor der Wert einer Währung immer noch an diese gebunden ist, kann das nur zu bedrohlichen Folgen führen. Wie sich diese neben den schon angedeuteten in Zukunft zeigen werden, muss abgewartet werden. Dass diese manchmal überraschend sein können, hat schon die Vergangenheit gezeigt. Solange aber das Geld das wichtigste Medium des Systems Wirtschaft ist, ist diese Entwicklung nur mit großer Sorge zu betrachten, um es ganz vorsichtig auszudrücken. 

Hier wird aber noch ein anderes Problem deutlich. In den letzten Darstellungen im Zusammenhang mit dem Geld wurde schon mehrfach erwähnt, dass der sog. Geldmarkt kein eigentlicher Markt ist. Dies folgt aus dem Umstand, dass Geld keinen Grenznutzen hat und daher die Marktmechanismen, die ja alleine eine mögliche Wirkung im Sinne von Marktabläufen hervorrufen könnten, eben daher gar nicht wirken können. Damit kommt aber das Thema Markt zum Vorschein, dem wir uns hier kurz widmen müssen, denn auch dieses ist hier dringend zu beachten, will ma´u die moderne Entwicklung verstehen. Der Begriff des Marktes ist der eigentliche neoliberale Kampfbegriff, mit dem jedwede Kritik an diesen Um- und Zuständen immer und immer wieder abgewürgt wird. Das Schlimme ist nur, dass der eigentlich gemeinte, bzw. ideologisch völlig falsch dargestellte „Markt“, gar nicht existiert, eben weil er von Beginn an völlig falsch dargestellt wurde, aber immer in diesem ursprünglichen Sinne behauptet wurde und wird. Es macht also wenig Sinn, diesen Zusammenhang erneut zu besprechen. An den wirklichen Umständen ändert sich dadurch nichts. Es gilt nach wie vor der Zustand, wie er im letzten Semester mit Luhmann beschrieben wurde. Allerdings wäre es wirklich allerhöchste Zeit, dass insbesondere die öffentliche Presse – hier ist nicht die private Presse gemeint, da sich diese in den Händen von UnternehmerInnen befindet und daher kein Interesse hat, die wirklichen Verhältnisse dazustellen – auf diesen Umstand hinweist. Wir werden sehen. Dieses allgemein gepredigte Marktdenken im Sinne der angeblich immer existierenden Kosten-Nutzen-Abwägungen, hat allerdings immer umfassendere gesellschaftliche Folgen, die ebenfalls immer bedrohlicher werden, zerstören sie doch schleichend so ziemlich alle zwischenmenschlichen Bereiche, angefangen bei den privaten und erst recht die öffentlichen. Gute Darstellungen dieser Entwicklung und möglicher Folgen finden Sie in den Büchern „Was man für Geld nicht kaufen kann“ von Michael J. Sandel und „Der Sinn des Gebens“ von Stefan Klein. Schon Carl Amery lieferte für diese Folgen für einen „kapitalistischen“ Menschen, also einem, der sich völlig diesen Bedingungen unterworfen hat, gute Beschreibungen. So lesen wir in „Global Exit“ auf S. 79 folgendes: „Er ist der Mensch der sublimsten und allerhöchsten Dienstbereitschaft für die Reichsreligion (den Kapitalismus nämlich). Er ist flexibel, d.h., er wird jedes private Interesse, etwa Selbstverwirklichung oder persönliche Würde – und damit die Verwurzelung in eine Heimat, eine Polis, eine Familie -, sofort liquidieren, verflüssigen, um im Auftrag der jeweiligen Firma, des Konzerns, der Korporation, kurz: der jeweiligen Totalen-Markt-Inkarnation, von Brüssel nach Detroit, von Kalifornien nach Marokko, von Jakarta nach Helsinki zu flitzen, oder geflitzt zu werden – wenn erforderlich samt Weib und Kind und Golden Redriever oder auch unter Zurücklassung derselben: monadische Mobilität als sakramentale Lebensweise. Er wird aber (dies gehört zu den schäbigen Paradoxien dieses Marktes) als wahrhaft neuer Mensch auch ohne Zögern die Loyalität zur bisherigen Firmenfahne, zum bisherigen höchsten Beweger von heute auf morgen aufkündigen, wenn ihm das ermöglicht, in die nächsthöhere Kategorie der neuen, flexiblen, unbegrenzt qualifizierten Menschentums aufzusteigen. Unbegrenzt qualifiziert: Bald braucht der Markt darunter überhaupt niemanden mehr, höchstens Millionen von elektronisch gesteuerten Maschinen und Millionen von Konsumidioten“. Dieses Zitat wurde deshalb in diesem Umfang hierher gestellt, weil ma´u unsere derzeitige Lage einfach nicht besser beschreiben kann. Es stellt auch in dieser Deutlichkeit einen gewissen Abschluss dar. Wir werden sehen, ob es in diesem Zusammenhang mehr bewirken kann. Allerdings ist der Vollständigkeit und gesellschaftlichen Brisanz halber hinzuzufügen, dass sich dieses Denken immer umfänglicher auch in den Privatbereich der Menschen hineinfrisst. Immer mehr Menschen betrachten sich selbst und ihre Mitmenschen nur noch unter diesem Kosten-Nutzen Primat, mit katastrophalen Folgen für sich selbst, wie für ihre Mitmenschen. 

Zusammenfassend kann ma´u also sagen, dass die derzeitige Entwicklung der Gesellschaften weltweit unter der Herrschaft des Neoliberalismus immer bedrohlichere Formen annimmt. Das gilt in besonderer Weise und Umfang für den Geldsektor, aber natürlich auch die Entwicklung der Technik – siehe das Thema Technik 4.0 -, insonderheit aber auf dem Gebiet der Arbeitsverhältnisse und der sozialen Absicherung der Menschen. Diese wird im Neoliberalismus weltweit immer rigoroser abgebaut bis ganz beseitigt. Das kostet ja alles nur Geld, das den Reichen und Arbeitenden „gestohlen“ wird, wie besonders radikale Neoliberale, z.B. Friedman, schon argumentierten. Dass dieser Prozess bei uns in Deutschland noch nicht in vollem Umfange angekommen ist – wie schon erhebliche umfänglicher in den USA, UK, oder den Ländern am Mittelmeer -, hat vor allem zwei Gründe; erstens wurden schon durch die Agenda 2010 erhebliche Anfänge in diese Richtung initiiert. Siehe die seitherige Lohnentwicklung, den Abbau von Arbeitnehmerrechten – z.B. über die Ausweitung der Leiharbeit und die Öffnung des Arbeitsmarktes für alle möglichen Ersatzarbeitsverhältnisse, wie Praktika oder über Subunternehmer -, vor allem aber die absolut ungerechtfertigte Absenkung der zukünftigen Renten. Der zweite Grund ist der derzeit noch wichtigere, kann sich aber jederzeit schlagartig verändern, die derzeit besonders positive Konjunkturlage. Die deutsche Wirtschaft brummt. Dass dies nicht zuletzt dadurch erreicht wurde, dass bei uns über mehrere Jahre, im Unterschied zu allen anderen europäischen Ländern um uns her die Löhne stagniert waren, sollte ma´u dabei nicht übersehen. Aber wehe, wenn sich die Situation weltweit eintrübt. Es ist gar keine Frage auf wessen Rücken dann entsprechende Einschnitte vorgenommen werden. Wenn Sie die Logik des Neoliberalismus auch nur in Ansätzen verstanden haben, brauchen sie noch nicht einmal zu raten.

11. Abend, welche alternativen Ansätze sind denkbar?

a) derzeitige Logik

Ma´u hätte zu den obigen Ausführungen natürlich noch viele Hinweise und Belege anführen können. Aber diese hätten die Grundaussagen weder verbessert noch deutlicher gemacht, daher wurden sie unterlassen. Darüber hinaus finden Sie in der von mir ja immer wieder vorgestellten Literatur eine Menge ganz unterschiedlicher Bücher, die solche Belege liefern können, die Sie natürlich bei Interesse lesen könnten. Nun verkündet ma´u uns gerade im Neoliberalismus ständig, der Kapitalismus sei nicht nur das beste System, das sich Menschen je haben einfallen lassen, nein es sei auch alternativlos? Nun, wenn ma´u ein System, das auch Kenner als eines bezeichnen, in dem Täuschung und Betrug üblich sind – vor allem als Folge des rationalen Denkens, in dem das ja regelrecht gefordert wird (siehe neben Haa-Joon Chang auch J.K. Galbraith „Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs“) -, dann kann dieses System ja nun wirklich nicht das „Beste“ sein. Aber alleine schon ein solcher Ausspruch – alternativlos – zeigt, wie ideologieblind Menschen sind, die solches sagen – zumindest wenn sie dies wirklich so meinen -, hat es doch schon immer zu allen Umständen Alternativen gegeben, wenn ma´u sie auch nicht immer gleich sehen konnte. Die sich weiterbewegende Geschichte hat sie aber immer hervorgebracht. Also, welche Alternativen zur derzeitigen Situation, zu den derzeitigen Verhältnissen wären denn denkbar? Vorweg sei eines festgehalten; hier geht es jetzt nicht darum, kosmetische Ansätze für den Kapitalismus anzubieten, die es ja durchaus schon gibt, siehe z.B. den am letzten Abend zitierten Vorschlag der Kapitalertragssteuer, oder gar der weitergehende eines möglichen „Bedingungslosen Grundeinkommens“, wie er ja ebenfalls schon länger diskutiert wird. Aber auch eine umfassendere Kontrolle der Banken, siehe die Occupy-Bewegung hilft da nicht wirklich weiter. Die folgenden Überlegungen gehen, wie ja schon ausführlich begründet,  davon aus, dass dieses System grundsätzlich schädlich bis umfassend bedrohlich ist und überwunden werden muss. Das ist der Ausgangs- aber auch Zielpunkt, von dem her gedacht wird. Also müssen sich mögliche Alternativen ganz gezielt um die Überwindung dieser negativen Seiten des Kapitalismus bemühen. Und es gibt tatsächlich schon seit langer Zeit die unterschiedlichsten Überlegungen die bekannten und/oder üblichen gesellschaftlichen Verhältnisse zu „überdenken“ und dazu Alternativvorschläge zu machen. Betrachtet ma´u sich aber diese genauer – ich komme gleich auf diese zu sprechen -, wird schnell ein besonderer Umstand deutlich: es ist von absolut grundlegender Bedeutung, von wo aus eine solche Alternative denkt. Auf was bezieht sich diese Frage? 

Nun, wir haben schon an den verschiedensten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhängen erkennen müssen, dass deren inneren Verhältnisse und daher kommenden Wirkungen sowohl von den in den jeweiligen Gesellschaften dominierenden Weltsichtebenen bestimmt sind, als vor allem den damit zu begründenden ganz konkreten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zuständen. Um was es hier geht ist vorab die Staatsverfassung, insonderheit aber die Grundlagen des wirtschaftlichen Verhaltens, also; haben wir es mit Märkten zu tun, welche Rolle spielt das allgemeine Tauschmittel, hier besonders im Sinne des ökonomischen Geldes gemeint und ganz besonders wichtig, bezieht sich die Gesellschaft in ihrem wirtschaftlichen Handeln auf das Privateigentum. Dazu kommen im Hintergrund die Wirkungen eventuell existierender Machthierarchien, des patriarchalen Denkens und solcher Überzeugungen, Menschen würden immer nur im eigenen Interesse handeln, also die Wirkungen des rationalen Denkens. Betrachtet ma´u sich nämlich die existierenden Vorschläge, insbesondere aber die dann darauf bezogene Kritik, zeigt sich sehr schnell wie umfassend sich die Wirkungen dieser in aller Regel nicht hinterfragten Voraussetzungen entfalten. Da aber gerade der Kapitalismus bekanntlich ein System ist, der auf diesem Denken beruht und von diesem her seine besonders negativen Wirkungen zu begründen sind, die wir uns ja schon an den verschiedensten Abenden näher angeschaut haben, müssen wirkliche Alternativen besonders im Hinblick auf diese Wirkungen betrachtet und beurteilt werden. Es gibt aber noch weitere entscheidend wichtige Umstände, die hier unbedingt zu beachten sind. Alle Kritiker, aber auch die meisten Befürworter dieses Systems sind sich doch zumindest verbal in einem bestimmten Punkt einig; ein wie auch immer geartetes zukünftiges System muss garantieren, dass alle Menschen frei und gleichberechtigt sein sollten, wobei interessanterweise einige solcher TheoretikerInnen davon ausgehen, dass dieser Umstand heute schon weitgehend gelten würde. Nach allem, was wir uns bisher an den verschiedensten Abenden erarbeitet haben, gehört zu einer solchen Aussage schon eine gehörige Portion Ideologieblindheit. Aber auch das ist uns ja schon gerade auf dem Gebiet der Ökonomie mehrfach als nichts Neues begegnet. Ganz besonders wichtig ist es aber auch zu beachten, wie sich ein zukünftiges Wirtschaftssystem gegenüber der Umwelt „verhält“, m.a.W. würden weiterhin die Ressourcen der Erde umfassend ausgebeutet und sowohl die Erde als auch Wasser und Luft belastet. Und noch ein letzter Umstand ist hier unbedingt mit zu bedenken; wie soll in einer zukünftigen gesellschaftlichen Realität das Verhältnis der wirtschaftlichen Bedingungen und deren Beziehungen zur Politik aussehen, oder m.a.W., welche Staatsform wird dabei mitgedacht.

Eine der ältesten Ideen, die sich mit dem Gedanken einer idealen Gesellschaft beschäftigen ist immerhin schon rund 2500 Jahre alt, der ideale Staat Platons nämlich. Es ist dabei mehr als bezeichnend, dass in diesen Ideen als grundlegende Voraussetzung eines solchen Staates gerade die Trennung von wirtschaftlichen und politischen Aktivitäten gefordert wird. Ganz kurz; wir haben eine Führungsschicht, die den Staat lenken soll, aus den Philosophen und den Wächtern, die in mehrfacher Hinsicht komplett vom Rest der Bevölkerung abgetrennt gedacht wird. Diese sollen kein Privatvermögen haben – also keine Möglichkeit der Bestechung oder Korruption -, die einzigen sein, denen eine Bildung zugedacht wird und ihr Privatleben soll nur in einer umfassenden Gemeinschaft ablaufen, also ohne eine wie auch immer gedachte Ehe oder Familie und die Kinder werden von frühester Kindheit an in gemeinschaftlichen Einrichtungen für ihre zukünftige Rolle ausgebildet. Der ganze „Rest“ dieser Gesellschaft – also von den Sklaven über die Bauern, Handwerker, Händler, Künstler usw. – wird von dieser Oberschicht regiert, sprich verwaltet und beherrscht. Es wären dazu zwar noch eine Menge Einzelheiten möglich erwähnt zu werden, das würde uns aber zu weit abführen, kann aber auf Wunsch mündlich erfolgen. Uns kommen heute diese Vorstellungen fast absurd vor, aber es wird in der Geschichte und damit im öffentlichen Bewusstsein unterschlagen, dass es am Beginn der Moderne – konkret von 1610 bis 1767, also über rund 150 Jahre – einen Staat gab, der auf dieser Grundlage sehr erfolgreich funktionierte, der sog. Jesuitenstaat von Paraguay nämlich. Aber es begegnet uns ja nicht zum ersten Mal, dass solche positiven geschichtlichen Beispiele, die ja viele heute als absolut unverzichtbar betrachteten Theorien zumindest sehr infrage stellen würden, einfach durch totschweigen aus der Diskussionsmöglichkeit herausgehalten werden. Erinnert sei nochmals kurz an die Brakteatenzeit.

Als nächstes Beispiel sei ebenfalls kurz an Utopia – also das Nirgendwo – des Thomas Morus erinnert, das er bereits Anfang des 16. Jh. veröffentlichte. Für diese Zeit äußerst erstaunlich ist dabei der Umstand, dass das auf dieser „Insel“ angedachte wirtschaftliche System auf Allgemeinbesitz beruht und das politische System auf strikter Demokratie. Sehen wir mal von den für die Zeit der Renaissance typischen sehr strikt geometrisch-mathematischen „Aufteilungen“ sowohl der Städte als auch der ganzen privaten Bereiche ab, übersieht Morus keineswegs Umstände und Bedingungen einer erforderlichen Kooperation, sowohl zwischen den von ihm angedachten einzelnen Wirtschaftseinheiten – also den zugrundeliegenden Familienbetrieben -, als auch von Stadt und Land. Darüber hinaus erkennt er auch die Probleme der Allokation, die von ihm „geregelt“ werden. Ob allerdings seine Vorschläge ausreichen würden, um diese Umstände so zu regeln, dass diese sowohl auf eine längere Dauer, als auch in einer größeren Gemeinschaft – also einem modernen Staat – auch funktionieren würden, hängt natürlich insonderheit von der Grundeinstellung der Menschen ab. M.a.W., das würde von einer hier als vorauszusetzenden Wir-orientierten Denke bestimmt. Von einer, die auf dem Ich aufbaut, wie das derzeitige rationale Denken wäre dies kaum zu erwarten 

Der nächste entscheidende Denkansatz in unserer Geschichte ist die Kritik von Marx am Manchesterkapitalismus, der sich nach der Entstehung des Kapitalismus am Ende des 18. Jh. entwickelt hatte und den er ja in England Mitte des 19. Jh. direkt beobachten konnte. Wichtig ist es dabei vorab zu beachten, dass sich dieser komplett auf die Markttheorie von Smith berief und darauf basierend entwickelte, insbesondere unter der umfassenden Zurückdrängung aller staatlicher Eingriffe in wirtschaftliche Umstände, wie sie ja Smith ebenfalls gefordert hatte. Bekanntlich beharrten und beharren ja alle liberalen bis neoliberalen ÖkonomInnen bis heute auf diesen Bedingungen, unabhängig davon welche teils katastrophalen Folgen dies insonderheit für die Umwelt und die arbeitenden Menschen hatte und hat. Mit dem Schlachtruf „der freie Markt regelt alles zu aller Vorteil“ – also die Lebensumstände aller Menschen in einer solchen Volkswirtschaft würde sich zu ihren Gunsten entwickeln -, wurde und wird dieses sog. freie Marktsystem immer wieder mit allen Mitteln herbeigeredet und gefordert, obwohl es von Beginn an nie in diesem Sinne funktionierte. So wäre schon von Beginn an das Geldsystem ohne staatliche Eingriffe kollabiert und erst als die Staaten im Interesse der total ausgebeuteten ArbeiterInnen eingriffen, konnten diese sich im Laufe der Zeit wenigstens kleine „Teile des Kuchens“, den ja der Kapitalismus hervorbrachte, erkämpfen. Alle diese Umstände werden erneut von allen neoliberalen IdeologInnen ausgeblendet und mit Hilfe einer umfassenden Propaganda ins Reich der Vergessenheit verbannt. Wir kommen gleich nochmals darauf zurück.

Marx nun machte für diese fürchterliche Entwicklung zu Beginn des Kapitalismus völlig zu Recht vor allem das Eigentum – siehe auch die schon vor ihm geäußerten Kritiken u.a. von Rousseau und Proudhon – an den Produktionsmitteln und die entfremdete, sprich fremdbestimmte, ausbeuterische – das Arbeitsprodukt ihrer Arbeit gehört nicht ihnen, sondern den Kapitalisten, siehe auch die logisch widersprüchliche Eigentumsbegründung von Locke – Arbeit in den Fabriken verantwortlich. Leider legte er ein falsches, historizistisches Denkmodell sowohl seiner Geschichtstheorie – siehe den Histomat -, seiner Gesellschafts- und Wirtschaftskritik, als auch seinen Verbesserungsvorschlägen zugrunde. Dieser Umstand führte dann bei der teilweisen – er hatte nie wirklich konkrete Vorschläge für ein „besseres“ zukünftiges Wirtschaftssystem vorgelegt – Umsetzung seiner Ideen in der sich entwickelnden Sowjetunion und ihrer Anhänger und Nachahmer in anderen Ländern zu den bekannten Fehlentwicklungen. Da wir uns schon an früheren Abenden zu diesem Umstand unterhalten haben, kann ich es mit diesem Hinweis bewenden lassen und auf Wunsch nochmals diese kurz mündlich wiederholen. Der jetzt besonders zu beachtende Umstand ist die Tatsache einer umfassenden staatlichen Wirtschaftsplanung, in diesem speziellen Falle durch meist arbeitsfremde Pateibonzen. Das Scheitern des sog. „Real existierenden Sozialismus“ hat neben diesem Umstand insbesondere zwei weitere Gründe; das Problem der fehlerhaften Planungen aufgrund nicht zu bewältigender gigantischer Informationen und damit verbundener Informationsdefizite und fehlerhafter Planungen und die daraus folgenden Fehlentwicklungen der Allokation. Zweitens das verlorengehende Vertrauen der ArbeiterInnen in dieses System wegen der weiterexistierenden Machthierarchien unter Ausschaltung ihrer möglichen Beiträge, wodurch eben auch die Kooperation und Koordination innerhalb der Gesellschaft verloren ging. Wir werden auf das Problem der Planung noch zurückkommen müssen.

Die bisher dargestellten Alternativen hatten alle den Markt als Mittel allgemeiner Allokation ausgeschaltet. Nach allen bisherigen Erfahrungen, die wir schon früher besprochen haben, können Wirtschaftsgesellschaften, die mit Geld als allgemeinem Zahlungsmittel funktionieren nicht ohne einen solchen auskommen. Allerdings gibt es auch hier zwei Erfahrungswerte und damit verbundener Sichtweisen auf einen solchen, nämlich einerseits der behauptete „Ausgleich“ der jeweiligen persönlichen Interessen – die berühmte „Hand Gottes“ des Adam Smith, die Folgen des rationalen Denkens. Andererseits die Vorstellung auf einem Markt so zu handeln, dass allen beteiligten Seiten „geholfen“ ist, siehe die Beschreibung Ad Tusis´ der mittelalterlichen Märkte im Bereich des Islam, Wir-orientiertes mythologisches Denken. Da wir uns darüber schon ausführlich unterhalten haben, sollte diese Erinnerung ausreichen. Es werden nun seit einiger Zeit die verschiedensten Vorschläge vorgelegt, die einerseits den Markt beibehalten, andererseits aber das Privateigentum abschaffen.

So gibt es schon recht lange Vorstellungen, die einerseits das Privateigentum abschaffen wollen, einen allgemeinen Zentralplan der jeweiligen Regierung befürworten, andererseits aber den jeweiligen Betrieben im Rahmen des Planes umfassende Selbstverwaltung zubilligen wollen. Interessant ist, dass die Befürworter solcher Ideen, die natürlich durchaus etwas unterschiedlich sind, aber im Grunde auf diese Ideen gründen, sowohl aus den Reihen der Sozialisten stammen, aber auch aus arbeiterorientierten Kreisen der katholischen Kirche und Anhängern des Genossenschaftswesens. Aber nochmals; wichtig ist in diesen Überlegungen, dass die Allokationsaufgabe insbesondere der umfassenden Versorgung der Bevölkerung über den Markt verlaufen soll. Natürlich gibt es jetzt auch sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie eine solche betriebliche Selbstverwaltung, aber auch die zentralen Investitionsentscheidungen zu organisieren wären. Bei den weitaus meisten dieser Vorschläge werden hier demokratische Entscheidungsfindungen bevorzugt, sowohl über die Investitionen, als auch über die innere Verwaltung – in kleineren Betrieben direkt, in größeren über einen gewählten Betriebsrat – der Betriebe. Die Bezahlung der Mitarbeiter eines Betriebes wäre in diesen Vorschlägen in aller Regel an den Gewinnen eines Betriebes gekoppelt. Es ist sofort ersichtlich, dass hier ein Schwachpunkt dieser Vorschläge steckt, da diese Regelung möglicherweise zu erheblichen Einkommensunterschieden in der Bevölkerung führen könnte, mit allen daraus entstehenden Folgen.

Bevor ich zu einer weiteren Kritik dieser Vorschläge etwas sage, als auch dann zu den noch folgenden, muss ich vorweg auf ein fundamentales Problem hinweisen. Es hängt natürlich auch hier entscheidend davon ab, von welcher Position im Sinne der Weltsichtebenen her ich denke und argumentiere. Lege ich nämlich einer solchen Kritik das rationale Denken – also nur mein Erfolg zählt, ohne Rücksicht auf andere Folgen – zugrunde, wird diese völlig anders aussehen, als wenn ich von grünem Denken – also Gemeinsamkeit und gegenseitige Rücksichtnahme – her argumentiere und dies würde nochmals ganz anders vom Denken des zweiten Grades her aussehen. Ich will daher vorab noch die anderen Vorschläge vorstellen und alle diese Vorschläge einer gemeinsamen Betrachtung unterziehen.

Es gibt seit einiger Zeit von verschiedenen Ökonomen unterschiedliche Vorschläge, die versuchen sich eine Wirtschaft vorzustellen, in denen ein freier Markt mit sozialistischen Grundgedanken – also kein oder eingeschränktes Privateigentum und mehr oder weniger ausgeprägte Selbstverwaltung – gekoppelt wird, bis hin zur Einbeziehung eines weitgehend freien Aktienmarktes. Nicht uninteressant ist dabei, dass es solche Formen teils schon gab und/oder noch gibt, s.u. Der Markt soll dabei in all diesen Vorschlägen die allgemeine Allokation gewährleisten und den Unternehmensführungen ihre benötigten Handlungsdaten liefern. Dazu soll dann der Aktienmarkt einerseits die Leistungsfähigkeit der einzelnen Unternehmen wiederspiegeln, andererseits Anregungen zu erforderlichen Investitionen geben, aber auch die Beurteilung der Führungspersonen erleichtern helfen. Warum aber überhaupt ein Marktsozialismus? Dieser soll erstens eine möglichst gleichmäßige Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstandes gewährleisten, weniger Ressourcen für Verteilungswettkämpfe verschwenden helfen, zu besseren, sprich durchsichtigeren politischen Entscheidungen führen, da weniger private Propagandamöglichkeiten – z.B. durch private Medienfirmen – existierten und insbesondere die Arbeitsbedingungen demokratisieren helfen, sowie den Konsum unabhängiger von Werbung machen. Da hätten wir zunächst das Modell des Aktienmarktsozialismus, wobei dieses in verschiedenen Varianten vorgeschlagen wird, z.B. wer überhaupt Aktien kaufen kann – z.B. der Staat, Banken, Fonds, Versicherungen, Privatpersonen, usw. -, oder wer überhaupt der öffentliche Träger der Unternehmen sein soll, also der Staat, die Kommunen, oder erneut eher Privatpersonen und/oder Organisationen. Ebenso gibt es dabei unterschiedliche Vorstellungen über weiterhin existierende Klein- oder gar mittlere Unternehmen in Privateigentum.

Wie sehen nun diese Vorschläge aus und was kann ma´u zu ihrem Funktionieren sagen, einerseits rein theoretisch, teils auch aus der Praxis. Da wäre zunächst das Modell des X%-Marktsozialismus, wobei sich diese X% auf den Besitzvorbehalt der Aktien von Seiten des Staates beziehen. Wichtig wäre hier in jedem Falle die Aktienmehrheit des Staates zu sichern, also mehr als 51%, wobei die Vorschläge meist sogar von 75% ausgehen, denn nur eine solche Staatsmehrheit könnte ja noch die Entscheidungshoheit und damit den Gedanken des Sozialismus aufrechterhalten. Eine weitere Variante ließe sogar eine gewisse Menge an privaten Investitionen zu. Wie es sich in den existierenden Fällen – teils wieder geschlossen, wie die IRI in Italien – gezeigt hat, ist ein entscheidender Schwachpunkt darin zu sehen, wie die Einmischung des Staates, insonderheit herrschender Parteien, geregelt wird. Die IRI ist genau daran gescheitert, während Finnland über längere Zeit, bis teilweise in die Gegenwart, sehr erfolgreich einen Teil seiner Industrie kontrolliert hat. Ma´u könnte z.B. diese Einmischungsmöglichkeiten eines Staates, bzw. dessen VertreterInnen durch ein öffentlich kontrolliertes Organ ersetzen, den ma´u schon mal als Bundesaktionär bezeichnet hat. Wichtig wäre erstens, dass dieses Organ weitgehend transparent für alle Bürger ist, zweitens aber so unabhängig wie möglich von der Politik.

Zur weiteren Beschränkung der Staatspolitik auf die Wirtschaft wurde schon vorgeschlagen als Hauptaktionär nicht den Staat einzusetzen, sondern die Kommunen, vergleichbar schon existierender kommunaler Unternehmen. Positiv wäre hier, dass alle hier ablaufenden Prozesse „näher“ an BürgerInnen wären, die sich möglicherweise daher auch über ihre Rolle als mögliche Mitarbeiter in weiteren Funktionen beteiligen könnten. Allerdings gilt es hier fast noch mehr als bei den Staatsbetrieben den Einfluss der Politik, sprich in Sonderheit der Parteien genauestens zu kontrollieren, da sonst solche Betriebe, wie es ja derzeit oft zu beobachten ist, stark mit Personen mit „besonderen“ Parteibeziehungen durchsetzt, ja oft geleitet werden. Das gilt besonders immer dann, wenn eine Partei längere Zeit „an der Macht“ ist. Da aber alle diese Modelle davon ausgehen, dass ein erheblicher Teil der Gewinne der Unternehmen entweder an den Staat, oder wie im letzten Falle an die Kommunen gingen, könnten hier eher als im ersten Falle unterschiedliche Ausschüttungen an unterschiedliche Gemeinden erfolgen, je nach Erfolg der jeweiligen Unternehmen.

Die halbherzigste Variante dieses Modells besteht darin, dass es weiter wie bisher Aktiengesellschaften in Privatbesitz gibt, die aber einerseits durch bevorzugte Übertragung von Aktien an den Staat, die dieser dann in Eigenregie in Fondsgesellschaften verwalten und  handeln könnte. Um aber erneut die Entwicklung kapitalistischer Dynastien zu verhindern, sollen diese Aktien erstens nicht mit normalem Geld gehandelt werden, sondern mit sog. Kupons, die dann besser kontrollierbar wären, da sie nur für den Kauf und Verkauf von Aktien genutzt werden könnten. Das zentrale Element im Sinne einer sozialistischen Sicht wären in diesem Vorschlag die staatlichen Fondsgesellschaften, da diese die Mehrheit der Aktien erhielten, mit deren Hilfe sie die Unternehmen weitgehend steuern könnten. Auch hier wäre die Konstruktion dieser Fonds von entscheidender Bedeutung, insonderheit ihre Transparenz und der öffentlichen Kontrolle. Noch ein besonderes Problem würde sich allerdings dann ergeben, wenn weiterhin kleine bis mittlere Unternehmen in Privateigentum bestünden. Es ist ja bekannt, dass es gerade solche Unternehmen sind, die häufig die eigentlichen Innovationen in einer Volkswirtschaft hervorbringen, da diese den Großunternehmen zu risikobelastet sind, wobei diese dann aber bei Erfolg solche Kleinunternehmen aufkaufen. Um nun zu verhindern, dass solche Unternehmen, wenn sie mit einer solchen Investition besonders erfolgreich sind, als erneuter privater Großkonzern aufsteigen, wird vorgeschlagen, solche Firmen einem Verkaufszwang zu unterwerfen. Dieser muss natürlich so gestaltet werden, dass sich eine solche Investition dann lohnt, m.a.W., der Kaufpreis muss dann entsprechend hoch sein, bzw. ebenfalls in einem Bieterverfahren geregelt werden, der einen von dem ehemaligen Eigentümer vorgegebenen Preis um ein vielfaches übersteigt. Damit dieser seinerseits diesen Preis nicht astronomisch hoch ansetzt, sollte er diesen Betrag jährlich an den Staat als eine Art Steuer abtreten.

Betrachte ma´u sich nun all diese jetzt vorgestellten Vorschläge einer „Überwindung“ des Kapitalismus aus einer kritischen Perspektive, zeigt es sich sehr schnell, dass sie alle eines nicht können, nämlich die derzeitigen negativsten Folgen des Kapitalismus überwinden, nämlich insonderheit diejenigen, die die Ausbeutung der Erde und ihre umfassende Zerstörung durch dieses System betreffen. Alle diese Vorschläge gehen nämlich davon aus, dass auch in Zukunft eine Produktion in gleichem Sinne und Umfang wie bisher weiter betrieben werden muss, um sozusagen „die Menschen bei Laune zu halten“. Nun beweisen aber Zahlen der UNO, dass diese Erde nur ca. 4,5 Mia Menschen mit dem Lebensstandard der Europäer erhalten könnte, und nur 2,3 Mia. mit dem der USA. M.a.W., dieses System des Kapitalismus kann in gar keinem Falle aufrecht erhalten werden, wenn wir nicht davon ausgehen sollen, dass sich weiterhin nur die „westliche Welt“ auf dieser Erde wohlfühlen kann, wobei der „Rest“ dann weiterhin schauen kann „wo er bleibt“. Es ist ganz offensichtlich, dass dieser Zustand in gar keinem Falle so aufrechterhalten werden kann, und schon gar nicht, wenn ma´u gerade auch die Forderung der gleichen „Fachleute“ erreichen will, nämlich dass alle Menschen in Zukunft gleich sein sollen. Der alles entscheidende Angriffspunkt all dieser Vorschläge ergibt sich aber aus der Behauptung, die ja all diesen Vorschlägen zugrunde liegt, die Menschen seien halt schon immer so gewesen, nämlich nur am eigenen Interesse und Nutzen orientiert und ma´u könnte daher gar nichts anderes fordern. Mit der Weiterentwicklung der Weltsichtebenen und/oder der Bewusstseinsstrukturen werden aber genau wie schon in der Vergangenheit völlig neue Sichtweisen auf „sich selbst“, im Sinne aller Menschen, hervorkommen und daher auch ganz neue Denk- und Handlungsansätze gerade und vor allem auch in Bezug auf die zukünftige Wirtschaft entstehen. Dass diese zuvörderst den Untergang des Kapitalismus bedeuten wird, ist für mich keine Frage, da die zukünftigen Menschen eben nicht mehr so ideologieblind sein werden, um sich weiterhin selbst „abzuschaffen“, wie die derzeitig herrschenden rational denkenden Generationen, indem sie weiterhin ihre Umwelt, sprich ihre Lebensgrundlage zerstören.

12. Abend, welche alternativen Ansätze sind denkbar?

b) neue, umfassendere Sicht.

 Nähert ma´u sich nun einer solchen, völlig neuen Position wird eines sofort deutlich; dass dieser mögliche Übergang vergleichbar wäre, der Zeit um 1600, nämlich des Durchsetzens einer neuen Weltsicht, in diesem speziellen Falle sogar einer neuen umfassenden Mutation nach Gebser. Aus dieser Einsicht ergibt sich folgende Frage: Wie hätte ma´u damals auch nur in Ansätzen vorhersagen können, wie sich die eben ansetzende neue Entwicklung der „Moderne“ ausbreiten würde und was sie letztlich hervorbrachte? Absolut überhaupt nicht. So ist dies im Sinne einer gesicherten Aussage über unsere fernere Zukunft genauso unmöglich. Aber über Ansätze einer zeitlich näherliegenden Verbesserung, die die schlimmsten Fehlentwicklungen unseres derzeitigen Systems nicht nur aufhalten sondern eventuell umdrehen könnten, kann ma´u natürlich sehr wohl etwas sagen. Dies soll hier an diesem Abend versucht werden. Die an den verschiedenen Abenden ausgebreiteten Gedanken, die „hinter den Schein“ des uns üblicherweise durch die Propaganda dargebotenen blickten, gründeten insbesondere auf der Beobachtung der Folgen der sich entwickelnden Weltsichtebenen und der Bewusstseinsstrukturen und der näher beschriebenen Holons. Also müssten auch die ersten Schritte einer möglichen Besserung in diese Richtung zielen, bzw. unter Beachtung dieser Erkenntnisse bedacht werden. Beginnen wir bei den Weltsichtebenen. Da das diese näher beschreibende Buch seit Ende der 90er Jahre weltweit zugänglich ist – seit 2007 auch auf deutsch -, scheint es recht einfach zu sein, sich über diese Umstände zu informieren. Noch älter ist das Buch von Gebser – seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts – über die Änderung der Bewusstseinsstrukturen. Leider zeigt es sich, dass dies nicht so ist. Dafür gibt es einen systeminternen Grund und einen möglichen gesellschaftlichen. Zunächst zu dem gesellschaftlichen. Es ist schon sehr erstaunlich, dass es bis heute nur ganz wenige neuere Veröffentlichungen gibt, die diese Erkenntnisse in das Darzustellende einbeziehen. Das ist aber leicht zu verstehen. Die „Freie Marktwirtschaft“ wird ja immer als das non plus Ultra der Wirtschaft dargestellt. Würde ma´u sich auf eine Entwicklung des menschlichen Geistes einlassen, käme sehr schnell zum Vorschein, dass dieses System erstens eine Folge von Orange bzw. der defizienten Phase von mentalem Denken ist und damit zweitens auch eine nicht zu verhindernde Veränderung im Zusammenhang mit einem neuen Denken anzuerkennen wäre. Das geht natürlich gegen eine herrschende Ideologie gar nicht.

Schwerwiegender ist aber der systemimmanente Grund. Nach den Erkenntnissen von Graves und seinen Schülern – worauf übrigens auch Ken Wilber deutlich hinweist – haben Menschen die auf den ersten 6 Ebenen des ersten Grades denken, große Schwierigkeiten bis zur Unfähigkeit, Inhalte wirklich zu verstehen, die nur auf Ebenen des zweiten Grades verständlich sind, zu denen das Verständnis des Gesamtkonzeptes von „Spiral Dynamics“ sowie Gebsers eindeutig zählen. Aber unabhängig von diesem Zusammenhang wäre es enorm wichtig, sich die möglichen Folgen dieses ganzen Umstandes unserer geistigen Evolution bewusst zu machen. Die Gründe sind ja wohl schon öfter deutlich geworden. Aber das war eben nur der Hinweis auf die bisherige Entwicklungen und deren Folgen, sowohl gesamtgesellschaftlich, als insbesondere auch wirtschaftlich. Wie wird es denn wohl weitergehen, wenn ma´u unsere Zukunft von dieser Warte her betrachtet? 

Wie an früheren Abenden schon umfänglich ausgebreitet, ist der Kapitalismus ein System, das auf dem rationalen Denken – sowohl nach Gebser, als auch nach Graves – basiert. Dieses Denken ist egobezogen, konkurrenz- und erfolgsorientiert und zwar im Sinne auf die Interessen eben dieses Egos. Dieser ganze Umstand wurde noch durch die Folgen des ebenso egoorientierten patriarchalen Denkens entschieden verstärkt, in dem ja auch alle die hierfür verantwortlichen persönlichen Erziehungsfolgen im Hintergrund eine entscheidende Rolle spielen. Es sei nur an das Problem des Untertanentums und der damit verbundenen Zerstörung einer selbständigen und selbstbewussten Persönlichkeit verwiesen, beides Voraussetzungen auf denen dieses ganze System Kapitalismus aufbaut und auf das es umfassend angewiesen ist. Wie aber geht die Entwicklung auch und gerade der Weltsichtebenen weiter? Nach „Spiral Dynamics“ folgt auf die Ebene Orange mit ihrer Ich-Orientierung, die Ebene Grün mit einer erneuten Wir-Orientierung. Hier nochmals die Kurzcharakteristik dieser Weltsichtebene:

Grün, oder ausgleichend und gemeinschaftlich: Suche nach Frieden im inneren Selbst und erkunde mit anderen die fürsorglichen Dimensionen von Gemeinschaft.

  • der menschliche Geist muss von Habgier, Dogma und Entzweiung befreit werden
  • Gefühle, Sensibilität und Fürsorge ersetzen kalte Rationalität
  • Die Schätze und Möglichkeiten der Erde gleichmäßig unter allen verteilen
  • Entscheidungen durch Versöhnung und Konsensprozesse erreichen, wobei oft uferlose Diskussionen in Kauf genommen werden
  • Spiritualität auffrischen, Harmonie bringen, die menschliche Entwicklung bereichern

Nähere Erklärungen über das aperspektivische Denken nach Gebser, würden hier aber etwas zu weit ab führen, zumal ma´u es mit Gelb und insbesondere Türkis vergleichen müsste. Wenn ma´u all dies liest, ist es überhaupt keine Frage, dass ein solches Denken, wenn es denn einmal die „Herrschaft“ antritt, dem Kapitalismus jegliche Grundlage entzieht. Wir werden eine ähnliche „turbulente“ – vielleicht ohne die jeweiligen Gewaltverhältnisse – Übergangsperioden erleben, wie wir sie schon in der Spätantike im Übergang zum Mittelalter und dann zur beginnenden Neuzeit am Ausgang des Mittelalters beobachten konnten. Dass dieser Übergang völlig problemlos erfolgen wird, ist allerdings  wohl kaum zu hoffen, wurden und werden doch bei diesen Übergängen immer die Privilegien der jeweils herrschenden Eliten in besonderer Weise betroffen. Und dies wird natürlich umfänglich gerade hier geschehen. Dazu kommt, dass es derzeit mit dem direkten Einfluss auf die Medien diesen Eliten immer erneut gelingt, ihre Positionen durch Propaganda und ideologisch-„wissenschaftliche“ Stellungnahmen von voreingenommenen ÖkonomInnen zu verteidigen. Die Kehrseite ist aber, dass ebenso derzeit die negativen Auswirkungen der momentanen neoliberalen Entwicklungen immer mehr Menschen bewusst werden und mit Hilfe des Internet in Windeseile verbreitet werden. Da gibt es schon heute mehr verändernde Denk- und Handlungsansätze in eine den Kapitalismus überwindende Richtung – siehe z.B. die sog. transition towns, um nur eines von vielen  Beispiel zu nennen –  als uns dies die Presse üblicherweise mitteilt. Aber das ist nur ein Ansatz. 

 Ein ganz besonderes Kapitel kommt hier zweifellos dem Thema der Holons zu und zwar natürlich im Sinne ihrer umfassenden Seiendheit und eigendefinierter Existenz. Wie es sich aber deutlich zeigte – wenn ma´u sich überhaupt auf eine solche Denke einlassen kann, was im üblichen kapitalistischen Denken nur schwer möglich ist -, wird es für eine Umsteuerung unseres Verhaltens in Bezug eben gerade auf diese Holons von ganz entscheidender Bedeutung sein, dass sich dieser Ansatz möglichst schnell verbreitet. Ich kann nur die Hoffnung ausdrücken, dass dies mit Hilfe des Internets diesmal besser gelingt, als damals in Bezug auf Heidegger. Wenn wir nicht möglichst bald unsere umfassende Abhängigkeit von diesen durchschauen, sofern eben jemand dies zulassen kann, werden deren Wirkungen auf unsere Gesellschaft immer bedrohlicher. Es sei nochmals betont, dass es nicht darum gehen kann die Holons Wissenschaft und Technik, oder auch Eigentum, Geld und Markt so mir nichts dir nichts abzuschaffen, was ja im ersteren Falle absolut absurd wäre, im zweiten aber sehr wohl zu überlegen. Aber es gilt endlich den Umstand zu beachten, dass erstens jedes Holon als ein Seiendes zunächst seinen eigenen „Überlebensbedürfnissen“ folgen muss, dass aber zweitens jedes Holon eben wegen seiner eigenen Seinsweise keineswegs von sich her für uns Menschen nur von Vorteil ist. Es liegt immer daran, wie wir Menschen damit umgehen und es einsetzen. Das ist nicht Sache des jeweiligen Holons, sondern die von uns Menschen. Die Entwicklung gerade der Technik lehrt aber etwas ganz Fundamentales; es wird in Zukunft von absolut grundlegender Bedeutung sein, ob diese Entscheidungen weiterhin bei den Eliten der Gesellschaften liegen werden, oder bei allen Menschen im Sinne eines demokratischen Prozesses, siehe auch die Argumente des letzten Abends. Damit sind wir bei einem weiteren ganz entscheidenden Umstand angelangt, der in Zukunft unbedingt geändert werden muss.

Die folgenden Überlegungen haben nun aber ganz konkret mit der weiteren Verwendung, eventuellen Modifikationen, oder gar möglicher Abschaffung der Holons Geld, Zins und Eigentum zu tun. Nach allem, was wir bisher in diesem Zusammenhang erkennen konnten, wird es unerlässlich sein zur Überwindung des Kapitalismus genau diese Holons genauestens in ihren allgemeingesellschaftlichen Wirkungen zu analysieren. Beginnen wir nochmals kurz mit dem ökonomischen Geld. Dies bewies bei näherem Hinsehen – vor allem akzeptieren des Gesehenen – seit Beginn seiner Existenz seine enormen sozial- und umweltgefährdenden Effekte. So beschreibt der bekannte Schweizer Ökonom Binswanger die Dynamik des Geldes mit folgenden Worten: „Die selbstverständliche Kooperation zwischen Mensch (und Mensch) und Natur in (eng)begrenzten Räumen (selbst die gesamte Welt ist ein solcher) wird abgelöst durch die Unterwerfung der Natur (und der Mitmenschen s.o.) unter das unbegrenzte Streben nach (Geld-) Reichtum“ (aus „Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“ S.9). Kann ma´u möglicherweise seine Naturgefährdung erst heute richtig erkennen, so waren seine sozialen Gefährdungspotentiale schon seit seiner Existenz zu beobachten, wie dies schon Aristoteles zeigte. Von hier ausgehend muss ma´u sagen, dass eine zukünftige Wirtschaftsform andere Zahlungsmöglichkeiten entwickeln muss, oder schon lange bekannte wieder aktivieren. Im Moment kämen da zwei Alternativen in Frage, die schon bekannt sind und die schon genau in einem erwünschten Sinne der Schonung der Natur und der zwischenmenschlichen Bezüge in der Vergangenheit gewirkt haben. Da wäre einmal die Rückkehr zu Kreditzahlungen – allerdings ohne Zinsen – wie schon am Beginn der Marktexistenz in Mesopotamien, dann im Islam des Mittelalters und auch, wenn auch in geringerem Umfange, während des Mittelalters in Europa. Wie solches technisch praktikabel gelöst werden könnte, ist allerdings offen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ma´u würde bei entsprechender Absicht mit Sicherheit gangbare Wege finden. Die zweite Lösung, die wahrscheinlich noch wesentlich effektiver wäre, wäre die Einführung von Freigeld, also eines Geldes, das grundsätzlich nicht nur frei von Zinsen wäre, sondern noch in regelmäßigen Abständen „abgewertet“ würde, um Geldhortung zu bestrafen und damit zu unterbinden. Zusammengefasst lässt sich sagen: wenn ma´u in Zukunft eine an den Menschen und der Natur orientierte Wirtschaft aufbauen will, muss dieses ökonomische Geld, insbesondere seine Zinsbindung unbedingt verschwinden und durch andere Formen von Zahlungsmitten oder Möglichkeiten ersetzt, oder dessen negative Wirkungen durch das Freigeld unterbunden werden. Da in einem Wir-orientierten Denken sowohl Konkurrenz, als auch Profit- und insonderheit Prestigedenken weitgehend fehlen, müsste das gelingen.

Allerdings kommt im Zusammenhang mit dem Thema Konkurrenz sofort noch ein weiteres, sehr schädliches Holon in den Blick, das Eigentum nämlich. Betrachtet ma´u sich dieses Holon etwas kritischer, muss ma´u als erstes seine gesellschaftsspaltende Tendenz beachten, die sich ja schon seit seiner frühesten Existenz zeigte. Das ist das Erste, was es zu beachten gilt, denn eine am Eigentum orientierte Gesellschaft wird niemals die Gleichheit aller Bürger herstellen können. Ein weiteres fundamentales Problem des Eigentums, ist die mit ihm unabdingbar verbundene Konkurrenz. Wie aber könnte ma´u dieses Problem lösen. Zunächst muss ma´u grundlegend zwischen Eigentumsformen, die nur einzelne Personen betreffen und solchen die die gesamte Gesellschaft betreffen unterscheiden. Was meint das konkret? Natürlich kann es hier nicht darum gehen, den Menschen diejenigen Geräte und Besitztümer streitig zu machen, die sie sich zum alleinigen Eigengebrauch erworben haben, die dabei niemand anderen berühren oder betreffen, also z.B. eine Wohnungseinrichtung, Bekleidung, persönliche Werkzeuge, und so weiter, und so weiter. Ein besonderes Kapitel wird hier wohl in Zukunft das Auto spielen, das ja mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr im Sinn von Besitz oder Eigentum benutzt werden wird, sondern als eigengesteuertes Transportmittel, das auf Bestellung – bei Bedarf – selbständig zu einem Bestellungsort fährt, die Personen oder Sachen abholt und an den Bestimmungsort bringt. In all diesen jetzt angesprochenen Zusammenhängen sollte es genügen, das schon existierende Besitzrecht zu modifizieren und den dann ausgedrückten Bedürfnissen anzupassen. Ein völlig anderer Fall sind die gesellschaftlich relevanten Kapitalien – also Grund und Boden, Fabrikanlagen und/oder Betriebe. Natürlich ist dieses Thema die oberste „heilige Kuh“ unserer Gesellschaft, zumindest so lange, so lange sie kapitalistisch und patriarchal denkt, denn es waren ja genau diese Umstände, die sowohl das Fundament des Kapitalismus, als auch das der Herrschaft darstellten und bis heute darstellen. Es muss ja aber wohl möglich sein, wenn ma´u erkennt, in welchem Umfang und Maße diese Verhältnisse besonders schädlich bis bedrohlich sind, sich darüber Gedanken machen zu können, wie ma´u ein solches Problem angehen könnte.

Beginnen wir zunächst bei den Betrieben. Will ma´u, dass Betriebe optimal ihre gesellschaftlichen Aufgaben erfüllen, müssen sich die Menschen mit dieser Aufgabe identifizieren können. Das wäre die beste Voraussetzung und dies dürfte dann besonders gut funktionieren, wenn sie auf einer Ebene denken, die am Wir orientiert ist. Damit wäre z.B. eben auch eine wesentliche Voraussetzung gegeben, die insonderheit in Bezug auf die am letzten Abend besprochene neuen Unternehmensformen eine völlig andere Voraussetzung liefern würden. Aber nach aller bisherigen Erfahrung mit den Weltsichtebenen werden natürlich weiterhin Menschen  in ihrem Denken am Ich orientiert bleiben. Solche Menschen muss ma´u erstens zumindest davon überzeugen, dass das, was sie tun für alle das Beste ist, vor allem aber müssen auch diese sich selbst angenommen und bestätigt fühlen können. Wie funktioniert dies im Kapitalismus? Bekanntlich orientiert sich der Kapitalismus am Geld. Und da – angeblich, siehe das Konzept des homo oeconomicus – jederma´u nur an möglichst viel Geld interessiert ist, ist ma´u hier davon überzeugt, dass sich alle diese Umstände am besten über das Geld – also Löhnen, je höher umso besser, was sich dann aber wieder mit den Kosten beißt – regeln lassen. Darüber hinaus würde auch die Konkurrenz zwischen den ArbeiterInnen das Übrige dazu beitragen. Daher verfährt ma´u hier in der Regel in diesem Sinne. Da aber alle diese Betriebe – zumindest die großen, während bei den mittleren und kleineren schon immer Ausnahmen existierten und zunehmend existieren – machthierarchisch organisiert sind, mit den üblichen Befehlsketten „von Oben nach Unten“, sind die Ergebnisse erstens mittelmäßig und führen zweitens über den Konkurrenzkampf zu immer umfassender werdenden Stresssituationen, die ihrerseits zu Leistungsabfall und steigendem Krankheitsstand führt. Dieser Zusammenhang, der von Kritikern des Systems schon länger vermutet wurde, wurde kürzlich durch eine umfangreiche Langzeitstudie – über 35 Jahre – in England in jeder Hinsicht bestätigt. Wie sah dies im Sozialismus aus? Was bis heute fast alle TheoretikerInnen neuer Gesellschaftsformen übersehen, ist der Umstand sowohl der Weltsichtebenen, vor allem aber die Folgen des patriarchalen Denkens. Werden nämlich Betriebe unter welcher „Flagge“ auch immer machthierarchisch organisiert, ist es im Endeffekt für die ArbeiterInnen völlig irrelevant, ob sich dieses System in dessen Betrieben sie arbeiten Sozialismus, Kapitalismus oder sonst wie nennt. Solange nicht alle MitarbeiterInnen eines Betriebes oder einer Verwaltung als gleichberechtigt, ja gleichrangig – nicht in ihrer Kompetenz gemeint, sondern in ihrer Persönlichkeit und Würde als Mensch, vor allem aber der Anerkennung ihrer Fähigkeiten – erleben und erfahren können, solange werden sie niemals ihre optimale Leistung erbringen können, bzw. oft auch nicht wollen. Der Dienst „nach Vorschrift“ lässt grüßen. In dem Sozialismus nun, den wir insbesondere in der Sowjetunion und ihren Satelliten beobachten konnten, entwickelte sich im Laufe der Zeit ihrer Existenz eine umfassende Parteihierarchie, die sich in allen Lebensbereichen durchsetzte, auch und gerade in den Betrieben, mit umfassend negativen Folgen. Darüber hinaus verfügten diese Parteibonzen zunehmend auch noch über fast unbegrenzte Macht, mit allen negativen Begleiterscheinungen. Das hatte zur Folge, dass die anfangs ganz offensichtlich bei sehr vielen Menschen existente Begeisterung für dieses System umfassend zerstört wurde und höchstwahrscheinlich einen der entscheidenden Beiträge zum Untergang dieses Systems ausmachte. Bekanntlich entwickeln solche Systeme Verhaltensweisen und Einstellungen, die jegliche Veränderung oder gar Erneuerung unmöglich machen, stellen doch solche Ansätze immer die Autorität der Oberen infrage, ma´u vergleiche hier nur die Reformresistenz der Kirche. Und in solchen Systemen geht so etwas gar nicht. Jede zukünftige Veränderung der Eigentums- oder Besitzverhältnisse muss diesen Zusammenhang unbedingt beachten. Dies gilt aber selbstverständlich nicht nur für die Folgen des Holons Eigentum, sondern auch für diejenigen des Holons der Technik als Ge-Stell. Was meint das genauer? Wir kommen gleich auf diesen Umstand zurück.

Wie sieht aber das Problem des Eigentums im Zusammenhang mit Grund und Boden aus. Konkret könnte eine solche wie folgt aussehen. Der Autor E.H. Schnell machte schon 1948 als Reaktion auf die gerade überstandenen umfassenden Verwerfungen sowohl der Wirtschaftskrise als auch des 2. Weltkrieges in seinem Buch „Kapitalismus und Freiwirtschaft“ den Vorschlag, dass der Staat den gesamten Grund und Boden innerhalb seines Hoheitsgebietes aufkaufen sollte – mit durchaus bedenkenswerten Vorschlägen der Finanzierung -, um ihn dann an Interessierte zu verpachten, wobei die darauf lebenden Bauern noch näher zu bestimmende Bevorzugungen erfahren sollten. Um aber hier eine rein staatliche Monsterbehörde zu vermeiden, wäre es sinnvoll, dass regionale – also eventuell in den Kreisen -, demokratisch gewählte – in geregelten Wahlperioden – Gremien – deren Zusammensetzung noch zu diskutieren wäre – über die Vergabe, aber auch die Weitergabe des Besitzes zu entscheiden hätten. Mit dem Begriff der Weitergabe sind zwei Umstände gemeint; erstens Weitergabe an die „Erben“, also einem oder gar mehreren der Kinder der Bauern und zweitens eine neue Versteigerung, bei einer möglichen Aufgabe des Betriebes.

An dem letzteren Zusammenhang wird aber auch deutlich, dass es in Bezug eben gerade auf gesellschaftlich relevante Kapitalien neue allgemein und umfassend zu diskutierende, bzw. auszuhandelnde Formen des Besitzes und dessen Weitergabe geben muss. Gemeint ist hier insbesondere die Rolle des Erbes. Bekanntlich war und ist dieser Umstand einer der wichtigsten Voraussetzungen exorbitanter Vermögensvermehrung (siehe insbesondere Thomas Piketty, der dazu viele Daten liefert) gewesen und ist dies momentan wieder mehr als in jüngerer Vergangenheit. Wenn aber Eigentum grundsätzlich abgeschafft wird, bzw. in neue Formen von Besitz umgewandelt wird, muss es auch hierzu neue Regeln und Gesetze geben. Dies betrifft natürlich ganz besonders die Verhältnisse in Großbetrieben. Da diese Fragen aber ganz umfassend in die gesellschaftlichen Bezüge hineinwirken, können diese nur unter der Beteiligung aller BürgerInnen neu definiert werden. Diese sollten aber auf dem Hintergrund der sich weiterentwickelnden Weltsichtebenen so offen formuliert werden, dass ma´u sie jederzeit modifizieren bzw. neu festlegen kann. Um aber ähnliche Entwicklungen wie in der Vergangenheit zu vermeiden, da sich dahinter ja meist Machtmöglichkeiten verbergen, muss es dafür unbedingt Obergrenzen geben. Denkt ma´u aber wirklich konsequent, sollte es über ganz persönliche Umstände – diese könnten sowohl ein Haus, eine Wohnung, oder gar einen Bauernhof (wobei dieser eher an der Eignung der Erben festgemacht werden sollte) meinen – und eine klar definierte, nicht allzu große Summe, nicht hinausgehen. Das hat ganz besonders mit einer möglichen Lebensleistung eines Menschen zu tun. Erstens kann, ja sollte jeder Mensch sein eigenes Leben leben und dies schließt selbstverständlich den Erwerb von Besitz entscheidend mit ein. Zweitens aber stellen geerbte Gegenstände und/oder Verhältnisse häufig so umfassende Vorgaben für das Leben einer/s zukünftigen Erben/in dar, dass es in den weitaus meisten Fällen für diese sinnvoller wäre, darauf zu verzichten. Aber in zukünftigen, nicht mehr zuerst an Besitz orientierten Gesellschaften könnte sich diese Frage in Richtungen entwickeln, die uns heute völlig unbekannt sind.

Ein besonders wichtiges Kapitel stellt aber das Thema des Holons Technik, bzw. Ge-Stells dar. Erste Feststellung; da dieses dabei ist, uns komplett aus allen arbeitsbezogenen Verhältnissen hinauszudrängen, muss die Frage unseres Verhältnisses dem Ge-Stell gegenüber ganz grundsätzlich geklärt werden. Kleinere Korrekturen können hier keinesfalls weiterhelfen. Zweite Feststellung, bzw. Frage; wie also sollte dieses Verhältnis zwischen „Mensch und Maschine“ – wobei hier natürlich das Ge-Stell umfassend gemeint ist – aussehen? Es scheint, als gäbe es hier zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansätze einer denkbaren Lösung, nämlich eine weitgehende Zurückdrängung des Ge-Stells zugunsten der wieder umfassenden Betätigung der Menschen im Arbeitsprozess, oder aber eine weitere Beförderung des Ge-Stells in dem Sinne, dass alle wirtschaftlich relevante Arbeit völlig selbständig in vollautomatisierten Betrieben geleistet wird. Wie aber könnte ma´u sich solche Entwicklungen vorstellen? Zunächst zu dem ersten Umstand.

Es wäre natürlich völlig ausgeschlossen zu einem Zustand früherer technischer Verhältnisse zurückzukehren, also etwa im Sinne des beginnenden 19. Jh. Ja selbst noch zum Beginn des 20. Jh. wäre absurd. Diese Entwicklungen haben auch und gerade so viele Vorteile für die arbeitenden Menschen mit sich gebracht, dass ma´u dies nicht wieder aufgeben kann. Entscheidend wäre aber das Verhältnis Mensch-Maschine in all den Prozessen neu zu definieren und umzuformen, in denen aus Technikgläubigkeit und Kostengründen die Abläufe von den Bedingungen der Maschinen her bestimmt wurden. M.a.W., die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Menschen müssten im Vordergrund stehen und die maschinellen Abläufe hätten sich diesen anzupassen und nicht wie bisher umgekehrt. Vor allem aber hätte das oberste Maxim immer im Sinne des Erhalts eines Arbeitsplatzes zu gelten. Es ist gar keine Frage, welche Veränderung im Denken der Menschen hier zu erfolgen hätte. Wir müssten endlich die Eigengesetzlichkeit des Ge-Stells wahrnehmen und dieses mit den Lebensbedingungen der Menschen in Einklang bringen. Darüber hinaus müssten unbedingt auch noch die Umstände der allgemeinen Naturbelastungen mitbedacht und überwunden werden. Unabdingbare Voraussetzung dafür wäre die Erzeugung sauberer Energie und eine völlig neue Definition für neue Produkte in der Chemie – also umfassende, über Jahre gehende Verträglichkeitsprüfungen, sowohl gegenüber der Umwelt, der Menschen, insbesondere aber untereinander, vor jeder Genehmigung neuer Produkte – und der Biologie – hier vor allem der Gentechnologie -, aber auch andere Entwicklungen. Absolute Aufgabe muss es sein, eine Wissenschaft und Technologie hervorzubringen, die sich mit den Menschen und der Natur dauerhaftnicht nur verträgt, nein sich mit diesen verbündet, was immer das meint. Es ist überhaupt keine Frage, dass eine solche Entwicklung eine völlig neue Technologie „erfinden“ würde, ja müsste. Allerdings sei auch hier schon gleich darauf verwiesen, dass die nun folgende Alternative eine vergleichbare Technologie voraussetzt, zumindest was deren  Verträglichkeit gegenüber Umwelt und Natur betrifft.

Die mögliche Alternative geht von einem ganz anderen Standort aus, da die eben dargestellte Möglichkeit letztlich immer noch von bezahlter, und daher doch immer noch weitgehend fremdbestimmter Arbeit ausgeht. Denkt ma´u auch hier konsequenter – bezogen auf die derzeitigen Voraussetzungen immer unter der Prämisse der Erkenntnis unseres derzeitigen Verhältnisses zur Technologie als Ge-Stell –, im Sinne einer möglichen Fortführung der derzeitigen Ansätze, so könnte ma´u sich ein völlig anders Scenario für eine mögliche Zukunft vorstellen. Führen wir die derzeitigen wissenschaftlichen und technologischen Umstände noch einen Schritt weiter – aber immer unter der eben gemachten Voraussetzung deren deutlichen Eigengesetzlichkeit -, dann könnte ein Umstand eintreten, in dem jegliche gesellschaftlich vorausgesetzte Versorgung dieser Gesellschaft mit Waren und Dienstleistungen praktisch vollautomatisch, ohne besondere Anforderungen an die Menschen ablaufen könnte. Wie sähe dann aber eine mögliche Lebensrealität der Menschen aus? Ihre Lebensvoraussetzung im Sinne einer finanziellen Ausstattung könnte entweder durch ein bedingungsloses allgemeines Grundeinkommen gesichert werden, oder gar durch eine kostenlose Bereitstellung aller die menschlichen Bedürfnisse befriedigenden Güter. Das hört sich utopisch bis unmöglich an, was es auch bis zu einem gewissen Umfange wäre, würde ma´u die derzeitigen Lebensbedingungen der Europäer oder gar Nordamerikaner zugrunde legen. Aber bekanntlich könnte diese Erde nur ca. 3-4 Mia. Menschen unter diesen Lebensumständen erhalten. M.a.W., egal unter welchen Bedingungen die zukünftigen Menschen leben werden; es gibt – unter der Voraussetzung gleicher Lebensbedingungen für alle, was hier aber als Selbstverständlichkeit angenommen wird – nur zwei Möglichkeiten auf dieser Erde auf Dauer zu überleben: entweder die Anzahl der Menschen wird drastisch geringer, oder alle an westlichen Lebensumständen orientierten Menschen müssen ihren Lebensstil deutlich reduzierend verändern. Im Idealfalle wird wahrscheinlich beides eintreten, da wir ja eh von der Dominanz des grünen und zunehmend gelben und türkisen oder aperspektivischen Denkens ausgehen und darin sind diese Zusammenhänge eh klar, so dass ma´u von einer allgemeinen, dem Ganzen gegenüber verantwortbaren Verhaltensweise ausgehen kann. Nun erhebt sich aber eine neue Frage; was machen dann aber alle diese Menschen, wenn sie weder für ihren eigenen Lebensunterhalt, noch der anderer aufkommen müssen?

Im Idealfalle könnten dann irgendwann alle Menschen das tun, was sie aus sich heraus gerne tun würden. Ob das ganz profane Arbeit wäre, künstlerische Betätigung, sportliche Aktivitäten – allerdings nicht im Sinne von Konkurrenz, sondern aus purer Lebensfreude und gelebter Gemeinschaft -, ein Leben in Meditation oder was auch immer, sicher oft auch einiges zusammen, ob zur gleiche Zeit, oder in der Lebenszeit verschieden, bleibt natürlich ihnen überlassen. Alles stünde uns offen. Die einzige Bedingung all dieser Aktivitäten wäre der Gewinn an Lebensfreude, Lebenssinn und Lebensqualität. Das hört sich sicherlich im Moment sehr utopisch an. Aber ist es das wirklich? Ma´u stelle sich nur noch eine relativ kleine Weiterentwicklung der derzeitigen Verhältnisse vor, die sich ja eh in diese Richtung bewegen. Oder m.a.W., wir werden eh in nicht allzu ferner Zukunft genau diesen Zustand erreichen, wie er eben dargestellt wurde. Die Frage lautet ja nur, in wessen Interesse diese Realität gehandhabt wird. Auch hier gibt es letztlich zwei Alternativen; entweder wir „schreiben“ die bisherige herrschafts- und machthierarchischen Verhältnisse fort, in denen wenige auf Kosten aller anderen Menschen ein extrem luxuriöses Leben führen, oder wir ändern diesen unhaltbaren Zustand endlich in dem Sinne, dass wir eben alle gleichberechtigt sind und zwar gerade und vor allem um in vergleichbaren Lebensverhältnisse leben zu können. Dass es hier immer noch lange und in einem gewissen Umfange wohl auch immer – es sei an die Unterschiede der kulturellen, klimatischen und umgebungsbedingten ganz unterschiedlichen „Bilder im Kopf“ erinnert – unterschiedliche Lebensentwürfe und daher kommender Realitäten geben wird, gilt in diesen Überlegungen als selbstverständlich. Ob aber unsere näheren und ferneren Nachkommen in den gleichen Zusammenhängen und Kategorien denken werden, wer will das heute schon wissen. Aber eines ist am Ende dieser Überlegungen unbedingt festzuhalten: Überleben überhaupt und erst recht eines gleicher Bedingungen und Verhältnisse kann nur gelingen, wenn wir endlich die oben dargestellten umfassend negativen bis bedrohlichen Umstände in der derzeitigen kapitalistischen Realität erkennen und irgendwann gemeinsam überwinden. Auf dem Hintergrund der historischen Erfahrungen muss allerdings befürchtet werden, dass dieser Übergang in die Realitäten einer von anderen Denkkategorien geprägten Zukunft – die auf jeden Fall kommen wird, egal was sich dazu manche derzeit herrschende Geister ausdenken -, nicht problemlos erfolgen wird. Nicht umsonst setzen die derzeitigen Machteliten auf immer umfassendere bis absolute gesellschaftliche Kontrolle, siehe NSA, aber auch viele andere Aktivitäten traditioneller Geheimdienste. Aber aufhalten lässt sich diese Entwicklung so wenig, wie diejenigen in der Vergangenheit, obwohl ja auch damals schon insbesondere die katholische Kirche mit Hilfe der Beichte eine umfassende Kontrollmöglichkeit der Menschen hatte und auch umfassend nutzte. Das ist das Hoffnungsvollste in unserer derzeitigen Situation. Allerdings kann jeder Mensch, der diese Zusammenhänge erkennt dazu beitragen, dass es schneller, vielleicht auch weniger gewaltsam zu unserer aller Realität werden kann, insbesondere wenn er/sie sich daran erinnert, dass unser Grundgesetz in Artikel 4 ein Widerstandsrecht gegen eine Politik vorsieht, die nicht am Allgemeinwohl orientiert ist. Und dies ist die derzeitige Politik ganz gewiss nicht.

13.Abend, was sind Werte und wie werden sie ausgedrückt?

Eigentlich wäre das Thema des Kapitalismus mit dem Thema des 12. Abends abgeschlossen gewesen. Da aber insbesondere der Finanzkapitalismus immer bedrohlicher wird, habe ich mich entschlossen noch 4 Abende anzuhängen, die sich speziell diesem Thema widmen. Wenn ma´u verstehen will, warum Kapital im Allgemeinen und Geld im Besonderen innerhalb unserer gesellschaftlichen Verhältnisse eine solch herausragende Bedeutung haben, muss ma´u sich zunächst umfassend um den Begriff des Wertes bemühen. Was ist ein Wert?  Wenn ma´u sich darüber beginnt Gedanken zu machen, was wir unter einem Wert verstehen, fallen sofort drei Dinge auf; zunächst kann ma´u eine ellenlange Liste aufstellen, welche Umstände unseres Lebens wir mit dem Begriff des Wertes in Verbindung bringen. So kann ma´u bei Wikipedia eine Liste finden, in der der Begriff Wert mit 26 anderen, teils ganz unterschiedlichen Begriffen gekoppelt wird, so z.B. Buchwert oder Schrottwert, was ja auf den ersten Blick scheinbar wenig miteinander gemein hat. Zum zweiten kann ma´u erkennen, dass dieser Begriff ausschließlich auf menschliche und von hier ausgehend suf gesellschaftliche Verhältnisse bezogen ist. Er bringt immer eine wie auch immer geartete Beziehung von Menschen zueinander zum Vorschein, wobei diese sich neben einem Wert, den sich Menschen gegenseitig beilegen, auf etwas außerhalb menschlicher – im Sinne des eigentlichen Menschseins gemeint -, nämlich gesellschaftlich bestimmter Umstände Existierendes bezieht, die aber gleichwohl umfassend in menschliche Verhältnisse allgemein und in gesellschaftliche im Besonderen hineinwirken. Zum dritten aber wird bei diesem Bedenken deutlich, dass es einen „Wert“ realiter, also als Gegenstand nicht gibt, er ist ein Abstraktum eine begriffliche Bezeichnung „von etwas“, ein Holon. Aber von was?  Mit dem eben Beschriebenen ist eines klar; Werte sind offensichtlich etwas, das auf der einen Seite direkt mit alleine menschlichen Lebensumständen verbunden ist, auf der anderen Seite aber entschieden damit zusammenhängt, wie Menschen sich selbst und die Welt und damit das Sein interpretieren. Hier vier konkrete Beispiele, die das Gemeinte vielleicht etwas klären könnten. Der „Wert“ von Wasser, Luft und Nahrung ist natürlich als Lebensvoraussetzung überhaupt nicht zu bestreiten. Aber worin genau besteht der eigentlich? Ihr „Wert“ besteht ganz offensichtlich  in ihrer Ver-wert-barkeit in Bezug auf den Lebenserhalt. Diese sind für uns unverzichtbar. Wie sieht das aber für ein einfaches Werkzeug aus, z.B. ein Messer, das ja auch schon Menschen in frühester Zeit verwendeten, wenn auch zunächst aus Knochen und dann aus Stein? Nach langen praktischen Erfahrungen mit solchen Gegenständen wissen wir, dass ihr „Wert“ in ihrer Anwendung, bzw. ihrem praktischen Gebrauchtwerden-können liegt. Daher spricht ma´u hier auch von einem Gebrauchswert. Dieser liefert die Grundlage ihrer allgemeinen Wert-Schätzung. Darüber hinaus waren Werkzeuge von Beginn an die Voraussetzung unserer immer umfassender werdenden Fähigkeiten auf die Natur in einem von uns erwünschten Sinne einzuwirken, um unser Leben zu erleichtern oder gar zu verbessern. Welchen „Wert“ hat ein Buch? Ein Buch ist etwas, das ma´u als Ergebnis einer langen technischen und kulturellen Evolution der Menschen betrachten muss. Sein „Wert“ ist also eher gesellschaftlich und kulturell bedingt. Sein Nutzen liegt also eher in solchen gesellschaftlich entstandenen Bedürfnissen, die ihm dann eben auch seinen eher emotionalen „Wert“ geben. Allerdings kommt hier ein wichtiger Umstand hinzu. Zu seiner Entstehung – jetzt im Sinne von Drucken und Binden, als auch dem Versand und Verkauf – muss gesellschaftlich „wert“-volle Arbeit eingesetzt werden. Dieser Umstand gibt ihm einen besonderen „neuen Wert“, der üblicherweise in Geld ausgedrückt wird, also seinen Tausch-„Wert“. Und als letztes Beispiel; was ist der „Wert“ einer Freundschaft? Zur Beantwortung dieser Frage können wir uns nicht auf äußerliche Umstände beziehen. Das betrifft uns Menschen ganz persönlich als die vor allem gesellschaftlich-empathischen Wesen, die wir umfassend auch sind. Ein solcher „Wert“ ist damit auch nur von den „betroffenen“ Personen anzugeben. Das ist ganz und gar ihre Privatsache, wenngleich hier natürlich in ihrer Entstehung neben den privaten gesellschaftliche Werte und Normen eine nicht geringe Rolle spielen. 

Haben uns diese Ausführungen dem Verständnis dessen, was ein Wert ist, näher gebracht? In einer bestimmten Richtung schon. Sie haben uns zweierlei gezeigt; erstens ist ein „Wert“ immer das, was wir Menschen einem Gegenstand, einer Sache oder einem Umstand der/die uns an-geht beimessen. Er ist entweder eine ganz persönliche oder ein durch gesellschaftliche Umstände bedingtes „Verhältnis“ zu uns. Diesen Umstand des An-gehens drücken wir dann mit einem Wort oder Begriff aus. Aber zweitens ist er, wie schon erwähnt, keine „Sache“ im Sinne eines Gegenstandes, sondern eine Sichtweise, eine Anschauung, ja eine persönliche oder gesellschaftliche Wert-Schätzung. Er ist letztlich die Folge eines nur menschlichen, genauer, eines psychologischen Vorganges. Damit ist er aber immer grundsätzlich vom Menschen, aber auch umfassend gesellschafts- und insbesondere zeitabhängig. Alle zeitlich und entwicklungsmäßig bestimmten Voraussetzungen – beispielsweise auch die unterschiedlichen Weltsichtebenen -, spielen zu einer Beurteilung bzw. der Entstehung von Werten, oder genauer Wertvorstellungen, fundamentale Rollen. Wir haben jetzt aber im Grunde jetzt auch einen Hinweis auf das Sein allgemein, aber auch zwei spezifisch menschliche Bereiche dargestellt, den Bereich der Begriffe als Abbildung des Seins und der der Werte nämlich, die zwar fundamental getrennt sind, sich aber gleichwohl umfassend aufeinander beziehen. Weil dieser Umstand so enorm wichtig, aber nicht unbedingt sofort erkennbar ist, hier eine Präzisierung mit den Worten von Georg Simmel aus seinem Buch „Philosophie des Geldes“: „Der Welt der bloßen Begriffe, der sachlichen Qualitäten und Bestimmungen, stehen die großen Kategorien des Seins und des Wertes gegenüber, allumfassende Formen, die ihr Material aus jener Welt der reinen Inhalte entnehmen. Beiden ist der Charakter der Fundamentalität gemeinsam, d.h. die Unmöglichkeit, aufeinander oder auf einfachere Elemente zurückgeführt zu werden“. Und welche grundlegende Bedeutung dies gerade in Bezug auf den Wert für uns hat, drückt er an gleicher Stelle wie folgt aus: „Man macht sich selten klar, dass unser ganzes Leben, seiner Bewusstseinsseite nach in Wertgefühlen und Wertabwägungen verläuft und überhaupt nur dadurch Sinn und Bedeutung bekommt“ (a.a.O. S.23f). Wie machen sich nun diese zunächst eher abstrakten Überlegungen konkret im Leben von uns Menschen bemerkbar?

Wie wir bisher sehen konnten, entstand die besondere Wichtigkeit, die ma´u von Beginn unserer Geschichte an Gegenständen oder Umständen zuerkannte, zunächst aus ihrer Bedeutung in Bezug auf ihre Wirkung im Überlebenskampf und der Festigung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Später dann aber in ihrem Bezug zu Glaubensvorstellungen und dann besonders der Rangordnung, also umfassend auf soziale Verhältnisse. Diese konnten natürlich weltweit in unterschiedlichen Kulturen eben auch sehr unterschiedlich sein. Daraus entstand dann eine Vorstellung in Bezug auf solche Sichtweisen, die wir heute, wie deutlich gezeigt, mit dem Begriff Wert belegen würden. Solche Umstände und Bezüge waren eben ab einem bestimmten Zeitpunkt im Denken der Menschen „Wert“-voll, also in ihrer Beachtung anderen Dingen gegenüber besonders betont, und wurden dementsprechend behandelt. Um diese Sicht speziell in Richtung Wert, insbesondere seiner Gesellschafts- und Zeitabhängigkeit nochmals ganz deutlich zu machen, hier ein konkretes Beispiel. Ein guter Speer diente in der Stammeskultur vor allem der Beschaffung von Nahrung für die Gemeinschaft und damit natürlich auch für einen Menschen selbst. Sein „Wert“ war einerseits umso größer, je besser er diesem Zweck diente, andererseits bestimmte sich dieser „Wert“ eben gerade aus diesem „Nutzen“ für die Allgemeinheit. Ganz anders in der Feudalzeit. Hier galt natürlich eine Wertschätzung auch zunächst seiner Funktionstüchtigkeit. Die römischen Speere wurden aus diesem Grunde besonders geschätzt. Aber diese Funktionstüchtigkeit diente nicht mehr der Allgemeinheit, sondern vor allem und zuerst den Interessen einer Oberschicht, einer Elite. Diese bestimmte jetzt die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Aktivitäten. Um aber ihre Interessen dem allgemeinen Volk „schmackhaft“ zu machen, sie also auch diesen zu vermitteln, „ließen“ sie das Volk glauben, ihre – der Eliten – Interessen seien auch, nein ganz besonders auch die Interessen des Volkes. Dazu hatte ma´u in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von Beeinflussungsmöglichkeiten entwickelt, die im Hintergrund auch mit der Interpretation des Seins und dessen „Werten“ zusammenhingen, ein Verfahren, das bis heute gilt. Alle diese Möglichkeiten entstammen den Bereichen Glauben allgemein, Religionen im Besonderen, vor allem aber „Werte“-besetzten Überzeugungen, wie z.B. Ehre, Überlegenheit und/oder Verachtung, also fast immer überdimensionaler Ego-Sichtweisen. Nicht zuletzt aber spielte von Beginn dieser Entwicklung an zunehmend das Thema Macht, Belohnung und Bezahlung eine herausragende Rolle. Was also ging hier vor sich, und was hat dies mit dem Thema Wert bzw. der Vorstellung eines Wertes zu tun? Antwort; Alles.

Beginnen wir auch hier wieder früh. Gegen Ende der Stammeskultur hatten sich bestimmte Glaubensvorstellungen entwickelt, die hier eine besonders wichtige Rolle spielen. Emile Durkheim ist davon überzeugt, dass es im Stammesdenken (er bezieht sich speziell auf die Aborigines und Indianerstämme) durchaus eine Vorstellung einer „hinter“ dem Sichtbaren existierende spirituelle Kraft gab, die aber in dieser Zeit an bestimmten Gegenständen oder Umständen festgemacht wurden, die dann als von diesem „Geist“ beseelte Totems verehrt wurden. Diese Totems konnten sich mit einer Person verbunden gedacht werden, oder mit dem Klan. Alles aber, was nun mit einem solchen Totem in Verbindung stand, hatte entweder für die Einzelperson oder den Klan eine besondere, ja oft geradezu herausragende Bedeutung oder Wichtigkeit, seinen Fetischcharakter, um einen Begriff hierfür aufzunehmen, der dann von Marx in Bezug auf die heutige Bedeutung des Wertes „wiederentdeckt“ wurde. Es hatte einen „Wert“, der mit allen Mitteln verehrt, aber auch bei Bedarf bis zur Aufgabe des eigenen Lebens verteidigt wurde. Darüber hinaus gab es dann mit der Zeit Umstände oder Gegenstände, die dem Totem oder dieser spirituellen Kraft als Opfergabe dargebracht wurden. Auch diese hatten einen besonderen Wert. Besonders wichtig wurde nun, dass in Zeremonien, die mit diesen Glaubensinhalten in Verbindung standen, die Menschen bis heute auch besonderen Wert darauf legten und legen, sich dafür zu schmücken, sich zu „verschönern“. Was ma´u aber darunter verstand bzw. verwendete, fiel natürlich immer mit regionalen und eigenen gesellschaftlichen Vorstellungen zusammen. Aber solche Dinge wie Muscheln, Perlen, Bernstein, Elfenbein, Federn und später Silber und Gold – siehe hier insbesondere Mittel- und Südamerika –, die sowohl durch ihre Seltenheit, als auch ihr spezielles „prächtiges“ Aussehen hervorstachen, spielten hier eine weltweit zu beobachtende herausragende Rolle. Und es sind genau solche Dinge, die im Laufe der Zeit, wahrscheinlich schon gegen Ende der Stammeskulturen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aber während der Stammeshäuptlingstümer der Übergangszeit zu den folgenden Staaten, zu so etwas wie allgemeine Wertäquivalente wurden, die dadurch einerseits zu „Zahlungen“ sozialer „Schulden“ genutzt wurden – also zum Ausgleich aller möglicher Verpflichtungen, „Schulden“ die aus dem gemeinschaftlichen Leben entstanden -, andererseits aber dadurch zu dem wurden, was David Graeber soziales Geld nennt. Und es ist genau dieses Geld, das in Zukunft in den neuentstehenden Staaten die Rolle des Geldes spielen wird, wobei insbesondere ja Silber und Gold dann eh zu den Voraussetzungen für ökonomisches Geld werden, bzw. dieses dann in Form von Münzen dazu wird. Um es seiner Bedeutung wegen nochmals besonders zu betonen; schon hier beginnt sich die Vorstellung eines Wertes von den Bezügen auf konkrete persönliche Umstände und Verhältnisse auf ein Äquivalent zu verschieben, oder noch anders, zunehmend diese persönlichen Bezüge an bestimmte Personen zu verlieren. Wie aber ging dieser Übergang vor sich? 

Gegen Ende dieser Zeit, insbesondere nach dem Ende der Eiszeit, mussten die Menschen notgedrungen neue Überlebensstrategien entwickeln, was dann in einigen Regionen der Welt zunächst zum Hackbau, dann zum Ackerbau führte, in anderen zur Tierhaltung als Hirten oder Nomaden. Hier ist aber hinzuzufügen, dass dieser Übergang zeitlich absolut unverständlich schnell verlief, diese völlig neue Art der Erzeugung von Nahrungsmittel war sozusagen plötzlich da. Bis heute gibt es keine, im üblichen Sinne nachvollziehbare Erklärung für diesen Sachverhalt. Dies ist aber ein eigenes Thema.  Diese Entwicklungen führten aber dazu, dass ab jetzt ein Mehrprodukt erzeugt wurde, das über den Eigengebrauch hinausging. Dieser Umstand hatte gravierende Folgen. Einerseits begannen die Stämme in ihren Mitgliederzahlen zu wachsen, andererseits hatten sie ab jetzt mehr Geschenkprodukte für andere Stämme. Nach allem was wir heute wissen, führte dies zu dem Umstand, dass sich dieses Mehrprodukt, aber auch die erhaltenen Geschenke vor allem in dem Klan des Häuptlings sammelten. Verband sich dieser Umstand mit dem Heraufkommen des egoischen Denkens, das sich ja etwa zur gleichen Zeit entwickelte, könnte dies dazu geführt haben, dass hieraus auch so etwas wie früher Reichtum (natürlich noch auf sehr „niederem“ Niveau) bildete. Das galt zwar wohl erst in der Spätzeit, da davor solche Häuptlinge, zumindest in manchen Regionen der Welt, verpflichtet waren, diese „Reichtümer“ auch innerhalb der Stämme als „Zahlung“ von „Schulden“, z.B. für besondere Gefolgschaft, weiterzugeben, so dass diese oft die „ärmsten“ im Sinne von materiellem Reichtum in der Stammesgemeinschaft waren, was aber natürlich nicht ihre Stellung und das damit verbundene Prestige betraf. Aber hieraus entstand vor allem eine sich immer mehr verfestigende Sonderstellung dieses Klans, was ma´u durchaus als Vorläufer von Herrschaft verstehen muss, denn ma´u kann davon ausgehen, dass die späteren Herrscher der entstehenden Staaten aus diesen Klans hervorgingen. Ma´u beachte, dass es sich hierbei um einen Zeitablauf von mehreren tausend Jahren handelt. Dies dürfte dann besonders der Fall gewesen sein, wenn ein/e egoisch denkende/r AnführerIn eine solche Rolle in besonders umfassender und/oder rücksichtsloser Weise ausfüllte. Diese Rolle und der damit sich mehrende Reichtum scheint schon früh auf bestimmte Weise ausgedrückt worden zu sein, z.B. durch besondere Kleidung, vor allem aber Schmuck. Dieser bestand offensichtlich schon sehr weit zurückreichend speziell aus Gold, Silber, oder andere als wertvoll erachtete Materialien, wie Grabbeigaben belegen. Wichtig ist aber nach wie vor, wie speziell das ägyptische Beispiel, als auch das Südamerikanische zeigen, dass dies immer im Zusammenhang mit der Religion, bzw. der gedachten und geglaubten „Beziehung“ zum Jenseits gesehen wurde. Wie entstehen nun aber wirtschaftliches Wertedenken und Märkte?

Ma´u hatte am Beginn der Stadt- und dann Staatsentwicklung die Erfahrung gemacht, dass ma´u fehlende Dinge am besten über die Märkte organisiert und verteilt. Also begannen sich die Staaten verstärkt um die Entwicklung der Märkte zu bemühen. Zu der Entwicklung dahin sind aber einige wichtige Bemerkungen zu machen. Die älteren Gesellschaften und frühen Staaten kannten nur humane wirtschaftliche Beziehungen. Was aber meint das eigentlich genau? Hier eine möglichst kurze Darstellung des Wandels hin zu ökonomischem Geld. Zunächst gilt in solchen Gesellschaften umfassend, dass ein Menschenleben den höchsten Wert darstellt, an den nichts heranreicht. Wir haben aber schon gehört, dass es auch schon in solchen Gesellschaften „Geld“ gab, soziales Geld nämlich. Was aber konnte ma´u damit kaufen? In unserem heutigen Sinn eigentlich gar nichts. Dieses Geld diente dazu „Beziehungen zwischen Menschen herzustellen, zu erhalten und umzugestalten, Hochzeiten zu arrangieren, die Vaterschaft von Kindern festzustellen, Zwistigkeiten beizulegen, Trauernde bei Begräbnissen zu trösten; Vergebung für Verbrechen zu erlangen; Verträge auszuhandeln; Gefolgsleute zu gewinnen“. Es „dient also für so ziemlich alles – außer dem Handel mit Yamswurzeln, Schaufeln, Schweinen oder Schmuck“ (a.a.O. S.137). Auf welches Denken aber gründet diese Einstellung und was veranlasste ihre Veränderung?

Graves, der „Entdecker“ der Weltsichtebenen und seine Schüler Beck und Cowan, die seine Entdeckung nach seinem Tode veröffentlichten („Spiral Dynamics“) sind der Überzeugung, dass sich das egoische Denken vor ca. 10000 Jahren durchzusetzen begann. Wie immer gab es da sicher schon früher einzelne Menschen, die so dachten und sich danach verhielten. Die Stammeshäuptlingstümer (mit möglicherweise schon mehreren tausend Mitgliedern), die historisch zwischen den früheren kleineren Stämmen und den Feudalreichen stehen, sind dafür ein Hinweis. Als aber dieses Denken allgemeiner wurde, setzten entscheidend neue Entwicklungen ein. So begannen sich innerhalb der Stämme einzelne Klans besondere Privilegien und Teile des Mehrprodukts zu sichern und sich damit von der Mehrheit abzuheben (s.o.). Dies führte sicher zu einer ersten Schichtung, die sich dann in Klassen und noch später manchmal auch zu Kasten wandelten. Vor allem bei Hirten- oder Nomadenvölker begann höchstwahrscheinlich auf Grund ihrer kriegerischen Überlegenheit – zunächst ihr Waffengebrauch, ihrer Beweglichkeit und Organisationsfähigkeit und später das Reiten – eine Zeit zunächst kleinerer, später umfassenderer Raubzüge, die sich dann noch später in Eroberungszüge wandelten, aus denen dann ebenfalls Feudalreiche entstanden. Dass hierbei auch eine entscheidende Klimaveränderung vor ca. 6000 Jahren eine wichtige Rolle spielte, während der einige der ehemaligen Savannen- und Steppengebiete zu den heutigen Wüsten wurden, durch die ja die ehemaligen Bewohner vertrieben wurden, davon muss ma´u ausgehen. Einige ÖkonomInnen sind der Überzeugung, dass die ersten „Märkte“ – möglicherweise im Sinne der späteren Fernmärkte – durch solche Raub- oder Eroberungszüge entstanden. Die historischen Belege zeigen aber eine andere Entwicklung. Wie könnte ma´u sich das vorstellen?

Wie sieht jetzt ganz konkret der Übergang zur wirtschaftlichen Sicht aus? Nun kann ma´u natürlich jedwede Form der Beschaffung, Bereitstellung, Vorratslagerung und Verteilung als Wirtschaft bezeichnen, wenn auch sicherlich noch in einem sehr ursprünglichen Sinne. Aber nach allem was ma´u dazu sagen kann, hatten diese frühen Wert-Vorstellungen, wie oben dargelegt, wenig bis gar nichts mit wirtschaftlichem Denken zu tun und schon gar nichts im heutigen Sinne von Geldvermehrung. Was aber hat sich seither geändert? Für uns heute ist „der wirtschaftliche Wert eines Gutes eine ökonomische Kategorie, welche die Grundlage dafür bildet, dass völlig verschiedene Lieferungen und Dienstleistungen in einem bestimmten quantitativen Verhältnis gegeneinander verrechnet werden können. Im wirtschaftlichen Verkehr wird er in Geld ausgedrückt, dem Preis. Der geschätzte Wert eines Gutes – beispielsweise durch Orientierung an Vergleichsobjekten – bleibt abstrakt. Der Begriff Preis jedoch ist objektiv und konkret und manifestiert sich erst beim tatsächlichen Verkauf“ (Wik.) durch die Zahlung. In diesem Text tauchen Begriffe auf, die wir bisher nicht benutzten und die daher völlig neue Gesichtspunkte ankündigen, nämlich verrechnen in Geld, dann Kauf und Verkauf und Preis. Diese Begriffe beziehen sich ihrerseits auf das Thema Markt und Privateigentum. Hier ist es aber besonders wichtig darauf zu verweisen, dass entgegen der Unterstellung vieler ÖkonomInnen in der ganzen Frühzeit – gemeint ist hier die Zeit bis zur Entstehung der Feudalreiche – weder Formen von Privateigentum noch Märkte existierten. Welche bekannten und/oder wahrscheinlichen Umstände führten aber zu diesen „Erfindungen“. Hier spielen wohl besonders einige historische, aber ganz besonders damit in Zusammenhang stehende Einstellungsveränderungen in Bezug auf Stellung, Macht und damit verbundenen Wertvorstellungen auf „sich selbst“ als auch bestimmte Güter die entscheidende Rolle, die ihrerseits aus der Entwicklung unserer geistigen Fähigkeiten entstanden. Beginnen wir mit einigen kurzen Hinweisen auf die Historie und ihre „denkerischen“ Voraussetzungen.

Was bis zur Heraufkunft der Schrift auf diesen Gebieten wirklich geschah ist wohl schwer bis gar nicht sicher zu fassen. Aber ab dann, also vor ca. 5500 Jahren, gibt es klare Belege. Nach allem, was ma´u daraus ersehen kann, gab es Märkte erst in Staaten. Aber auch diese Staaten und hier insbesondere die dort aus dem Nichts auftauchende Architektur – Tempelbauten und Paläste – und Infrastruktur – wie Straßen, Wasserversorgung und Abwasser – bilden wie schon der obenerwähnte Übergang zur Bauernkultur einen Sachverhalt, der einfach nicht im Sinne von Evolution zu erklären ist. Daher sollte ma´u Erklärungen für diesen „Übergang“ wie die von Sitchin „Der zwölfte Planet“ oder Horn „Götter gaben uns die Gene“ u.a. trotz ihrer sicherlich großen Unsicherheit in Bezug auf die darin behaupteten Außerirdischen nicht völlig außen vor lassen. Sie wären jedenfalls in mancher Hinsicht schlüssiger, als die derzeitigen geschichtlichen Behauptungen. Aber auch im herkömmlichen Geschichtsdenken sind Märkte von Staaten geschaffene „Gebilde“. Wenn aber so etwas entsteht, muss es dafür ja auch Gründe geben. Welche waren das? Graeber schreibt dazu ganz deutlich: „Soweit wir über die Märkte der Vergangenheit Kenntnis haben, waren sie offenbar Nebenergebnisse der komplexen Verwaltungssysteme Mesopotamiens“ (David Graeber „Schulden“ a.a.O. S.404). Was meint das aber genauer? Entlang der Flüsse waren auf den fruchtbaren Gebieten Ackerbaukulturen entstanden, die die Basis lieferten. Daraus entwickelten sich hier im Zweistromland die ersten Stadtstaaten, in deren Territorien sich auf der Basis von Tempeln oder Palästen umfassende Verwaltungseinrichtungen entwickelt hatten, die die Versorgung der Menschen weitgehend zentral steuerten. Ma´u hatte jetzt mehr als gebraucht wurden Nahrungsmittel, Wolle und Leder, hatte aber großen Mangel an Steinen, Holz und Metallen. Dieses musste also von durch die Verwaltung beauftragten Handelszügen, teils unter Leitung von Beamten, teils erster Händler herbeigeschafft werden. Um nun diese Züge zu „finanzieren“, bekamen die „Händler“ diese Waren als Kredite. Die dafür eingehandelten Produkte wurden nun, zumindest was die Verwaltung selbst nicht brauchte, auf solchen ersten Märkten „verkauft“. Die „Zahlungen“ erfolgten zunächst aber ebenfalls über Kredite, die die „Händler“ auf Rollsiegeln vermerkten. Wichtig für die zukünftige Entwicklung ist jetzt zweierlei. Die Verwaltungen forderten ab einem bestimmten, nicht ganz bekannten Zeitpunkt von den „Händlern“ schon vorab einen Teil von deren späteren Gewinnen. Diese „Abgaben“ wird ma´u später Zinsen nennen. Auf der anderen Seite mussten Menschen ihre dann entstehenden „Kredite“ entweder durch Waren, oder gar durch Personen, also z.B. ihre Kinder, ihre Frau, oder gar sich selbst „absichern“. Im Laufe der Zeit wurde es üblich, auch für diese Kredite Zinsen zu berechnen, wobei deren Höhe zunächst im alleinigen Ermessen des Kreditgebers lag. Dazu kam der Umstand eines sich ausbreitenden Sklavenhandels, der immer mehr auch gerade aus Personen stammte, die durch solche Kredite, die die Kreditnehmer nicht hatten bezahlen können, hervorkamen. Neben dem Umstand, dass sie sozusagen sich selbst „verkaufen“ mussten kam es vor, dass sich der Kreditgeber damit begnügte, ihre Arbeitskraft zu nutzen. Es entstand dabei das Problem der Schuldknechtschaft, das ja seither in vielen Teilen der Welt, insbesondere später in Indien, so umfassend üble bis katastrophale Folgen hatte und bis heute hat.

Ein Umstand ist aber im Zusammenhang mit diesen frühen Märkten unbedingt zu beachten. Es handelt sich hierbei um Umgangsweisen, die immer noch weitgehend typisch für ein wirtschaftliches Zusammenleben von Menschen sind, das keineswegs mit Konkurrenz oder Wettbewerb zusammenhängt. Es sind solche Merkmale, wie ein umfassender „Ehrenkodex, Gemeinsinn und Vertrauen“ vor allem aber „gegenseitige Hilfe“ (a.a.O.), also das, was Graeber eine humane Ökonomie nennt, die dieses Verhalten bestimmen. Siehe hierzu auch Stanley Diamond in seinem Buch „Kritik der Zivilisation“, in dem er diesen Umstand deutlich hervorhebt. Dies ist übrigens ein Sachverhalt, der viel später, nämlich im Mittelalter auf islamisch geprägten Märkten wieder auftauchen wird. Aber natürlich entsteht in dieser Zeit, in der sich ja auch das egoische rote Denken immer umfassender bemerkbar machte, das Eigeninteresse einzelner Personen, das sich immer mehr auf Kosten solcher Merkmale, aber damit natürlich anderer Personen durchsetzte, wie sich in dem eben schon in Bezug auf das immer deutlicher werdende Zinsproblem und dessen Folgen sichtbar wurde. Ma´u könnte sagen, dass sich dadurch im Laufe der Zeit das entwickelte, was ma´u als Marktlogik im Sinne von Gewinnmaximierung bezeichnen könnte, zumindest in einem Sinne, wie wir heute Märkte verstehen. Damit einher geht natürlich eindeutig eine Sicht auf Güter und Waren als gewinnorientierte Wertobjekte, also wirtschaftliche im neuen Sinne, einher. Ganz entscheidend ist dabei, wie, bzw. im Zusammenhang mit welchen Umständen sich diese Einstellung entwickelt. Graeber beschreibt diesen Vorgang wie folgt: Diese Marktlogik, also Wettbewerbsvorteile zu erzielen setzt sich „auch in militärischen Angelegenheiten durch, (und) war bald von der Söldnerlogik der Kriegsführung in der Achsenzeit (ca. 800 vor bis ca. 600 nach Chr., siehe Karl Jaspers) kaum mehr zu unterscheiden, und schließlich bestimmte diese Logik auch den Staat selbst (die wohl deutlichsten Beispiele hierfür waren das Assyrer Reich und das römische Reich) und definierte seinen Zweck. Im Ergebnis (dieser Entwicklung) entwickelte sich überall der <Militärische Münzgeld- und Sklaverei-Komplex“ (a.a.O. S.261).  Was ist mit dieser Aussage gemeint?

Hier wird auf zwei besonders bedeutsame Entwicklungslinien verwiesen, die bis heute reichen. Da wir aber hier nicht umfassend auf diese eingehen können, hier nur die wichtigsten Hinweise. Zunächst das Thema Sklaverei. Ma´u geht davon aus, dass schon relativ früh Hirtenvölker, die von manchen HistorikerInnen auch als Hirtenjäger bezeichnet werden, zunächst wohl eher vereinzelt, später aber vermehrt Raubzüge in benachbarte „reichere“ Regionen ausführten. Waren diese erfolgreich, erbeuteten sie ihnen wertvolle Gegenstände. Diese mussten allerdings gut zu transportieren sein. Es dürften sich insbesondere um Schmuckteile aus Edelmetallen oder anderen wertvollen Materialien, Tiere und Menschen, vor allem Frauen, gehandelt haben. Diese Frauen, die ja dadurch völlig ihrer gesellschaftlichen und familiären Bindungen beraubt waren, wurden dadurch zu dem, was ma´u dann Sklaven nennen wird, wobei genau dieser Bindungsverlust das entscheidende Merkmal dieses Zustandes ist. Dieses Verhalten solcher Völker ging seither über viele Jahrtausende weiter und galt noch bis vor wenigen Jahrhunderten umfassend und geheim bis heute. Ma´u bedenke nur das ganz Thema des Sklavenhandels noch zur beginnenden Neuzeit, oder der „Handel“ mit Prostituierten heute. Etwa zur gleichen Zeit begann aber ein anderer Umstand, der noch wesentlich mehr Menschen in diesen „Zustand“ bringen sollte, als dieser eben beschriebene. Oben wurde auf das neue wirtschaftliche Wertedenken verwiesen, das sich im Laufe der Zeit auf den Märkten und dann in den Staaten ausbreitete. Die eigentliche Wurzel dieser Entwicklung dürfte insbesondere in dem sich immer umfassender durchsetzende egoische Denken zu suchen sein, das sich ja auf Kosten anderer Vorteile verschaffen will. Noch mehr aber macht sich dieses Denken dann in der Rivalität und Konkurrenz der Staaten bemerkbar, die sich ab jetzt und dann immer umfassender gnadenlos bekämpften. Der Krieg wurde geboren und dauert bis heute fort, mit enormen Menschenverlusten und ebenso umfassenden Verlusten an wirtschaftlichen Ressourcen, siehe z.B. die letzten Weltkriege. Was aber heute weitgehend übersehen wird ist der Umstand, dass diese Kriege gerade in der Frühzeit, aber bis in jüngere Vergangenheit, alle besiegten Gegner und dann oft deren gesamte Gesellschaften zu Sklaven machten. Die gesamte römische Geschichte ist dafür ein besonders deutliches Beispiel. Ja selbst John Locke war noch der Auffassung, dass gefangene Gegner eines „ungerechten“ Krieges – ein Umstand der ja bekanntlich eh immer von den Siegern festgelegt wurde – gerechtfertigt zu Sklaven gemacht werden könnten. Diese Verhältnisse stellen den einen Strang dieser Entwicklung hin zu dem neuen wirtschaftlichen Denken dar, das aber immer umfassend auf Kosten der sozialen Bezüge ging. Der andere hängt eng damit zusammen.

Wie eben erwähnt, begannen sich die existierenden Staaten in immer umfassenderer Weise gegenseitig zu bekämpfen. Dafür braucht ma´u natürlich Krieger und dann ganze Armeen. Daraus entsteht aber ein ganz neues Problem, die Armeen müssen ausgerüstet und versorgt werden. All das kostet Menschen und Güter, also Waffen, Ausrüstung und Verpflegung. Wie kann das organisiert werden? Schon in den Staaten, in denen die ersten Märkte entstehen, um genau an solche zuletzt genannten Dinge zu kommen, beginnt sich Stück für Stück ein Wandel der Sicht auf solche Zahlungsmittel anzubahnen. Aber das geschieht offensichtlich nur ganz langsam, denn die jetzt anzusprechenden Umstände entstehen erst rund 2000 Jahre später. Ein weiterer Vorläufer in diese Richtung ist der Zins auf Privatkäufe und der folgende Zinswucher. Ganz wesentlich ist aber der Umstand der Sklaverei, da hier Menschen plötzlich verkäuflich werden, was in den humanen Ökonomien, wie eben beschrieben, undenkbar war. Damit verändert sich natürlich erneut das Verständnis von Zahlungsmitteln, aber eben umfassend auch von sozialen Bezügen. Dies wird aber noch absolut radikaler anders während den heraufziehenden Kriegszeiten. Die Staaten brauchten dafür ein allgemeines Zahlungsmittel, also das, was wir dann Geld, genauer Warengeld nennen werden. Das versuchten sie über die Märkte und beginnende Steuern zu bekommen. Am wichtigsten war aber der Gewinn aus Raub und Plünderungen. Durch diese Umstände bekamen auch die Krieger und später Söldner Wertgegenstände und solches „Geld“ in die Hände, die dadurch natürlich nun jegliche sozialen Bezüge welcher Art auch immer verloren hatten. M.a.W., ab jetzt hat ma´u auf solchen Märkten nur noch Interesse zu kaufen, bzw. zu verkaufen, ohne soziale Bezüge im obigen Sinne zu beabsichtigen oder gar zu berücksichtigen. Damit sind wir letztlich bei dem angelangt, was wir oben schon ökonomisches Geld nannten und die damaligen so entstandenen Märkte entsprechen ziemlich dem, was heute die Ökonomie darunter versteht, als auch „die Wirtschaft“ im modernen Sinne. Was aber ist nun dieses ökonomische Geld genauer? 

14.Abend, ökonomisches Geld und seine Entstehung.

Am letzten Abend beschäftigten wir uns ausführlich mit dem Thema eines Wertes überhaupt. Dies ist gerade im Zusammenhang mit der Entwicklung des Geldes von entscheidender Bedeutung, kann ma´u doch insonderheit gerade hier bei der Verschiebung dieser Wert-Bedeutung von sozialen auf rein wirtschaftliche und dann nur noch finanzielle Werte die besondere Brisanz dieser Veränderung in Bezug auf seine gesellschaftliche Folgen festmachen. Wie wir sahen, bezogen sich Werte zunächst immer ausschließlich auf rein zwischenmenschliche Umstände und Verhältnisse und deren Bestätigung oder manchmal auch Klärung, jedoch niemals auf den gesellschaftlichen Bereich, den ma´u heute unter den Begriff des Wirtschaftlichen bringt. Der Grund besteht darin, dass dieser wirtschaftliche Bereich als gemeinschaftlich betriebener und in allgemeiner Zusammenarbeit geordneter nicht die gleiche Bedeutung hatte, wie die im weitesten Sinne sozialen Umstände. M.a.W., das was ma´u später soziales Geld nennen wird (Gräber) gehörte anfangs zur kultischen und rechtlichen Sphäre und bezeichnete das, womit man Buße und Opfer erstatten bzw. entrichten kann, um es noch etwas anders wie am letzten Abend auszudrücken.

Es sind nun mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit besonders zwei allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen, die im Laufe von mehreren Tausend Jahren diese Wertvorstellungen der Menschen Stück für Stück von den sozialen auf die wirtschaftlichen Sichtweisen bestimmter gesellschaftlicher Handlungen verschoben. Der erste hängt umfänglich mit der damaligen Entwicklung der immer nachdrücklicher machthierarchisch organisierten und mit steigenden Einwohnerzahlen verbundenen Reiche zusammen, die sich seit ungefähr 6000 Jahren entwickelten. Unter einem anderen Gesichtspunkt kann ma´u diese Entwicklung auch den Beginn der Zivilisation nennen. Der zweite Umstand ist die Heraufkunft und sich immer umfassender durchsetzende egoische Weltsichtebene, die aus ihrer egobezogenen Denke zunächst die Grundlage für diese politische Entwicklung bereitstellte. Diese äußerte sich schon sehr bald in der allgemeinen Gesellschaftsform einer geschichteten Gesellschaft, also von Unterdrückung und Ausbeutung der unteren Schichten und Klassen durch eine dünne Oberschicht. Dieser Umstand besteht bis heute fort und fällt immer noch mit dem sich im gleichen zeitlichen Zusammenhang und gleichen Ursachen entwickelnden patriarchalen Denken zusammen. Diese am eigenen Vorteil orientierte Denke machte sich natürlich auch schon sehr früh im wirtschaftlichen Umgang zwischen den Menschen bemerkbar, denn clevere Menschen erkannten offensichtlich diese ungleiche Ausbeutung der unteren Bevölkerungsteile zugunsten der wenigen oberen und wollten irgendwie daran teilhaben. Es waren offensichtlich zunächst die Händler, die ja zuerst von den Staatsverwaltungen eingesetzt worden waren, um die Staaten aus fremden Ländern mit fehlenden aber benötigten Gütern zu versorgen, die als erste mit Hilfe der ebenfalls zunächst von den Verwaltungen erfundenen Zinsen einen „Hebel“ gefunden hatten, um sich selbst zu bereichern. Ma´u muss allerdings auch hier davon ausgehen, dass diese Entwicklung viele Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende dauerte, bis es zu den späteren Verhältnissen kam, dass erstens die Zinsen manchmal in geradezu astronomische Höhen getrieben wurden – 10% pro Monat schien nicht selten zu sein -, zweitens aber die „Absicherung“ der Kreditschulden auf Personen ausgedehnt worden war. Aus diesen Umständen entstanden Stück für Stück das Problem der Schuldknechtschaft, das in einzelnen Regionen der Welt bis heute existiert, vor allem dann aber die immer umfänglichere Selbstverständlichkeit der Sklaverei, da solche Schuldner entweder eigene Familienmitglieder oder gar sich selbst als verkaufbares Pfand einsetzen mussten, die dann eben als Sklaven, also letztlich menschliche Waren verkauft wurden.

In diesem ganzen Prozess ist ganz offensichtlich eine zwar schleichende – diese dauerte wie schon erwähnt mehrere Tausend Jahre -, aber ganz gravierende Verschiebung von Wertvorstellungen enthalten.Das Ganze beginnt damit, dass der sich langsam entwickelnde Schichtungsprozess – also ein Führungsklan gegenüber den anderen, die mehr „wert“-volle Gegenstände besitzen als diese anderen – innerhalb der Stämme, der sich in den Stammeshäuptlingstümern noch verstärkt, dann in den Stadtstaaten und erst recht in den folgenden Feudalstaaten zu der seither immer existierenden Führungsschicht führte, die alle anderen Menschen in ihrem Herrschaftsbereich unterdrückte und ausbeutete. Diese ausgebeutete Schicht ihrerseits wird dann noch weiter „unterteilt“ und zwar in die bäuerliche Bevölkerung auf den bebaubaren Flächen und den Handwerkern und noch später auch Händlern und dann auch Soldaten, wobei die letzteren vor allem aus der bäuerlichen Schicht kamen. Betrachten wir uns zunächst die Wertverschiebungen auf dem Gebiet der Güter.

Güter, also hier speziell Dinge im Sinne von Ge- und Verbrauchsgütern – waren in der Stammeskultur entweder Gemeinschaftsbesitz – vor allem Nahrung, Unterkunft und später die Bewirtschaftungsflächen -, oder selbstangefertigter Privatbesitz, wie eigene Kleidung oder auch Geräte bis Waffen. Die Wertschätzung vor allem des Gemeinschaftsbesitzes ergab sich einerseits aus der meist gemeinsamen Herstellung oder Erwerbung, andererseits aus deren Überlebensnotwendigkeit. All dies verschob sich in der Feudalzeit in dem Sinne, dass insonderheit die Herstellung aller notwendigen, aber auch aller anderen Gegenstände – also von Nahrung, über Unterkunft bis hin zu Luxusartikeln – auf die unterdrückten Gesellschaftsanteile abgeschoben wurde. Dadurch war zunächst jede gleichgestellte Gemeinsamkeit innerhalb dieser Gesellschaften zerstört. Vor allem aber war die Herstellung von was auch immer von ihren privaten Bezügen abgekoppelt. Die hergestellten Güter wurden zur Ware, M.a.W., ihre Herstellung geschah nur noch zur Weitergabe. Der jetzt noch in ihnen gesehene Wert bezog sich zunächst auf die Erfüllung von Geboten, bald aber auf die dafür zu erhaltende Gegengabe. Das war auch hier zunächst Anerkennung und gewährte Sicherheit, später an dessen Stelle, dann zusätzlich und zuletzt ausschließlich einen Tauchwert. Auch dieser bestand zunächst aus zugeteilten Waren, wie Nahrungsmittel, Kleidung oder manchmal auch Mittel zur Errichtung von Unterkünften, später aus allgemeinen Tauschmitteln, also dem was manche ÖkonomInnen Primitivgeld nennen, z. B. Muscheln, Salz oder Reis, die, neben regional gesehen wohl sehr unterschiedlichen Dingen, auf den jetzt ja existenten Märkten als allgemeines Tauschmittel akzeptiert wurden.

Um es nochmals klar auf den Punkt zu bringen; Wertvorstellungen sind natürlich immer noch als eine grundsätzlich menschliche Sicht auf Gegenstände und manchmal auch soziale Bezüge immer an bestimmte gesellschaftliche Sichtweisen gebunden. Aber diese sind natürlich umfassend von den allgemeinen gesellschaftlichen Zuständen und deren akzeptierten Umständen abhängig. Es ist dabei aber völlig unerheblich, wer diese Normen beibringt, ob die umfassende Gemeinschaft, wie in der Stammeskultur, oder eine Führungsschicht insbesondere im Eigeninteresse, die diese ja meist mehr oder weniger gewaltsam durchsetzt. Sobald sie allgemeiner Standard sind, bilden sie die Grundlagen der jetzt existenten Wertvorstellungen einer Gesellschaft. Besonders wichtig sind dabei zwei Umstände zu beachten; erstens ist die Rolle die zur gegebenen Zeit allgemein geglaubte, bzw. gelebte Religion zu beachten. Wenn diese, was ja auch meist der Fall war, die Position der Herrschenden nicht nur unterstützt, sondern auch erklärt und damit rechtfertigt und absichert, dann sind diese Normen im wahrsten Sinne unantastbar und bilden die Basis aller Wertvorstellungen. Gelten diese aber besonders lange, also möglicherweise über mehrere Jahrhunderte oder gar noch länger, dann tritt der zweite Aspekt ein, dass dann den Menschen gar nicht mehr bewusst ist, dass all diese gesellschaftlichen Verhältnisse rein menschliche Schöpfungen sind, die dann natürlich auch wieder verändert werden könnten. M.a.W., wenn dieser Umstand gilt, wie dies ja in weitem Umfange schon sehr lange und auch derzeit immer noch der Fall ist, dann gibt es keine verändernden Denkansätze mit Aussicht auf Erfolg, da diese gemeinten Umstände ja „schon immer so waren“ und daher auch überhaupt nicht veränderbar sind – zumindest nach der Überzeugung großer Teile der Bevölkerung. Dieser Umstand wird an dem zweiten Bereich der Veränderungen der Wertvorstellungen der Menschen besonders deutlich, nämlich derjenigen der Menschen selbst, also diejenigen in Bezug auf sich selbst und ihre damit verbundene Stellung innerhalb der jeweiligen Gesellschaften.

Mit den oben geschilderten Veränderungen erfolgten ja auch eine solche ganz gravierende in Bezug auf die Sichtweisen der Menschen auf sich selbst. Auch diese Veränderungen gingen ganz offensichtlich sehr langsam und schleichend vor sich. Aber aus den ursprünglich völlig gleichberechtigten Menschen, die, wie Marlo Morgan dies in ihrem Buch „Traumfänger“ so wunderbar schildert, alles gemeinsam unternehmen und alle Probleme gemeinsam lösen, wobei natürlich die für diesen Umstand besonders begabten die Führung übernehmen, werden im Laufe der Zeit immer ungleichere. Was meint das? Wie schon dargestellt drängen sich im Laufe der Zeit bestimmte Personen mehr und mehr in den Vordergrund, zunächst wohl SchamanInnen, dann zunehmend auch männliche und weibliche Häuptlinge. Ma´u kann davon ausgehen, dass dies immer in den defizitären Phasen der jeweilig dominierenden Bewusstseinsstrukturen geschah, also sowohl in der magischen als auch in der mythischen, um Gebsers Sichtweise aufzugreifen, denn in diesen galt die Ausrichtung auf das Ego. Daraus entstanden zunächst Einrichtungen die diese Personen in ihren Positionen legitimierten, dann ihre persönlichen Klans und im letzten Schritt diesen eine in jeder Hinsicht herausragende Position sicherten, die dann zu den folgenden Schichtungen, Klassen und gar Kasten wurden. Dies hatte zur Folge, dass diese führenden Klassen die von ihnen unterdrückten und ausgebeuteten Klassen immer mehr als nicht gleichberechtigt, ja dann als nicht gleichwertig verachteten. Ma´u vergleiche hierzu die Ideologie des „guten Lebens“ seit Platon, in der dies so deutlich zum Vorschein kommt und in weiten Teilen bis heute fortbesteht. Was aber hat das alles mit der „Erfindung“ des ökonomischen Geldes zu tun? Alles!

Wie oben geschildert verschoben sich die Wertvorstellungen dieser Gesellschaften gegenüber Gütern immer mehr in Richtung von Waren und deren alleine wirtschaftlichen Nützlichkeit. Dies geschah nun auch mit den Menschen. Die unterlegenen wurden immer umfassender auch in einer solchen Weise als wirtschaftlich nützliche betrachtet, ein Umstand der zunächst dazu führte, dass ma´u sie in unterschiedliche Berufsgruppen teilte, deren Arbeit ma´u „bezahlte“ s.o.. Diese Bezahlung bestand allerdings zunächst vor allem in Stellungen, Sicherheit und Gütern. Aber dahinter kommt ein völlig anderer Vorgang zum Vorschein. Denn es wandelte sich dadurch ja auch der Wertbezug auf Menschen in dem Sinne, dass sie entgegen der Vergangenheit, in der es einfach undenkbar war Menschen als käuflich zu betrachten – siehe Graeber – jetzt auch nicht nur ihre Arbeit, sondern auch sie selbst wie Waren käuflich wurden, siehe das Thema Sklaverei und heute der Arbeitsmarkt. Auf einem Markt werden eben qua Definition nur Waren gehandelt und wenn ma´u Menschen auf einem solchen „handelt“ – ma´u behauptet zwar, das sei ja nur ihre Arbeitskraft, da diese aber immer nur ein höchst persönlicher Ausdruck von Menschsein überhaupt ist, kann ma´u sie nicht von diesem trennen -, dann werden sie definitionsgemäß zu Waren.

Alle diese Prozesse verdichteten sich zunächst auf den seit der Existenz der Stadtstaaten entstandenen Märkten. Hier existierte aber zunächst auf viele Jahrtausende hinweg nur reiner Warentauch, selbst bei Kreditgeschäften, wobei diese aber schon bald schriftlich festgehalten wurden – siehe die Erfindung der Schrift -. Wichtig ist dabei zu beachten, dass das schon lange existierende soziale Geld, also von Schmuckteilen über anderer wertvoll geachteter Dinge bis am Ende Gold und Silber, dabei als „Zahlungs“-Mittel keine Rolle spielte. Was geschah war, dass zunächst beständigere Waren, wie z.B. Salz, Muscheln oder viele andere – im Laufe der Zeit spielten hier sehr viele Dinge eine solche Rolle, siehe z.B. Zigaretten nach dem 2. Weltkrieg – die Rolle eines allgemein anerkannten – in seinem Tauschwert gemeint, was fast immer sehr lokal war – Tauchmittels übernahmen. Schon früh konnten dies auch schriftliche Schuldverschreibungen oder gar Derivate sein, wobei und wodurch dieser Vorgang dann schon eher in Richtung Zahlung tendierte. Nicht unwichtig ist auch, dass schon früh – soweit ma´u weiß zunächst in Sumer – bestimmte Mengen Silber als Recheneinheit – nicht als Zahlungsmittel – verwendet wurde. Bei diesen ganzen Prozessen und ihren Veränderungen ist es wichtig sich bewusst zu machen, dass der früher über allem stehende persönliche Bezug der handelnden – im doppelten Wortsinne gemeint – Personen sich immer mehr auf die Seite der zu handelnden Objekte und Waren verschob. M.a.W., bezogen sich zu Beginn dieser Abläufe diese immer auf die handelnden Personen – diese waren es, die die entscheidende Rolle in diesen Prozessen spielten -, so verschob sich dies im Laufe der Zeit immer mehr auf das zu handelnde Gut. Die handelnden Menschen traten dadurch immer mehr hinter diese zurück. Sie wurden entweder durch schriftliche Verträge oder Dokumente ersetzt, oder waren neben den zu handelnden Gegenständen und Waren völlig unwichtig. Nur diese spielten noch eine Rolle. Und aufgrund dieser Veränderungen beginnt genau hier die Erfindung des ökonomischen Geldes.

Um diesen Sachverhalt noch besser zu verstehen, ist es wichtig sich die Zeit anzusehen, in der dies geschah. Wir befinden uns in der sog. Achsenzeit, also in dem Bereich zwischen 1000 v.Chr. und 0. Diese Zeit ist in Eurasien durch permanente Kriege, Untergang ganzer Reiche und Neuentstehung solcher geprägt. Es handelt sich um die defiziente Endphase des mythischen Denkens und solche Phasen sind immer durch besondere Umbrüche, meist im Zusammenhang mit Kriegen geprägt. In diesen Kriegen nun waren umfassende Plünderungen insbesondere von Wertgegenständen und hier speziell Silber und Gold üblich. Wenn nun Soldaten solche Gegenstände auf irgendwelchen Märkten verkaufen wollten, waren sie natürlich den Händlern unbekannt. Diese Abläufe wurden daher zunächst im Sinne moderner Marktverkäufe als W – G –W, dann aber immer häufiger G –W- G` (siehe Marx) getätigt. Da es noch kein genormtes oder gar gemünztes Geld gab, spielte hier die Waage eine besonders entscheidende Rolle. Natürlich wurde nun wohl von Beginn an auf beiden Seiten versucht, die Gegenseite zu betrügen, teils durch falsch eingestellte Waagen, teils durch verfälschtes Gold oder Silber, was häufig zu heftigen Auseinandersetzungen bis Todschlägen führte. Um solche Verhältnisse zu umgehen, kamen die Lyder um 650 v. Chr. auf die Idee, gewichtsgenormte Elektronbrocken – eine Legierung aus Silber und Gold – herzustellen und deren Gewicht und Güte staatlich zu garantieren. Ma´u musste also nicht mehr wiegen und untersuchen, sondern musste nur noch zählen. Diese Idee setzte sich rasend schnell durch und wurde schon nach kurzer Zeit als geprägte Münze das übliche Zahlmittel, so dass ab dann nur noch Geschäfte G – W – G´ üblich wurden. Allerdings stieß die ursprüngliche Etablierung von gemünztem Geld historisch auf große Schwierigkeiten. Es waren dabei die antiken Tempel, die als erste Depotbanken auftraten und dessen Einführung dadurch erleichterten, dass sie dem gemünzten Geld zunächst eine diffuse symbolische (sakrale) Garantie mitgaben. Das hing wohl auch damit zusammen, dass den meisten Menschen diese neue Form von Zahlung, besser gesagt der allgemeinen Abläufe von Handel überhaupt, so fremd und unpersönlich vorkamen, dass sie diesen gegenüber eher misstrauisch waren. Darüber hinaus konnte ma´u immer deutlicher erkennen, dass diese Entwicklung insbesondere in Verbindung mit den Zinsen, die ja hier eine immer größere Rolle spielten, zu immer größeren Vermögen bei Händlern führten. Oder anders ausgedrückt, es wurde immer deutlicher, dass diese ihre Aktivitäten  nicht mehr zur Versorgung ihrer Kunden ausführten, sondern vor allem und zuerst, um sich zu bereichern. Schon Aristoteles hat als einer der ersten auf diesen Umstand aufmerksam gemacht und ihn mit dieser Begründung als negativ bewertet, ein Umstand der bis heute andauert, aber bekanntlich bisher ohne jeden Erfolg.

Um es nochmals deutlich auf den Punkt zu bringen; im praktischen Gebrauch ist dieses neu geschaffene Geld zunächst schlicht ein Zahlungsmittel, das sich von einfachen Tauschmitteln dadurch unterscheidet, dass es nicht unmittelbar den Bedarf eines Tauschpartners befriedigt, sondern auf Grund allgemeiner Akzeptanz zu immer weiterem Tausch eingesetzt werden kann. Wichtig ist nun folgendes zu beachten; Geld macht immer „Kreisbewegungen“, vom Zahler zu einem Empfänger, zum nächsten Empfänger, nachdem der erste Empfänger selbst zum Zahler wurde usw., usw. Geld ist ein ununterbrochener „Wanderer“ an der Schnittstelle von Angebot und Nachfrage. Ökonomisches Geld hat aber im Unterschied zu den bisherigen allgemeinen Tauschmitteln einen großen Vorteil. Waren verderben und/oder verlieren mit zunehmendem „Alter“ immer mehr ihren Gebrauchswert. Damit verlieren sie aber natürlich auch ihren „Wert“ schlechthin. Darüber hinaus müssen sie häufig auch noch auf besondere Art und Weise gelagert werden. Da all dies Geld nicht kennt, wird es ab jetzt bevorzugt ein Wertaufbewahrungsmittel, das ich nur noch dann weitergebe, wenn ich dies zu besonders günstigen Bedingungen machen kann, also möglichst hohe Zinsen bekomme. Wichtig ist es in Zukunft auch sich bewusst zu sein, dass der Wert des jeweiligen Geldes von der Gesamtleistungsfähigkeit der nationalen, genauer gesagt der regionalen Wirtschaft abhängt, innerhalb der es zirkuliert. Um alles auf den Punkt zu bringen, zu was Geld im Laufe der Zeit alles geworden ist, bzw. für was es alles steht und welche weiteren „Bezüge“ es noch entwickelte, wollen wir uns kurz diese in dem lesenswerten Buch „Das Geldsyndrom“ von Helmut Creutz anschauen; Geld ist zuerst eine öffentliche Einrichtung, es „gehört“ also dem Staat, gleichzeitig aber, zumindest wenn ich es habe, ist es mein privates Eigentum, m.a.W., da hat mir der Staat gar nichts reinzureden. Das hat ganz gravierende Folgen. Im Verständnis dieses inneren Widerspruchs steckt eine ganz wesentliche Möglichkeit zu verstehen, woher große Vermögen ihre Macht und Selbständigkeit gegenüber den Staaten herhaben, aber auch warum der Staat in nicht wenigen Bereichen so schwach ist, zumindest solange dieser Umstand nicht auf irgendeine Weise geklärt wird. Und genau an diesem Umstand, also rechtlich ungeklärter Umstände hängen noch weitere, fast noch folgenreichere Probleme. Hier gleich das nächste: Geldvermehrung durch gefälschte Banknoten wird hart bestraft, die Geldverminderung durch Entzug von Banknoten aus dem Wirtschaftskreislauf – also das Horten – jedoch erlaubt. Die Folgen dieses Umstandes beschreibt Creutz wie folgt: „So wie man Geld im Allgemeinen als Gegenwert für Leistungen erhält, so gibt man es im Allgemeinen auch wieder für Leistungen aus. Erhaltenes Geld kann man aber nicht nur zur Leistungsnachfrage benutzen, sondern auch zum Verschenken oder zum Verleihen. Und schließlich kann man Geld auch einfach ungenutzt liegen lassen, also aus dem Verkehr ziehen. Benutzt man Geld zum Kaufen oder Verschenken, geht es für alle Zeiten in andere Hände über. Verleiht man Geld, tritt man die Möglichkeiten seiner Nutzung nur vorübergehend ab. Hortet man dagegen Geld, fällt es für jegliche Nutzung in der Wirtschaft aus und es kommt zu einer Unterbrechung des Geldkreislaufes“. Das ist übrigens eine der weiteren gewichtigen Ungereimtheiten, wie wir das Geld benutzen. So gibt es zwar einen allgemeinen Annahmezwang, aber keinen Weitergabezwang, obwohl ganz logisch gesehen, das erste ohne das zweite keinen Sinn ergibt. Und warum das so ist, bzw. welche Folgen das hat zeigt Creutz wie folgt: „Diese Unterbrechung ist kein einmaliger Vorgang, sondern löst eine Kettenreaktion von Nachfrageausfällen aus, mit der alle in der Zwischenzeit sonst möglichen Tauschvorgänge verhindert werden. Läuft das Geld z.B. zweimal im Monat um, dann löst z.B. eine stillgelegte 100 GE  in einem Jahr Nachfrageunterbrechungen in Höhe von 2400 GE aus. Während also beim Kaufen, Verschenken und Verleihen der Nachfragekreislauf geschlossen bleibt, führt das Liegenlassen von Geld zu Störungen, die sich im Laufe der Zeit akkumulieren. In dieser möglichen Verzögerung zwischen Leistungseinbringung und – nachfrage, also in der Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes, liegt bereits einer der entscheidenden Konstruktionsfehler unseres Geldes. Denn der Tauschvorgang Leistung gegen Leistung, bzw. Ware gegen Ware, der ohne Geld in einem Schritt abgewickelt wird, teilt sich durch das Geld in zwei Vorgänge auf: Ware gegen Geld – Geld gegen Ware. Da der zweite Schritt dem ersten aber nicht dem ersten folgen muss, sondern erst sehr viel später (oder auch gar nicht!) erfolgen kann, wird mit jeder zwischenzeitlichen Stilllegung des Geldes der Kreislauf unterbrochen. Geld ist also nicht nur ein Tauschvermittler bzw. Zwischentauschmittel und damit ein Schlüssel zum Markt, sondern es kann auch ein Riegel sein, der den Fortgang des Marktprozesses verhindert. In einer Geldwirtschaft sind also Angebot und Nachfrage nur dann ausgeglichen und im Gleichgewicht, wenn alles eingenommene Geld regelmäßig wieder für Ausgaben genutzt wird. Da aber die Geldhaltung der Warenhaltung überlegen ist, ist im Grunde ein ständiges Ungleichgewicht in unserer Volkswirtschaft vorprogrammiert“. Hier der nächste Umstand: Geld ist der entscheidende Wertmaßstab der Wirtschaft. Gleichwohl wird dessen Wert oder Kaufkraft nicht stabil gehalten. Ja und ganz besonders zu beachten; Geld ist das einzige gesetzliche Zahlungsmittel, wird aber gleichzeitig als völlig beliebig verwendbares Spekulationsobjekt gehandelt. Auf diesen Umstand kommen wir noch ausführlich zurück, denn gerade dieser Umstand hat eine Menge negativer Folgen. Und nun noch der letzte Punkt, aber der wichtigste und schlimmste überhaupt. Unser Geld ist mit einem Zins- und Zinseszinseffekt verbunden, obwohl dieser zu einem exponentiellen Wachstum führen muss und ein solches zerstört einfach alle System, die es je „befallen“ hat. 

Zusammengefasst ist also Geld:

  • Tausch- bzw. Zahlungsmittel
  • Recheneinheit, Wertmesser oder Preisvergleicher
  • Wertaufbewahrungs- und Wertübertragungsmittel

Von der Rechtslage und/oder Dokumentationsseite her gesehen ist Geld

  • eine anonyme Bestätigung für eine erbrachte Leistung
  • ein weitergebbares Anspruchsdokument aus das Sozialprodukt
  • das gesetzliche und unter Annahmepflicht stehende Zahlungsmittel.

Nicht uninteressant sind auch Aussprüche zu dem Geld, die im Laufe der Zeit seit seiner Existenz gemacht wurden. So meinte Platon, dass Geld nur ein „um des Austausches willen geschaffenes Zeichen“ sei. Aber schon Publ. Syrus meinte etwa 100 v. Chr. „Geld regiert die Welt“. Moderater sah dies Th. v. Aquin: „Geld hat die Aufgabe den Tausch zu erleichtern“. Viel klarer war da schon J. Bodin um 1580, einer der ersten Ökonomen: „Geld ist das Blut der Volkswirtschaft“. Ganz anders, aber in seiner Deutlichkeit in Bezug auf bestimmte gesellschaftliche Wirkungen des Geldes nicht zu toppen, war da F. Nietzsche: „Geld ist das Brecheisen der Macht“, eine sehr bedenkenswerte Aussage. Ganz ähnlich sah das auch N. Tolstoi“ Geld ist eine neue Form der Sklaverei“.

Aus all diesen ganz unterschiedlichen Denk- und Sichtweisen in Bezug auf das Geld geht eines ganz klar hervor; Geld ist eine menschliche Erfindung, die wie jede andere unserer Erfindungen auch sowohl positive wie negative Wirkungen und Folgen hat, wobei aber diese Wirkungen enorm schwer klar zu sehen und zu erkennen sind. Denn diese sind so umfassend und komplex, darüber hinaus durch so viele Interessen und von daher kommenden Ideen und Ideologien befrachtet und teils dadurch in ihren Wirkungen verdeckt bis ganz unkenntlich gemacht, dass es, um unsere Gesellschaft auch nur in Ansätzen zu verstehen, enorm wichtig ist diese ganzen Umstände und Zusammenhänge des Geldes und seinen Wirkungen zu kennen und  möglichst zu verstehen. An den beiden folgenden Abenden wollen wir uns insonderheit um seine wirtschaftlich-kapitalistische Seite kümmern und uns diese zumindest in Ansätzen näher anschauen.

15. Abend, die grenzenlose, aber höchst dubiose Geldvermehrung

Bevor wir uns der, wie oben behauptet „dubiosen Geldvermehrung“ zuwenden, wollen wir nochmals kurz die wichtigsten Umstände in Bezug auf unser Geld anschauen.  Danach gilt ganz banal: Geld ist, was eine Geldfunktion erfüllt. Es „ist das <Geltende> schlechthin (und zwar im wirtschaftlichen Sinne gemeint), und wirtschaftliches Gelten bedeutet etwas gelten, d.h. gegen etwas anderes vertauschbar zu sein“, wie es Georg Simmel in seinem Buch “Philosophie des Geldes“ ausdrückt. Oder nach Simmel noch anders: es ist das innere Wesen von Werten schlechthin, „denn in ihm hat der Wert der Dinge, als ihre wirtschaftliche Wechselwirkung verstanden, seinen reinsten Ausdruck und Gipfel gefunden“ (a.a.O.). Es sei schon hier darauf verwiesen, dass es die umfassende Veränderung bis „Um“wertung dieses üblichen Verständnisses von Geld ist – die gleich aufgezeigt wird -, die erst den Finanzkapitalismus hervorbrachte. In unserem heutigen Alltagsverständnis ist Geld zunächst Münzen und Banknoten. Dazu kommt neuerdings dann sog „immaterielles Geld“, also Bankguthaben und Karten mit Geldfunktion. In all diesen Funktionen ist es im Wesentlichen immer noch Ausdruck wirtschaftlicher Wechselwirkungen. Wenn wir uns nun die Evolution des Geldes in seiner Entstehung un dann seiner Bedeutungsveränderung anschauen, müssen wir bei seiner Entstehung beginnen. Also, wie entsteht Geld eigentlich, wie wird es hergestellt. Heute wird es üblicherweise im zweistufigen Bankensystem aus der meist privaten Zentralbank und natürlich immer privaten Geschäftsbanken „geschöpft“, wobei die Zentralbanken unser „normales“ Geld herstellen, also Banknoten und Münzen, aber auch Kredite an die Geschäftsbanken. Darüber hinaus aber entsteht in den Geschäftsbanken das, was ma´u Giralgeld nennt. Diese Geldschöpfung des Giralgeldes in den Banken wird öffentlich wenig bis gar nicht wahrgenommen, oder anders ausgedrückt, nur wenige Menschen wissen überhaupt, dass in den Banken Geld entsteht und dass dies ein wesentlicher Teil der Probleme des Geldes darstellt, dass erstens unser Geld nicht stabil gehalten werden kann und zweitens diese „Mengen“ an Geld, die in den Banken entstehen, das ja staatlich überhaupt nicht zu kontrollieren ist, die dringend stabil zu haltende Geldmenge ständig in die Höhe katapultiert. Wie wir noch sehen werden liegt hier einer der Gründe für den Finanzkapitalismus. Wie aber entsteht dieses Giralgeld eigentlich und was ist es genau genommen?

Es entsteht, indem eine Bank einem Kunden einen Kredit gibt und den entsprechenden Betrag auf dessen Konto gutschreibt. Ma´u nennt diesen Vorgang  eine Giralgeldschöpfung. Wichtig ist dabei zu beachten, dass durch diesen Vorgang wenig bis gar kein Geld im Sinne von Münzen oder Scheinen entstehen, sondern dass es sich hierbei vor allem um Bewegungen auf den jeweiligen Konten sowohl der Bank, als auch der Kunden handelt. Es sind also vor allem und zuerst nur Zahlen auf dem Papier und neuerdings in Computern. Solches Geld kann zwar jederzeit zu „normalem“ Geld werden, wenn jemand von der Bank alles oder Teilbeträge abhebt, aber natürlich wird es in aller Regel komplett zu „wandernden“ Zahlen, von Konto zu Konto nämlich. Diese erscheinen zwar dann entweder als Aktiva oder Passiva auf diesen Konten, aber an dieser umfassenden Abstraktion des Geldes ändert dies nichts. Erwähnt sei allerdings noch, dass ma´u dieses Problem zwar erkannte und den Banken eine gewisse Begrenzung per Gesetz verordnete – Banken dürfen die Geldmenge nicht beliebig erhöhen, sondern müssen eine Mindestreserve bezogen auf diese Kredite bei der EZB von 1% in Form von Zentralbankguthaben halten -, aber das ist eher Kosmetik, an der sich insonderheit die großen Investitionsbanken wenig bis gar nicht halten. Es kann also zunächst im gesamten Bankensystem theoretisch maximal die 100-fache Menge des Zentralbankgeldes als Giralgeld entstehen. Es ist leicht zu sehen, dass diese Praxis, die ja nicht nur die Privatkundschaft der Banken, sondern auch die Geschäftskundschaft wie Firmen betrifft, einen enormen Einfluss auf die Geldmenge überhaupt hat. Dieser Umstand ist deshalb von so enormer Bedeutung, da ja die Geldmenge eine wichtige ökonomische Größe ist, weil sie im Zusammenhang mit der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen steht und Hinweise auf die zukünftige Preisentwicklung liefern soll, zumindest ist das die Überzeugung der Marktwirtschaftsideologen. Mit der eben dargestellten Praxis des Giralgeldes zeigt es sich aber, dass die heute üblichen geldpolitische Maßnahmen der Notenbanken, die ja eine Preisniveaustabilität sicherstellen sollen, einfach nicht funktionieren können, oder bestenfalls, wie ja heute durch die derzeitige Geldflut der EZB und deren Begründung deutlich zu sehen ist, die Erwartungen der Zentralbanker ganz „auf Hoffnung“ gebaut sind. Diese Maßnahmen können aber selten die behauptete Wirkung erzielen und wenn doch eine, dann selten bis nie die behauptete, wie ma´u ja gerade momentan so deutlich erkennen kann. Da die eigentlichen durch Spekulation erzeugten Geldströme, die wir uns am nächsten Abend anschauen werden, längst alle diese Grenzen sprengen, sei hier vorab kurz erwähnt. Das ist die momentane Situation. Diese offensichtlich nicht beherrschbaren Verhältnisse gründen aber in historischen Umständen, in denen diese dubiosen Praktiken entstanden. Wie ist das zu verstehen, bzw. was lief da ab?

Da das in der Achsenzeit entstandene ökonomische Geld während des Mittelalters weitgehend verschwunden war, wollen wir uns mit der Praxis beschäftigen, die danach entstand und die ja unsere derzeitigen Verhältnisse eigentlich erst hervorbrachte. Da aber große Teile der Geldschöpfung nach der Brakteatenzeit und teils bis heute im privaten Bereich entstanden und daher die eigentlichen Entscheidungen entgegen der öffentlichen Meinung eben auch aus privaten Interessen hervorgehen, ist dieser Beginn eigentlich nur schwer fassbar. Wir wollen uns daher zum besseren Verständnis des Ablaufs auf ein Buch mit dem bezeichnenden Titel „Moneymaker“ (von Miss Moneypenny, ein Pseudonym, wahrscheinlich für Larry Hannigan) einlassen. Dies ist zwar in der Sprache etwas flapsig und sicherlich nicht 1 zu 1 in die Praxis zu übertragen, aber es bringt die wirklichen Umstände recht gut auf den Punkt und bezieht sich an den wichtigsten Stellen durchaus auf historisch überprüfbare Fakten.  

Im Muffelalter – interessanter Name für diese Zeit, aber wir stoßen gleich noch auf mehr solcher „schöner“ doppelbödiger Namen -, einer Zeit in der alle Menschen glücklich lebten und die Bedürfnisse, die sie nicht selbst durch eigene Arbeit befriedigen konnten, durch Tauschhandel gegenseitig „ausglichen“, lebte ein Goldschmied mit dem schönen Namen Rockenheimer. Irgendwie war er mit dieser Art von Tauschhandel unzufrieden, da er im Tausch oft Dinge bekam, die er gar nicht brauchte und da diese bald an „Wert“ verloren – wie das für alle Naturprodukte gilt -, musste er sie oft „billiger“ hergeben, als er glaubte, was der eigentlich dafür zu bekommen hätte. Da kam er auf eine glänzende Idee; warum nicht aus Gold Münzen machen, die vom „Staat“ garantiert gegen alle anderen Güter eingetaucht werden konnten. Er nannte sie Mark und das System Geld. Er berief im größten Gasthof des Ortes eine Versammlung ein und stellte den Menschen sein neues System vor. Nun waren davon nicht alle auf Anhieb begeistert. Also bot er ihnen an, ihnen zunächst für ein Jahr auf Probe sein Geld zur Verfügung zu stellen und wenn sie das System gut fänden, könnte ma´u ja dann weitermachen. Das schien doch mal ein vernünftiger Vorschlag und die meisten waren damit einverstanden. Kurz bevor sie auseinandergingen fragte einer ihn, was er denn für seine Mühe bekäme? Rockie, wie er sich auch gerne nennen ließ, senkte fast verschämt den Kopf und sagte; wenn ihr mir nach einem Jahr das Geld zurückgebt, gebt ihr mir für 100 geliehene Mark 5 Mark mehr, das sind die Zinsen. Alle waren überrascht, wie bescheiden doch dieser wunderbare Mann war und waren regelrecht begeistert. Da ma´u aber im Muffelland im Muffelalter lebte, rechnete ganz offensichtlich keiner nach, was das eigentlich bedeutete, denn jeder ging von den 100 Mark aus, auf die sich diese Zinsen bezogen. Das soll ja heute auch noch vorkommen. Da Rockie insgesamt etwa 20000 Mark ausgegeben hatte bekam er praktisch ohne Gegenleistung 1000 Mark mehr zurück, als er ausgegeben hatte. Was aber erst recht niemand kapierte – was übrigens heute noch so sein soll, zumindest für die Mehrheit der Menschen -, dass damit die ersten Schuldner geboren wurden. Wie aber kam denn das zustande, woher kam das?

Nun, Rockie gab jedem die Menge Geld, die er von ihm einforderte, so weit so gut. Aber in dieser Gesamtsumme waren ja die 5% Mehrgeld für ihn selber gar nicht enthalten, ein Umstand der auch heute immer noch gilt. M.a.W., da das Geld ja als allgemeines Tauschmittel genutzt wurde hatten am Ende des Jahres einige tüchtigere Muffler das Mehrgeld für Rockie locker „verdient“. Dieses Mehrgeld aber fehlte anderen, so dass sie Rockie weder das ganze Geld zurückgeben konnte, das er ihnen zur Verfügung gestellt hatte, noch die Zinsen. Sie waren die ersten Schuldner. Nun, Rockie als großzügiger Mann, gab ihnen natürlich erneut das Geld das sie für ihren Lebensunterhalt brauchten, aber das waren jetzt zu einem erheblichen Teil Schulden bei ihm, die er auf jeden Fall, also auch im Rechtsempfinden der Muffler gesehen, zurückfordern konnte. Er verlangte nun aber für diese „Schulden“ Sicherheiten, die er bei entsprechendem Verlauf – also weiterer Nichtzahlungen – „eintreiben“ konnte. Der eigentliche Zusammenhang und die ersten Folgen dieses Systems hier nun wörtlich aus dem erwähnten Buch: „Keiner, weder die Gewinner noch die Verlierer bemerkten, dass die gesamte Gemeinde als solche nie aus den Schulden herauskommen konnte, bis alle Zinsen, zuzüglich der geliehenen Münzen zurückbezahlt waren (als sehr klares Beispiel für die Richtigkeit dieser Aussage siehe das Schuldenproblem aller Staaten, insonderheit der Entwicklungsländer). Sie waren wirklich nicht fähig (so wenig wie unsere PolitikerInnen), das Rockie-System bis zum bitteren Ende zu durchdenken. Sie waren einfach glücklich darüber keine Schweine (wie zur Zeit des Tauschhandels) mehr herumschleppen zu müssen. Morgen ist ein neuer Tag und es wird schon alles werden. Rockie wusste es besser. Er hatte das System ausgearbeitet. Er wusste, dass er die extra 5 Münzen nie ausgeliehen hatte. Sie waren nicht im Umlauf. Das extra Geld war nicht in der Wirtschaft. Viele hatten einfach zurückzustehen! Und so konzentrierte er sich auf die Verpfändung des Eigentums dieser armen Teufel. Nur aus Sicherheit, wohlgemerkt. Natürlich gab Rockie einige Münzen (auch) für sich aus, doch nur von dem Häufchen, das durch die 5 Extramünzen an Zinsgebühren erwirtschaftet wurde. Existieren taten diese in Wirklichkeit nicht. Aber trotzdem waren sie für seinen Gebrauch da. Reine Zauberei, nicht wahr?“

Aber das war ja nur der Anfang. Zusammengefasst, was ma´u übrigens weitgehend auch in den realen historischen Abläufen fast deckungsgleich beobachten kann, kann ma´u das jetzt Folgende wie folgt beschreiben; Rockie baute zunächst Teile seines Ladens in einen Tresor um. Gleichzeitig organisierte er eine Bande – wovon natürlich niemand etwas wusste -, die einzelnen Mufflern ihr Geld stahlen. Aus Angst um weitere Verluste brachten ihm immer mehr Leute ihr Geld, um es in seinem Tresor zu lagern, natürlich gegen eine angemessene Gebühr. Für das eingelagerte Geld stellte er den Leuten eine Quittung aus, die dann innerhalb kurzer Zeit an Goldes statt als Geld akzeptiert wurde. Dies funktionierte so gut, m.a.W. die Leute gewöhnten sich so schnell an dieses „Papiergeld“, dass das Gold praktisch in Rockies Tresor liegen blieb. Ma´u konnte es sich zwar jederzeit geben lassen, aber dieser Fall trat immer seltener ein. So ging jetzt Rockie dazu über auf den Wert von 100 Münzen insgesamt 9 Quittungen auszugeben, jede natürlich für die übrige Verzinsung von 5%. M.a.W., Rockie verlieh Geld das ihm gar nicht gehörte, ja genauer muss ma´u sagen, das auch gar keine „Deckung“ hatte. Zwischenbemerkung; bei der Gründung der englischen Nationalbank 1694 verliehen die Gründer das 16-fache der Einlagen im Wert von 750 000 Pfund an den englischen Staat – also rund 1,2 Mio. Pfund in Papiergeld -, und zwar für ca. 8 1/3 %, ein Bombengeschäft, oder?

Im nächsten Schritt verlieh nun Rockie auch Geld als Kredit und zwar für 3% Zins. Die Muffler waren ganz gerührt über so viel Großherzigkeit. Sie waren einfach zu unwissend und zu dumm, dass Rockie in Wirklichkeit 42% Gewinn machte, rechnen Sie es nach. Als nächstes machte er Goldanleihen in Form von Quittungen, m.a.W. er verlieh Gold, das trotzdem in seinem Tresor blieb, clever oder? Das eigentliche Kapital, das letztlich alle diese Geschäfte ermöglichte, war das Vertrauen, das die Menschen in Rockie hatten und da sie sowohl unwissend als auch unfähig waren seine wirklichen Winkelzüge zu verstehen, vertrauten sie ihm unbegrenzt „bis auf den heutigen Tag“. Im nächsten Schritt „belebte“ er wieder seine Bande, die den Mufflern nun auch ihre Quittungen stahlen. Also brachten sie auch diese zu Rockie um sie in seinem „sicheren“ Tresor zu lagern, gegen Gebühren natürlich, denn Rockie musste ja alles verwalten und seinen Tresor aufrüsten und bewachen, das kostet ja alles Geld. Um nun möglichst wenig Geld wirklich in den eigenen Taschen zu „bewegen“ – sie könnten ja gestohlen werden -, empfahl er ihnen Zahlungen bei ihm mit Zettel zu machen, also von einem Konto auf das andere schreiben lassen, gegen Gebühren natürlich. So entstanden die Schecks. Da ja nun die Quittungen – auch durch Fälschungen – in Verruf geraten waren, forderte er die Volksvertreter auf sein von ihm ausgegebenes „Geld“ auf fälschungssichere Weise herzustellen – auf seine Kosten natürlich, großzügig wie er war – und damit als staatliches Geld offiziell zu machen. Ma´u stimmte zu und seither haben wir dieses „staatlich garantierte“ Papiergeld.

Sein nächster Coup war das, was ma´u heute Giralgeld nennt. Was ist das? Eine Person braucht Geld. Wo bekommt sie es, bei (Bank) Rockie, allerdings gegen Zinsen. Das funktioniert dann so, dass auf ihrem „Konto“ der Kreditbetrag auf der Haben-Seite verbucht wird, bei Rockie auf der Soll-Seite. Nun beginnt die Verhandlung über die Laufzeit. Da bei größeren Beträgen hier meist mehrere Jahre gerechnet werden, verlangt nun Rockie ab dem folgenden Jahr auch Zinsen für den verzinsten Betrag. Ma´u nennt das dann Zinseszins. Was das konkret bedeutet, hier ein Beispiel aus der Realität; nehmen wir ein Anfangskapital von 1000 WE mit einem Zinssatz von 5%, und getrennt gesammelten Einzeljahreszinsen, dann beträgt unser Kapital, oder unsere Schulden nach 50 J. 3500 WE.  Mit Zinseszins beträgt diese Summe nach 50 J.11.467 WE. Das Problem des Zinseszinses ist aber sein exponentielles Wachstum, m.a.W. das Kapital oder die Schulden wachsen immer schneller. Anzuführen ist allerdings auch, dass die durch die Verzinsung erzwungene Inflation die Kaufkraft in solchen Laufzeiten zunächst schwächt, erst nach längeren Laufzeiten macht sich dann dieser exponentielle Effekt bemerkbar. Ich erinnere an das Beispiel des Josephspfennigs.

Wie wir aus dem ganzen Ablauf der Erzeugung von Geld erkennen können, wächst die Menge des Geldes bei Rockie (in den Banken) permanent, wobei diese Vermehrung im Grunde gar keine Voraussetzung hat, sie entsteht aus dem Nichts. Aber das Mehr an Geld, das sich bei den Bankeigentümern im Laufe der Zeit ansammelt, hat natürlich sehr wohl eine Wirkung, insonderheit noch dadurch, dass sich auch die Staaten in kaum zu begrenzender Menge verschulden. Ich zitiere hier nochmals „Miss Moneypenny“, die sich bei ihren Äußerungen zwar auf Rockie bezieht, was aber längst unsere Realität ist. So schreibt sie dazu folgendes: „Nicht zu langsam und ganz sicher fiel der größte Teil des Reichtums des Landes in die Hände von Rockie. Und durch seinen immer weiter ansteigenden sagenhaften Reichtum gewann er mehr und mehr Herrschaft über das Volk“. Um diesen noch auszuweiten „beschloss er … die Mehrzahl der Zeitungsverlage sowie der bedeutenden Radio- und Fernsehstationen zu erwerben, um sie unter dem <Mangement> von <nach seinen Richtlinien> ausgesuchten Leuten laufen zu lassen. In ihren endlosen Abhandlungen und Kommentaren behandelten sie (hinfort) immer die Symptome, (aber) niemals die Ursache. Rockie hatte das ganze Land in der Tasche. Durch Erziehungs- und Ausbildungswesen, durch die Medien, durch vom Staat vorgeschriebene Euphorie produzierende Drogen <im Interesse der geistigen Gesundheit der Bevölkerung natürlich (siehe als Beispiel das Jod im Wasser)!>, hatte er nahezu vollständige Kontrolle über den Verstand der Menschen. Es war ihm gelungen, die Menschheit an den Punkt zu bringen, wo die Leute unfähig waren, für sich selber zu denken, und nur noch glaubten, was ihnen Rockie eintrichterte. Die <breite Masse> wurde bewusst für dumm verkauft und hohle Phrasen wie <gezieltes Wachstum der Gesellschaft> und ähnliche Knüller wurden veröffentlicht, um sie davon zu überzeugen, dass Kontrolle in dem ganzen System war“ (a.a.O.).

Dass dies alles ganz „normale“ Umstände in unserer modernen Welt sind, die ma´u in öffentlich zugänglichen Schriften nachlesen kann, hier einige Beispiele aus solchen. So schreibt die Enzyklopädia Britannica in ihrer 14. Ausgabe: „Banken erzeugen Kredite. Es ist ein Fehler anzunehmen, dass Bankkredite in irgendeinem Maße durch die Geldeinzahlungen in eine Bank erzeugt wird. Eine Anleihe, die von einer Bank gemacht wird, ist eine klare Hinzufügung zu der Geldsumme in der Gemeinde“. Der USA Ex-Präsident James A. Garfield (1881 zwanzigster Präsident, kam durch die Folgen eines Attentates – der berühmte Einzeltäter – ums Leben): „Wer die Kontrolle über das Geldvolumen in einem Land hat, ist der absolute Herrscher über Industrie und Wirtschaft“. USA Bankers Magazin, Ausgabe vom 25.8.1924 „Kapital muss sich in jeglicher Weise durch Zusammenarbeit und Gesetzgebung schützen. Schulden müssen eingezogen werden, Obligationen und Pfandbriefe müssen so schnell wie möglich verfallen. Wenn mit Hilfe des Gesetzes die gewöhnlichen Leute ihre Häuser verloren haben, werden sie fügsamer werden und leichter durch den Einfluss des starken Armes der Regierung, der durch die Hauptmacht des Reichtums unter Kontrolle der führenden Bankiers steht, beherrscht werden. Diese Wahrheiten ist unseren Hauptfiguren, die damit beschäftigt sind, ein Imperium des Kapitals zu errichten (und was ma´u alles in den „zionistischen Protokollen“ nachlesen kann), um die Welt zu regieren, bestens bekannt. Dadurch, dass wir die Wähler durch das Parteiensystem trennen, können wir sie dazu bringen, ihre Kräfte zu vergeuden, indem sie über unwichtige Fragen streiten. So können wir durch verschwiegene Aktionen für uns sichern, was so gut geplant und so erfolgreich ausgeführt wurde“. Sir Josiah Stamp <Präsident der Bank von England in den zwanziger Jahren, der zweitreichste Mann in GB>: „Das Bankwesen wurde im Haus der Sittenlosigkeit gezeugt und in Sünde geboren. Die Bankiers besitzen die Erde. ..wenn ihr Sklaven der Bankiers bleiben und für die Kosten eurer eigene Sklaverei bezahlen wollt, lasst sie fortfahren, Guthaben zu erzeugen“. Nichts ist also wirklich geheim und wenn es ums Geld geht unter öffentlicher Kontrolle. Zu was diese Denk- und Sichtweise aber in den letzten Jahrzehnten als Finanzkapitalismus, oder auch Kasino-Kapitalismus (Hans Werner Sinn) genannt, geführt hat, wollen wir uns am nächsten Abend näher anschauen.

16. Abend, die Auswüchse und die Gefahren

Betrachten wir uns vorab nochmals die nähere Bestimmung des Kapitalismus selbst, um eine gesicherte Position für die Beurteilung der jüngsten Entwicklungen zu bekommen. Die üblichsten Zuweisungen des Kapitalismus meinen eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln beruht, wobei Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt erfolgen soll. Ein weiteres entscheidendes Merkmal ist die Akkumulation. Sie ist durch den Sieg des Geldes über die allgemeinen Kapitalien inzwischen „Herzstück“, Hauptmerkmal – siehe den Begriff des Finanzkapitalismus – und Leitprinzip des Kapitalismus. Dies zeigt sich insbesondere im Streben nach immer mehr und immer mehr Gewinn – siehe den Begriff des Sharholder Value -. In welcher Weise und mit allen möglichen Methoden – oft auch mit rücksichtslosen bis gesetzeswidrigen -, dies geschieht, kommt immer deutlicher zum Vorschein. Diese Grundbedingungen des Kapitalismus entstammen insonderheit dem rationalen Denken, das in umfassender Weise zu dieser allgemeinen Entwicklung beitrug, vor allem aber alle Fehlentwicklungen sowohl in der Wirtschaft selbst, als auch in den dadurch bestimmten Gesellschaften hervorbrachte. Da wir uns schon in den voraufgegangenen Semestern ziemlich deutlich mit den wichtigsten dieser Umstände beschäftigten, hier nur eine kurze Aufzählung zur Erinnerung. Das beginnt mit dem Umstand, dass in dem Privateigentum an den Produktionsmitteln grundsätzlich die Konkurrenz als wesentlicher Beweggrund aller Handlungen vorgegeben ist. Kein Eigentümer kann sich dem entziehen, wobei dies allerdings noch durch die das rationale Denken bestimmenden Bedingungen des persönlichen Gewinn- und Führungsstrebens verstärkt wird, beziehungsweise erst daher seine wichtigste Dynamik bezieht. Wie wir am letzten Abend gesehen haben, machte sich dieser Zusammenhang in der Art und Weise der Geldschöpfung und des Kreditsystems besonders nachdrücklich bemerkbar.

Auch das Thema des Marktes wurde schon umfassend behandelt, so dass auch hier der Hinweis auf die Gefahren von Monopol- und/oder Oligopol Bildungen ausreicht, um daran zu erinnern, dass dieser Markt in der heutigen Form keineswegs den „Wunsch“-Vorstellungen von Adam Smith entspricht. In unserem Zusammenhang ist es aber besonders wichtig anzumerken, dass der sog. Kapitalmarkt wegen der fehlenden Nutzengrenze bei Geld eh noch nie in seiner behaupteten Form funktioniert hat. Ma´u kann dies wunderbar an den derzeitigen Entwicklungen auf den heutigen Finanzmärkten beobachten, wenn ma´u es den sehen will oder darf. Dieses „darf“ ist deutlich hervorzuheben, da unsere gesteuerte Presse alles daran setzt, diesen Umstand mit allen Mitteln zu verschweigen, bzw. erst gar nicht ins Bewusstsein kommen zu lassen, werden doch selbst von den Staaten erwogene Beschränkungsgesetze der Mindestreserve bei Banken mit dem Hinweis auf die sog. „selbstregelnden Wirkungen des freien Marktes“ – die aber nie in der behaupteten Weise funktionieren – durchaus mit Erfolg bekämpft, wie wir später noch sehen werden.

Der alles entscheidende Punkt bei der derzeitigen Entwicklung des Kapitalismus ist daher die immer umfassendere Dominanz des Finanzkapitals. M.a.W., nicht die Produktion und Allokation von Waren und Dienstleistungen stehen im Mittelpunkt der derzeitigen Entwicklung des Kapitalismus, sondern die immer umfassendere Vermehrung des Geldes und dessen Konzentration in immer weniger Händen. Ma´u kann diesen Vorgang darüber hinaus in den verschiedenen Abläufen der Wirtschaft und des Kapitalmarktes deutlich erkennen. Da haben wir auf der einen Seite den Umstand, dass die Finanzmärkte einen fortwährend wachsenden Einfluss auf die Realökonomie ausüben. Wir werden uns gleich näher anschauen, was das meint und welche Folgen das hat. Auf der anderen Seite löst dieser Finanzmarkt-Kapitalismus immer mehr den traditionellen Manager-Kapitalismus in dem Sinne ab, als er durch eine spezifische Konfiguration von neuen ökonomischen Institutionen geprägt wird. Zu diesen Institutionen zählen: die Aktienmärkte, die Investment-Fonds, Analysten und Ratingagenturen, sowie neuartige Transfermechanismen, z.B. die sog. feindlichen Übernahmen. Beginnen wir zunächst bei den Veränderungen in der Realökonomie, also sowohl den durch die angesprochene Entwicklung erzwungene Veränderungen in den Firmen, als auch dem Verhalten der Staaten. 

Diese Steuerungsabsichten, die von diesem Finanzmarkt-Kapitalismus ausgehen, können wir besonders in den Handlungen, bzw. deren Antrieben in den Aktienmärkten festmachen. Ein Aktienmarkt orientiert sich prinzipiell nur am Profit, den die in ihm betriebenen Aktivitäten generieren sollen. Ma´u kann daher einen Aktienmarkt auch unter dem Gesichtspunkt einer „besonderen Gelegenheitsstruktur für Opportunismus“ verstehen, wie es schon mal ausgedrückt wurde. M.a.W., da sich hier alle Aktivitäten am Gewinn orientieren, den sie hervorbringen sollen hat das natürlich Auswirkungen auf das Denken der Handelnden. Da ma´u aber die Folgen dieses Handelns in der Realwirtschaft – bisher zumindest – nicht direkt sehen konnte, konnte ma´u diese daher auch wunderbar verdrängen. In diesen Umständen ist aber noch ein weiterer Effekt zu erkennen. Der Aktienhandel stellt scheinbar eine Transformation von Unsicherheit in eine neue Form von Risiko dar und da im rationalen Denken ja das Risiko besonders gesucht wird, stellt auch dieser Umstand einen wichtigen Grund für das immer umfassendere Handeln an den Börsen dar. Es ist aber wichtig festzuhalten, dass dies nur der reine Schein ist. Es bleibt nämlich die Unsicherheit in Aktien zu investieren, weil niemand die Zukunft kennt, aber das ist eine neue Form des Risikos, das praktisch wenig bis gar nicht zu beherrschen ist. Wirtschaftliches Handeln ist als auf die Zukunft gerichtetes eben immer mit dieser Unsicherheit der unbekannten Zukunft behaftet. Um nun aber zumindest auf der Seite der Aktienanleger  – hierbei sind sowohl „große“ wie „kleine“ Anleger gemeint – diese Unsicherheit zu minimieren, erfand ma´u das Konzept der Investment-Fonds. Bekanntlich kann ma´u ja die Risiken der Geldanlagen auf den Aktienmärkten durch „Streuung“ seiner Investitionen auf möglichst viele Aktien verkleinern. Clevere Leute kamen daher auf die Idee eine neue Form von Firma zu gründen, die Geld bei Anlegern „einsammelt“, um damit möglichst viele Aktien kaufen zu können. Sie boten also letztlich nichts anderes als eine Verringerung von Risiko an, wobei sie sich natürlich dabei auch gut bezahlen ließen. Diese Idee war aber insbesondere in den USA so erfolgreich, dass sie in erheblichem Umfange die „neuen Eigentümer“ der Realwirtschaft wurden. M.a.W., die Investment-Fonds besitzen heute in den USA bereits die Mehrheit an den großen Aktiengesellschaften. Dieser Umstand hat aber umfassende Folgen.

Da sie grundsätzlich der operativen und opportunistischen Logik der Finanzmärkte unterworfen sind, versuchen sie nun mit wachsendem Erfolg die Unternehmen – und neuerdings auch immer mehr die Staaten – zu kurzfristigen Strategien der Profitmaximierung und Renditensteigerung zu zwingen. Die berüchtigten „Märkte“ lassen grüßen, wobei hinter diesem Begriff letztlich vor allem diese Fonds und ihre „Bodyguards“, Finanzanalysten und Ratingagenturen zu verstehen sind, die erneut die Unsicherheit wirtschaftlichen Handelns in Risiko umwandeln sollen. Und es gibt inzwischen auf der Seite der Realwirtschaft die unterschiedlichsten Auswirkungen dieser Einwirkungen auf diese. Der in der Öffentlichkeit bekannteste ist der Transfermechanismen der feindlichen Übernahmen.  Was aber bedeuten diese Aktivitäten der „Märkte“ genau in den Betrieben, welche Folgen haben sie? 

Vorab sei bemerkt, dass diese Umstände auch umfassende Wirkungen im Bankensektor haben, da diese aber mehr in den Bereich des Finanzmarkt-Kapitalismus selbst gehören, wollen wir uns diese dort anschauen. Was also geschieht in den Firmen ganz konkret? Zunächst ist festzuhalten, dass es sich hierbei um ein Denken handelt, das sich ganz allgemein durchsetzt – also im Denken aller Menschen, die mit der Führung wirtschaftlicher Prozesse beschäftigt sind -. Wir finden es inzwischen nicht mehr nur bei den Aktiengesellschaften, in denen ja vermehrt die Vertreter der Fonds sitzen und darin ihren Einfluss geltend machen, sondern auch in den mittleren und kleineren Firmen. Es ist mehr als interessant, dass sich die anzusprechende Entwicklung hier am deutlichsten bemerkbar macht. Um was geht es aber konkret? Wenn ma´u diesen Prozess verstehen will, muss ma´u sich deutlich machen, wie die Finanzströme in den Firmen verlaufen, vor allem aber, welche davon ma´u beeinflussen kann und welche eher weniger. Eine Firma produziert. Sie braucht dazu Kapital, zunächst als Ausstattung und Input, aber auch als Arbeit. Das Geld dazu bekommt sie im ersten Schritt – normalerweise – als Kredit und im zweiten Schritt durch den Absatz ihrer Produkte auf dem Markt. Gehen wir der Einfachheit halber zunächst mal davon aus, dass der zweite Schritt ohne Probleme verläuft, dann gibt es eigentlich nur eine Größe in diesem Kapital, das ma´u betriebsintern beeinflussen kann, und zwar die Arbeit. Jederma´u, der/die die Geschichte des Kapitalismus kennt, weiß, dass es von Beginn an genau die Kämpfe um diesen Umstand waren, die insonderheit die Menschen als ArbeitnehmerInnen betrafen und zu der Gründung von Gewerkschaften, aber auch von Seiten der Staaten zu Gesetzen führte, die sowohl die Arbeitsbedingungen, aber auch die soziale Absicherung sicherten. Es ist nun mehr als bezeichnend, dass die Arbeitgeberseite insbesondere von der USA ausgehend, mit allen Mitteln und wachsendem Erfolg – siehe das Thema Lobbyismus – versuchen, genau in diese gesetzlichen Umstände in abschwächendem Sinne – bezogen auf den Schutz der ArbeitnehmerInnen – einzuwirken. Die Agenda 2010, aber auch die Umstände in Griechenland, Spanien und Portugal zeigen diesen Prozess überdeutlich. Dass die Staaten selbst durch Steuererleichterungen des Kapitals, aber auch Verkauf staatlicher Werte – von Firmen bis Infrastrukturen – immer umfassender geschwächt werden, sei hier nicht übersehen. Was aber geschieht davon betriebsintern und was öffentlich-gesellschaftlich?

Da es unmöglich ist, hier umfassend diese unterschiedlichen Entwicklungen darzustellen – das können Sie bei Interesse in der vorgestellten Literatur nachlesen -, hier nur einige wenige Hinweise. Kapitaleinkommen in einer Firma unterscheidet ma´u üblicherweise in Vertragseinkommen, wie z.B. die Löhne und Gehälter, und in Residualeinkommen. Das sind solche, die unter Risiko- und Rückhaltebedingungen – z.B. für Neuinvestitionen – stehen, wie vor allem die Gewinne. Das bedeutet, dass die Vertragseinkommen ziemlich stabil sind, die Residualeinkommen eher nicht. Da aber das Gewinndenken an gesicherten und dann auch noch möglichst hohen Einkommen interessiert ist, versucht ma´u natürlich hier den Hebel anzusetzen. M.a.W., die Gewinne sollen möglichst gleichbleibend hoch ausfallen. Um dies aber zu erreichen sollen die Marktunsicherheiten immer mehr auf Kosten der Arbeitnehmerseite ausgeglichen werden. Pressemeldungen wie „Henkel – 3000 Entlassungen trotz Rekordgewinn“ (aus „Das kapitalmarktorientierte Unternehmen“ S.11) werden daher immer häufiger. Wichtiger aber sind die systematischen Veränderungen im Arbeitsrecht, wie die Möglichkeit Leiharbeit und Lohndumping – dem zuletzt auch bei uns etwas durch den Mindestlohn entgegengesteuert wird – umfassend einzusetzen, das zu immer mehr sog. prekären Arbeitsverhältnissen führt. Ist dann dieser Lohn nicht ausreichend, muss der Staat durch „Aufstockung“ aushelfen, wobei erneut die Allgemeinheit zugunsten der Kapitalseite belastet wird. 

Die Ökonomie ist nun der Überzeugung, dass die durch Finanzmärkte ausgeübte Kontrolle abstrakt, anonym und sachlich sei, das heißt, sie erscheint nicht als Herrschaft einer bestimmten Klasse oder Gruppe und auch nicht als persönliche, sondern durch anonyme und globale Marktkräfte vermittelte Abhängigkeit (Wik.). Wie üblich sind solche Darstellungen reine Schönfärberei, die die Realitäten nur unvollkommen abbilden. Es ist zwar zutreffend, dass die beschriebenen Einwirkungen nur schleichend begannen, aber vor allem bei uns durch die Agenda 2010 diesen Absichten viele Wege öffneten, um Kosten entweder zu senken, oder gar ganz zu beseitigen. Die „Erfolge“ dieser Maßnahmen sind gesenkte Lohnnebenkosten, liberalisierte Zeitarbeit, Minijobs und zusätzlich zu einer permanent sinkenden Solidarrente – Senkung schrittweise bis 2030 auf fast 40% der vorherigen Nettoeinkommen – Einführung der Privatrente, die Riesterrente, die die Versicherten den Gewinnabsichten der Versicherungsunternehmen und den Unsicherheiten des Kapitalmarktes auslieferten. Das sind zehn Euro Praxisgebühr und das Herzstück der Reform: Hartz IV, die Verschmelzung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe auf dem niedrigen Niveau der Sozialhilfe. Das sind die Lockerung des Kündigungsschutzes und Senkung der betrieblichen Lohnnebenkosten durch Erhöhung der Sozialabgaben der Mitarbeiter. Das sind neue Regeln zur Zumutbarkeit für Arbeitsangebote umfassend zu Lasten der ArbeitnehmerInnen und Streichung vieler bisher gewährter Leistungen aus dem Katalog der Gesetzlichen Krankenversicherung, sowie Einführung eines Selbstkostenanteils von 2 % des Bruttojahreseinkommens, bei chronisch Kranken 1 %, sowie Einfrieren der Beiträge der Arbeitgeberseite und zukünftige Erhöhungen alleine auf Kosten der ArbeitnehmerInnen. Dass dann auch noch in Zukunft Zahnersatz und Krankengeld nicht mehr paritätisch, sondern alleine durch Beiträge der Versicherten abgesichert werden sollen, passt zu dem Ganzen. Es zeigten zwar neuere Forschungen, dass die Einwirkungen der Kapitalseite insonderheit der großen Aktiengesellschaften in dem hier dargestellten Sinne noch relativ gering sind – bei uns in Deutschland sind die Einflussmöglichkeiten der Gewerkschaften eben immer noch umfassender als in anderen Ländern -, diese nehmen aber permanent zu, wie z.B. die wachsende Zahl an Leih- und Zeitarbeit, vor allem aber die relativ geringe Einstellung zu festen Arbeitsbedingungen der jüngeren Generation deutlich zeigen. Norbert Blüm hat dazu in seinem Buch „Ehrliche Arbeit“ eine Menge Daten gesammelt und vorgestellt, die diesen Umstand umfassend belegen. Regelrecht krass deutlich werden diese Entwicklungen aber in bestimmten Bereichen der Bauwirtschaft, bei Dienstleistungsunternehmen – siehe die Schlachtereien und Reinigungsunternehmen – und nicht wenigen mittleren bis kleineren Betrieben. Diese sind zwar meist nicht direkt von den Hedge- und Investmentfonds betroffen – auch hier gibt es Ausnahmen, wie die Fa. Grohe und WMF zeigen -, aber ganz offensichtlich hat sich auch hier das Kapitalgewinn orientierte Denken so weitgehend durchgesetzt, dass es manchen solchen Firmen nicht darauf ankommt, um diese Ziele zu erreichen, die Gesetze sehr zu „dehnen“ bis umfassend zu umgehen. Dass sie dann auch noch den Staat durch Briefkastenfirmen und Gewinnverschiebungen ins Ausland betrügen, um die anfallenden Steuern zu senken oder gar ganz zu vermeiden, ergänzt diese ganzen Zustände nur und macht das absolut egoische Denken dieser Menschen besonders deutlich. Aber alle diese an sich schon schlimmen Umstände werden noch durch den eigentlichen Finanzkapitalismus, den Kasinokapitalismus, oder die sog. „Finanzialisierung“, wie es andere TheoretikerInnen nennen getoppt.

Alle diese Begriffe meinen eine Variante des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das durch krisenanfällige, weltweit vernetzte Finanzmärkte geprägt wird. Hier besteht die Absicht, auf „künstliche“ Weise finanziellen Reichtum schaffen, d. h. ohne mit realwirtschaftlichen Produktionsprozessen verbunden zu sein.Angeknüpft wird damit an die aus der klassischen Nationalökonomie, z.B. schon bei Adam Smith, bekannten Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit. Künstlich meint dabei jetzt ganz konkret, dass die Finanzierung von Wertschöpfung nicht mehr durch Arbeit, sondern durch hoch spekulativen Finanzmarkttransaktionen erfolgt. M.a.W., mehr Geld wird nicht mehr nur aus dem Gewinn verkaufter Produkte auf den Warenmärkten, oder durch die schon dargestellte dubiose Herstellung gewonnen, sondern zusätzlich durch reine Spekulationen, die weit über die bisherigen Möglichkeiten auf den Aktienmärkten hinausgehen. 

Zunächst ist festzuhalten, dass auch solche Aktivitäten nicht neu sind. Der Derivatehandel, der ja auch in diesen Zusammenhang gehört, existierte nach allem was ma´u heute weiß, schon in Babylon als eine erste Form dessen, was ma´u heute Futures nennt. Damit ist gemeint, dass ma´u Getreide vom Bauern zu einem Fixpreis bereits lange vor der Ernte kaufte. Der Käufer und der Bauer verlegten sozusagen die Zukunft in die Gegenwart, wobei das Risiko – z.B. die Unsicherheiten des Wetters – zwischen beiden geteilt wurde, indem ma´u einen „Mittelwert“ – also aus der Kenntnis der vergangenen Jahren gewonnen – festlegte. Ma´u hatte nun aber auch die „Option“ diesen ganzen Kauf oder zumindest Teile davon teurer weiter zu verkaufen, um das Risiko zu minimieren, oder gar beim Verkauf des gesamten Bestandes sofort sicheren Gewinn zu generieren. Alle diese Bedingungen wurden im Laufe der Zeit auf alle möglichen „Güter“ angewandt, z.B. auf Grundstücke in günstiger Stadtlage, oder bis heute auch auf Währungen. Die wichtigsten „Player“ waren hier natürlich seit ihrer Existenz die Banken. Wenn ma´u diese aber unkontrolliert alles tun lässt, was sie wollen, z.B. ohne Begrenzung Kredite zu vergeben, kann dies schnell für die gesamte Wirtschaft zu großen Problemen führen, weil keine Kontrolle mehr über die Geldmenge und die Währungen existieren. Wir haben hier die Voraussetzung für alle bisher bekannten Finanzblasen, siehe 1929, aber auch wieder derzeit. Nun hatten aber die Staaten und allen voran die USA nach den Vorschlägen von Keynes nach dem Desaster von 1929 gesetzlich klare Beschränkungen, insonderheit deutlich erhöhte Mindestreserven vorgeschrieben, um bei Ausfällen von zu hoch eingegangenen Risiken selbst haften zu können. Darüber hinaus war es auch „Normal“-Banken verboten zu spekulieren, das durften nur die Investmentbanken. Dadurch wurden aber die Gewinnmöglichkeiten der „Märkte“ entschieden eingeschränkt, was diesen gar nicht passte. Als dann nach dem Abflauen des Booms nach dem zweiten Weltkrieg wieder die im Kapitalismus üblichen wirtschaftlichen Schwankungen einsetzten, gelang es ihnen Schritt für Schritt durch willfährige PolitikerInnen – z.B. Reagan und Thatcher, aber auch viele andere – alle diese Beschränkungen wieder zu beseitigen. Dazu kam noch, dass clevere Menschen alle möglichen neue Produkte zu Spekulationszwecken erfanden, die zuvor völlig unbekannt waren und die oft außer von den ErfinderInnen sonst von niemandem wirklich verstanden wurden. Da Sie all dies in der angefügten Literatur nachlesen können, hier nur eine kurze Aufzählung, die keineswegs vollzählig ist, weil manche dieser Produkte immer neu entstehen, andere nur zu bestimmten Zwecken eingesetzt werden und dann wieder verschwinden.

Eine der ersten dieser neuen Produkte waren die sog. Junk Bonds die dann zu dem Problem der „feindlichen Übernahmen“ und damit den „Corporate Raider“, den sog. Unternehmensräubern führten (siehe z.B. U. Herrmann in „Der Sieg des Kapitals). Dann entstanden die Terminkontrakte, ein Spezialform der Derivate. 2012 betrug z.B. der Wert dieses „neuen“ ungeregelten Derivatehandels weltweit 632,2 Bio $, deren eigentlicher „Marktwert“ bei 24,7 Bio $ lag und die weltweite Wirtschaftsleistung lag im gleichen Jahr bei m72 Bio $. Das Problem des Kasino-Kapitalismus wird langsam deutlich. Das eigentliche Problem liegt aber darin, dass die Investmentbanken die einzige Wirtschaftsbranche ist, die – in Normalzeiten, in Katastrophenzeiten zahlen die Verluste die Bürger – ihre Märkte so manipulieren kann, dass Gewinne garantiert sind. Dazu kommt noch, dass die Finanzströme der Spekulationen prinzipiell bei den Banken verlaufen, die dadurch gigantische Gewinne erzielen. Wenn ma´u dazu bedenkt, dass die Akteure der „Zionistischen Protokolle“ genau diesen Umstand der Spekulationen aus genau diesem Grund beförderten, wird es besonders pikant. Dann entstanden aus den Immobilienblasen verschiedener Länder, vor allem der USA die Verbriefungen, aus denen dann die CDO´s („Collateralized Debt Obligations) wurden, die von den Ratingagenturen mit AAA bewertet wurden, wodurch sie weltweit zum Renner wurden. Dann kamen die CDS´s (Credit Default Swaps), Kreditausfallversicherungen auf die Junk Bonds usw. Ein besonderer Fall war dann die Kreditvergabe der Banken durch das neu erlaubte Absenken der Eigenkapitalbestände, wie es H.W. Sinn in seinem Buch „Kasino-Kapitalismus“ umfassend beschreibt.

Zusammengefasst bringt das ganze Problem dieser immer umfassenderen „Finanzialisierung“ Frau Herrmann mit folgenden Sätzen auf den Punkt: „Die Investmentbanken (also das was ma´u uns üblicherweise als die Märkte verkauft) betreiben ein eigenartiges Geschäft: Sie verwandeln Geld in Geld, das nur die Form wechselt. Bankguthaben werden in Devisen werden in Aktien werden in Anleihen werden in Rohstoffderivate (werden in Wetten) getauscht. Eigentlich kann bei diesem Ringelpiez weder Wert noch Gewinn entstehen, weil es sich um Null-Summen-Spiele handelt. Wenn dennoch exorbitante Vermögenszuwächse und Profite anfallen, dann muss dieses Geld entweder als Sondersteuer bei der Realwirtschaft abgeschöpft – oder aber künstlich erzeugt werden. Nur ein permanenter Strom von neuen Krediten kann die Illusion erzeugen, dass es zu ebenso permanenten Wertsteigerungen kommt. Dieser Reichtum existier jedoch nur auf dem Papier oder – genauer – als Bytes in irgendeinem Computer. Denn der reale Reichtum einer Gesellschaft besteht in den Waren und Dienstleistungen, die sie jährlich erzeugt.“ (a.a.O. S. 197) Leider sieht Frau Herrmann die Folgen dieses „Ringelpiezes“ nicht realistisch genug. Erstens ist Geld immer noch Geld und kann zu allen möglichen weiteren Geschäftsbewegungen genutzt werden. Zweitens ist aber das eigentlich Gefährliche dieser Entwicklung der Umstand, dass hier einerseits alle wichtigen Währungen permanent aufgepumpt werden, was durch umfassendes Gelddrucken der wichtigsten Notenbanken der FED und der EZB nämlich realisiert wird. Andererseits aber kaufen nicht wenige dieser Player immer mehr Anteile an realen Unternehmen – siehe Black Rock -, währen andere riesige Flächen in Entwicklungsländern kaufen, um darauf Landwirtschaftsprodukte entweder für die Energiegewinnung, die eigene Bevölkerung – z.B. China oder Saudi Arabien – oder schlicht für weitere Spekulationen und Gewinne der Anleger zu generieren. Und diese Entwicklungen sind generell umfassend gefährlich, ob für die Stabilität von Währungen generell, oder der Bevölkerung in den betroffenen Ländern, die mangels Alternativen um dem Verhungern zu entgehen zu Flüchtlingen werden, alles Folgen die die Spekulanten und wirklich Reichen dieser Erde nicht im mindesten interessieren. Ma´u muss davon ausgehen, dass diese derzeit immer weiter aufgepumpte Blase in nicht allzuferner Zukunft explodieren wird. Ob dann aber die einzelnen Staaten diese dann entstehenden Defizite erneut wie 2008-9 auffangen können ist mehr als zweifelhaft. Wir werden es erleben.

Literaturhinweis: Über die im Text angesprochene Literatur hinaus finden Sie im Anhang meines gleichnamigen Buches ein umfassendes Angebot.

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